Ulli Kortenkamp und ich haben nach dem Erfolg unseres Twitter-Gesprächs beschlossen, eine regelmäßige Rubrik in diesem Weblog einzuführen: Kortenkamp und Spannagel im Gespräch. Wir werden über ein bestimmtes Thema diskutieren und schließlich zur allgemeinen Diskussion in den Kommentaren einladen. Wie findet ihr die Idee? Hier ist auch gleich die neue Ausgabe von “Kortenkamp und Spannagel im Gespräch”: Der Sinn und Unsinn von Vorlesungen. Wir freuen uns auf eure Kommentare!
Christian:
Hi Ulli, in letzter Zeit beschäftige ich mich intensiv mit dem Konzept der “Vorlesung”. Kurz und knapp: Ich finde das Konzept total bescheuert. Selbst wenn sie gut gemacht sind. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass Studenten nicht folgen können, wegnicken, irgendetwas anderes machen. Und zu Hause kommen dann die Fragen – insbesondere in Vorbereitung auf Prüfungen.
Weshalb holt man 200 Leute in einem Raum zusammen, um ihnen was zu erzählen? Und zwar etwas, das sie auch selbst in einem Skript lesen können? Lesen kann jeder in seinem eigenen Tempo. Man kann einen Abschnitt nochmal lesen. Und nochmal. Und vielleicht nochmal. Den Dozenten kann man nicht beliebig zurückspulen – zumindest nicht so, dass es den Lerngeschwindigkeiten von 200 verschiedenen Studenten gerecht wird.
Weshalb diese unidirektionale 1:200 Beschallung? Sollte man nicht lieber die Situation nutzen, um 200 Gehirne gemeinsam Probleme lösen und Fragen beantworten zu lassen? Also: Vorher lesen die Studenten den Text, den man normalerweise an die Tafel gepinselt hätte, zu Hause. In der “Vorlesung” wird dann gemeinsam über den Text gesprochen, es werden Fragen aufgeworfen und geklärt, und es wird gemeinsam an Aufgaben gearbeitet. Ich setze ein solches Konzept seit ein paar Wochen um, und ich finde es klappt ganz gut (außer in einem Fall) und macht zudem auch noch Spaß (!).
Also, provokante These: Traditionelle Vorlesungen sind vorsintflutliche Didaktik. Wir können heute anders. Was meinst du dazu?
Ulli:
Na danke – damit bin ich jetzt in der Situation, diese “vorsintflutliche Didaktik” verteidigen zu müssen.
Also vorab: Ich bin kein Fan von solchen traditionellen Vorlesungen, so wie du sie beschreibst. Ich bin aber auch kein Hardcore-Vorlesungsgegner. Und jetzt versuche ich mal herauszufinden, woran das liegt.
Kommen wir erst einmal zum “Vorlesen”. Klar, man darf davon ausgehen, dass Studierende selbst lesen können – aber sie können das, was ich ihnen “vorlese”, nur dann selbst lesen, wenn ich “ablese”. Und das habe ich noch nie gemacht, und auch noch von keinem Kollegen in der Mathematik gehört. Es gibt Vorlesungen, zu denen noch nicht einmal ein Manuskript existiert, das gab es auch schon früher, und wir können froh sein, dass manche so fleißig waren, diese dann mitzuschreiben, so dass später Bücher erscheinen konnten (mein Lieblingsbeispiel: Felix Klein, ein aktuelles Beispiel: die Vorlesung Geometriekalküle von Jürgen Richter-Gebert an der TU München).
Also, Vorlesungen können durchaus etwas Kreatives (im Sinne des Wortes) sein, bei dem jemand seine Gedanken in Worte fasst, ohne sie vorher niederzuschreiben.
Nicht in jedem schlummert aber das Genie des Felix Klein, es gibt also Vorlesungen, zu denen Schriftfassungen existieren, entweder von anderen, wenn der oder die Vorlesende sich auf Bücher verlässt, oder eigene. Im ersten Fall ist die wichtige Zutat die Auswahl, Ergänzung, Filterung der vorhandenen Literatur (die man nicht durch eine Empfehlung “Lesen Sie das dritte Kapitel, zweiter Abschnitt von diesem und jedes siebte Wort von jenem Buch” ersetzen kann), im zweiten Fall kann man darauf hoffen, dass der gesprochene Vortrag zusätzliche Anekdoten, Informationen, Tipps enthält, die nicht im Buch stehen.
Aber nehmen wir jetzt mal den schlimmsten Fall des echten Vorlesens an. Ich habe schon Vorträge gehört, die abgelesen wurden – die waren nicht immer schlecht, und ich habe sie lieber gehört als gelesen. Ich lese meinen Kindern vor, auch denen, die schon lesen können, sie mögen das. Hörbücher sind der Renner, auch bei Personen, die gut lesen können. Kann es sein, dass die Aufnahme über die Ohren für manche besser ist, selbst wenn das Tempo fremdbestimmt ist? Ich denke ja. Ich selbst habe Vorlesungen im Studium genossen, weil ich darin sitzen konnte, selbst Notizen machen, über das Gehörte nachdenken, über was anderes nachdenken, und der “Audiostream” lief weiter. Ich höre auch gerne Radio, und ich kriege dadurch sehr viel mit, was ich über den Lesekanal nicht aufnehmen kann oder will.
Vorlesungen sind eine andere Form der Wissensvermittlung, und ich möchte sie nicht missen.
Was kann man besser machen? Hier eine Antwort auf tuaw.com:
Brian Brooks, associate dean of the University of Missouri’s Journalism School, knows how his students learn. “Lectures are the worst possible learning format,” he told Columbia Missourian. “There’s been some research done that shows if a student can hear that lecture a second time, they retain three times as much of that lecture.”
Aha! Also, mitschneiden, am besten samt Video von der Tafel/Beamer, und als Podcast ins Netz stellen!
Überzeugt? Ulli
Christian:
Überzeugt? – Kein bisschen.
Zunächst zum “Ablesen”: Ich selbst habe natürlich auch nie abgelesen. Aber ich habe den Stoff deduktiv an der Tafel entwickelt – und dabei auch für zahlreiche einfache Sachverhalte Zeit “verschwendet”. Muss ich den Studenten wirklich erklären, was Teilbarkeit bedeutet? Muss ich ihnen erläutern, was Primzahlen sind, und wie das Sieb des Eratosthenes funktioniert? Summa summarum macht das 30 Minuten Erläuterungen, die wir für wertvolle Diskussionen hätten nutzen können. Studierende können sich diesen Stoff durchaus selbst erarbeiten, was ein Wert an sich ist. Ich möchte ja, dass sie lernen, sich eigenständig in mathematische Sachverhalte einzuarbeiten. Die wertvolle “Gruppenzeit” können wir dann dazu nutzen, Fragen zu klären oder interessante Fragestellungen in dem Bereich zu diskutieren.
Vorlesungen, in denen nicht “gelesen” (im Sinne von “vorgetragen” wird), können dabei natürlich ebenso kreativ sein. Ich möchte sogar behaupten, dass mehr Freiraum für Kreativität besteht, und zwar nicht nur auf Seiten des Dozenten, sondern auch auf Seiten der Studierenden. Kreativität kannst du also nicht als Argument für klassische Vorlesungen ins Feld führen – wer Kreativität fördern will, sollte Vorträge durch intensive Diskussionen zu interessanten Problemstellungen ersetzen.
Zusätzliche Anekdoten, Informationen, Tipps – genau dafür ist in Vorlesungen, in denen Studierende sich den Stoff in Vorbereitung selbst erarbeitet haben, viel mehr Raum. In dieser Art der Vorlesung bleibt der Dozent ja schließlich nicht stumm. Stattdessen hat er viel mehr Zeit, solche persönlichen Färbungen einzubringen. Und wenn als Literatur ein Werk eines anderen Autors verwendet wird, haben die Studenten gleich die Sichtweise von zwei Experten erfahren.
Und schließlich zu deinem letzten Argument, dass auch abgelesene Vorträge sehr interessant sein können. Das ist natürlich richtig, obgleich ich dies ebenso nicht als Argument gelten lassen möchte – zumindest nicht für die Mathematik. Erstens gibt es meiner Erfahrung nach nur wenige begnadet-gute Vorleser, und ich würde mich nicht dazu zählen. Zum anderen: Was sind denn unsere Lehrziele in Mathematikveranstaltungen? Möchten wir, dass Studenten Erzähltes wiedergeben können? Oder möchten wir, dass sie lernen, Mathematik zu treiben? Ich sehe Prozesse wie Kommunizieren, Argumentieren und Problemlösen im Mittelpunkt meiner Lehre. Hierfür muss ich Zeit einräumen. Und diese Prozesse lernt man hauptsächlich nicht durch zuhören, sondern durch machen. Ich gebe den Studenten 90 Minuten Zeit zu diskutieren und ihre Meinung zu begründen. Stoffinput ist natürlich notwendig. Auch die Inhalte sind wichtig, nicht nur die Prozesse. Wenn ich aber den Stoffinput auslagere, dann fördere ich auch hier Prozesse, nämlich eher “methodische”: das eigenständige Einarbeiten in einen Fachtext, das Stellen von Fragen, die virtuelle Kommunikation (ich lasse Fragen, die während des Lesens aufkommen, gleich in einem virtuellen Forum diskutieren).
Selbst wenn es Übungen zu Vorlesungen gibt, in denen die Prozesse der Studierenden im Mittelpunkt stehen (wenn sie also richtig gemacht sind, also nicht vorlesungsartig, sondern teilnehmeraktivierend wie in SAiL-M), würde ich jederzeit die Vorlesung so gestalten wie ich es im Moment gerade mache. Der Grund: Ich möchte so viel wie möglich Zeit einräumen für gemeinsame Erfahrungen rund um mathematische Prozesse. Ich will, dass die Studenten lernen, mathematisch zu denken und zu handeln und sich eigenständig mit mathematischen Fragen auseinanderzusetzen – in jeder Minute.
Mitgeschnittene und als Podcast bereitgestellte Vorträge sind natürlich auch sehr gut als Vorbereitung und könnte ein Ersatz für den zu lesenden Text sein – und dann kann man sich wieder während der eigentlichen Vorlesungszeit den Prozessen widmen!
Überzeugt?
Ulli:
Nee, keineswegs
Du schreibst etwas von “wertvoller Gruppenarbeit”. Blasphemisch gesagt: Meine Zeit als Dozent ist auch wertvoll (ich bin ja schließlich der Einzige, der dafür bezahlt wird, an der Veranstaltung teil zu nehmen). Wieso ist die Gruppenarbeit wertvoller? Ich erinnere mich an mein Studium, da gab es Gruppenzeiten, die fanden aber ohne Dozenten statt, wir haben uns (vor und nach den Vorlesungen, und wenn es sein musste auch nachts) gemeinsam die Köpfe zerbrochen, was denn “der da vorne” von uns wollte. Du möchtest das rumdrehen — vorher einzeln lernen, in der “Vorlesungszeit” gemeinsam diskutieren. Warum? Ist das wirklich besser? Wo bleibt die Zeit, in der man etwas erzählt bekommt? Ist die Sendung mit der Maus schlecht, weil ich mir das ja auch selbst zusammensuchen könnte, was ich da erzählt bekomme? Ich sehe auch nicht, dass Diskussionen die Kreativität des Dozenten eher fördern als — ganz krass gesagt — Monologe. Das hängt bestimmt von dem oder derjenigen ab, die erzählen, klar. Aber dass das ganze sowieso eine sehr individuelle Sache ist, darüber sind wir uns eh einig, oder?
Und auch bei deiner Erwiderung zu den “Ablesern” kannst du mich nicht überzeugen. Da ist doch ein Fehlschluss: Natürlich möchte ich *nicht*, dass unsere Studierenden Erzähltes wiedergeben können… äh… doch, das möchte ich natürlich schon, es wäre schon mal eine gute Grundlage. Aber das meintest du ja auch nicht. Also – ich möchte *nicht*, dass unsere Studierenden *nur* Erzähltes wiedergeben können. Aber wo ist denn da die Kausalität? Können sie denn nur das replizieren, was sie selbst erleben? Kann man nicht jemandem erzählen, wie, sagen wir, Projektarbeit funktioniert, sondern muss man sie durchführen? Muss ich jemanden in den Rhein schmeißen, damit er weiß, dass das gefährlich ist? Das Reden und Vorlesen ist eine Kommunikationstechnik, die uns eigentlich davon befreit, alles selbst nachzuerleben. Und das muss weder schlecht noch langweilig noch ineffektiv sein. Nur kurz noch einmal der Hinweis, dass ich nicht sage, dass klassische Vorlesungen super und toll und prima sind. Und ich finde es auch nicht richtig, zu lehren, wie man in der Schule lehren kann, ohne die Erkenntnisse dann auch umzusetzen. Und es ist auch nicht gut, sklavisch jede Woche 1,5 Stunden in der 1:n-Situation zu “belehren”, da sind wir uns einig. Aber ich sehe auch Vorteile, und zwar mehr, als ich vorher dachte… insbesondere dann, wenn man Vorlesungen mit anderen Lehr/Lernformen kombiniert (Tutorien, Exkursionen, Projektarbeit, …), können sie richtig sinnvoll sein. Wir kommen da also nicht weiter. Was meinen denn die Leserinnen und Leser? Wir freuen uns auf Kommentare!!
Überzeugt uns!
Ulli