Wikipedia-Gründer Jimmy Wales bittet Professoren, den korrekten Umgang mit Wikipedia zu lehren, so ein Heise-Artikel. Verbieten nütze nichts – Studenten nutzen Wikipedia ja doch. Jimmy Wales hat recht, wenn er sagt, dass man den Umgang mit Wikipedia nicht verbieten sollte. Dennoch stellt sich die Frage, wie man vernünftig damit umgeht. Soll man in wissenschaftlichen Arbeiten “einige” Wikipedia-Quellenangaben zulassen? Oder ist sogar die ausschließliche Verwendung von Wikipedia als Quelle zulässig?
Eine wichtige Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens ist die Kenntnis der relevanten wissenschaftlichen Literatur (Fachbücher, Zeitschriften, Journalartikel usw.). Mit Hilfe einer Enzyklopädie (wie beispielsweise Wikipedia) kann man sich einen groben Überblick über ein Wissensgebiet verschaffen. Durch die Lektüre wissenschaftlicher Literatur eignet man sich detailliertes Expertenwissen an. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, nur den Brockhaus als Quelle beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten zu verwenden und stattdessen auf die Lektüre wissenschaftlicher Quellen zu verzichten. Es wird auch niemand ernsthaft behaupten wollen, das man sich mit Hilfe eines Wikipedia-Artikels in ein wissenschaftliches Gebiet einarbeiten kann. Dafür hat Wikipedia andere Qualitäten.
Welche Empfehlungen sollte man zur Verwendung von Wikipedia geben? Hier sind meine Vorschläge. Meiner Meinung nach kann man Wikipedia beim Schreiben von Hausarbeiten o.ä. folgendermaßen einsetzen:
- Einen groben Überblick verschaffen: Welche Konzepte sind mit einem Inhaltsbereich verknüpft? Welche Anwendungsfelder gibt es?
- Begriffe klären: Beim Lesen von Texten tauchen natürlicherweise ab und zu Begriffe auf, die man nicht kennt. Wenn ein schnelles, oberflächliches Nachlesen genügt, dann ist Wikipedia recht hilfreich.
- Weitere Quellen ermitteln: In Wikipedia-Artikeln sind häufig Literaturreferenzen oder Internet-Links angegeben, die für die Arbeit von Interesse sein können.
- Über aktuelle Tendenzen informieren: Der große Vorteil von Wikipedia ist die Aktualität. Hier kann man sich ganz taufrische Informationen holen, die noch keinen Einzug in Fachbücher gefunden haben.
Zitieren sollte man Wikipedia aber meiner Meinung nach nur im letzten Punkt. Wenn es keine wissenschaftlichen Arbeiten gibt, die aktuelle Tendenzen beschreiben, dann hat man keine andere Wahl als auf webbasierte Quellen zuzugreifen. Will man aber beispielsweise in der Arbeit einen Begriff definieren oder ein ganzes Inhaltsgebiet beschreiben, so zitiert man besser nicht Wikipedia. Hier sollte man sich auf Fachliteratur bzw. Artikel beziehen.
Beispiel: Es soll eine Arbeit über Primzahlen geschrieben werden. Die relevanten Definitionen und Sätze holt man sich hier selbstverständlich aus Fachbüchern. Will man zusätzlich noch die größte bekannte Primzahl angeben, dann kann man sich durchaus auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel beziehen.
Der Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz unterscheidet im Spiegel-Artikel “Du bist das Netz!” (Nr. 29, 2006) das Meinungswissen (doxa) vom wissenschaftlich fundierten Wissen (episteme). Ich bin überzeugt davon, dass man beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten im Wesentlichen auf das wissenschaftlich fundierte Wissen zugreifen sollte. Man darf aber das Meinungswissen als Hilfe im oben beschriebenen Sinn hinzunehmen.
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Wie wird das bei euch gehandhabt? Was ist eure Meinung? Über Kommentare würde ich mich freuen!
[Update am 31.1.2010: Mittlerweile habe ich meine Position dazu aktualisiert: Wikipedia als Quelle?]