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Warum eigentlich interdisziplinär denken?

Veröffentlicht: Donnerstag, Februar 8, 2007 in Multidisciplinarity, Teaching

Vor einiger Zeit habe ich mich entschieden, diesem Weblog das Attribut “interdisziplinär” zu geben. Gestern ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich noch eine Erklärung schuldig bin, weshalb mir Interdisziplinarität so wichtig ist – vor allem in Bezug auf die Lehramtsausbildung.

Zunächst einmal ist zu sagen, dass nach einem Jahrhundert des Reduktionismus nunmehr der Trend besteht, nicht alle Disziplinen auf eine grundlegende zu reduzieren, sondern vielmehr die unterschiedlichen Sichtweisen der Disziplinen auf die Welt als eigenständige Zugänge zu würdigen. Bedeutsame Erkenntnisse ergeben sich (nicht nur) daraus, dass man die Erkenntnisse der einen Wissenschaft auf diejenigen einer anderen Wissenschaft reduziert, sondern auch daraus, dass die Phänomene auf verschiedenen (Abstraktions-)Ebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. So sind geistige Phänomene zwar letztlich (vermutlich) auf physikalische Vorgänge reduzierbar. Diese aber nur über die Physik zu erklären ist vermutlich ein ähnlich sinnloses Unterfangen wie jemandem anhand der Vorgänge in einem Mikroprozessor zu erklären, wie man ein Textverarbeitungsprogramm verwendet. Gerade die Funktionsweise eines Computers macht deutlich, dass die Betrachtung verschiedener Abstraktionsebenen wichtig ist und – bezüglich einer Fragestellung – die richtige Abstraktionsebene zur Erklärung ausgewählt werden muss. Genauso verhält es sich mit geistigen Phänomenen. Modelle, Konzepte und Methoden der Psychologie, der Neurobiologie, der Chemie und letztlich auch der Physik sind je nach Fragestellung ausschlaggebend. An den jeweiligen Schnittstellen ist dabei die Inbeziehungsetzen der unterschiedlichen Sichtweisen besonders spannend (beispielsweise die Verknüpfung von Erkenntnissen der Psychologie und der Neurobiologie).

Im Rahmen der Lehramtsausbildung und auch der Lehrtätigkeit ist interdisziplinären Denken besonders wichtig, und zwar aus den folgenden Gründen:

  • Als Lehrperson muss man sich mit einem bestimmten Prozess extrem gut auskennen: mit dem Lernen. Hierzu haben aber viele Disziplinen Wichtiges beizutragen: die Pädagogik, die Fachdidaktiken, die Psychologie, die Soziologie und die Neurobiologie.
  • Darüber hinaus müssen Lehrpersonen sich auch in der Fachwissenschaft auskennen: Physik kann man nur dann lehren, wenn man sich auch in der Physik auskennt. Da Lehrer in der Regel mehrere Fächer unterrichten, ergibt sich hierduch schon eine fachwissenschaftliche Basis in verschiedenen Disziplinen.
  • Schülerinnen und Schüler sollten auch in der Schule erfahren, dass die einzelnen Wissenschaften nicht nebeneinander her bestehen, sondern sich gegenseitig ergänzen. Phänomene des Alltags sollen dabei beispielsweise aus biologischer, physikalischer, technischer, chemischer und mathematischer Sicht beschrieben werden. In den Bildungsplänen des Landes Baden-Württemberg manifestiert sich dies in den unterschiedlichen Fächerverbünden (beispielsweise “Fächerverbund naturwissenschaftliches Arbeiten” in der Realschule). Darüber hinaus soll in Haupt- und Realschulen Baden-Württembergs auch die informationstechnische Grundbildung in den Fächern integriert vermittelt werden.
  • Insbesondere für den Prozess der mathematischen Modellbildung sind realweltliche Ausgangsprobleme relevant. Mathematisches Modellieren kann somit beispielsweise an naturwissenschaftlichen oder ökonomischen Problemstellungen durchgeführt werden.

Hier wird besonders deutlich, dass das Ausüben einer Lehrtätigkeit immer verschiedene Disziplinen einbezieht und auch einbeziehen sollte. Aber gerade das ist ungeheuer reizvoll.