Netzsensibilität und verteilte Kognition
Freitag, März 14, 2008 von cspannagel
Jean-Pol Martin hat einen Begriff geprägt, der mir im Lichte des Web 2.0 und zukünftiger Möglichkeiten zur Vernetzheit äußerst gut gefällt: Netzsensibilität. Nach Martin bezeichnet der Begriff “ein sowohl kognitiv als auch emotional wahrgenommenes Gespür für die Interdependenz und Verwobenheit der Welt und aller ihrer Konstituenten (Menschen, Regionen, Länder, Kontinente)”. Sie bezieht sich sowohl auf reale als auch virtuelle Netze. Damit in Zukunft Menschen miteinander fruchtbare Diskussionen führen und wertvolle Verbindungen eingehen, müssen sie sensibler für ihre Vernetztheit und deren Bedeutung für die Kommunikation werden. Eng damit zusammen hängt seine Metapher von Neuronen, die durch Interaktion ein gemeinsames Ganzes schaffen. Netzsensibilität bedeutet in diesem Bild, dass man wissen und fühlen mus, dass man als einzelnes Neuron Teil eines großen Netzes ist, indem man gemeinsam Wissen konstruieren kann.
Stark erinnert mich dieses Konzept an den Ansatz der verteilten Kognition (distribution cognitions), der u.a. von Salomon geprägt wurde. Hier wird der soziale Aspekt der Wissenskonstruktion hervorgehoben. Man konstruiert nicht als einzelner Wissen, sondern im Austausch mit anderen. Dabei sind Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen und unterschiedlichen Kompetenzen beteiligt, sodass die gesamte kognitive Konstruktionsleistung erst durch die Vernetzung der “einzelnen Gehirne” zustande gebracht wird. Kognitionen können nach diesem Ansatz aber nicht nur “auf mehrere Köpfe verteilt” werden, sondern auch auf Werkzeuge. So nimmt mir beispielsweise ein Tabellenkalkulationssystem lästige Rechnungen ab, sodass meine eigene Kapazität frei wird für wertvollere Überlegungen. Das Tabellenkalkulationssystem und ich sind dann ein System verteilter Kognitionen.
Insgesamt sollten beide Ansätze bewirken, sich als einzelnen Denker nicht allzu wichtig zu nehmen und sich vielmehr als Teil der denkenden Gruppe zu begreifen, die sich auf der Basis unterschiedlicher Fähig- und Fertigkeiten gegenseitig unterstützt und weiterbringt.
Literatur:
- Martin, J.-P: Lernziel Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität
- Salomon, G. (Hrsg.) (1993). Distributed cognitions. Psychological and educational considerations. New York: Cambridge University Press.




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