Archiv für Februar, 2009

Interaktive Whiteboards im Klassenzimmer – und dann?

Veröffentlicht: Donnerstag, Februar 26, 2009 in Learning, Teaching

Im Tagebuch bei dieGesellschafter.de durfte ich einen Gastkommentar schreiben zu einem Artikel in DIE WELT (“Abschied von der Kreidetafel“). Zum meinem Kommentar geht es hier: Mehr moderne Technologie im Klassenzimmer – und dann?

Viel Spaß beim Lesen – und das Kommentieren nicht vergessen! :-)

Ich habe die Gelegenheit bekommen, bei sciencegarden.de einen Gastbeitrag zu verfassen. Thema: Öffentliche Wissenschaft – eine Bastelanleitung. Viel Spaß beim Lesen! :-)

In den letzten zwei Tagen habe ich einen intensiven Mailwechsel mit Ulli Kortenkamp zum Thema Twitter geführt, den wir im Nachhinein so interessant finden, dass wir ihn gerne im O-Ton veröffentlichen wollen. Hier ist er:

Christian: Hast du etwa deinen Twitteraccount gelöscht??

Ulli: yep.

Christian: Warum denn das??

Ulli: Weil es (mir) nichts bringt. Ich verwende Zeit für Twitter, die ich
anders besser nutzen kann. Und ich setze mich selbst unter einen
Informations-Druck, der mich belastet, ohne mir einen echten Gewinn zu
bringen.

Ich vermisse jedenfalls nichts bis jetzt, ist ja schon mal ein gutes
Zeichen.

Warum brauchst du Twitter?

Christian:
http://cspannagel.wordpress.com/2008/11/19/twitter-und-der-sechste-soziale-sinn/
http://cspannagel.wordpress.com/2008/12/02/twitter-chats-grosraumburos-und-jogginghosen/
http://cspannagel.wordpress.com/2008/11/20/die-maschendraht-community/

:-)

Ulli: Ja, die Argumente kenne ich alle (ich lese ja deinen blog). Aber: nein – mir bringt es nichts. Mir reichen blogs, email, skype. Wenn ich was wissen möchte, dann frage nicht ins Großraumbüro, sondern frage die Experten, die ich kenne (entweder per chat oder mail). Wenn ich ganz allgemeine Fragen habe, dann habe ich Mailinglisten mit communities, die mich nicht von der Arbeit abhalten, sondern mir weiterhelfen.

Twitter ist mir zu flüchtig, zu verrauscht, und vor allem nimmt es eine zu hohe Bandbreite auf dem Input-Kanal weg.

Ich könnte mir nicht vorstellen, auf chat zu verzichten, aber da ist halt klar, ob ich zuhöre, ob andere zuhören, ich kann längere Nachrichten verschicken, etc.

Und ob ich gerade auf den Zug warte oder nicht, das ist für den Rest der Welt so dermaßen unwichtig, das muss ich nicht kundtun (da reicht eigentlich mein Chat-Status).

Was ist eigentlich die CO2-Bilanz für einen Tweet ;-) ?

Also, ich bin einfach mal Trendsetter und sage: Twitter ist out. Das ist irgendwie letztes Jahrzehnt. (10 Jahre früher hätte ich gesagt: das ist soooo 90er).

Vielleicht blogge ich das ja auch.

Christian:

> mir bringt es nichts. Mir reichen blogs, email, skype.

Mmh… ok, kann ich natürlich nachvollziehen, und ich will ja auch nicht missionieren. Aber Twitter hat schon einige andere Eigenschaften. So liest beispielsweise mein Projektmitarbeiter meine Tweets. Ich muss ihm also nicht erzählen, was ich gemacht habe – er weiß es einfach. Ich könnte es ihm natürlich auch erzählen – aber das muss ich dann vielleicht auch noch jemandem und…. also schreibe ich einfach, was ich tue, jeder weiß es, und ich muss nichts mehr doppelt und dreifach erzählen. Ist doch super, oder? :-) Das kriegst du mit den anderen Tools nicht hin.

Und: Abhalten tut mich twitter nicht. Es ist ja nicht so, dass ich alle Tweets meiner Friends lese. Ich schaue ab und zu mal rein, scroll vielleicht mal nach unten. Vieles sehe ich nicht – was aber auch nicht schlimm ist. Man darf nicht den Überblick über alles behalten wollen. Dann lebt es sich damit recht entspannt…

:-)

Ulli:

> Ich muss ihm also nicht erzählen,
> was ich gemacht habe – er weiß es einfach. Ich könnte es ihm
> natürlich auch erzählen -
> aber das muss ich dann vielleicht auch noch jemandem und…. also
> schreibe ich
> einfach, was ich tue, jeder weiß es, und ich muss nichts mehr
> doppelt und dreifach erzählen.
> Ist doch super, oder? :-)

Nee. :-)

Denn:

1) Du weißt nicht sicher, ob es jeder weiß, du kannst dich also nicht darauf verlassen
2) Du produzierst ein Rauschen, weil nicht jeder alles wissen will, was du tust
3) Du hast keine Abstufung in der Kommunikation – du kannst nicht (oder nicht gut) einzelne Events hervorheben
4) Du hast nicht die Rückmeldung, die du bei einer direkten Kommunikation hättest (halt “nur” Maschendraht — das ist schon ganz fein, aber eben nicht direkt)

Das ist also mehr so ein “brute force”-Ansatz zur Problemlösung. Sowas macht man, wenn wenn man keinen besseren Weg weiß.

Vielleicht hilft hier ein Vergleich mit Optimierungs-Algorithmen. Genetische Algorithmen oder Simulated Annealing sind lustige Lösungsansätze, die auch oft ganz gut helfen, und vor allem dann geeignet sind, wenn man nicht mehr über die Struktur eines Problems kennt. Sobald man aber mehr darüber weiß, kann man einen besseren Lösungsansatz wählen — kürzeste Wege auf diese Art und Weise zu finden geht zwar, ist aber “vernünftigen” Algorithmen weit unterlegen, außer es kommt dir auf nur ganz grobe Annäherungen an, dann findet man suboptimale Lösungen mit den generischen Lösungsalgorithmen evtl. schneller.

Wenn ich was wissen muss oder kommunizieren möchte, dann rüttele ich nicht am Maschendrahtzaun, sondern ziehe an einem speziellen Draht, notfalls auch an mehreren. Das funktioniert natürlich nur, weil ich bereits ein großes Kommunikationsgeflecht mit vielen Spezialisten habe.

Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.

Christian:

> Das ist also mehr so ein “brute force”-Ansatz zur Problemlösung. Sowas
> macht man, wenn wenn man keinen besseren Weg weiß.

Genau – deshalb dieser Ansatz. Oft weiß ich gar nicht, welche Effekte Tweets haben können. Es kommen oft Anregungen aus Ecken, von denen ich das gar nicht vermutet hätte.

Ich benutze natürlich auch die direkten Wege. Ich mache beides. So habe ich sowohl die direkte Antwort als auch das Rauschen, aus dem ich vielleicht das ein oder andere noch rausziehen kann. Und da können durchaus sehr spannende Sachen drunter sein.

Durch diese Art nutzt man auf der einen Seite “das Gehirn des Experten”, den man direkt anschrieben hat. Das ist gut. Auf der anderen Seite nutzt man “800 Gehirne seiner Peer-Group”. Wenn nur 1 oder 2 Gehirne dabei sind,
die ungewöhnliche Assoziationen haben: Perfekt!

> Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr
> spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.

Sowas nennt man in der Psychoanalyse Rationalisierungen – dabei handelt es sich meist um vernunftmäßige Interpretationen irrationaler Entscheidungen – und in der Regel nicht um die “wahren” Gründe. :-)

Christian: … wie würdest du so eine Frage beantworten, wenn du daran interessiert bist, was “die Leute” (damit meine ich die Webmenschen) das handhaben?

http://twitter.com/cspannagel/status/1244646314

Würdest du das in ein Forum reinschreiben? Viel Spaß beim Warten auf Antworten! :-)

Ulli:

>> Lustig. Der Entschluss, mein Twitter-Experiment zu beenden, war sehr
>> spontan. Im Nachhinein finde ich aber gute Gründe dafür.
>
> Sowas nennt man in der Psychoanalyse Rationalisierungen – dabei
> handelt es sich meist um vernunftmäßige Interpretationen irrationaler
> Entscheidungen – und in der Regel nicht um die “wahren” Gründe. :-)

:-) schon klar. Auch ich kann mich nicht frei von kognitiver Dissonanz machen.

Mein Problem mit dem “800 Gehirne nutzen” ist volkswirtschaftlich: Wenn jeder von denen auch nur 1 Minute über mein Problem nachdenkt, dann ist das ein halber Tag Gehirnzeit, den ich von der Menschheit abziehe. Das ist nicht für jeden Mist gerechtfertigt, sondern ich spare mir das lieber für wirkliche Probleme auf. Die kann ich dann über die entsprechenden Mailinglisten oder blogs verbreiten.

(schon krass, wie viel Zeit ich allein damit verbringe, nicht mehr zu twittern :-) — aber die Diskussion macht mir Freude)

Christian:

> Mein Problem mit dem “800 Gehirne nutzen” ist volkswirtschaftlich:
> Wenn jeder von denen auch nur 1 Minute über mein Problem nachdenkt,
> dann ist das ein halber Tag Gehirnzeit, den ich von der Menschheit
> abziehe. Das ist nicht für jeden Mist gerechtfertigt, sondern ich
> spare mir das lieber für wirkliche Probleme auf. Die kann ich dann
> über die entsprechenden Mailinglisten oder blogs verbreiten.

Es ist ein halber Tag Gehirnzeit, der praktisch ohne großen Aufwand zur kollektiven Wissenskonstruktion aufgewendet werden kann – im Gegensatz zum Dahindümpeln der 800 Gehirne in dieser Minute. Außerdem: Durch einen einzigen Tweet kann man so die Konstruktionen der anderen Gehirne beeinflussen, ihnen neue Ideen geben, selbst neue Ideen aufnehmen usw. Man bildet eine “Gehirngruppe”, die intern über viele neue Wege vernetzt ist, und diese Vernetzungen kann man prima nutzen. Natürlich geht auch viel unsinnige Information durch dieses Netz – das tuts aber auch in meinem Gehirn. Permanent. Ich erweitere durch Twitter den Schrott, ich erweitere aber auch die guten Konstruktionen. Prozentual bleibt das gleich – allerdings habe ich eine größere Wissensbasis, auf die ich zugreifen kann. (Und auch das System an sich profitiert davon)

> (schon krass, wie viel Zeit ich allein damit verbringe, nicht mehr zu
> twittern :-) — aber die Diskussion macht mir Freude)

So geht’s mir auch. :-)

Ulli:

> Würdest du das in ein Forum reinschreiben? Viel Spaß beim Warten auf
> Antworten! :-)

Erstmal: google: http://www.googlefight.com/index.php?lang=en_GB&word1=geupdated&word2=upgedated

Ich könnte es auch meine Experten-Mailingliste schreiben…

Oder ich frage Ulli, und der sagt: “ich habe ein update gemacht”

Ulli:

> Natürlich
> geht auch viel unsinnige Information durch dieses Netz – das tuts
> aber auch in meinem
> Gehirn. Permanent. Ich erweitere durch Twitter den Schrott, ich
> erweitere aber auch die guten Konstruktionen.

Da kommt natürlich das psychologische Problem hinzu, dass man sich meist besser als der Durchschnitt wähnt. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Twitter mehr mit Schrott erweitere als mit guten Konstruktionen.

Aber das schrieb ich ja auch schon mal: ich brauche für mich selbst dringend die kontemplativen Phasen, in denen ich eben nicht vollgetwittert werde. Und jetzt darfst du nicht argumentieren, dass ich dann ja einfach weghören kann: dann fühle ich mich immer so, als würde ich etwas verpassen, und das lähmt mich.

Christian:

> Erstmal: google: http://www.googlefight.com/index.php?lang=en_GB&word1=geupdated&word2=upgedated

Witzig – kannte ich noch gar nicht. Leider findet man dabei natürlich heraus, dass es eigentlich “geupdatet” heißen müsste, nicht “geupdated”. Sowas bekommt man nur durch Befragung vieler Menschen heraus. :-)

> Ich könnte es auch meine Experten-Mailingliste schreiben…

Das würdest du nie machen, weil es dafür nicht SOOO wichtig ist. Es hat ja nur eine gewisse Relevanz – irrelevant ist es aber nicht, weil mich gerade die Frage beschäftigt. So relevant, dass ich es an eine Mailingliste schreiben würde, isses aber auch nicht. Also: Was tun?

Christian:

> Aber das schrieb ich ja auch schon mal: ich brauche für mich selbst
> dringend die kontemplativen Phasen, in denen ich eben nicht
> vollgetwittert werde. Und jetzt darfst du nicht argumentieren, dass
> ich dann ja einfach weghören kann: dann fühle ich mich immer so, als
> würde ich etwas verpassen, und das lähmt mich.

Doch, das ist genau mein Gegenargument. Das war schon mein Gegenargument bei den ganzen Menschen, die gesagt haben “Ah, ich will kein Handy. Ich will nicht immer erreichbar sein.” Blödsinniges Argument. Man muss eben lernen, die eigene Mediennutzung zu kontrollieren. :-)

Ulli:

> Blödsinniges Argument. Man muss eben lernen,
> die eigene Mediennutzung zu kontrollieren. :-)

Es geht um das Gefühl. Ich habe das Gefühl, ich verpasse etwas, das ist ungefähr so, wie man sich auf einer Party ärgert, wenn man mal aufs Klos muss und die anderen in der Zwischenzeit weitererzählen.

Ulli:

> Also: Was tun?

Wie gesagt: “ein update machen” :-)

Und aufheben für den nächsten real-life-Kaffee und dort diskutieren.

Ulli

(und natürlich muss es am Ende ein “t” sein, es ist ja die deutsche
Endung)

Christian: Ich hätte Lust, unseren Dialog im O-Ton zu bloggen. Ist das ok für dich? (Darfst natürlich auch nein sagen…)

Ulli:
> Ich hätte Lust, unseren Dialog im O-Ton zu bloggen. Ist das ok für
> dich?

ja, auf jeden Fall, ich würde das dann gerne parallel-bloggen :-)

Wir können ja auch noch eine Abstimmung zu dem Thema einrichten – was ist deine Meinung, soll Ulli twittern oder nicht?

:-)

Christian: Hier ist der Link zur Abstimmung – soll Ulli twittern oder nicht?

FavoBlog bei Leben 2.0

Veröffentlicht: Samstag, Februar 21, 2009 in Web 2.0

Andreas alias andi1984 stellt in seinem Blog Leben 2.0 im Rahmen seiner “FavoBlog-Aktion” seine Lieblingsblogs vor. Mich freut es natürlich außerordentlich, dass da auch mein Blog drunter fällt. Andi hat mich dazu interviewt, unter anderem über meine Motivation zu bloggen, über LdL, Maschendraht und Web 2.0. Das Ergebnis kann man in seinem Blog lesen: Favoblogs #2.  Vielen Dank, Andi!

Bei dieser Gelegenheit kann ich auch gleich mal auf seine Frischlingsaktion aufmerksam machen, mit der er neue Blogs fördern will. Also, Blogfrischlinge: auf zu Andis Weblog und mitmachen!