Ich lese gerade das Buch “Erziehung zur Mündigkeit”, das eine Zusammenstellung verschiedener Texte von Adorno ist. Zurzeit interessiert mich besonders die Frage, wie man Lernsituationen gestalten kann, in denen die Lernenden zur Selbstständigkeit finden – und dies betrifft nicht nur den Schulunterricht, sondern durchaus auch das Studium. Daher habe ich nach diesem Buch gegriffen. Seit langem mal wieder ein philosophisches (und dies trifft, nebenbei bemerkt, zufällig zeitgleich auf eine Diskussion in Jean-Pols Blog über Philosophie, was einen mal wieder darüber nachdenken lässt, ob das wirklich zufällig ist).
Jedenfalls bin ich in diesem Buch unerwarteter Weise auf den Text Philosophie und Lehrer gestoßen. Dort beschwert sich Adorno darüber, dass die Lehramtsstudenten den Philosophieprüfungen bzw. der Philosophie an sich nicht mit der richtigen Einstellung begegnen. Sie bereiten sich streng nach Prüfungsordnung vor, sie lernen nur und bilden sich nicht. Ein insgesamt durchaus amüsanter Text (selbst wenn man an der ein oder anderen Stelle gerne die Studierenden in Schutz nehmen möchte). Eine Stelle möchte ich gerne wörtlich wiedergeben, eine Stelle über Bildung:
Denn Bildung ist eben das, wofür es keine richtigen Bräuche gibt; sie ist zu erwerben nur durch spontane Anstrengung und Interesse, nicht garantiert allein durch Kurse, und wären es auch solche vom Typus des Studium generale. Ja, in Wahrheit fällt sie nicht einmal Anstrengungen zu, sondern der Aufgeschlossenheit, der Fähigkeit, überhaupt etwas Geistiges an sich herankommen zu lassen und es produktiv ins eigene Bewusstsein aufzunehmen, anstatt, wie ein unerträgliches Cliché lautet, damit, bloß lernend, sich auseinanderzusetzen. Fürchtete ich nicht das Mißverständnis der Sentimentalität, so würde ich sagen, zur Bildung bedürfe es der Liebe; der Defekt ist wohl einer der Liebesfähigkeit.”
Wie entfacht man aber in anderen die Liebe zur eigenen Bildung, das Interesse an der eigenen (geistigen) Weiterentwicklung? Kann man das überhaupt im vorhandenen Bildungssystem? Haben wir überhaupt ein Bildungssystem, oder haben wir ein Lernsystem? Wäre eine solche Liebe zur eigenen Bildung nicht ein wichtiger Abschnitt auf dem Weg zum Glück – im Gegensatz zur Einrichtung des entsprechenden Schulfachs, das in diesem Lichte eher als Farce erscheint? Und welche Art von Bildung ist im Studium der Fächer Mathematik und Informatik zu erwerben? Kümmern wir uns dort um Bildung oder um Kompetenzen? Und welche Rolle spielt die Aufsplitterung in Teilkompetenzen und Teilkompetenzen von Teilkompetenzen, wenn es um ganzheitliche Bildung gehen soll? Möchten wir ein Bildungssystem haben, oder sollen wir es lieber in Kompetenzsystem umbenennen?
Mit diesen Fragen gehe ich ins Neue Jahr. Prost!
Literatur: Adorno, T. W. (1962). Philosophie und Lehrer. In Erziehung zur Mündigkeit (S. 29-49). Frankfurt: suhrkamp.




