Gastbeitrag: Computerbasierte Kollaborationsskripte – Die Rettung der effektiven Gruppenarbeit?

Veröffentlicht: Montag, Juni 14, 2010 in Collaboration, Gastbeitrag

Vor einiger Zeit habe ich mein Blog auch für Gastbeiträge freigegeben. Das wird noch viiiiel zu selten in Anspruch genommen. Daher freue ich mich ganz besonders, dass die Studentinnen Helen und Kathrin der Universität Tübingen einen Gastbeitrag im Rahmen eines Psychologie-Seminars bei Johannes Moskaliuk verfasst haben. Insbesondere freut mich daran, dass Helen und Kathrin hinterfragen, inwieweit bestimmte Ergebnisse der psychologischen Forschung auf die Schule übertragbar sind. (Zur Übertragbarkeit experimenteller Forschung siehe auch folgenden Beitrag.) Nun aber genug des Vorworts. Hier kommt der Beitrag von Helen und Kathrin zum Thema “Computerbasierte Kollaborationsskripte”:

In der Praxis zeigte sich, dass der Lernerfolg bei Gruppenarbeiten nur mäßig ist. Als Fördermaßnahme werden deshalb gerne sogenannte computerbasierte Kollaborationsskripte verwendet, mit dem Ziel den Gruppenerfolg und den individuellen Erfolg effektiver zu gestalten. Dabei handelt es sich um aufgabenbezogene Instruktionsmittel, die in ihrem Strukturiertheitsgrad variieren und die den Lernenden meist unterschiedliche Rollen zuweisen. Beispielsweise lernen in dem Kollaborationsskript von Baker und Lund (1997) zwei Schüler über ein Chatprogramm und mit zusätzlichen Hilfen von Diagrammen und einem Grundlagentext, wie ein Energiekettenmodell funktioniert. Dabei kommunizieren die Schüler über Buttons, die entweder vollständige Sätze wie z. B. „Lass uns mit Punkt xy anfangen“ oder Halbsätze, die vervollständigt werden müssen (Bsp. „Ich denke, dass…“), enthalten. Den Lernenden ist freigestellt, wer welche Rolle übernimmt, wer nun also erklärt bzw. lediglich kommentiert – meist entscheidet hierüber die individuelle Kompetenz.

Jedoch stellt sich die Frage, in wie weit die Anwendung solcher Skripts bei computerbasiertem Lernen in der Schule tatsächlich effektiv ist?!

Beispielsweise bietet sich das Lernen mit Hilfe eines Chats, Diskussionsforums etc. in der Schule nicht direkt an, da das Vorhandensein der technischen Möglichkeiten nicht unmittelbar gegeben ist beziehungsweise der Austausch über Chats innerhalb eines Raumes nicht sinnvoll erscheint. In welchen Situationen sind computerbasierte Kollaborationen in der Schule überhaupt sinnvoll?

Folgende Nachteile der computerbasierten Kollaboration werden dabei deutlich:

  • Fehlende nonverbale Hinweise (wie Gestik, Mimik, etc.) oder unvollständige Sätze führen des öfteren zu Problemen in der Kollaboration. Gerade bei leistungsschwachen Schülern können abstrakte (zum Beispiel naturwissenschaftliche) Lerninhalte, die über computerbasierte Kollaborationen vermittelt werden, zu vermehrten Verständnisschwierigkeiten führen.
  • Bei computerbasierten Kollaborationen fehlt eine direkte Überwachungsinstanz durch z.B. den Lehrer, welcher die Aufgabenausführung der Schüler sowohl kontrollieren als auch richtigstellen kann.
  • Das gezielte, akute Nachfragen bei Verständnisproblemen scheint in Chatrooms nahezu unmöglich, da die Zeit zwischen den Eingaben teilweise recht lang sein und eine Eingabe nicht sofort unterbrochen werden kann, falls sich der Gegenüber auf einen anderen, nicht gefragten und eventuell sogar irrelevanten Aspekt konzentriert.

Um einige Nachteile zu kompensieren bieten sich folgende Verbesserungsvorschläge an:

  • Bei Kollaborationen muss immer auch berücksichtigt werden, dass persönliche Faktoren wie Sympathie gegenüber der Gruppenmitglieder und die Motivation, ein Skript zu befolgen, eine wesentliche Rolle dabei spielen, in wie weit jemand bereit ist, seinen Lernpartnern sein Wissen mitzuteilen.
  • Darüber hinaus sollte das Kollaborationsskript gezielte Anweisungen enthalten, welche Aufgaben zu übernehmen sind und jedem Lernenden direkt eine verantwortungsvolle und relevante Aufgabe zuweisen.

Es zeigen sich durchaus auch große Vorteile für computerbasierte Kollaborationen:

  • Schüchterne Personen tun sich im vertrauten Umfeld und nicht unter direkter Beobachtung anderer leichter, ihr Wissen mitzuteilen und sich einzubringen.
  • Beim computerbasierten Lernen besteht die Möglichkeit, sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten am Gruppengeschehen zu beteiligen, vor allem dann, wenn örtliche Distanzen einen persönlichen Austausch verhindern. Dies bietet sich vor allem dann an, wenn akut Probleme bei Hausaufgaben oder bei der Lernvorbereitung auftreten. Die Schüler können problemlos in einem Forum ihre Schwierigkeiten schildern und so Hilfe von Mitschülern, aber auch eventuell Lehrern erhalten. Auch in Hinblick auf Referatsvorbereitungen eignen sich solche Foren sehr gut, wenn eine Terminfindung aufgrund der Gruppengröße schwierig wird.
    An Universitäten ist es beispielsweise auch möglich, solche Kollaborationsskripte im Hinblick auf weltweite Projektarbeiten einzusetzen. Studenten können sich nun zu verschiedensten Uhrzeiten  am Gruppengeschehen beteiligen, ohne sich jemals face-to-face zu treffen.

Ein nicht zu unterschätzendes Problem zeigt sich im Konzept von Perkins (1993), der sich auf die „distributed cognition“ beruft. Es wird davon ausgegangen, dass die Intelligenz auf mehrere Personen innerhalb einer Gruppe verteilt sein kann und nicht wie in klassischen Ansätzen nur innerhalb einer Person lokalisiert ist. Das person-plus-surround-Konzept von Perkins (1993) unterscheidet zwischen person-solo und person-plus. Ersteres bezieht sich auf das interne Wissen jedes Einzelnen, wie eine ideale Gruppenarbeit aussehen sollte. Letzteres hingegen schließt noch andere Lernpartner und/oder Lernmaterialien mit ein. Eine Schwierigkeit dabei ist, dass die Lernenden ein nicht adäquates Vorwissen über Kollaborationen besitzen, sodass die Differenz zwischen internen und externen Kollaborationsskripten zu groß wird. Eine Folge davon ist eine ineffektive Kollaboration.

  • Wie kann man bereits im frühen Kindesalter eine Förderung seitens der Eltern und Schule so unternehmen, dass sie gezielt auf den Erwerb sozialer Kompetenzen ausgerichtet ist um eine erfolgreiche Kollaboration zu ermöglichen?
  • Könnte man das Problem der fehlenden Hinweisreize in soweit lösen, dass man die Möglichkeit besitzt auch auditive Erklärungen zu leisten oder gegebenenfalls sogar per Videosequenz miteinander kommuniziert?
  • Habt ihr schon mal computerbasierte Kollaborationsskripte im Unterricht eingesetzt? Welche Erfahrungen habt ihr dabei gemacht?

Helen & Kathrin, Uni Tübingen

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Kommentare
  1. @Christian: Danke fürs Veröffentlichen …

    Der Vollständigkeit halber sei geschrieben, dass der Blogbeitrag sich in weiten Teilen auf den folgenden Text bezieht: Kollar, I., Fischer, F., & Hesse, F. W. (2006). Collaboration scripts–a conceptual analysis. Educational Psychology Review, 18(2), 159-185.

    Ich finde den Punkt spannend, das Kollaborationsskripte zwei Aspekte haben: Zum einen die externale Komponenten, also das was der Lehrer vorgibt (zum Beispiel eine schriftliche Arbeitsanweisung) oder die Strukturierung eines Wikis, die vorgibt, was wann zu tun ist. Und die internale Kompentente, also das was ein Lerner selber für Vorstellungen über das Funktionieren von Zusammenarbeit und gemeinsamen Lernen hat. Ich stelle mal die These auf, dass vieles was an einem Lehr-Lern-Setting schief geht auf einen Konflikt zwischen Externalem und Internalen Kollaborationsskript zurückgeht.
    Ein Lehrer stellt sich die Zusammenarbeit der Schüler in einem Wiki in einer bestimmten Weise vor und strukturiert das Wiki vor und macht Vorschläge, wie die Kooperation aussehen soll. Die Schüler haben sich das aber ganz anders vorgestellt und haben ganz andere Erwartungen. Deshalb heißt Lehre immer auch internale und externale Skripts in Übereinstimmung zu bringen.

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