Über soziale Kontakte und den Wert des Vergessens

Veröffentlicht: Sonntag, September 12, 2010 in Twitter, Web 2.0

Nachdem ich vor einiger Zeit mein – so bezeichne ich es – langjähriges Vernetzungsexperiment beendet habe, komme ich immer mehr ins Grübeln über den Wert der permanenten Vernetzung, die uns die Web-2.0-Welt bietet. (Um vielleicht zu Beginn gleich mit einem Missverständnis aufzuräumen, das mir immer mal wieder entgegengebracht wird: Ich bin nicht aus dem Internet ausgestiegen, ich bin auch nicht aus dem Web 2.0 ausgestiegen. Ich habe “nur” einige Formen der Vernetzung in Form von Twitter, Facebook und Co. beendet. Die Möglichkeiten des Web 2.0 schätze ich auch weiterhin sehr, ansonsten würde ich kein Weblog führen, keine Videos bei Youtube einstellen oder meine Wikiversity-Seiten pflegen.)

Ich habe lange Zeit die Möglichkeiten der Vernetzung mit Menschen im Web 2.0 sehr geschätzt. Insbesondere findet man in den Netzwerken auch alte Bekannte wieder, die man lange nicht gesehen oder sogar komplett vergessen hatte. Man findet zufällig unter den Kontakten eines Freundes eine Person, die man selbst einmal “kannte”, und vernetzt sich mit dieser. Das kann jede Menge positive Effekte haben: Man entdeckt gemeinsame Interessen, die sich in der Zwischenzeit ergeben haben, man bringt Menschen seiner unterschiedlichen Netze mehr oder weniger zufällig zusammen (“Was, du interessierst dich für StarWars? Mein Kollege XY aus meinem Kontext ABC auch…”), und man partizipiert plötzlich am alltäglichen Leben derjenigen, die man jahrelang “ignoriert” hat.

Bei mir hat das bekanntlich zu einer erheblichen Überlastung geführt, insbesondere deswegen, weil ich es übertrieben habe. Vielleicht ist es so, dass das Vergessen sozialer Beziehungen eine besondere Bedeutung im sozialen Miteinander zukommt, die im Kontext des Web 2.0 allzuleicht übersehen wird. Ich möchte es mit der Arbeitsweise des Gehirns vergleichen: Das Gehirn nimmt permanent Eindrücke wahr und verarbeitet diese, indem die aufgenommenen Informationen mit Vorwissen verknüpft werden. Über die Zeit hinweg abstrahiert das Gehirn allerdings von diesen Einzelerfahrungen. Nicht die singulären Informationen werden behalten, sondern deren “wesentlicher Gehalt”, eine abstrakte, summative Repräsentation der Einzelerfahrungen. Mit diesen Abstraktionen arbeitet das Gehirn weiter. Die einzelne Information hat somit ihren Anteil an dem behaltenen Extrakt, wird aber selbst wieder vergessen. Würde das Gehirn sich alle Einzelinformationen merken, würde es vermutlich überlastet sein (platzen, explodieren, wasweißich). Vergessen ist wichtig, um handlungsfähig zu bleiben. Vielleicht sollte auch die Neuronenmetapher dahingehend einmal überarbeitet werden (persönlicher Hinweis an JPM).

Mit sozialen Kontakten verhält es sich vermutlich ähnlich. Es ist gut und sinnvoll, soziale Kontakte “im Sande verlaufen” zu lassen und sogar zu vergessen – um handlungsfähig zu bleiben. Zwischen “ständigem Kontakt” und “völliger Kontaktlosigkeit” gibt es darüber hinaus ein ganzes Spektrum von Kontakthäufigkeiten. Es hat auch einen gewissen Wert, sich mit Personen nur ab und zu auszutauschen. Jeder hat inzwischen Erfahrungen gesammelt, aggregiert und verarbeitet, und man kann sich dann über die Summe der Erfahrungen unterhalten (und nicht etwa wie bei Twitter über die jeweiligen Einzelerfahrungen). Wir brauchen – insbesondere im Web 2.0 – auch etwas wie “Korrespondenzpausen”, die in der Briefkommunikation beispielsweise ganz natürlich waren. Die Neuronenmetapher, die das schnelle Interagieren konzeptionalisiert, sollte stattdessen in bestimmten Situationen bewusst eingesetzt werden (beispielsweise im aktiven Plenum), aber nicht permanent und den ganzen Tag hindurch. JPM hat auch bei meinem Ausstieg aus bestimmten Netzwerken die Metapher dahingehend ergänzt. Punkt 10: “Achtung, hohe Suchtgefahr! Das Neuronenverhalten muss kontrolliert und situationsabhängig eingesetzt werden!”

In der neuen Ausgabe von Forschung & Lehre (9/10) bin ich auf einen Artikel über Briefkorrespondenz und darin auf ein Zitat von Goethe gestoßen. Es passt wunderbar in diesen Kontext. Goethe, der schreibfaul bzgl. Briefen gewesen zu sein scheint (wie Felix Grigat in diesem Artikel darlegt), schreibt an Achim von Arnim folgendes über Korrespondenzpausen:

So wie die Pausen ebensogut zum musikalischen Rhythmus gehören als die Noten, ebenso mag es auch in freundschaftlichen Verhältnissen nicht undienlich sein, wenn man eine Zeitlang sich wechselseitig mitzuteilen unterläßt. Strebende Menschen, von welchem Alter sie auch seien, können nicht immer parallel nebeneinander gehen; will man sich nun gar beständig bei der Hand halten, so entsteht daraus ein Hin- und Widerzerren, beiden Teilen unbequem und retardierend wo nicht schädlich.

“Strebende Menschen [...] können nicht immer parallel nebeneinander gehen” – darüber lohnt es sich einmal nachzudenken. Insbesondere wenn man bedenkt, dass durch die permanente Vernetzung im Netz sich nicht nur zwei, sondern zig Menschen tagtäglich austauschen.

About these ads
Kommentare
  1. Nachdem das grade in meiner Mailbox gelandet war, fühlte ich mich doch bemüssigt, zu reagieren. Und zwar deswegen, weil ich glaube, dass die Konzeptualisierung von Twitter, Facebook etc. als permanenter persönlicher Austausch falsch ist. Ich würde hier zwischen DMs, messages, eMails (aber auch nicht allen …) auf der einen Seite, bei Twitter vielleicht auch noch @…-Replies, – und dem immerwährenden Strom der Erfahrungen, Eindrücke, Meinungen und Kommentare auf der anderen Seite unterscheiden. Eine tatsächliche Reaktionsnotwendigkeit sehe ich nur bei den zuerst genannten Formaten – der Rest darf auch (zeitweise oder immerfort) ignoriert werden, ohne dass eine sinnvolle Partizipation im Web 2.0 damit unnötig wird. Auch darin sehe ich den halböffentlichen Charakter dieser Kommunikationsformen: als Bienenschwarm, der permanent Geräusche von sich gibt, die interpretieren darf, wer mag, und ignorieren darf, wer mag.

  2. jeanpol sagt:

    “Die Neuronenmetapher, die das schnelle Interagieren konzeptionalisiert, sollte stattdessen in bestimmten Situationen bewusst eingesetzt werden (beispielsweise im aktiven Plenum), aber nicht permanent und den ganzen Tag hindurch.”
    - In der Praxis setze ich intensive Kommunikation vor allem dann ein, wenn ich mit anderen Menschen – zeitlich begrenzte – Projekte durchführe. Mein Twittern hat grundsätzlich die Funktion, die Leute, mit denen ich gerade etwas “durchziehe”, auf dem Laufenden bezüglich meiner Aktivitäten zu halten. Wenn gleichzeitig andere Funktionen durch Twittern erfüllt werden, sind es Nebeneffekte. Das Twittern ermöglicht auch Menschen, die plötzlich Interesse entwickeln für das, womit ich mich beschäftige, einzusteigen. Und in diesen Kontexten greift die “Neuronenmetapher” weiterhin. Solange die gesamte Informationsmenge eine bestimmte Grenze nicht überschreitet, funktioniert das gut.

  3. „Strebende Menschen [...] können nicht immer parallel nebeneinander gehen“
    Zu Goethes Zeit und auch noch zu der Zeit, bevor ich aktiv im Netz unterwegs war, kann ich dem zustimmen.
    Jedoch sehe ich in der vernetzten Welt gerade diesen Part als sehr verführerisch an (die Pausen nicht zu leben, die es zur Verarbeitung bestimmter Prozesse benötigt):
    War es bei mir früher so, dass ich mit Menschen eine zeit lang näher und intensiver zu tun hatte, dann entwickelte man sich weiter und jeder ging seiner Wege… (oder auch nicht), bei Freunden/Bekannten ist und war es genauso (deswegen möchte ich auch nicht unbedingt Karlchen Meier aus der 5. Klasse bei FB treffen und “adden”) , oder manchmal war es so wie Goethe es beschreibt, man geht für eine Zeit auseinander und kommt evtl. wieder zusammen, oder auch nicht… je nachdem wo das Streben einen hinführt…

    Im Netz (emp)finde ich diese Phasen ganz anders und neu: Verändere ich mich und mache mal ne Pause von bestimmten Leuten, weil wir uns im Thema auf unterschiedlichen Wegen und/oder Geschwindigkeiten weiterentwickeln, dann bekomme (finde) ich hier (im Netz) sofort und unmittelbar eine Vielzahl an Menschen, die genau in diesen (meinen) Lebensentwicklungsschritt “passen”… und so bin ich ganz schnell wieder mittendrin…
    Das war früher (vor meiner Zeit im Netz) sehr viel anders, da brauchte es eine viel längere Zeit, um wieder neue Menschen zu treffen, in Kommunikation zu kommen… am und mit dem neuen Thema in die Tiefe zu gehen…

    Also mein Fazit:
    „Strebende Menschen [...] können heute – wenn sie die Kraft und Zeit haben – immer parallel nebeneinander gehen“
    Inwiefern das jeder einzelne von uns verarbeiten kann, es gut tut, oder weiterbringt… das muss jeder für sich selbst herausfinden.

    Pausen, um den Input zu verarbeiten, braucht es auf jeden Fall – für mich…

  4. [...] This post was mentioned on Twitter by hamster, Anntheres . Anntheres said: Über soziale Kontakte und den Wert des Vergessens #CSpannagel http://tinyurl.com/26j9dxt [...]

  5. jeanpol sagt:

    @Alexander
    “dann bekomme (finde) ich hier (im Netz) sofort und unmittelbar eine Vielzahl an Menschen, die genau in diesen (meinen) Lebensentwicklungsschritt „passen“… und so bin ich ganz schnell wieder mittendrin…”
    - Das ist auch meine Erfahrung. Allerdings vergesse ich die anderen nicht und finde sie wieder beim nächsten Thema, wo wir wieder eine Strecke gemeinsam gehen können. Bezüglich der realen Welt neige ich zur Nachhaltigkeit. Insbesondere Menschen, die mir geholfen haben, vergesse ich, glaube ich, nie.

  6. Oliver Tacke sagt:

    “Vergessen ist wichtig, um handlungsfähig zu bleiben. Vielleicht sollte auch die Neuronenmetapher dahingehend einmal überarbeitet werden.”

    Ist es nicht gerade Hintergrund der Metapher (kein Modell), dass der Einzelne nicht alles wissen muss? Er dürfte dann inhaltlich auch schon mal was vergessen. Was das “soziale Vergessen” betrifft, so verlieren doch Bindungen zwischen Neuronen an Intensität, wenn sie nicht genutzt werden. Insofern die Frage, ob man die Neuronenmetapher wirklich überarbeiten müsste.

  7. jeanpol sagt:

    @Christian
    Habe ich gerade in facebook eingetragen als Antwort auf Alexander:
    “manche menschen sind wie eine bank, in die man geld einzahlt, aber wenn man kommt ist das konto immer leer. egal was du an aufmerksamkeit und zuwendung “investierst”. ich möchte schon, dass die menschen, die sich für mich eingesetzt haben, wenn sie mal vorbei kommen, kein leeres “konto” finden…”

  8. jeanpol sagt:

    @Oliver
    Thx. Das stimmt, was du sagst, glaube ich!

  9. Es geht mir nicht darum zu vergessen (verdrängen?), weil alles so furchtbar war oder ist – mir geht es darum, dass “Vergessen” wichtig sein kann, um neue Perspektiven einzunehmen und daraus folgend (gemeinsam) auch neue Gedanken und Handlungen zu generieren…
    Die Verbindungen im Netz sind da doch denen “da draußen” sehr ähnlich – warum auch nicht? Es sind doch die gleichen Menschen =)

  10. Zum erwähnten “Rückzugsgedanken” aus sozialen Netzwerken hatte ich jüngst hier
    http://is.gd/f84ut
    mal einen Kommentar verfasst. Tenor: man kann entspannt “alles” mitmachen, wenn man sich dabei nicht selbst die Pflichten auferlegt “Wachstum” zu generieren, bzw. zeitnah auf unaufgeforderten Eingang reagieren zu müssen.

    “Eigentlich ist das alles ganz einfach: alle Networks, Dienste&Co sind einfach nur zusätzliche Angebote zur Kommunikation und zur Kontaktpflege, mehr nicht. Diese Angebote kann man wahrnehmen, oder auch nicht. Mal mehr mal weniger. Das wars.

    Das “Problem” der angeblichen Übersättigung, Überforderung oder Fehlentwicklung, und die “Schlüsse”, die dabei vielfach gezogen werden- sei es hier, oder anderswo, bei netzwertig, neunetz, etc., von Michael Seemann bis hin ins Feuilleton der FAZ zu Frank Schirrmacher- ist eher hausgemacht:
    es wird einfach jede Entwicklung viel zu wichtig genommen.

    Da wird diskutiert, was wie bedeutsam und/oder “böse” ist, wo bei Facebook die Pferdefüsse liegen, welche Services man “zwingend” benötigt, welche nicht, ob sich SEO radikal verändert. Muss jetzt jedes Unternehmen überall sein? Und gibts da dann auch die passende App zu…? Überfordert das jetzt? Macht das asozial?…

    Warum von Nutzerseite aus so verkniffen ernst?
    Da kann man sich doch entspannt zurücklegen.

    Im Grunde genommen ist das doch bisher alles Spielerei, manches macht man mit, manches nicht:

    Facebook? Da sind die Leute, die man kennt. Nett. Mal schaut man rein, mal nicht. Man kann vergessen, wann wer Geburtstag hat, weil man daran erinnert wird, und man sieht wer wo im Urlaub war. OK. Wenn man sich das nächste mal nach langer Zeit sieht, hat man einen bequemen Einstieg ins Gespräch.
    Und Spam? Kann man doch filtern.

    Twitter? Auch nett. Da sind die Leute, die man mal gern kennenlernen würde. Aber auch hier gilt: Wenns passt, schmeisst man mal ein Auge rein, wenn nicht, dann nicht. Was sollte man denn jetzt verpassen, was man nicht spätestens am Wochenende in einer Sonntagszeitung lesen kann? Wenig.

    Und wenn man es schon zu sehr überreizt hat und jetzt “konsolidieren” möchte? Na dann hilft “unfollowall”, oder man macht einen neuen Twitter-Account auf und pickt sich nur diejenigen raus, die einen wirklich interessieren.

    Also keinen Stress.

    Xing? Die Gruppennewsletter-Spammer nerven? Na dann tritt man halt aus den Gruppen aus. Man verpasst dort nichts! Unseriöse Recruiter und MLM-Spinner schreiben einen an? Na dann reagiert man halt nicht drauf. Und wenn jemand das als unhöflich empfindet? Pfff, was solls, der hat dann das Prinzip nicht verstanden: es gibt keine Verpflichtung aus Höflichkeit auf unaufgeforderten Posteingang reagieren zu müssen.

    Man kann sich also auch hier ganz entspannt einrichten.

    Foursquare? Klar, es gibt die nervigen Jäger und Sammler, die sich sogar um bestimmte Bahngleise battlen. Muss man ja nicht mitmachen.
    Mir ist das wurscht ob ich irgendwo Mayor bin. Aber es gefällt mir, wenn ich meine Twitterkontakte (die, die ich gern mal kennenlernen würde), mit Foursquare syncen kann, so dass der Plan auch eher aufgehen kann: am Ende hat man dann mal die Möglichkeit jemanden unverhofft zu treffen, weil man gerade in der Nähe ist, und man darauf hingewiesen wird.
    Und was kommt dabei heraus? Evtl. ein gutes Gespräch, das man ohne diese ganzen Dienste so hätte nicht führen können, bzw. das ohne die Dienste nicht zustande gekommen wäre…

    Ping? Schau an, noch ein Angebot. Aber aufgepasst: Redundanz-Alarm. Gibt es irgendeinen Grund da mitzumachen, wenn eh schon alle bei Facebook sind? Nö.

    Ergo: es gibt gar keine negativen Effekte , jedenfalls nicht aus Nutzersicht.
    Wer hier nicht zwanghaft “aufleveln” will, also alles und jedem irgendwo folgt oder eincheckt, nur um der Masse willen, sondern im Hinterkopf behält, dass nicht die Quantität, sondern die Qualität der Kontakte zählt, im realen, wie im virtuellen Leben, der überläd sich auch nicht damit, und empfindet dementsprechend auch keinen Stress dadurch.”

  11. für mich hat der gebrauch der schnellen medien schon vor ca. 2 jahren ein überdenken und überfühlen meiner beziehungen angeregt. -
    egal mit welchen mitteln und medien, es bleibt eine philosophische frage. ein spannungsfeld zwischen pragmatismus und metaphysik, nicht ? -
    eher konservativ gestimmte meinen nur physische anwesenheit garantiere einen “wirklichen” “aufrichtigen” kontakt. andere schätzen es die räumlichen distanzen überspringen zu können und geben den inhalten die präferenz an bedeutung.
    nun kommen wir vom aspekt des raums zum aspekt der zeit. haben wir zwar den raum ausgetrickst, so ist es mit der zeit nur begrenzt machbar, sie ist eben endlich. analog könnten wir uns fragen, ob kontinuität gleich zu setzen ist mit “wirklichem” “aufrichtigem” kontakt und nichtkontinuität mit “vergessen”. ich denke nein.-
    einerseits ist es eine notwendigkeit das jetzt zu gestalten, sonst hinken wir uns immer hinterher (was ja sowieso schon der fall ist ;:-) ). dazu müssen wir die themen bearbeiten mit den menschen, die möglichst nah an ihnen dran sind. dadurch treten andere in den hintergrund, ja. aber die wertschätzung von vorher gegangenen wegen mit weggefährten bleibt doch erhalten, das finde ich entscheidend.

  12. @Jutta
    Wow! (Zeit/Raum)-Differenzierung finde ich sehr nützlich!

    “aber die wertschätzung von vorher gegangenen wegen mit weggefährten bleibt doch erhalten, das finde ich entscheidend.”
    - Richtig, auch wenn man diese vorübergehend aus den Augen verloren, also scheinbar “vergessen” hat.

  13. @Nerddeutschland
    “dass nicht die Quantität, sondern die Qualität der Kontakte zählt, im realen, wie im virtuellen Leben, der überläd sich auch nicht damit, und empfindet dementsprechend auch keinen Stress dadurch.“
    - Und wer die Chancen intensiver Interaktionen im Rahmen von Projekten nutzen will, dem bleibt es unbenommen. Allerdings ist es dann günstig, wenn er:
    http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Neuron

  14. [...] This post was mentioned on Twitter by jeanpol, moveOnline. moveOnline said: @jeanpol antwort auf "vergessen" http://bit.ly/aCn3dU [...]

  15. cspannagel sagt:

    @Till @Nerddeutschland Selbstverständlich habt ihr Recht damit, dass es darauf ankommt, wie man die Tools nutzt. Dennoch finde ich, dass Werkzeuge wie Twitter und Facebook einen gewissen “unterschwelligen Druck” ausüben. Immerhin sind dort die ganzen Freunde und Bekannte, und dort “pulsiert das Leben”. Natürlich sollte (!) man dort regelmäßig hineinschauen, um Kontakt zu halten. Und wie oft hab ich schon bei Realtreffen Fragen gehört wie “Hast du meinen Tweet nicht mitbekommen?” oder “Ich hab das Foto doch neulich in Facebook eingestellt – hast du’s nicht gesehen?” … “Man muss ja nur ab und zu reinschauen, und wenn man nicht will, dann lässt mans” ist ebenso leicht gesagt wie “Man muss auf die Qualität der Kontakte achten.” Das alles erfordert zugegebenermaßen eine große Disziplin, und darüber hinaus “verschlingt” das alles in der Summe gesehen eine Unmenge an Zeit. Auch die Entscheidung, jemandem nicht zu folgen, kostet Energie.

    @Alexander “Das war früher (vor meiner Zeit im Netz) sehr viel anders, da brauchte es eine viel längere Zeit, um wieder neue Menschen zu treffen, in Kommunikation zu kommen… am und mit dem neuen Thema in die Tiefe zu gehen…” – Das muss nicht unbedingt schlecht gewesen sein. Man hat mithin den Eindruck, dass im Web 2.0 Kommunikation zum Selbstzweck wird. Hauptsache, man hat Menschen, mit denen man über seine aktuellen Interessen kommunizieren kann! Nicht selten – so zumindest mein Eindruck – resultiert daraus oberflächliches Blabla. “Strebende Menschen [...] können heute – wenn sie die Kraft und Zeit haben – immer parallel nebeneinander gehen” – Da gebe ich dir Recht. Die Möglichkeit besteht, und das ist gut so. Es bedarf nur jeder Menge Disziplin, dem Reiz der permanenten Kommunikation nicht zu “verfallen”.

    @jeanpol “Insbesondere Menschen, die mir geholfen haben, vergesse ich, glaube ich, nie.” Ich hoffe, ich bin nicht missverstanden worden. Es geht mir nicht darum, Menschen unbedingt vergessen zu wollen. In unserem eigenen Netz (Gehirn) passiert das von selbst. Mir geht es darum, dass eben dieses “natürliche soziale Vergessen” von den Tools nicht automatisch unterstützt wird. Und in diesem Zusammenhang @Oliver “so verlieren doch Bindungen zwischen Neuronen an Intensität, wenn sie nicht genutzt werden.” Eben das tun sie in Twitter und Facebook nicht. Die Streams aller Bekannten und Freunde werden undifferenziert präsentiert. Es spielt keine Rolle, ob mein Kollege, den ich täglich treffe, sagt, dass er gerade am Bahnhof steht, oder mein Schulfreund, den ich seit 20 Jahren nicht gesehen habe. In gewisser Weise sollten die Tools merken, mit wem ich oft kommuniziere, und die Mitteilungen dieser Personen als erstes auflisten (oder so ähnlich). Solche Automatismen fehlen meiner Ansicht nach zurzeit. Wenn ich Kontakte “vergessen” will, muss ich sie defrienden – und das ist wiederum eine soziale Botschaft an die entsprechende Person, die ich nicht senden möchte.

    @Jutta “aber die wertschätzung von vorher gegangenen wegen mit weggefährten bleibt doch erhalten, das finde ich entscheidend.” Auf jeden Fall. In den sozialen Netzen bleibt aber auch die Verbindung mit dieser Person einschließlich aller Informationen, die darüber fließen, erhalten. Ich “muss” mich also auch mit Personen, die nicht zu meinen aktuellen Themen passen, weiter auseinandersetzen. Oder ich entfollowe – aber macht man das?

  16. apanat sagt:

    Auf jeden Fall kosten Entscheidungen Energie.
    Nun mag jemand ganz locker für sich entscheiden, dass sie für ihn nicht zu viel kosten, und weitermachen, wie es sich gerade ergibt.

    Gerade für in der Lehre Tätige lohnt aber die verallgemeinernde Reflexion, die aus eigenen Erfahrungen hilfreiche Experimente für Lernende macht.
    Dass er das tut, habe ich bei Christians Blog immer als attraktiv empfunden.

    Bei der Kindererziehung haben wir uns immer wieder gesagt: “Das sind alles nur Phasen.” Der Prediger Salomo sagt: “Alles hat seine Zeit.”
    Twittern hat er zwar nicht aufgezählt. Aber ich bin völlig sicher, er hätte gesagt: “Twittern hat seine Zeit und Nicht-Twittern hat seine Zeit”.
    Das gilt nicht nur für einen Tagesablauf, sondern auch für einen Lebenslauf.

    Goethe hat freilich unter besonderem Druck gestanden, seine sozialen Kontakte einzuschränken. Wer wollte nicht mit Goethe reden!
    Und wenn ich die Alternative hätte, mit apanat und Konsorten zu twittern, mit Arnim Briefe auszutauschen, mit Schiller zu reden oder an meinem Faust weiterzuarbeiten, bin ich sicher, dass ich mehr reden und arbeiten als Briefe schreiben oder gar twittern würde.
    Goethe hätte freilich bestimmt versucht, über Twitter Anhänger für seine Farben lehre zu gewinnen. ;-)

  17. Oliver Tacke sagt:

    @Christian ”„so verlieren doch Bindungen zwischen Neuronen an Intensität, wenn sie nicht genutzt werden.“ Eben das tun sie in Twitter und Facebook nicht. Die Streams aller Bekannten und Freunde werden undifferenziert präsentiert. Es spielt keine Rolle, ob mein Kollege, den ich täglich treffe, sagt, dass er gerade am Bahnhof steht, oder mein Schulfreund, den ich seit 20 Jahren nicht gesehen habe. ”

    Ah, hier verstehen wir das unterschiedlich – das würde ich allein als Vorhandensein des Kanals mit Option auf Kommunikation beschreiben, noch nicht als Nutzung der Verbindung.

    ”In gewisser Weise sollten die Tools merken, mit wem ich oft kommuniziere, und die Mitteilungen dieser Personen als erstes auflisten (oder so ähnlich). Solche Automatismen fehlen meiner Ansicht nach zurzeit. Wenn ich Kontakte „vergessen“ will, muss ich sie defrienden – und das ist wiederum eine soziale Botschaft an die entsprechende Person, die ich nicht senden möchte.”

    Ja, das verstehe ich. Google hat so etwas neuerdings für seinen E-Mail-Dienst eingeführt: http://mail.google.com/support/bin/answer.py?hl=de&answer=186531
    Allerdings werden dafür Profile über dein Kommunikationsverhalten erstellt (anderes Thema).

  18. @Apanat
    “Goethe hätte freilich bestimmt versucht, über Twitter Anhänger für seine Farben zu gewinnen.”
    - Ja, bestimmt!

  19. Maik Riecken sagt:

    Das mit dem impliziten Druck kann ich schon nachvollziehen. Fühle mich manchmal wie “Seven of Nine”, die zwei Wochen vom Kollektiv der Borg getrennt ist – und diese Informationsströme im Netz haben für mich immer ein wenig etwas von Borg – wenn ich die Beschreibung der Borg jetzt lese, finde ich schon so manche Gemeinsamkeit zum SocialWeb – es geht ja viel um Assimiation von Wissen um der Assimilation und nicht des konkreten Handelns Willen… Aber natürlich gibt es auch gravierende Unterschiede.

    Und ich versuche immer noch punktuell Akzente zu setzen.

    Maik

  20. Maik Riecken sagt:

    Uups – er hat meine Wikepedialinks von “Seven of Nine” und Borg gefressen – naja, sind ja alle medial kompetent hier.

  21. @Christian “Die Möglichkeit besteht, und das ist gut so. Es bedarf nur jeder Menge Disziplin, dem Reiz der permanenten Kommunikation nicht zu „verfallen“.”

    Ich sehe es für mich (und auch für und mit vielen meiner Gesprächspartner) als eine Art Herausforderung an: Es ist wie im “wirklichen Leben” – eine Unmenge an Möglichkeiten und manchmal wird man vor lauter Entscheidungen treffen zu müssen, müde, lethargisch, verrückt, handlungsunfähig…

    Das Web2.0 ist eine gute Übung mit komplexen Systemen (innerhalb = Ich / außerhalb = Wir) zu “spielen” – man kann reingehen, rausgehen, ausprobieren – alles ist erlaubt!

    Das zu verstehen kann noch eine Weile dauern, denn wir kommen ganz schnell an unsere persönlichen Grenzen: Seien es die “ich muss doch wie ein Neuron sofort und immer feuern”, oder ich kann den Schalter (Bildschirm) nicht ausstellen (es könnte sich ja noch etwas tolles ereignen), oder wenn ich jetzt ne Woche weg bin, dann haben “die” mich nicht mehr lieb…usw. etc. pp

    Ich finde das absolut spannend was da passiert – bei mir, bei den anderen, gesellschaftlich. Vermutlich liegt das an meinem Beruf. Die Entwicklung passt in jeder Hinsicht gut ins Thema mindlounge =)

  22. @Christian
    Klar, dass dein Beitrag mich angeregt hat, erneut mein Verhalten im Netz zu analysieren. Ich definiere meine Arbeit als Wissenschaftler so, dass ich kollektive Reflexion anrege und organisiere. Ich versuche also ständig Menschen, die in eine bestimmte Richtung denken, miteinander zu verbinden, werbe für gewisse Ideen, speise Menschen und Ideen in adäquaten Kontexte immer wieder ein, sorge für Turbulenzen wenn des angebracht ist und die Reflexion fördert, usw… Daher meine intensive Präsenz im Netz. Aber das passt besonders für meinen ganz spezifischen Forschungsansatz.

  23. cspannagel sagt:

    @apanat “Twittern hat seine Zeit und Nicht-Twittern hat seine Zeit. Das gilt nicht nur für einen Tagesablauf, sondern auch für einen Lebenslauf.” – … und passt ziemlich gut zu meinen eigenen Erfahrungen.

    @Oliver “Ah, hier verstehen wir das unterschiedlich – das würde ich allein als Vorhandensein des Kanals mit Option auf Kommunikation beschreiben, noch nicht als Nutzung der Verbindung.” Und das Vorhandensein eines Kanals ist bereits eine zusätzliche “Informationsbelastung”. Man muss gut auswählen, welche Kanäle man aufmacht und welche nicht. Twitter und Facebook öffnen sehr leicht ganz viele Kanäle. Jeder muss für sich entscheiden, wie viele Kanäle er verträgt.

    @Maik Das war mein Spamfilter. ;-))

    @Alexander “oder wenn ich jetzt ne Woche weg bin, dann haben “die” mich nicht mehr lieb…” – Das beschreibt ziemlich gut den “sozialen Druck”, den die Nutzung von Networks hervorruft. Und manch einer will sich dies vielleicht nicht eingestehen.

    @Jean-Pol “Ich versuche also ständig Menschen, die in eine bestimmte Richtung denken, miteinander zu verbinden, werbe für gewisse Ideen, speise Menschen und Ideen in adäquaten Kontexte immer wieder ein, sorge für Turbulenzen wenn des angebracht ist und die Reflexion fördert, usw.” – Das kostet zugegebenermaßen sehr viel Energie. Man muss sich überlegen, ob das wirklich effektiv ist, d.h. ob sich dieser Einsatz “lohnt”. Ich habe da mittlerweile meine Zweifel. Wie viele Tweets muss ich absetzen, wie oft muss ich auf Tweets reagieren, um die gleichen Effekte zu bewirken wie durch einen gut durchdachten und umfassend rezipierten Weblog-Artikel?

  24. Oliver Tacke sagt:

    @Christian
    Da stimme ich dir zu, jeder muss SELBST entscheiden, wie viel er verarbeiten kann. Für mich kann ich beispielsweise keinen sozialen Druck feststellen. Den verspüre ich höchstens dann, wenn ich die Person besser kenne und möglichst auch im echten Leben getroffen habe. Ich habe nicht das Bedürfnis, ständig über alles informiert sein zu müssen, was meine “Freunde” (zum Begriff siehe beispielsweise einen Blogeintrag von Monika aka mons7: http://lernspielwiese.wordpress.com/2010/06/10/freunde-im-social-web-meine-personliche-strategie/). Insofern regelt sich das “soziale Vergessen” bei mir von ganz allein. Ich wäre dennoch froh, auf solche Kontakte zurückgreifen zu können, wenn es mal sinnvoll erscheint. Neuronen sind nicht beleidigt – auch dann nicht, wenn man sich länger nicht mit ihnen beschäftigt hat.

  25. @Oliver
    Voll einverstanden!:-)
    @Christian
    “Ich habe da mittlerweile meine Zweifel. Wie viele Tweets muss ich absetzen, wie oft muss ich auf Tweets reagieren, um die gleichen Effekte zu bewirken wie durch einen gut durchdachten und umfassend rezipierten Weblog-Artikel?”
    - Wir haben unterschiedliche “Forschungsansätze”. Du konzentrierst dich auf die Inhalte und präsentierst deine neuen Erkenntnisse in gewissen Abständen in deinem Blog. Ich konzentriere mich auf die Menschen und schaue, was sie tun und denken und wenn der Augenblick gekommen ist, kontaktiere ich sie, um sie anzuregen, um selbst von ihnen etwas zu erfahren oder um sie mit anderen Leuten zu verbinden. Wie gesagt: ich organisiere kollektive Reflexion um bestimmte Themen herum. Wissenschaftsorganisation war immer schon Menschen zusammenbringen und kollektive Reflexion zu organisieren, aber das ging nur sehr langsam. Jetzt kann man die Akteure permanent beobachten und je nach opportunity ansprechen, anregen, vernetzen. Inzwischen kenne ich, glaube ich, z.B. Oliver Tacke, Jutta Dietberg, Michael Wald, Walter Böhm, Lutz Berger, Maik Riecken, Monika7, und noch einige sehr gut. Ich beobachte sie permanent (was nicht bedeutet, dass ich sie permanent kontaktiere). Und wenn ein Thema plötzlich sich anbietet, kommen wir zusammen und produzieren Inhalte. Das ist für mich “Dranbleiben” und “Vertiefen”. Im Gegensatz zu den Befürchtungen der Unkundigen führt intensive Internetnutzung nicht zur Verflachung der Beziehungen, sondern zu einer radikalen Vertiefung! Zumindest ist das bisher meine Erfahrung.

  26. [...] This post was mentioned on Twitter by Michael Wald, jeanpol and jeanpol, jeanpol. jeanpol said: @Filterraum @jdierberg @lutzland @mons7 @otacke Spannagels Blogeintrag. Was meint Ihr zu meinem Kommentar hier? http://tinyurl.com/3ymzq44 [...]

  27. Filterraum sagt:

    vielleicht ein weiterer redundanter hinweis, aber da hat jemand eine interessante masterarbeit geschrieben:

    Informationsüberlastung im Social Web
    http://websquare.imb-uni-augsburg.de/files/Masterarbeit_Hanni_Demmeler.pdf

  28. cspannagel sagt:

    @Oliver “Neuronen sind nicht beleidigt – auch dann nicht, wenn man sich länger nicht mit ihnen beschäftigt hat.” – Fraglich ist, wie viele deiner Kontakte das verinnerlicht haben.

    @Jean-Pol Der Unterschied zwischen uns liegt – so meine ich – im Wesentlichen in der Textlänge (120 Zeichen vs. unbegrenzt) und in der Häufigkeit. Kollektive Reflexion anregen – geht das besser mit Twitter oder mit Blogs? Ich denke, gerade Reflexionen verlangen nach elaborierten, gut durchdachten Texten. Twitter kann meiner Erachtens im Wesentlichen dem Austausch kurzer Gedankenimpulse dienen (was ja nicht schlecht ist). Reflexionen sind meines Erachtens besser in Blogs aufgehoben.

    “Jetzt kann man die Akteure permanent beobachten” – Beobachten geht auch mit Blogs und RSS-Feeds. Dennoch hat dieses Beobachten eine andere Qualität. Es ist “nicht so permanent” wie in Twitter, daher “entspannter”. Fraglich ist, wie groß die Permanenz sein muss. Ich tendiere zu längeren Pausen zwischen den einzelnen Beobachtungen und nutze diese Zeit zum Überlegen. Antworten können zudem elaborierter in Weblogs als in Twitter gegeben werden. Wie gesagt: Twitter hat seine Berechtigung, aber meiner Erachtens ist es zum Anregen kollektiver Reflexionen wesentlich weniger gut geeignet als Weblogs.

    “Im Gegensatz zu den Befürchtungen der Unkundigen führt intensive Internetnutzung nicht zur Verflachung der Beziehungen, sondern zu einer radikalen Vertiefung!” – Brauche ich dazu den permanenten Austausch von 120-Zeichen-Nachrichten? Oder lässt sich diese Vertiefung nicht besser durch längere Texte, in denen sich Gedanken besser elaborieren lassen, erreichen?

  29. cspannagel sagt:

    @Filterraum Danke für den nicht-redundanten Link. Die Arbeit kannte ich noch nicht, und werde sie mir in einer ruhigen Stunde zu Gemüte führen. :-)

  30. Maik Riecken sagt:

    @jeanpol
    „Im Gegensatz zu den Befürchtungen der Unkundigen führt intensive Internetnutzung nicht zur Verflachung der Beziehungen, sondern zu einer radikalen Vertiefung!“

    Ja und nein.

    Die Frage ist, wozu eine Beziehung führen muss, um einen individuellen(!) Wert zu besitzen bzw. – um weniger idealistisch mit einen Aktionforscher der Gegenwart zu sprechen – Bedürfnisse beider Kommunikationspartner maximal zu befriedigen.

    Eigentlich hat es fast etwas von Unterricht: Im Moment des Unterrichts werden selten bis keine Emergenzen ausgelöst, in zwei bis drei Jahren nach der Schule vielleicht auch noch nicht, aber vielleicht irgendwann. Das gilt auch für Blogartikel, von denen Christian spricht. Das muss man dann aushalten und schätzen lernen – ich muss mich bei meinen Schülern teilweise rechtfertigen, warum ich Unterricht öffentlich im Blog reflektiere – gerade heute fragten sie mich etwas zu den AGB-Änderungen unser lokalen Community. Diese Emergenz bedurfte jahrelanger Arbeit – und vieler Vertretungsstunden.

    Im SocialWeb muss ich nichts aushalten – da kommt es sofort oder nicht. Ich bin mir unsicher, wie nachhaltig solche Beziehungen sind und ob sie zu dem eigentlichen Wichtigen führen: Dem konkreten Handeln, der konkreten Arbeit. Das sehe ich nicht oder wenig unter lauter Individuuen. Ich kann hier vor Ort mit ganz anderen Facetten meiner Persönlichkeit und gänzlichen anderen Fähigkeiten wirken, die im Netz niemand kennt und die ich dort auch nicht transportieren kann und will, weil sie in meinen Augen nicht materialisierbar sind – schon gar nicht in Bits & Bytes.

    Gleichwohl wäre ich ohne Twitter nie auf ein Barcamp gefahren oder hätte Christian zu mir in die Schule eingeladen – der Film löst hier lokal übrigens immer noch Emergenzen aus.

    Maik

  31. Oliver Tacke sagt:

    @Christian
    Dieselbe Frage kam mir beim Verfassen auch schon, und vermutlich müsste man sie verneinen. Interessanterweise schien das in der Praxis aber noch kein Problem zu sein. Möglicherweise können Menschen ganz unbewusst doch zwischen Freunden im realen Leben und “Freunden” auf Facebook & Co. unterscheiden.

  32. @Christian @Maik
    Tja… Es ist schwer, sich über die Vorteile des Twitterns mit Leuten zu unterhalten, die nicht twittern!:-) Und das Twittern ist nur ein Tool unter den verschiedenen, die ich alle – zwingend – benutze. Twitter, Wikis, Blogs und face-book. Ich brauche alle. Aber das will ich nicht generalisieren: ich spreche für mich, mit meinen ganz spezifischen Zielen: kollektive Reflexion anregen, überall kleine Perturbationen verursachen, Emergenzen langfristig ansteuern und wenn sie tatsächlich kommen, erkennen, auf diese Emergenzen aufmerksam machen (durch Twitter), selbst permanent konzeptualisieren und die Ergebnisse dieser Konzeptualisierungen in meinen Blog einspeisen, Philosophie-Workshops mitgestalten und die Teilnehmer bitten, ihre Texte in Wikis hochzuladen, usw…

  33. [...] dem Titel  “Über soziale Kontakte und den Wert des Vergessens” auf seinem Blog geschrieben. In diesem Artikel möchte ich auf das “Social Media”-Dilemma der [...]

  34. cspannagel sagt:

    @Maik “der Film löst hier lokal übrigens immer noch Emergenzen aus.” – Echt? Welche denn? Willst du mal einen Blogartikel dazu schreiben?

    @Jean-Pol “Es ist schwer, sich über die Vorteile des Twitterns mit Leuten zu unterhalten, die nicht twittern!:-)” – Naja. Ich denke, ich kann immer noch mitreden. ;-) … “überall”… “permanent”… das alles kostet ziemlich viel Energie, und man darf sich schon fragen, ob sich dieser Einsatz lohnt, oder ob man dieselben Effekte nicht mit anderen Aktionen erreichen kann, z.B. mit gezielt eingesetzten Weblog-Artikeln.

  35. @Christian
    “Naja. Ich denke, ich kann immer noch mitreden. ;-)” :-) who knows?

  36. eine antwort auf #sozialer druck (nicht auf wirksamkeit twitter, facebook, blog..)

    überall wo menschen kommunizieren, und wie wir wissen können sie garnicht anders, werden erwartungen kreiiert, explizit, implizit etc. -
    wir können nicht nicht erwarten, es sei denn wir haben uns auf den pfad des zen begeben und üben es. -
    ob ich jemanden physisch treffe und er mich danach fragt ob ich seinen eintrag xy gelesen habe, ob ich jemanden nur virtuell kenne und ihm anbiete ihn physisch kennen zu lernen (eine bittere erfahrung als ich tatsächlich eine interessante frau in SL kennen lernte, die 10 km von mir entfernt wohnt, die stecknadel im heuhaufen, und sie SL und RL weiterhin strikt trennen wollte), ob verwandte meinen ein recht auf eine ganz bestimmte kontaktfrequenz quasi per geburt erheben zu können, ob wir selbst meinen, wenn wir A gelesen haben, müssten wir die suppe bis Z auslöffeln. erwartungen wohin das auge schaut. -

    erst mal hecheln……

    teaser, aufforderungen, wünsche, einladungen, angebote, forderungen -

    wenn’s schlimm wird bekomme ich physischen schwindel, sehr unangenehm. dann wieder fühle ich mich frei und leicht wie ein vogel. die welt bleibt immer gleich, interessant.

    aber konkret: entfollowen, ja, fällt nicht leicht. zu sagen: “ich komme nicht zur beerdigung” auch nicht…
    oder impliziter: ich antworte jetzt einfach nicht auf x im blog oder die frage von y in twitter, ohne angaben von gründen. oder rufe freund x nicht zurück, oder beantworte sein mail nicht gleich oder garnicht.

    tja, es ist ein ständiger aushandlungsprozess, eine bessere lösung fällt mir hierzu nicht ein :-)

  37. #sozialer druck

    als ergänzung möchte ich noch hinzu fügen, dass die codierung und decodierung eine zentrale rolle spielen im aushandlungsprozess.

    beispiel freundeslisten in plattformen: jeder geht anders mit diesem werkzeug um. von einer freundesliste geworfen zu werfen, bedeutet für den einen (emotional) das ende seiner tage, ein anderer nimmt es zum anlass, selbst ein wieder mal durch zu putzen und hält sich die option offen, bei gegebenem anlass den jetzt ausgefegten später als freund ein zu laden.

    diese klärungen wie: mensch, das hat mich jetzt aber doch getroffen, obwohl ich weiss, dass….oder: was bedeutet es eigentlich für dich wenn du…oder : ich handhabe es derzeit so, habe es aber früher ganz anders und wie ich es morgen handhabe kann ich nicht mit bestimmtheit sagen….
    finde ich extrem wichtig. mit codes ist nicht zu spassen und es lohnt sich nach lösungen zu suchen.

  38. mir kommt Karl Jaspers in den Sinn. Er spricht von Grenzerfahrungen. Nicht nur von den extremen, sondern auch den Grundgegebenheiten, die unser tagtägliches Leben kennzeichnen….

    Gehe ich auf einen Freund intensiver ein, versäume ich es andere Beziehungen zu vertiefen. Kümmere ich mich heute mehr um die eigenen Kinder, kann ich meine Vorbereitungen für den Unterricht nicht ganz so gründlich machen. usw. usf. -

    Wir nennen es heute “Stress”, Jaspers nennt es eben Grenzerfahrungen. Er spitzt es zu…

    …auf die Frage: wann ist eine Begegnung, ein Tag, ein Leben vollständig ? Und es liegt auf der Hand, rein summarisch betrachtet eben nie. Da sind diese Brüche, Abbrüche, Unterbrüche (Schweizer Deutsch, passt grad gut). Diese Fetzen und Fäden, die ins Nichts zu laufen scheinen.

    Wenn ich ihn richtig verstehe, kommen wir unweigerlich an den Punkt zu kapitulieren. Was bei Jaspers aber nicht heisst zu resignieren, sondern durch diese Erfahrung hindurch zu gehen, die Grenzen aktiv an zu nehmen und dadurch zu transzendieren.

  39. ekirlu sagt:

    >> Und wie oft hab ich schon bei Realtreffen Fragen gehört wie „Hast du meinen Tweet nicht mitbekommen?“ oder „Ich hab das Foto doch neulich in Facebook eingestellt – hast du’s nicht gesehen?“ <<

    Dabei lässt Du außer acht, dass Du am Anfang sehr genau auf jede Regung reagiert hast, Du hast fast jeden link gelesen, alle Bilder gesehen. Du hast qualitatives Feedback gegeben und selbst interessante Dinge produziert. Dadurch wurdest Du zum Hub. Du hattest die Messlatte sozialen Drucks selbst gelegt. Umso besser, dass du sie selbst wieder runter geschraubt hast.

    Jetzt kann ich auch Deine Frage nach mehr Tiefe beantworten: Du reflektierst nicht mehr nur gesehenes, geschehenes, Dinge, Begegnungen und andere – sondern auch Dich selbst/ Dein Inneres.

  40. @cspannagel

    Natürlich erzeugen Formate wie Twitter auch soziale Erwartungen bezüglich der “richtigen” Teilnahme, sind auch deswegen so beliebt, weil sie eine gewisse Sogwirkung entfalten. Aber auch diese Erwartungshaltungen sind nicht in Beton gemeiselt. Ich gehe einfach davon aus, dass sich verschiedene “legitime” Web2.0-Nutzungsstile ausdifferenzieren und etablieren, und damit auch dauerhaft möglich werden. Und dazu kann eben auch das sehr begrenzte Nutzen mit einem bewussten Verzicht auf Ständig-Kommunizieren-und-Reagieren gehören. Ich selbst mache das anders (zumindest bei Twitter, bei Facebook ignoriere ich relativ viel, z.T. auch maschinell unterstützt) – ich kenne aber eben auch genügend Leute, die Twitter (fast) nur lesend nutzen. Why not? (Auch “Nö, habe ich nicht gesehen …” ist ja eine legitime Antwort auf die Frage nach dem Facebook-Foto).

    Hilfreich vielleicht eine (sicherlich von irgendwem auch schon theoretisch unterfütterte) Unterscheidung zwischen Fluss-Medien und Schritt-Medien. Fernsehen ist ein Fluss-Medium – es hört nie auf (kontinuierlich). Eine Zeitung dagegen ist ein Schritt-Medium; begrenzt und immer wieder von Nicht-Zeitung und Zeiten ohne Aktualisierungen unterbrochen (diskret).

    Das ganze geht nun auch mit Produktion/Rezeption als Doppelrolle: Twitter ist prinzipiell auch eher ein Fluss-Medium. Direkte E-Mail ist ein Schritt-Medium (diskret, turn-based communication). Wer auf jeden Tweet reagiert, benutzt Twitter wie ein Schritt-Medium. Ich fühle mich gerade auf dem Weg dazu, anzuerkennen, dass es ein Informationsfluss ist – und es damit einen engen Aktualitätshorizont gibt: nichts ist so uninteressant wie die Tweets von vor zwei Stunden. Jedenfalls kann es sinnvoll sein, sie so zu behandeln. Was für viele relevant ist, wird oft genug wiederholt und weitergegeben, um auch bei einem nur gelegentlichen Blick auf den Info-Strom sichtbar zu werden. Andere Informationen gehen unter – aber das macht nichts, weil ich eben auch nur Teil einer diffusen Teil-Öffentlichkeit bin, an die diese adressiert waren.

  41. @Till Westermeyer

    die unterscheidung von schitt- und flussmedium finde ich interessant.
    in bezug auf twitter und facebook kommt jedoch die komponente der aktiven auswahl von freunden hinzu und damit die definitionsnotwendigkeit der verbindlichkeit. das ist eben das neue dieser medien. am “gesagten” hängen viel unmittelbarer noch die menschen dran, was ja die faszination ausmacht.

    (aber das hast du etwas anders ja alles schon gesagt ;-) )

  42. ixsi sagt:

    Zum Fernsehen gibt es ein Programm, aus dem man die Sendungen auswählen kann, die man sehen möchte (außer man zappt nur). Für twitter gibt es leider kein Programm, man weiß ja nicht, wann wieder jemand etwas twittern wird. Insofern ist twittern wie zielloses zappen: irgendwann findet man vielleicht etwas interessantes.

  43. @ixis und @Jutta Dierberg: Wenn ich beide Kommentare zusammen nehme, dann ist Twitter zwar so wie Fernsehen, nur dass es kein Programm gibt. Es ist aber auch nicht so wie zappen, weil wir über die Auswahl der Twitter-Kontakte schon so ungefähr festlegen, welche Sendungen wir denn sehen würden wollten. Damit steigt dann die Wahrscheinlichkeit, dass das ziellose Zappen doch ankommt.

  44. @Till deine zusammenfassung erheitert mich, Chaplin hätte bestimmt was gutes draus gemacht ;:-) -

    grad fällt mir noch was auf zu
    “….das ziellose Zappen doch ankommt”.

    ich habe den verdacht, dass ich ein bestimmtes ideal der tages-, wochen-, lebensgestaltung doch sehr verinnerlicht habe, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, dass dies je explizit formuliert wurde, von bestimmten situationen abgesehen. es muss so etwas gegeben haben wie: man plant seine arbeit und verrichtet sie auch so und dann ist es gut. daraus leite ich ab, dass wenn ich schön gerichtet z.b. nach stoff im internet recherchiere und ihn tatsächlich finde, dann war das arbeit. wenn ich aber durch zufall, eben twitschern, etwas tolles finde, dann war das spiel, es zählt nicht so richtig ;:-)

  45. Maik Riecken sagt:

    @christian
    “Willst du mal einen Blogartikel dazu schreiben?”

    Ich schreibe dir lieber eine Mail. Dabei geht es primär um Wahrnehmung oder Veränderung von Wahrnehmung, die ihr in der Schulgemeinschaft mit ausgelöst habt. Nähere Details dazu gehören nicht ins Netz.

    Maik

  46. cspannagel sagt:

    @Jutta “tja, es ist ein ständiger aushandlungsprozess, eine bessere lösung fällt mir hierzu nicht ein” – Ich stimmte dir vollkommen zu. Das Dilemma: Umso mehr Netzwerke man pflegt, umso mehr Aushandlungsprozessen ist man ausgesetzt. Ich habe mich neulich mal mit Alexander Rausch über dieses Thema unterhalten, und er meinte richtigerweise: Jeder Klick im Netz, jede Antwort (oder Nicht-Antwort) ist eine Entscheidung. Und diese unzähligen Entscheidungen belasten (vielleicht erst unmerklich, dann aber immer mehr). Vielleicht muss man sich selbst vor einer Flut an Aushandlungsprozessen und Entscheidungen schützen. Dadurch würde dann vielleicht auch die Anzahl an Grenzerfahrungen (den Begriff finde ich passend) sinken.

    @ekirlu “Du hattest die Messlatte sozialen Drucks selbst gelegt.” – Ja, das weiß ich. Ich weiß, dass ich es übertrieben habe. Insofern sind die Kommentare (z.B. von Till) natürlich schon richtig, dass es nicht die Medien sind, sondern die Verwendung der Medien, die belasten kann. Ich schreibe dies hier auch nicht, um Twitter und Co. zu verteufeln, sondern um meine eigene Verwendung zu reflektieren und zur kollektiven Reflexion anzuregen (gell, Jean-Pol? ;-)). Aber das sagst du ja auch. ;-)

    @Till “Ich fühle mich gerade auf dem Weg dazu, anzuerkennen, dass es ein Informationsfluss ist” – Das war mich auch meist bei meiner eigenen Twitterei klar. Dennoch: Jedes mal, wenn ich Tweetdeck geöffnet habe, haben zahllose Entscheidungen auf mich gewartet (siehe oben).

    @Maik Ja, ich freue mich auch auf die Mail – und bin gespannt.

  47. Ich habe alles gelesen. Ich bedauere es nicht, habe damit keine Zeit verloren und fühle mich nicht gezwungen, noch was dazu zu sagen!:-) Alles OK! Ich liebe diese ganzen tools!

  48. @cspannagel der lehrerberuf gehört ja sowieso zu denjenigen, die im sekundentakt entscheidungen fordern, insofern ist schützen sicher angebracht :-)

  49. @jeanpol während du deine adrenalinstösse brauchst, weil du immer auf hohem level gefahren bist :-)

  50. ekirlu sagt:

    @cspannangel Da hast Du mich missverstanden. Am Anfang war es noch nicht zuviel alle Links zu lesen und Bilder anzusehen. Wer nur 25 Menschen followed, kann fast alle tweets lesen ohne viel Zeit zu investieren. Doch mit der Zeit wurde es unübersichtlich und das ist ganz normal. Das war also kein Vorwurf, sondern eine nüchterne Feststellung ;-) (Reduktion des Problems auf den Ursprung)

  51. cspannagel sagt:

    @ekirlu Damit hast du vollkommen recht. Und ich hatte es auch gar nicht als Vorwurf verstanden. :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s