Ein viel verwendetes Wort im Web 2.0 ist Authentizität. Wir sind hier alle ganz authentisch. Klingt albern, ist aber was dran. Wer Twitter in seinen Alltag integriert und “als Person” twittert, kann sich auf Dauer nicht erfolgreich verstellen. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass die Gesamtheit der Mitteilungen inkonsistent wird, und dass das irgendjemand bemerkt und dann zum Thema macht. Außerdem macht Verstellen keinen Spaß. (Ich merke, die Argumentation wird gerade sehr subjektiv. Macht aber nix.)
Jean-Pol hat auch gerade den Weg der Tugend für sich entdeckt. Sein Fazit in dem Bereich lauter: “Man kann auf Dauer nur dann Spaß haben, wenn man tugendhaft ist.” Auch da ist was dran. Ich habe im letzten Jahr gelernt, dass prinzipielle Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber und auch gegenüber anderen das Leben enorm entspannend macht und man aus einer viel größeren Gelassenheit heraus agieren kann. Dabei meine ich nun nicht nur, dass man nicht absichtlich lügen sollte, sondern auch die folgenden Aspekte:
- Problem 1: Man baut den Schein auf und muss ihn aufrecht erhalten. In der Wissenschaft ist diese Methode an vielen Stellen subtil vorhanden. “Ich habe ganz wichtige Forschungsprojekte.”, “Ich habe ganz wichtige Forschungsergebnisse herausbekommen.”, usw. Insbesondere letzteres ist oft fragwürdig: Es ist gängige Praxis, nur Ergebnisse vorzustellen, in denen tatsächlich auch jede Menge signifikante Unterschiede gefunden wurden. Diejenigen, in denen kein einziger signifikanter Unterschied gefunden wurde, werden nicht präsentiert. Neulich, auf einer Tagung, hat eine Session-Moderatorin (ich glaube, Professorin) einen Doktoranden nach seinem mutigen Vortrag gefragt, wie er denn in seiner Dissertation damit umgeht, dass er keine Signifikanzen gefunden hat. Eine sehr seltsame Frage, wie ich finde. Diese Frage lässt nämlich vermuten, wie diese Professorin ihre eigenen Doktoranden berät. In der Wissenschaft sind eben alle ganz wichtig, und zwar unter anderem deshalb, weil sie ganz wichtige Ergebnisse herausgefunden haben. Und außerdem, weil sie alle ganz klug sind, sie sind ja schließlich Professoren, und das sind ja vermutlich die intelligentesten Personen hier auf der Erde. (Mein Eindruck manch eines Professors, der über eine Tagung “gockelt”.) Und: Dieses Verhalten wird von den Nachwuchswissenschaftlern kopiert. Lernen am Modell eben. Bandura durch die Hintertür. Und, nur um mal ein anderes Feld anzureißen: Welche Gedanken erzählt man seinem (Ehe-)Partner lieber nicht?
- Problem 2: Man macht sich selbst etwas vor. Das ist noch schwieriger zu akzeptieren als Problem 1, und letztlich ist es auch eine Verschärfung. Es ist das internalisierte Scheinverhalten, vermischt mit Wunschdenken (“So wäre ich gerne, so würde ich gerne sein, und eigentlich kann ich ja schon mal so tun, als sei ich so.”) Dies wird beispielsweise dadurch unterstützt, dass man sich im Web mit denjenigen Personen vernetzt, die dieselbe Meinung haben wir man selbst. Man sucht sich positive Verstärker, damit man sein Bild von sich gefahrlos weiter aufrecht erhalten kann. Dieses Problem führte vor einiger Zeit mal bei mir zu einem Abbruch bestimmter Netzaktivitäten (und es ist für mich interessant, jetzt nochmal den Artikel von damals zu lesen; eine z.T. übertriebene Reaktion, wie ich jetzt finde.)
Die Lösung dieser Probleme ist eigentlich “ganz einfach”: Man sagt, was man denkt, und man sagt, wie es ist. Fertig. Man stellt die Wahrheit nicht selektiv oder derart verzerrt dar, dass man nicht aneckt. In der Wissenschaft bedeutet dies: Wenn ich keinen einzigen signifikanten Unterschied gefunden habe, dann habe ich keinen gefunden. Fertig. Da, das sind meine Ergebnisse. Durch dieses Verhalten wird man zum Beispiel für andere (ebenso Lernen am Modlel). Und vielleicht ändert sich dann (über einen langen Zeitraum) eine Scheinkultur in eine Seinkultur. Letztlich ist das aber auch wurscht. Das Ganze ohne Idealismusanspruch – Es geht mir “nur” um eine Grundhaltung, die einen selbst glücklich macht.
Eine passende politische Reaktion in den letzten Tagen wäre in diesem Sinne die folgende gewesen: “Ich habe Mist gebaut, ich habe ein Plagiat angefertigt. Natürlich hab ich das absichtlich gemacht, und es war dumm. Es tut mir leid, es war ein Fehler. Ich bereue es. Ich würde aber trotzdem gerne im Amt bleiben, einfach weil ich zurzeit der einzige bin, der diesen Job super machen kann. Also: Ich werde euch in nächster Zeit zeigen, dass ich es besser kann.” In der Politik ist es allerdings so, dass Authentizität nicht relevant ist. Aber Spaß hat man dort sooo vermutlich auch keinen.




