Archiv für September, 2011

Am Freitag, dem 30. September 2011, habe ich um 15 Uhr einen Vortrag zum Thema “Öffentliche Wissenschaft” in Maputo. Und toll daran ist, dass die Kollegen hier vor Ort Lust auf Experimente haben. Wir werden versuchen, den Vortrag per ustream ins Internet zu übertragen und einen Twitter-Backchannel einzurichten mit einer Twitterwall, sodass ihr euch von außen auch beteiligen könnt. Das wäre krass, wenn das klappen würde, was? Experimentell ist es deswegen, weil es hier zum Teil schwierige technische Bedingungen gibt. Es ist unklar, ob das Streaming gelingen wird, und ob wir überhaupt Internet haben. Aber, auf einen Versuch kommt es an. Zur Not haben wir vielleicht nur den Twitter-Backchannel und ich versuche, einen Austausch über Twitter zu integrieren.

Also: Es wäre schön, wenn ihr am Freitag, 30. September, 15 Uhr mit dabei wärt (vielleicht in ustream und twitter, vielleicht nur in twitter, je nach dem). Und: Es kann sein, dass wir nicht pünktlich beginnen, also: bleibt entspannt. Und es kann sein, dass gar nix passiert und ihr auch nix von mir hört, weil ich nicht ins Internet komme. Und es kann sein, dass ustream hakt, dann ignoriert das einfach und macht nur über Twitter mit. Lust, bei dem Experiment mitzumachen und vielleicht den Kollegen hier in Maputo über die Twitterwall hallo zu sagen und über öffentliche Wissenschaft zu diskutieren? Dann sag ich mal: “Ciência Aberta no Web 2.0: Construindo redes de aprendizagem com weblogs, wikis, e twitter”. Der Vortrag ist übrigens auf Englisch, nicht auf Portugiesisch :-) .

[Update] Ah, ich vergaß: Bei “Open Science in Maputo” bietet sich der Hashtag #osmaputo an.

Auf der Suche nach einer Forschungsfrage

Veröffentlicht: Freitag, September 23, 2011 in Maputo
Schlagworte: ,

Mein Workshop in Mosambik ist überschrieben mit dem Titel “Research and Scientific Writing in Mathematics Education”. Es nehmen daran ca. 20 Studierende teil, die jetzt damit beginnen, ihre Masterarbeit (Master of Education) zu schreiben. Am Ende des Workshops sollen nach Möglichkeit alle Studierenden ihr research proposal vorliegen haben, zumindest aber eine Forschungsfrage und erste Ideen zur Umsetzung ihres Forschungsprojekts.

Das ist eine extrem spannende und zugleich fordernde Situation für mich: 20 Studierende, die überwiegend nur Portugiesisch und kaum Englisch sprechen (grundsätzlich aber Englisch verstehen, zumindest in Grundzügen), und von denen ein Großteil noch keine Idee hat, was ihre Forschungsfrage sein könnte, soll ich dahin führen, am Ende des Workshops ein research proposal vorliegen zu haben – auf Portugiesisch natürlich. Ein Student hat es gleich zu Beginn des ersten Tages auf den Punkt gebracht: „Teacher! I have no idea for a research question. Can you help me?” – Uffz.

Ich habe damit begonnen ihnen deutlich zu machen, wie wichtig es ist, mit einer Forschungsfrage zu beginnen (und nicht etwa mit der Datenerhebung). Also: Die Forschungsfrage bedingt eine gewisse Forschungsmethode, mit der man Daten gewinnt, die man schließlich analysiert, um mit den Analyseresultaten die Frage zu beantworten. The big question ist aber: Wie kommt man zu einer Forschungsfrage, so ganz am Anfang? Insbesondere dann, wenn man noch überhaupt keine Idee hat?

Manch einer würde behaupten, man leitet sie aus Theorien ab, die man in der Literatur findet. Weit gefehlt. Theorie und Literatur kommen erst an zweiter Stelle zum Tragen. An erster Stelle steht das persönliche Interesse: Welcher Bereich interessiert mich eigentlich? In welchem Feld will ich forschen? Was könnten hier interessante Fragen sein? Ich habe die Studierenden eine Grafik erstellen lassen: Ihr Name in der Mitte, dann drei Äste, an denen „interests“, „experiences“ und „context“ steht. Da das Finden einer Forschungsfrage ein kreativer Akt ist, war Brainstorming angesagt. Sie sollten aufschreiben, welche Dinge sie in ihrem Studium besonders interessiert haben („interest“), welche Erfahrungen sie in der schulischen Praxis bereits gemacht haben („experiences“) und in welchem Kontext sie gerade tätig sind („context“) – viele sind nämlich Lehrende und können unter Umständen ihren Lehrkontext als Forschungsfeld nutzen (so war meine Hoffnung). Ein Beispiel, das ich gezeigt habe, findet ihr hier:

Ich bin überrascht, wie gut das funktioniert hat, und insbesondere deswegen froh, weil ich auf die Problematik des Forschungsfragefindens null vorbereitet war. Die Studierenden waren nämlich zunächst irritiert, dass sie das selbst entscheiden dürfen und nicht etwa der Dozent die Forschungsfrage vorgibt (oder zumindest die Zielrichtung). In diesem Sinne habe ich in diesem Jahr wieder dort fortgesetzt, womit ich im letzten Jahr in Maputo aufgehört habe: Teaching Thinking. Die Studierenden waren auf einmal in eine Situation versetzt, in der sie sich über ihre eigenen Ziele, Interessen und Vorlieben klar werden mussten, um daraus selbst und aus eigener Kraft eine Forschungsfrage zu entwickeln. (Das Ganze geschieht natürlich nicht nur auf dieser persönlichen Ebene, keine Angst – in den nächsten Tagen werden sie Literaturrecherche betreiben und ihre Forschungsfrage schärfen). Ich finde es toll zu sehen, wie die Studierenden hier in solchen Situationen aus sich herausgehen und diese Möglichkeit, selbst kreativ zu werden, wirklich schätzen.

„The most important thing in this phase of the research process is: YOU!“ Manche Dinge lassen sich auf Englisch einfach schöner sagen.

Wichtige Erfahrung: Die ersten Forschungsfragen, die formuliert werden, sind viel zu umfassend und zu breit. Zum Beispiel: „Why do girls in secondary classes have lower grades in mathematics than boys?“ oder “Which methods can be used in classes with over 100 pupils?” Ich habe die starke Vermutung, dass es normal ist, die ersten Fragen so breit zu formulieren. Das ist aber kein Problem, im Gegenteil: Die breiten Fragen haben eher „Weltverbesserungscharakter“ und sind unglaublich motivierend. Ich habe den Studierenden dabei deutlich gemacht, dass es sehr gut ist, wenn sie diese Frage verfolgen, und dass es dabei sinnvoll ist, mit einer kleineren Teilfrage zu beginnen. Weitere Teilfragen, die sich zur Beantwortung der großen Frage summieren, können sie dann nach ihrer Masterarbeit angehen, wenn sie weiterhin Forschung betreiben möchten.

Bei der Formulierung der Fragen ist bereits deutlich geworden, dass sich manche nur schwer beantworten lassen. Zu jeder Frage muss es auch eine wissenschaftliche Methode geben, mit der man die Frage beantworten kann. Daher habe ich gestern einige Forschungsmethoden und –ansätze gezeigt, die keinesfalls trennscharf und auch nicht erschöpfend sind, die sich aber aus den Forschungsfragen der Studierenden ergeben haben: Experiment, Korrelationsstudie, qualitative Studie und schließlich als Forschungsansatz noch Aktionsforschung. Insbesondere für letzteres sind die Studierenden zu gewinnen gewesen: In Mosambik gibt es unzählige konkrete Probleme an Schulen zu lösen. Für Mosambik ist es gewinnbringender, wenn Studierende Aktionsforschungsprojekte an Schulen durchführen und damit einerseits wissenschaftliche Methoden erproben, andererseits aber auch konkrete Probleme lösen helfen, als irgendeine theoretische Popelhypothese mit einem Experiment belegen. Es gibt hier genug zu tun, insofern ermutige ich sie, Aktionsforschungsprojekte durchzuführen. Die Betreuer finden das (gottseidank) auch gut. Die Studierenden hat dies zunächst überrascht: „Wie? Ich darf an meiner Schule in meiner Klasse ein Forschungsprojekt durchführen?“-  „Ja.“

Ja, und das Nachdenken über die Umsetzung des Forschungsprojekts (Welche Methode? Welche Daten wie erheben? Wann? Wo?…) hat einigen Studierenden ganz deutlich gemacht, dass sie ihre Forschungsfrage umformulieren müssen, damit sie beantwortbar wird. Und genau das war der Sinn der Übung.

Es ist wirklich aufregend, hier zu sein. Es gibt Momente, in denen denke ich: „Oh nein, welch Bedingungen, ich will nach Hause!“ Zum Beispiel dann, wenn auf allen Toiletten im ganzen Universitätsgebäude das Klopapier ausgegangen ist. Ach ja – und es auch kein Wasser gibt. Und in anderen Momenten – und das sind mehr – denke ich: „Wie großartig, dass ich hier sein darf – in  Situationen, in denen man sich unsicher fühlt, entwickelt man sich schneller weiter und kommt auf Gedanken und Ideen, die man sonst vermutlich nicht hätte.“ Teaching thinking an mir selbst, sozusagen.

Nachwort im Sinne von „Ach ja!“: Wie gesagt, nicht nur das Klopapier fehlt, sondern oft auch das Internet. Das heißt es kann sein, dass ich erst verzögert antworte. Das sollte euch aber nicht davon abhalten, gleich zu kommentieren! :-)

Mit Engeln reisen

Veröffentlicht: Donnerstag, September 22, 2011 in Maputo
Schlagworte: ,

Fazit: Weite Reisen geben der Persönlichkeitsentwicklung einen mächtigen Schubs. Mach dir keine Sorgen, alles regelt sich irgendwie. Und: Man kann sich mit jeder Situation arrangieren. Cspannagel auf Expedition – diesmal wieder nach Mosambik.

Kurze Vorbemerkung: Ich habe hier nur selten Internetzugang. In meiner Unterkunft habe ich gar keinen, und an der Universität nur hin und wieder. Insofern sind meine Blogbeiträge leicht verzögert. Dieser hier ist eigentlich von Montag abend. :-)

Nach einem zweitägigen Trip bin ich nun endlich an meinem Ort der Bestimmung angekommen: Beira, nach Maputo die zweitgrößte Stadt in Mosambik. In Beira werde ich ab Dienstag an der Universidade Pedagógica einen Workshop zum Thema „Research and Scientific Writing in Mathematics Education“ abhalten. (Vielleicht erinnert sich noch jemand: Im letzten Jahr habe ich in Maputo einen Workshop zum Thema Mathematics Education gehalten – wir berichteten.) Der Kurs wird spannend und fordernd zugleich – dazu jedoch ein anderes Mal Näheres.

Eine Reise in ein entferntes Land ist eine persönliche Herausforderung und eine Möglichkeit, die eigene Weiterentwicklung mächtig voranzutreiben. Mir ist aufgefallen, dass es tatsächlich das erste Mal ist, dass ich alleine ins Ausland reise (letztes Jahr bin ich mit einem mosambikerfahrenen Kollegen gereist, das war wesentlich entspannter). Mit einem Rucksack voll Ungewissheiten ist das dann zunächst einmal eine große Belastung. Ich habe es in den Tagen vor der Abreise gemerkt: Ich wurde nervös und wollte gar nicht weg. Schon ein Flughafen ist für mich immer wieder ein Stressort. Ich fühle mich dort so, wie sich die Menschen fühlen müssen, die selten Bahn fahren und dann ganz aufgeregt die anderen Fahrgäste im ICE nach dem Weg zu Wagen 25 fragen. Man fragt sich dann immer, warum die sich so stressen. Naja, auf Flughäfen geht’s mir so. Wie immer die Schuhauszieh- und Schuhanziehprozedur bei der Sicherheitskontrolle (ich muss ja wirklich jedes Mal, wenn ich fliege, meine 15-Loch-Stiefel mit Stahlkappen anziehen – logo, die muss ich ja mitnehmen, aber sie sind zu schwer für den Koffer; ich muss um jedes Kilo kämpfen!) und dumme Sprüche vom Sicherheitspersonal über sich ergehen lassen (zweimal kam die Frage, wie lange ich mir die Haare wohl habe wachsen lassen).

Naja, schließlich und endlich saß ich im Flieger und war zum ersten Mal beruhigt – bis der Text vom Pilot kam: „Sie wundern sich bestimmt, warum wir noch nicht gestartet sind. Wir haben ein technisches Problem, und ich habe keine Ahnung, wie lange dessen Behebung dauern wird.“ Zwei Stunden hat sie gedauert. Das war ein Wahnsinnszufall! Das war nämlich genau die Zeit, die für mich zum Umsteigen in Johannesburg vorgesehen war. Mmmmmh, was gehen einem da die Szenarien durch den Kopf: Was, wenn ich meinen Anschlussflug verpasse? Ich erreiche meinen Kontakt (Prof. Cherinda) in Maputo gar nicht, und er wollte mich doch abholen. Was, wenn mein Gepäck nicht mit mir mitkommt? Am nächsten Tag fliege ich ja dann schon nach Beira, und wenn das nachgeliefert werden muss, hoffentlich schaffen die das so schnell… ach so, ja, ich weiß ja gar nicht, wo genau ich in dieser einen Nacht in Maputo schlafe. Äh, also, Adresse… mmh…. – Dies ist nur ein kleiner Auszug aller möglicher Fälle, die man so in 10 Stunden Flug im Kopf durchspielen kann. Die Stewardess konnte mich aber auch beruhigen, mit einer – wie sich im Nachhinein herausgestellt hat – falschen Antwort: „Ihren Anschlussflug bekommen Sie nicht mehr, aber Sie können einen der nächsten Flüge nach Maputo nehmen. Das Bodenpersonal weiß bescheid.“ Super, immerhin nach Maputo komme ich. Wie ich von dort vom Flughafen dann aber wegkomme – okay, sehen wir dann.

Es gibt Engel. Machmal. Und im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich einen persönlichen Engel in diesem Flugzeug hatte. Es war eine etwas ältere Frau, die im letzten Teil des Flugzeugs saß. Jedes Mal, wenn ich zum Klo ging, hat sie mich freundlich angelächelt – fand ich nett, aber irgendwie auch auffällig. Um ca. 9:10 Uhr habe ich das Flugzeug in Johannesburg verlassen, und ab 9 Uhr war Boarding in meiner Maschine nach Maputo, 9:45 Uhr Abflug. In solch einer Situation fragt man sich: Schaff ich das noch? Schaff ich nie im Leben! Wird erwartet, dass ich es versuche? Soll ich es versuchen? Die Stewardess hat aber explizit gesagt: „Nirgendwo hingehen, das Bodenpersonal wegen einer neuen Flugmöglichkeit fragen.“ Diese Gedanken kreisten in meinem Kopf, als ich in den Shuttlebus einsteigen wollte – der aber voll war. Toll, nächsten nehmen, sind ja nur 5 wertvolle Minuten. Als ich dann in den zweiten Bus einstieg, stand zufällig (?) Frau Engel neben mir. Wir kamen ins Gespräch, und sie erzählte mir, dass ihr Flug nach Windhuk um 9:45 Uhr geht, und das Boarding um 9:00 Uhr ist (anderer Flieger, aber zufällig (?) dieselben Zeiten). „Wird Ihr Gepäck durchgecheckt?“ fragte sie mich. „Ja, ich glaube schon.“ – „Dann müsste der Flieger eigentlich auf Sie warten. Die sind verpflichtet, jeden mitzunehmen, dessen Gepäck durchgecheckt wird.“ Im Flughafen angekommen bin ich ihr einfach hinterhergelaufen – zum Bodenpersonal. Dort haben wir uns 30 Sekunden lang brav in die Reihe gestellt („Soll ich mich anstellen? Vordrängeln?“), bis Frau Engel sagte: „Warten Sie hier, ich frage die Frau an der Sicherheitskontrolle.“ 20 Sekunden später: „Kommen Sie, wir dürfen durch und sollen uns beeilen.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Schicksal schon längst in die Hände von Frau Engel gegeben. Ich also zum Sicherheitspersonal. Sicherheitspersonal zu Frau Engel: „Is this your husband?“ – „No, just a similar case.“ – “Okay, come over here.” Sie zeigte, dass ich mich durch die Absperrung durchwurschteln soll und mich einfach ganz vorne in die Schlange zur Sicherheitskontrolle vordrängeln sollte. Tasche aufs Band. „Is this a laptop?“ – „Yes, äh…“ (irgendwie keine Zeit gehabt, den rauszuholen, muss man aber ja normalerweise, war aber scheinbar kein Problem, die Tasche lief so durch.) Dann kurz angefangen, die Schuhe aufzumachen (ihr erinnert euch, 15-Loch…). Von hinten die Stimme von Frau Engel: „Sie sagen, Sie brauchen die Schuhe nicht ausziehen.“ – „Äh, Stahlkappen…“ – „Nein, gehen Sie durch!“ Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich ohne irgendwas abzulegen durch die Sicherheitskontrolle gelaufen. Natürlich hat’s gepiepst. Ich zeige dem Sicherheitsmenschen schnell mein Ticket und meine: „I’m in a hurry!“ Der sagt nur „Run!“, ich schnapp mir meine Laptoptasche und renne los. Hinter mir hechelt Frau Engel, die ebenso durch die Sicherheitskontrolle gekommen ist. „Suchen Sie schnell Ihr Gate!“ Ich schaue auf die Anzeigetafel: „Gate A23“. Ich drehe mich um – und Frau Engel ist weg. Naja, vermutlich ist das bei Engeln so, dass man sich nicht mehr bedanken kann. Vielleicht hat sie auch einfach nur ihr Gate gefunden. Nach einem weiteren gefühlten gerannten Kilometer (A23 ist am anderen Ende des Flughafens!) bin ich in meinen Shuttlebus gestürzt. Eine Minute später fuhr er los. Danke, Frau Engel!

Mein Gepäck war nicht so flink wie ich. In Maputo war es natürlich nicht da. Der Grundoptimismus, der sich bei mir eingestellt hatte („Das wäre jetzt ja noch der Hammer, wenn das Gepäck mit im Flugzeug ist…“), verflog relativ schnell. Bei dem „Lost + Found“-Menschen konnte ich natürlich keine Adresse angeben, also habe ich ihm gesagt, ich melde mich wieder bei ihm. Mein Kollege vor Ort war auch nicht zu sehen (ich habe 30 Minuten bei der Einreisebehörde Schlange gestanden). Ah wie gut, ich hab ja noch eine alte Mosambikanische Handykarte, die lege ich mal in mein Handy ein und… geht nicht. Argh!! Der Rest in Kürze: Kollegen am Flughafen gefunden, später das Gepäck am Flughafen abgeholt. Soweit alles paletti.

Doch das Abenteuer beginnt erst: Mosambik! Wie auch letztes Jahr bin ich fasziniert und erschüttert zugleich: Ein tolles Land – aber unglaublich arm. Die nächste Herausforderung für mich sind somit die Unterkünfte. Letztes Jahr war ich in einem schönen Hotel untergebracht, dieses Jahr in Beira waren keine Hotels mehr frei, daher wohnen wir nun in einer Pension, die für mosambikanische Verhältnisse bestimmt super ist, aus europäischer Sicht aber eher so… mehr… gewöhnungsbedürftig. Man fragt sich, wie hoch die eigenen Ansprüche eigentlich mittlerweile gewachsen sind. Es geht mit viel weniger. Insofern: Erdung. Konfrontation mit anderen Lebensverhältnissen, mit anderen Lebensweisen, mit anderen Lebensinhalten. Das verändert einen. Und ich muss wieder einmal an die Antwort denken, die Otto Herz mir damals nach unserem Bildungsexpeditionsbesuch gegeben hat, als ich ihn fragte, wie man es schaffen kann, so krass anders zu denken wie er es tut. Seine Antwort war: „Expedition!“

[Update: Mittlerweile finde ich meine Unterkunft super! The change takes place...]

Der flipped classroom auf dem #clc11

Veröffentlicht: Sonntag, September 11, 2011 in Teaching, Vorlesungsaufzeichnung
Schlagworte:

Gestern hab ich mit Oliver Tacke eine gemeinsame Session zum Thema Flipped Classroom auf dem CorporateLearningCamp 2011 in Darmstadt angeboten. Oliver hat zunächst ein wenig zu Gunter Duecks Thesen berichtet, anschließend habe ich mein Konzept der umgedrehten Mathematikvorlesung präsentiert. In der zweiten Phase der Session haben wir die Teilnehmer zunächst in Kleingruppen überlegen lassen, welche Pros und Contras es für den Einsatz des flipped classroom in ihren persönlichen Kontexten (im Wesentlichen die betriebliche Aus- und Weiterbildung) gibt. Anschließend wurde alles in einem Aktiven Plenum zusammengetragen (um auch eine Form von LdL zu demonstrieren, was Oliver in der Session zuvor erläutert hatte). Das Ergebnis wurde von zwei Teilnehmern (danke an Pätrick und Frieder) an der Tafel festgehalten. Da sich solche Tafelbilder für Außenstehende selten von selbst erklären, hier ein paar zusammenfassende Statements zum Einsatz des flipped classroom im corporate learning:

Chancen / Ideen / Möglichkeiten:

  • Verringerung der Heterogenität des Vorwissens der Teilnehmer: Man bringt durch die Videos im Vorfeld die Teilnehmer mehr oder weniger bezüglich bestimmter Dinge auf denselben Stand. Im Realtreffen selbst kann dann von dieser gemeinsamen Basis aus begonnen werden.
  • Kostenreduktion: Wenn Aufzeichnungen vorliegen, können vielleicht hier und da Kosten eingespart werden, z.B. kann die reale Sitzungszeit in manchen Kursen gekürzt werden (ohne dabei die Realtreffen komplett einzusparen, das wäre ja nicht flipped.)
  • Didaktische Qualifikation des Dozenten: Trainer sind gefordert, sich andere Methoden und Aktivitäten als (PowerPoint-)Vorträge für Realsitzungen auszudenken. Dies beflügelt mitunter die didaktische Phantasie und führt zu einer didaktisch-methodischen Weiterqualifikation des Dozenten.
  • Größere Autonomie der Teilnehmer: Dieses Pro hat mir am besten gefallen. Die Teilnehmer werden durch die vorbereitenden Videos sozusagen ermächtigt, in den Realtreffen handelnd und diskutierend tätig zu werden. Sie werden im Vorfeld “wissend” gemacht (natürlich nur soweit, wie dies durch Vorträge möglich ist), und dieses Wissen können sie dann in der Realsitzung nutzbringend im Rahmen von Aktivitäten einsetzen. Sie haben so die Chance, sich kompetent zu fühlen, weil sie sich entsprechend vorbereitet haben.

Grenzen / Gefahren / Probleme:

  • Didaktische Qualifikation des Trainers: Dieser Punkt tauchte schon unter den Pros auf, nun auch unter den Contras: Manch ein Dozent kann eine offene Sitzung mit Aktivitäten und Diskussionen nicht gut leiten, manch einer will sich vielleicht auch nicht umstellen. Ein solches Konzept kann also am Widerstand des Dozenten, der sein altes Konzept weiter umsetzen möchte, scheitern.
  • Technische Plattformunabhängigkeit / Zugangsvoraussetzungen: Die Vorbereitungsphase mit Videos muss technisch so ausgestaltet sein, dass alle Teilnehmer daran teilnehmen können. Viele Mitarbeiter (beispielsweise in der Produktion) haben gar keinen Computer am Arbeitsplatz, sodass sie von dort aus die Videos nicht ansehen könnten.
  • Erhöhte Anfangsinvestition: Umstellungen bedingen immer einen höheren Aufwand zu Beginn. Beispielsweise müssen Videos erstellt und bereit gestellt werden. Hierfür benötigt man evtl. Hard- und Software. Darüber hinaus meinte ein Teilnehmer, dass erhöhte Kosten zu Beginn dadurch entstehen, wenn man unvorbereitete Teilnehmer wieder nach Hause schickt.

Ingesamt fand ich es äußerst spannend in dieser Session und auf dem ganzen Barcamp zu sehen, dass der Corporate-Learning-Bereich doch anders funktioniert und andere Anforderungen hat als der (Hoch-)Schulbereich. In der LdL-Session von Oliver Tacke  ist beispielsweise deutlich geworden, dass dieses Konzept in Unternehmen vermutlich schwer umzusetzen ist, weil die Beschäftigten oft nur 4-5 Tage Fortbildungskurse im Jahr haben und man in solch kurzen Zeiträumen kaum Konzepte umsetzen kann, die einer längeren Einführungsphase bedürfen und sie sich nur über einen längeren Zeitraum etablieren. Spannend finde ich genau diese Unterschiede, an denen sich die Diskussion entzündet und die das Denken anregen. Ein Grund, nächstes Jahr wieder auf das CorporateLearningCamp zu gehen.

Weitere Berichte vom Camp:

Videoaufzeichnung: Persönlichkeitsentwicklung im Web 2.0

Veröffentlicht: Mittwoch, September 7, 2011 in Lifestyle, Web 2.0

Auf der GML² 2011 in Berlin durfte ich einenVortrag zum Thema Persönlichkeitsentwicklung im Web 2.0 – E-Learning zwischen Todsünde und Tugend? halten. Aus dem Abstract:

Durch den Einsatz weltöffentlicher Web-2.0-Werkzeuge in der Hochschullehre begeben sich Dozenten  gemeinsam mit den Studierenden in ein unkontrollierbares Feld. Es lässt sich für Lehrende kaum abschätzen oder gar beeinflussen, welche Folgen die individuelle Auseinandersetzung mit Eindrücken in diesen Umgebungen für die Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden hat. Noch überraschender kann es für Dozierende sein, wie sie selbst sich verändern. “Reale” Persönlichkeitselemente wie Charaktereigenschaften, Werte und Hoffnungen werden durch das Bewegen in “virtuellen” Umgebungen unvorhersehbar beeinflusst. In diesem Vortrag erwarten Sie 30 Minuten persönliche Selbstreflexion. Es werden Ergebnisse aus einer nicht systematisch durchgeführten Langzeitstudie mit N=1 berichtet. Dabei wird der Frage nachgegangen: Was hat die exzessive Nutzung des Web 2.0 in Lehre und Forschung mit der Person Christian Spannagel gemacht?

Die Vortragsaufzeichnungen, Materialien und vieles mehr wurden nun im Online-Tagungsband ins Netz gestellt (Danke an die Organisatoren!). Dort findet ihr die Vorträge von Rolf Schulmeister, Petra Grell, Claudia Bremer, Anne Thillosen, Martin Lindner und vielen anderen. Alle sehr sehenswert!

Die Aufzeichnung zu meinem Vortrag findet ihr hier:

Viel Spaß beim Ansehen – und kommentiert und diskutiert werden darf und soll hier natürlich auch!

PS: Ja, ich weiß, man spricht den Maler anders aus… ;-)

 

cspannagel, dunkelmunkel & friends

Veröffentlicht: Donnerstag, September 1, 2011 in Lifestyle

Heute habe ich mich entschlossen, meinen Blogtitel zu ändern. “chrisp’s virtual comments” war sowieso mehr so ein Provisorium. Aber wie jeder weiß: Nichts hält sich länger als ein solches. Ich hatte damals, als ich mir einen Blog angelegt habe, überhaupt keine Idee, wie ich ihn nennen soll. Kreativ war der Einfall nicht gerade. chrisp war mein längst vergessener Spitzname und gleichzeitig Accountname an der TU Darmstadt – aber erst der zweite. Als ich mit meinem Informatikstudium begonnen hatte, musste ich mich für einen Nutzernamen entscheiden. Ich hatte überhaupt keine Idee, was das ist und dass dieser ein Teil meiner E-Mail-Adresse sein würde (was beste Voraussetzungen für ein Informatikstudium waren – dort würde ich es ja lernen. :-) ). Ich wusste nur, es dürfen nur 8 Buchstaben sein, und er musste etwas mit meinem Namen zu tun haben. Also wählte ich zunächst “spannage”, weil Spannagel ja bekanntlich aus 9 Buchstaben besteht und somit das “L” hinten überhängen würde. Seitdem sprach mich aber jeder, der meine E-Mail-Adresse bzw. meinen Nutzernamen kannte, mit “Schpannaaaasch” oder “Schpännätsch” an (je nachdem, ob man “spannage” lieber französisch oder lieber englisch interpretierte), was ich ziemlich doof fand. Ich ging zur Rechnerbetriebsgruppe und bat darum, ihn nochmal ändern zu dürfen  – herausgekommen ist chrisp (hat ja auch was mit meinem Namen zu tun, gell?). “chrisp’s virtual comments” lag als unkreativer Blogtitel dann später nahe – schließlich wollte ich zu Beginn ja auch tendenziell eher Links und Texte kommentieren.

“cspannagel, dunkelmunkel & friends” gefällt mir als Blogtitel aber tausend mal besser. Und: Es steckt sogar mehr dahinter. :-) Wie vielleicht einige wissen, hieß ich früher bei Twitter cspannagel. Nachdem ich kurzzeitig aus Twitter ausgestiegen war, wollte ich meinen alten Account wieder reaktivieren. Das ging leider nicht – denn: Wenn einmal ein Twitter-Account gelöscht ist, dann lässt er sich nicht wiederbeleben. Also musste ein anderer Name her: dunkelmunkel ist’s geworden. “cspannagel ist nun dunkelmunkel” – manch einer hat damit immer noch Schwierigkeiten (liebe Grüße an @timovt ;-) ). Dieser Wechsel hat den Schwerpunkt für mich von einer eher formellen auf eine eher informelle Ebene verlegt: dunkelmunkel ist “privater” als cspannagel, und dies spiegelt sich auch in den letzten Blogartikeln wieder. Manch einer fragt sich vielleicht, was das soll. Für mich fühlt es sich einfach nur gut an, mein Weblog als Denkwerkzeug zu verwenden, egal, um welchen Bereich meines Lebens es geht.

Insgesamt finde ich und fand es immer komisch, verschiedene “Christians” voneinander getrennt zu behandeln. Trotzdem: Man agiert in verschiedenen Kontexten mit verschiedenen Rollen: Man trägt verschiedene Masken. Die Schauspieler im alten Griechenland hatten im Theater verschiedene Masken, die Gefühlszustände ausdrückten – und Maske hieß auf Griechisch “persona”. Sogesehen bin ich verschiedene Personen: Professor, damit Dozent und Forscher, auch gleichzeitig Informatiker, Mathematiker, irgendwie auch Pädagoge, Grufti, Institutsleiter, Sohn und Enkel (also Kind?), Horrorfilmfan, Liebhaber, Freund, Bekannter, Kollege, wasweiß ich. Mit Adjektiven verschon ich euch mal lieber. Diese “Masken” “unter einen Hut” zu bekommen ist gar nicht so leicht. Mein Blog war bis vor kurzem überwiegend bestimmten Personen aus dieser Auswahl vorbehalten. Angefühlt hat sich dies immer unvollständig und irgendwie beschnitten.

Das Bild der Maske gefällt mir sehr gut: Hinter den Masken steckt ja immer derselbe Mensch (nämlich ich). In den verschiedenen “Rollen” (oh, wie ich diesen Begriff leiden kann!) erfüllt man die Masken durch sein eigenes Ich-Sein mit seiner persönlichen Note (darf man “persönlich” in diesem Kontext überhaupt so verwenden?). Aber wer bin ICH eigentlich? Bin ich nur beruflich Professor, aber eigentlich dunkelmunkel, so privat? Was bedeutet “eigentlich” in diesem Zusammenhang? Ist privater eigentlicher? Wenn man länger drüber nachdenkt, möchte man am liebsten Begriffe wie Authentizität und Konsorten in die Tonne kloppen.

Integration ist ein lohnenswertes Ziel. Bis dahin grüßen cspannagel, dunkelmunkel & friends.