Archiv für Freitag, September 23, 2011

Am Freitag, dem 30. September 2011, habe ich um 15 Uhr einen Vortrag zum Thema “Öffentliche Wissenschaft” in Maputo. Und toll daran ist, dass die Kollegen hier vor Ort Lust auf Experimente haben. Wir werden versuchen, den Vortrag per ustream ins Internet zu übertragen und einen Twitter-Backchannel einzurichten mit einer Twitterwall, sodass ihr euch von außen auch beteiligen könnt. Das wäre krass, wenn das klappen würde, was? Experimentell ist es deswegen, weil es hier zum Teil schwierige technische Bedingungen gibt. Es ist unklar, ob das Streaming gelingen wird, und ob wir überhaupt Internet haben. Aber, auf einen Versuch kommt es an. Zur Not haben wir vielleicht nur den Twitter-Backchannel und ich versuche, einen Austausch über Twitter zu integrieren.

Also: Es wäre schön, wenn ihr am Freitag, 30. September, 15 Uhr mit dabei wärt (vielleicht in ustream und twitter, vielleicht nur in twitter, je nach dem). Und: Es kann sein, dass wir nicht pünktlich beginnen, also: bleibt entspannt. Und es kann sein, dass gar nix passiert und ihr auch nix von mir hört, weil ich nicht ins Internet komme. Und es kann sein, dass ustream hakt, dann ignoriert das einfach und macht nur über Twitter mit. Lust, bei dem Experiment mitzumachen und vielleicht den Kollegen hier in Maputo über die Twitterwall hallo zu sagen und über öffentliche Wissenschaft zu diskutieren? Dann sag ich mal: “Ciência Aberta no Web 2.0: Construindo redes de aprendizagem com weblogs, wikis, e twitter”. Der Vortrag ist übrigens auf Englisch, nicht auf Portugiesisch :-).

[Update] Ah, ich vergaß: Bei “Open Science in Maputo” bietet sich der Hashtag #osmaputo an.

Auf der Suche nach einer Forschungsfrage

Veröffentlicht: Freitag, September 23, 2011 in Maputo
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Mein Workshop in Mosambik ist überschrieben mit dem Titel “Research and Scientific Writing in Mathematics Education”. Es nehmen daran ca. 20 Studierende teil, die jetzt damit beginnen, ihre Masterarbeit (Master of Education) zu schreiben. Am Ende des Workshops sollen nach Möglichkeit alle Studierenden ihr research proposal vorliegen haben, zumindest aber eine Forschungsfrage und erste Ideen zur Umsetzung ihres Forschungsprojekts.

Das ist eine extrem spannende und zugleich fordernde Situation für mich: 20 Studierende, die überwiegend nur Portugiesisch und kaum Englisch sprechen (grundsätzlich aber Englisch verstehen, zumindest in Grundzügen), und von denen ein Großteil noch keine Idee hat, was ihre Forschungsfrage sein könnte, soll ich dahin führen, am Ende des Workshops ein research proposal vorliegen zu haben – auf Portugiesisch natürlich. Ein Student hat es gleich zu Beginn des ersten Tages auf den Punkt gebracht: „Teacher! I have no idea for a research question. Can you help me?” – Uffz.

Ich habe damit begonnen ihnen deutlich zu machen, wie wichtig es ist, mit einer Forschungsfrage zu beginnen (und nicht etwa mit der Datenerhebung). Also: Die Forschungsfrage bedingt eine gewisse Forschungsmethode, mit der man Daten gewinnt, die man schließlich analysiert, um mit den Analyseresultaten die Frage zu beantworten. The big question ist aber: Wie kommt man zu einer Forschungsfrage, so ganz am Anfang? Insbesondere dann, wenn man noch überhaupt keine Idee hat?

Manch einer würde behaupten, man leitet sie aus Theorien ab, die man in der Literatur findet. Weit gefehlt. Theorie und Literatur kommen erst an zweiter Stelle zum Tragen. An erster Stelle steht das persönliche Interesse: Welcher Bereich interessiert mich eigentlich? In welchem Feld will ich forschen? Was könnten hier interessante Fragen sein? Ich habe die Studierenden eine Grafik erstellen lassen: Ihr Name in der Mitte, dann drei Äste, an denen „interests“, „experiences“ und „context“ steht. Da das Finden einer Forschungsfrage ein kreativer Akt ist, war Brainstorming angesagt. Sie sollten aufschreiben, welche Dinge sie in ihrem Studium besonders interessiert haben („interest“), welche Erfahrungen sie in der schulischen Praxis bereits gemacht haben („experiences“) und in welchem Kontext sie gerade tätig sind („context“) – viele sind nämlich Lehrende und können unter Umständen ihren Lehrkontext als Forschungsfeld nutzen (so war meine Hoffnung). Ein Beispiel, das ich gezeigt habe, findet ihr hier:

Ich bin überrascht, wie gut das funktioniert hat, und insbesondere deswegen froh, weil ich auf die Problematik des Forschungsfragefindens null vorbereitet war. Die Studierenden waren nämlich zunächst irritiert, dass sie das selbst entscheiden dürfen und nicht etwa der Dozent die Forschungsfrage vorgibt (oder zumindest die Zielrichtung). In diesem Sinne habe ich in diesem Jahr wieder dort fortgesetzt, womit ich im letzten Jahr in Maputo aufgehört habe: Teaching Thinking. Die Studierenden waren auf einmal in eine Situation versetzt, in der sie sich über ihre eigenen Ziele, Interessen und Vorlieben klar werden mussten, um daraus selbst und aus eigener Kraft eine Forschungsfrage zu entwickeln. (Das Ganze geschieht natürlich nicht nur auf dieser persönlichen Ebene, keine Angst – in den nächsten Tagen werden sie Literaturrecherche betreiben und ihre Forschungsfrage schärfen). Ich finde es toll zu sehen, wie die Studierenden hier in solchen Situationen aus sich herausgehen und diese Möglichkeit, selbst kreativ zu werden, wirklich schätzen.

„The most important thing in this phase of the research process is: YOU!“ Manche Dinge lassen sich auf Englisch einfach schöner sagen.

Wichtige Erfahrung: Die ersten Forschungsfragen, die formuliert werden, sind viel zu umfassend und zu breit. Zum Beispiel: „Why do girls in secondary classes have lower grades in mathematics than boys?“ oder “Which methods can be used in classes with over 100 pupils?” Ich habe die starke Vermutung, dass es normal ist, die ersten Fragen so breit zu formulieren. Das ist aber kein Problem, im Gegenteil: Die breiten Fragen haben eher „Weltverbesserungscharakter“ und sind unglaublich motivierend. Ich habe den Studierenden dabei deutlich gemacht, dass es sehr gut ist, wenn sie diese Frage verfolgen, und dass es dabei sinnvoll ist, mit einer kleineren Teilfrage zu beginnen. Weitere Teilfragen, die sich zur Beantwortung der großen Frage summieren, können sie dann nach ihrer Masterarbeit angehen, wenn sie weiterhin Forschung betreiben möchten.

Bei der Formulierung der Fragen ist bereits deutlich geworden, dass sich manche nur schwer beantworten lassen. Zu jeder Frage muss es auch eine wissenschaftliche Methode geben, mit der man die Frage beantworten kann. Daher habe ich gestern einige Forschungsmethoden und –ansätze gezeigt, die keinesfalls trennscharf und auch nicht erschöpfend sind, die sich aber aus den Forschungsfragen der Studierenden ergeben haben: Experiment, Korrelationsstudie, qualitative Studie und schließlich als Forschungsansatz noch Aktionsforschung. Insbesondere für letzteres sind die Studierenden zu gewinnen gewesen: In Mosambik gibt es unzählige konkrete Probleme an Schulen zu lösen. Für Mosambik ist es gewinnbringender, wenn Studierende Aktionsforschungsprojekte an Schulen durchführen und damit einerseits wissenschaftliche Methoden erproben, andererseits aber auch konkrete Probleme lösen helfen, als irgendeine theoretische Popelhypothese mit einem Experiment belegen. Es gibt hier genug zu tun, insofern ermutige ich sie, Aktionsforschungsprojekte durchzuführen. Die Betreuer finden das (gottseidank) auch gut. Die Studierenden hat dies zunächst überrascht: „Wie? Ich darf an meiner Schule in meiner Klasse ein Forschungsprojekt durchführen?“-  „Ja.“

Ja, und das Nachdenken über die Umsetzung des Forschungsprojekts (Welche Methode? Welche Daten wie erheben? Wann? Wo?…) hat einigen Studierenden ganz deutlich gemacht, dass sie ihre Forschungsfrage umformulieren müssen, damit sie beantwortbar wird. Und genau das war der Sinn der Übung.

Es ist wirklich aufregend, hier zu sein. Es gibt Momente, in denen denke ich: „Oh nein, welch Bedingungen, ich will nach Hause!“ Zum Beispiel dann, wenn auf allen Toiletten im ganzen Universitätsgebäude das Klopapier ausgegangen ist. Ach ja – und es auch kein Wasser gibt. Und in anderen Momenten – und das sind mehr – denke ich: „Wie großartig, dass ich hier sein darf – in  Situationen, in denen man sich unsicher fühlt, entwickelt man sich schneller weiter und kommt auf Gedanken und Ideen, die man sonst vermutlich nicht hätte.“ Teaching thinking an mir selbst, sozusagen.

Nachwort im Sinne von „Ach ja!“: Wie gesagt, nicht nur das Klopapier fehlt, sondern oft auch das Internet. Das heißt es kann sein, dass ich erst verzögert antworte. Das sollte euch aber nicht davon abhalten, gleich zu kommentieren! :-)