Auf meinen letzten Blogbeitrag hat unter anderen Jean-Pol Martin sehr ausführlich geantwortet. Ein Auszug:
Das ist die Arbeit des Professors: seinen Studenten spannende Forschungsfelder anzubieten und sie BEI BEDARF mit entsprechenden Instrumenten (Methode) auszustatten. BEI BEDARF bedeutet: a posteriori. Die traditionelle Wissenschaft macht es anders: sie tötet allzu oft die große Freude und Neugierde der Studenten von Beginn an, indem sie sofort (also a priori) das methodische Rüstzeug eintrichtert, obwohl das Bedürfnis nach sauberen Forschungsinstrumenten noch gar nicht da sein kann, weil der Student seinen Forschungsgegenstand noch gar nicht zu Gesicht bekommen hat! [...] Der Prof soll forschungsinduzierende Felder erspähen und seinen Studenten anbieten. Er soll die forschungsbezogene Reflexion, die allein durch die Begegnung mit dem Forschungsfeld bei den Studenten entstanden ist, organisieren und koordinieren und die entstehenden Emergenzen (Innovationen) identifizieren. Er soll auch permanente Konzeptualisierung (Modellbildung) anregen und anleiten.
Jean-Pol bezieht es hier direkt auf das Professoren-Studenten-Verhältnis, ich weiß aber, dass er er letztlich auch weiter sieht: Die Aufgabe des Berufswissenschaftlers ist es, in Projekten (z.B. Praxisprojekten, Web-Projekten, Schulprojekten, …) die Rolle des Wissenschafts-Experten einzunehmen, aus dieser Perspektive mitzuwirken und dabei kollektive Wissenskonstruktion in der Projektgruppe anzuregen und anzuleiten. Berufswissenschaftler, die sich aus dem Wissenschaftbetrieb “hinaus” in Praxiskooperationen “hineintrauen”, können in diesen Projektgruppen Impulse “hin zum wissenschaftlichen Denken” geben, die wissenschaftliche Arbeit anleiten und die anderen beteiligten Personen in ihren eigenen Forschungsprozessen unterstützen. Nichtberufswissenschaftler können in Kooperationen mit Berufswissenschaftlern ihr eigenes wissenschaftliches Denken, ihre eigenen Konzepte von Wissenschaft und ihre wissenschaftlichen Methoden weiterentwickeln.
Aber, ist das denn wirklich Wissenschaft? Wenn Laienwissenschaftler in irgendwelchen Praxisprojekten – zwar mit wissenschaftlichen Methoden vielleicht, aber trotzdem – popelige Baby-Ergebnisse herausbekommen? Was ist denn das für eine Wissenschaft? Agieren Schülerinnen und Schüler wirklich als Wissenschaftler, wenn sie Ergebnisse in ihren Forschungsprojekten herausbekommen, die schon längst bekannt sind?
Antwort: Es geht doch überhaupt nicht darum, dass in solchen Projekten Erkenntnisse an der menschlichen Wissenschafts-Front gewonnen werden (By the way: Ich bin mir nicht mal sicher, auf wie viel Prozent der Erkenntnisse der Berufswissenschaft das zutrifft). Es geht darum, dass Erkenntnisse gewonnen werden, die in einem bestimmten System (z.B. in der Firma, in der Schulklasse, …) noch nicht bekannt sind, und zwar (und das ist das entscheidende): systematisch, reflektiert, mit wissenschaftlichen Methoden gewonnen. Innerhalb dieses Systems gibt es dann anschließend eine neue Erkenntnis, und die Menschen in diesem System, welche die Erkenntnis gewonnen haben, dürfen sich zurecht Wissenschaftler(innen) nennen.
Wenn also beispielsweise ein Mensch in seiner Firma ein komplexes Problem vorfindet oder sich ihm eine bedeutsame Frage stellt (wie z.B.: “Weshalb verkauft sich dieses Produkt nicht so gut?”, “Weshalb wollen sich meine Mitarbeiter nicht selbstständig weiterbilden?”, usw.), dann kann eine Vorstellung von wissenschaftlichem Arbeiten, dann kann wissenschaftliches Denken, dann können wissenschaftliche Methoden bei der Lösung des Problems oder beim Beantworten der Frage helfen (beispielsweise durch eine ordentlich geplante und durchgeführte Befragung). Wissenschaftliche Methoden dienen ja schließlich dem Gewinnen von Erkenntnissen. Die konkrete Praxisfrage soll also nicht “irgendwie”, sondern systematisch beantwortet werden, um zu qualitativ besseren Ergebnissen zu gelangen.
Wenn solche Nichtberufswissenschaftler jedoch nicht ausreichend wissenschaftlich-methodisch fit sind (bzw. sich nicht fit genug fühlen), dann könnten sie doch ihr Problem in interdisziplinären Gruppen unter Mitwirkung eines oder mehrerer Berufswissenschaftler gemeinsam lösen – so zumindest verstehe ich den Mode 2 der Wissensproduktion (vielleicht ist es aber sogar eine Weitung dieses Begriffs). Dabei lernen die Nichtberufswissenschaftler wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen (a posteriori bzw. einfach währenddessen), während der Berufswissenschaftler ein Praxisfeld vorfindet, in dem praxisrelevante und forschungsintensive Fragen aufgeworfen werden, und in dem auch er Anküpfungspunkte und wertvolle Anregungen für die eigene Forschungsarbeit finden kann. Nicht zuletzt erdet Praxisnähe ja auch, und vielleicht wird so die ein oder andere praxisirrelevante Frage in der Berufswissenschaft nicht mehr gestellt.
Das Web kann schließliche dazu dienen, interessierte Partner zu finden, die in derartigen Projekten mitwirken wollen. Die gemeinsame Arbeit kann dort strukturiert werden, Diskussionen und Arbeitsprozesse können webgestützt ablaufen, in Wikis, in Foren, in Etherpads, sonstwo. Open Science 2.0 eben.




