Archiv für Februar, 2012

7 Todsünden eines Wissenschaftlers

Veröffentlicht: Mittwoch, Februar 29, 2012 in OeffentlicherWissenschaftler

Nächste Woche Freitag darf ich auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Didaktik der Mathemtik einen Hauptvortrag zum Thema Die sieben Todsünden eines Wissenschaftlers halten. Die Todsünden hatten es mir ja auch schon mal in einem anderen Kontext angetan, und das Thema lässt ich wunderbar auf alle Lebensbereiche – natürlich auch auf die Wissenschaft -ausweiten. :-)

Aus dem Abstract:

Dies ist ein nicht ganz ernsthafter, aber doch ernst zu nehmender Vortrag über die Sünde in Wissenschaft, insbesondere aber über die ganz eigenen “sündigen” Erfahrungen des Vortragenden. Der Mensch ist ja bekanntermaßen ein lasterhaftes Wesen, und Mathematikdidaktikerinnen und Mathematikdidaktiker sind davon nicht ausgenommen. Bereits als Nachwuchswissenschaftler(in) wird man gerne schleichend von einer beliebigen Auswahl der sieben Todsünden heimgesucht: Hochmut, Geiz, Neid, Wollust, Völlerei, Zorn und/oder Faulheit. Was aber ist mit Wissensdurst, Neugier und Spaß am Forschen und Lehren?

In dem Vortrag wird neben ein paar kritischen Anmerkungen am (mathematikdidaktischen) Wissenschaftsbetrieb im Allgemeinen und ein paar persönlichen Reflexionen im Speziellen eine Vielzahl an flow-induzierenden Forschungs- und Lehrmöglichkeiten dargeboten: So werden prozessorientierte öffentliche Wissenschaft, Science-Blogs, Youtube-Vorlesungen und der flipped classroom thematisiert. Außerdem erfahren sie, was das alles mit Neuronen, Spermatozoiden und Haifischbecken zu tun hat. Letztlich darf Ihnen auch das Fazit schon verraten werden: Lassen Sie uns (noch mehr) Spaß am Forschen und Lehren haben und vermitteln!

Zur Vorbereitung würden mich eure Assoziationen interessieren: Was fällt euch jeweils zum Thema “Wissenschaft und Habgier”, “Wissenschaft und Hochmut”, “Wissenschaft und Faulheit”, … ein? Brainstormt mal mit mir gemeinsam und tragt eure Ideen in meine Wikiseite zum Vortrag ein! :-)

 

#vile12

Veröffentlicht: Dienstag, Februar 21, 2012 in Twitter

Heute hatte ich einen Vortrag in Bad Urach im Rahmen der ViLE-Tagung Demokratie 2.0? Social Web, Gesellschaft und Individuum. ViLE ist die Abkürzung für Virtuelles und reales Lern- und Kompetenz-Netzwerk älterer Erwachsener, und der Vortrag fand in einem ähnlichen Setting statt wie mein Impro-Vortrag vom letzten Jahr (Resümee dazu). Ziel des Vortrags: Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an ein paar Beispielen den Nutzen des Social Web erläutern – und auch die Risiken. Da einige Teilnehmer(innen) an der Veranstaltung heute auch damals bei deim Impro-Vortrag anwesend waren, wollte ich nicht dasselbe nochmal machen, sondern habe ich mich für einen vorbereiteten, nicht-improvisierten Vortrag entschlossen mit Twitter-Wall und ohne Streaming. Die Twitter-Wall wollte ich eigentlich diesmal nur beiläufig einbinden, mal eins, zwei Fragen in den Äther stellen, eben um kurz Twitter und Twitterwalls zu demonstrieren. Überrascht wurde ich dann aber von der atemberaubend hohen Aktivität in zwei Räumen: sowohl in Twitter als auch im Seminarraum. Ich hatte nicht gewagt zu hoffen, dass heute eine solche hohe Interaktivität zustande kommt – und bin wirklich froh und wirklich überrascht darüber, was heute passiert ist. Im Folgenden ein paar Gedanken dazu:

  • Zunächst mal: Es gibt kein besseres Publikum als eine Gruppe interessierter und witziger Seniorinnen und Senioren. Da muss man wirklich (!) spontan sein. Kaum beginnt man zu reden, kommt die erste Meldung aus dem Saal: “Sie sind ein hübscher junger Mann!” Meine verlegene Frage, ob ich das twittern soll, wurde von einer vehementen Bitte übertönt: “Können Sie sich bitte nach da rechts ins Licht stellen? So sieht man sie nicht!” Also, ich wandere rüber, dann der Einwurf: “Jetzt müssen Sie noch ein bisschen in die Knie gehen!” – Lachen im Raum – und schon waren wir mittendrin! :)
  • Kurz zuvor – während die Teilnehmer noch beim Abendessen waren – hatte ich über Twitter um ein Hallo gebeten. Kurz nach Beginn des Vortrags waren schon so viele Hallos, Helaus und Alaafs eingegangen, dass ich von der Twitterwall in die Twittersuche wechseln musste, um alle Hallos zeigen und alle Twitterer vorstellen zu können. Die Vorstellung machte ich ausfühlich und im Detail, um zu zeigen, wer alles so twittert und dass nicht alles Studenten sind (das war die erste Vermutung von einigen Teilnehmern).
  • Ich führte zuerst kurz in Twitter ein, zeigte meine Timeline und stieß sofort auf einen Tweet von @ankegroener: Baby, frischer Majoran ist der Kracher! Weitere Recherchen ergaben: Linsensuppe in the making. Prima Einstieg in Twitter! Ich erklärte, dass solche Information eben keine Sinnlos-Information ist, sondern “sozialer Kitt”. Menschen sind eben nicht überwiegend an Inhalten interessiert, sondern an Menschen, und gerade das ist das Schöne an Twitter: Zwischen den ganzen Inhalten bekommt man auch persönliche, vermeintlich nutzlose Statusmeldungen, die einem aber in der Summe ganz viel über eine Person vermitteln und letztlich auch für den Witz und den sozialen Zusammenhalt auf Twitter sorgen. Die Abendessen-Diskussion wurde dann zum Running Gag die ganze Veranstaltung hindurch. Als schließlich @otacke per Twitter das Publikum im Raum bat, darüber abzustimmen, ob er heute abend kochen oder nur einen Salat machen soll, waren im Raum alle völlig begeistert: Wir stimmten ab (30 zu 15 für Kochen) und meldeten @otacke das Ergebnis zurück. Später bestanden (!) die Teilnehmer darauf, @ankegroener nach ihrer Suppe zu fragen und @otacke danach, was er denn kocht. Menüfolge? Somit war letztlich glasklar: Solche Informationen sind eben doch nicht unwichtig, im Gegenteil. Verbal überzeugen konnte ich bislang noch nie jemanden davon, heute hat sich’s einfach so ergeben.
  • Auch die anschließenden Fragen an die Twitter-Gemeinde (z.B., ob sie Facebook nutzen und warum, oder ob 140 Zeichen nicht zu einengend seien) und die Fragen im Raum ergaben eine äußerst interessante Diskussion. Die Teilnehmer waren sehr neugierig und haben viel gefragt. So machen Vorträge Spaß! …Also, was heißt hier eigentlich “Vortrag”: Es war definitiv nicht “mein Vortrag”, sondern irgendwie eine Netzaktivität im Offline, im Online und im Dazwischen.
  • Deutlich wurde in der zweiten Hälfte: ein Twitter-Moderator muss her, ein Manuel Andrack; diese Funktion hat @tracernet dankenswerterweise spontan übernommen. Hätte ich mit DIESER heftigen Netzaktivität gerechnet, hätte ich mir das vorher überlegt; trotzdem gut, dass es sich noch spontan ergeben hat. Darüber hinaus habe ich mich geärgert, dass ich nicht doch gestreamt habe. Die Anfrage kam ein paar Mal von den Twitterern – zurecht. Also: Eine Twitterwall “nur zur Demonstration mit eins, zwei Fragen” zu planen mach ich nicht mehr, zukünftig gleich aufs Ganze gehen, mit Streaming und allem drum und dran.
  • Bei solchen Twitter-Aktionen beschleicht mich außerdem immer ein schlechtes Gefühl gegenüber den mittwitternden Menschen “da draußen”: Sie machen alle ganz aktiv mit, bringen sich ein – und ich selbst kann nicht persönlich auf alle Beiträge eingehen, weil die Teilnehmer im Raum einen großen Teil meiner Aufmerksamkeit beanspruchen; und mehr als ein paar Mal die Twitterwall gemeinsam mit den Menschen im Saal durchzugehen oder mal einen Blick zwischendurch draufzuwerfen schaffe ich einfach nervlich nicht :-) . Schließlich kommen noch zahlreiche Fragen aus dem Saal, und ich will “nebenbei” ja auch noch nen Vortrag halten. Das Ende von solch einer Aktion kommt auch immer recht abrupt, sodass ich das Gefühl habe, die Twitterer “am Ende irgendwie im Regen stehen zu lassen”. Ich fühle mich anschließend dann immer ein bisschen schlecht. Vermutlich (so hoffe ich) ist das unbegründet, weil alle irgendwie ihren Spaß hatten, die Teilnehmer im Saal (im Gegensatz zu mir) auch die Twitterwall ständig im Blick hatten, und der Twitter-Moderator aus dem Saal heraus auf einige Fragen in Twitter reagieren konnte. Trotzdem, das schlechte Gefühl bleibt: Es sind meine Freunde, und ich beschäftige mich zu wenig mit ihnen während des Vortrags. Ist das gerechtfertigt, oder vergesse ich, dass doch das Netz und dessen Interaktion das eigentlich Wesentliche ist?
  • Also: Danke nochmals GANZ HERZLICH an alle, die mitgemacht haben. HERZLICHEN DANK an: @tracernet, @mons7, @Tastenspieler, @heckerstampehl, @walterspannagel, @hosi1709, @TuraSatana, @VolkmarLa, @woxl, @mkarbacher, @otacke, @jeanpol, @LuciLucius, @jpetermo, @nele_we, @fasnix, @FrauFridur, @enicchi, @Antje, @95_BK, @CaroFNG, @deutschonline, @lress, @UserKingsize, @herrlarbig, @TwitLach, @joergeisfeld, @DoreenKroeber, @FriederK, @kprobiesch, @cmarkefka… (ich hoffe, ich habe niemanden vergessen)

Wie habt ihr die Aktion erlebt? Was hat euch gefallen, was nicht?

Wie ihr sicherlich bereits gemerkt habt, ist ein Thema für mich zurzeit besonders wichtig: Die methodische Umgestaltung meiner Mathematikvorlesungen. Grundprinzip: Die Studierenden schauen sich in Vorbereitung auf die Plenumssitzung (früher “Vorlesung”) die Vorlesungsvideos auf YouTube an, die Plenumssitzung selbst wird dann für Diskussionen, das gemeinsame Lösen von Aufgaben u.ä. genutzt.

Letzte Woche fand die Inverted Classroom Conference in Marburg statt, für mich ein persönliches Highlight. Zum einen habe ich viele sehr interessante Menschen getroffen und konnte mich über das “flipping” mit ihnen persönlich austauschen; hierzu zählen Aaron Sams, Dan Spencer, Jörn Loviscach, Daniel Bernsen, Volkmar Langer und viele andere. Zum anderen habe ich zahlreiche neue Ideen erhalten, wie ich “weitermachen kann”:

  • Ich werde mal ausprobieren, Videos per Tablet und Stift aufzuzeichnen und nicht an der Tafel – so ähnlich, wie Jörn Loviscach das macht. Aaron Sams und Dan Spencer haben im Rahmen der Konferenz sehr eindrücklich gezeigt, wie einfach es ist, Bildschirmvideos zu produzieren, sodass ich Lust bekommen habe, hier selbst zu experimentieren.
  • Darüber hinaus werde ich den Studierenden ein Workbook an die Hand geben, mit denen sie die Videos betrachten und in das sie ihre Stichpunkte, (Teil-)Lösungen von Aufgaben usw. eintragen sollen. Ziel: Tiefere kognitive Verarbeitung der Vorlesungsvideos gleich beim Betrachten. Jürgen Handke, Anna-Maria Schäfer und Alexander Sperl machen das so in ihrem System Virtual Linguistics Campus auf beispielhafte Weise.
  • Ebenfalls wichtig: “formative self-assessments”. Ich werde Studierenden die Möglichkeit geben, nach dem Ansehen von Videos mit Hilfe von kleinen Tests selbst zu überprüfen, wo sie stehen und was sie evtl. nochmal vertiefen müssen. Das macht die Gruppe von Handke ebenso seit einiger Zeit erfolgreich.
  • Ähnliche Ideen (Workbook und Self-Assessment) haben Michael Gieding und Andreas Schnirch im GeoWiki umgesetzt. Diese verschiedenen Ansätze möchte ich nun für mich integrieren, und ich muss drüber nachdenken, ob ich für meine Zahlentheorie-”Vorlesung” nicht all diese Ansätze unter Nutzung eines Wikis zusammenbastele… also: Flipped Classroom + Wiki-Workbook + Wiki-Self-Assessments + Aktives Plenum… Darüber hinaus gibt es noch den überzeugenden Einsatz des Classroom Presenters in den Vorlesungen von Michael Gieding, wodurch noch mehr studentische Aktivität als im Aktiven Plenum erzielt werden kann (Feidenheimer & Knoblauch haben dies einmal in meinem Blog beschrieben). Alles in allem: Ein total spannendes Experimentierfeld!

Ein paar weitere Hinweise:

  • Aaron Sams hat gleich für uns die deutschsprachige Sub-Gruppe in der Flipped-Classroom-Community angelegt: ICM Deutschland.
  • Als weiteres Beispiel aus der Schule möchte ich auf die Chemie-Videos von Birgit Lachner hinweisen – einfach mal reinstöbern.
  • Sehr sehenswert sind auch die Videoaufzeichnungen der Vorträge von Jürgen Handke und Dan Spencer zum Inverted Classroom Model. Meine Vortrag zur flipped math lecture gibt es auch online. (Zum Ansehen der Vorträge benötigt man Silverlight)

Außerdem habe ich nun endlich ein Video schneiden können, in welchem das Aktive Plenum gezeigt wird (Danke an Maike Fischer für den Videodreh!). Bislang habe ich meinen Studierenden zu Beginn einer Veranstaltung immer das Erich-Hammer-Video gezeigt, um zu verdeutlichen, wie ich mir die Interaktion im Hörsaal vorstelle (und die Studierenden mussten den Transfer vom Klassenzimmer in den Hörsaal selbst leisten). Jetzt werde ich zukünftig anfangs das Video aus dem Hörsaal vorführen:

Mitte Januar hatte ich einen Vortrag im elearning-center der TU Darmstadt im Rahmen des Fachforums Free your lecture! gehalten mit dem Titel “Input out: Die umgedrehte Mathematikvorlesung”. Die Vortragsaufzeichnung ist nun online (danke an das Team dort für die tolle Unterstützung!), schön brav unter einer CC-Lizenz. Das Video habe ich auch bei Youtube eingestellt (allerdings ohne Folienaufzeichnung):

Wer die Folien mit ansehen möchte (macht auch irgendwie mehr Sinn), der kann dies im OpenLearnware-Bereich des elc tun (Direktlink). Bei dieser Gelegenheit möchte ich dort auch auf das Video von Jürgen Handke verweisen, der ebenfalls zum flipped classroom (am Beispiel der Anglistik) berichtet: Sehenswert! Jürgen Handke veranstaltet auch die inverted classroom conference in Marburg, auf die ich morgen fahren werde. Ich freu mich tierisch drauf!

 

Schule 3.0: digital total?

Veröffentlicht: Sonntag, Februar 12, 2012 in Schule, Web 2.0

Am nächsten Donnerstag darf ich an einer Podiumdiskussion auf der didacta zum Thema „Schule 3.0: digital total?“, veranstaltet vom Verband Bildungsmedien, teilnehmen. Inhaltlich sollen die folgenden Fragen besprochen werden (auf Seite 6 des Programmhefts zu entnehmen; ich finde es übrigens immer noch cool, dass sie DIESES Bild genommen haben :-) ):

Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet rasant voran: Ständig verfügbares Internet, soziale Netzwerke und zahllose Apps gehören bereits heute für viele Schülerinnen und Schüler zum Alltag. Doch wie wird sich diese Entwicklung auf den schulischen Unterricht auswirken, wie sieht die Zukunft des Lernens aus? Vor diesem Hintergrund soll der Einsatz von digitalen Medien im Unterricht beleuchtet werden: In welchen Lernszenarien bieten diese Medien überhaupt Vorteile? Ist das klassische Schulbuch ein Auslaufmodell? Wie steht es um die Medienkompetenz der Lehrkräfte, welche Rolle spielt die Lehrerbildung? Und über allem schwebt die Frage, welche politischen und finanziellen Rahmenbedingungen notwendig sind, um die Unterrichtsqualität durch den Einsatz von digitalen Medien effektiv zu erhöhen.

Ich habe mir einmal ein paar Statements zu den Punkten überlegt, möchte gerne vorab mit euch in die Diskussion einsteigen und eure Beiträge mit in die Podiumsdiskussion nehmen (um gleichzeitig ein Beispiel für den Nutzen des Internets in Lehr-/Lernsituationen zu geben). Ihr könnt natürlich gerne eigene Statements hinzufügen oder die bestehenden kommentieren. Also, neine Statements:

  1. Die Schule hat die Verpflichtung, digitale Medien in den Unterricht in erheblich stärkerem Maße zu integrieren. Zum einen sind digitale Medien im Alltag der Schülerinnen und Schüler omnipräsent (Alltagsrelevanz) und es lässt jetzt schon abschätzen, dass die Digitalisierung noch weiter voranschreiten wird (Zukunftsrelevanz; vgl. auch hier). Ich frage mich, wann „die Schule“ (ganz gemein verallgemeinernd) es schafft, digitale Medien im Sinne der Weltorientierung alltäglich und selbstverständlich in den Unterricht zu integrieren. Solange dies nicht der Fall ist, muss sich Schule vorwerfen lassen, weltfremd zu sein. Auf das Leben in welcher Welt bereitet Schule heute eigentlich noch vor? Schule ist der einzige Ort, an dem die Förderung von Medienkompetenz systematisch verankert werden kann. Es gibt keine Alternative: Schule muss digital werden.
  2. Über die Vermittlung von Medienkompetenz hinaus können digitale Medien im Unterricht unzählige Funktionen als Werkzeuge übernehmen: Sie dienen der Informationsdarbietung, der Veranschaulichung, der Kommunikation, der Zusammenarbeit, der Recherche, der Präsentation (siehe zum Beispiel den L3T-Artikel Mehr als eine Rechenmaschine). Und eben weil der Alltag digital ist, können sie nicht nur diese Funktionen übernehmen, sondern sie müssen es – zumindest zu einem ordentlichen Anteil.
  3. Aufgrund der Vielfalt der vorhandenen Werkzeuge und deren Einsatzmöglichkeiten fallen mir keine Lernszenarien ein, in denen digitale Medien keine Vorteile bringen können. (Fallen euch welche ein? Nennt mal ein Szenario, in dem es sinnlos wäre, digitale Medien einzusetzen!)
  4. IT wird aber vermutlich in der Breite erst dann in den Unterricht einziehen können, wenn wir unabhängig werden von Computerräumen und Laptop-Schränken. Das Zukunftsszenario ist das folgende: Schülerinnen und Schüler nutzen ihre eigenen Devices (Smartphones, Tablets, …) mit Internet-Flatrate bei Bedarf („on demand“), und zwar ähnlich wie jetzt die Taschenrechner. Also: Völlig raum- und zeitunabhängig. Dort, wo sie gerade sind. Auch zu Hause.
  5. Schüler haben zukünftig also keine Bücher mehr dabei (eine Ende der schweren Ranzen und Rucksäcke!), sondern ein Device (z.B. Tablet) mit multimedialen Dokumenten, interaktiven Anwendungen und Zugang zum Internet. Schüler haben auch keine Schulhefte mehr, sondern erstellen digitale Produkte, die sie darüber hinaus einfach teilen und wiederverwenden können.
  6. Der Anreiz, offene Lernmaterialien (Open Educational Resources; vgl. die Diskussionen bei Herr Larbig) zu verwenden, wird zukünftig sicher größer werden, so zumindest meine Hoffnung, die, denke ich, nicht ganz unbegründet ist: Es macht kaum Sinn, Schulbücher als PDF-Dateien auf Tablets zur Verfügung zu stellen. Der Druck ist relativ hoch, dass “Schulbücher” dann multimedial und interaktiv sein müssen. Aber – schaffen Schulbuchverlage das, solche Materialien in angemessener Qualität und Zeit zu produzieren? Das ist ein riesiger Aufwand! Welch Vorteil hingegen, wenn solche Materalien verteilt auf der ganzen Welt produziert und an zentralen Stellen gesammelt bzw. verlinkt werden. Ich warte schon länger auf Community-Projekte, die (ähnlich wie bei Wikipedia) kollaborativ freie Online-„Schulbücher“ zu allen Fächern in allen Schulstufen erstellen. Das heißt: Was wird passieren, wenn man im Web qualitativ bessere Lernmaterialien finden wird als in kommerziellen Angeboten? Schulbuchverlagen müssen – um am Leben zu bleiben – vermutlich ziemlich bald zu alternativen Geschäftsmodellen übergehen (vgl. auch diese Diskussion bei Herr Larbig).
  7. Ganz zentral: Medienkompetenz der Lehrpersonen. Medien- und IT-Lehrerfortbildungen werden von Lehrerinnen und Lehrern zu wenig besucht (mein persönlicher Eindruck; ist aber auch klar, wenn man weiß, welche Qualität solche Fortbildungen oft haben). Lehrerfortbildungen reichen hier aber auch konzeptuell nicht aus, sondern können allenfalls winzige Einstiegspunkte sein; dafür ist die digitale Welt viel zu gewaltig. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich selbstständig weiterbilden – und das Internet ist voll von Hilfen und Einstiegspunkten! Sie müssen nicht nur die Schüler aufs lebenslange, selbstverantwortliche Lernen vorbereiten, sondern müssen dies als Lehrende selbst praktizieren und vorleben. Letztlich muss Lehrern klar sein: Es ist ihre Mitverantwortung, Schülerinnen und Schüler aufs digitale Leben vorzubereiten. (Und, überhaupt, was heißt hier „vorbereiten“? Das Leben der Schüler ist bereits digital.)
  8. Wichtiger Punkt auch: Die Lehramtsausbildung. Wie und in welchem Umfang werden digitale Medien eigentlich im Lehramtsstudium eingesetzt? Und im Referendariat? Leben denn Dozentinnen und Dozenten bzw. Mentorinnen und Mentoren vor, wie man digitale Medien nutzbringend zum Lernen und Lehren einsetzen kann? Wer wagt sich denn über die Verwendung von „PDF-Schleudern in Learning Management Systemen“ hinaus? Ich kenne zahlreiche Beispiele Dozentinnen und Dozenten, die Medien vorbildlich einsetzen, ich vermute aber, wenn man flächendeckend Deutschland diesbezüglich in den Blick nimmt, dann wird man auch hier ein ordentliches Verbesserungspotenzial aufdecken.
  9. Welche politischen, welche finanziellen Rahmenbedingungen sind notwendig? Meine These wäre: Es sollte (vielleicht absurderweise) nicht die Finanzierung technischer Maßnahmen in den Fokus gerückt werden. Die Beschaffung technischer Endgeräte für Schüler macht keinen Sinn, denn hierdurch wird teure, oft ungenutzte Technik beschafft, die relativ schnell sowieso veraltet ist, und Schüler werden in relativ naher Zukunft ohnehin eigene Geräte haben, die eingesetzt werden können (mit Ausnahme vielleicht von Leihgeräten für finanziell schwächere Familien). Finanziert werden sollte auch kein Funknetz und keine WLAN-Infrastruktur an den Schulen, denn Endgeräte werden per LTE (oder Nachfolgern) ins Internet kommen. Im technischen Bereich sollte allenfalls – zentral – eine Serverstruktur finanziert bzw. weiter ausgebaut werden, so eine Art „Schulcloud“ oder so etwas. Nein, der wesentlich größere finanzielle Batzen sollte für Personal aufgewendet werden. Für Lehrerinnen und Lehrer. Denn mit kleineren Gruppen und weniger Lehrdeputat wird Raum und Zeit geschaffen für die persönliche Weiterbildung, für die Umsetzung innovativer Ideen, für die Planung von Unterricht unter neuen (digitalen) Bedingungen. Und für technisches Support-Personal an den Schulen, zur Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer.
  10. Politisch muss gefordert werden: Eine noch stärkere Verankerung der Medienbildung in den Curricula. In allen Altersstufen, in allen Fächern.

Was meint ihr dazu? Habt ihr weitere Statements?

Lasst 200 Gehirne interagieren!

Veröffentlicht: Mittwoch, Februar 8, 2012 in LdL

Am Freitag und Samstag darf ich einen LdL-Workshop in Berliner Zentrum für Hochschullehre gestalten. Zwei ganze Tage mit einer Gruppe von ca. 14 Personen – welch ein Luxus! Titel des Workshops: Lasst 200 Gehirne interagieren! Lernen durch Lehren (LdL) in der Hochschullehre. Viel haben wir uns vorgenommen für diese Zeit: LdL und Menschenbild, LdL-Hochschulseminare, Aktives Plenum und flipped classroom, LdL und Web-2.0-Tools, öffentliche Wissenschaft, Aktionsforschung… und es hat sogar schon begonnen: Einige Teilnehmer haben vorbereitende Statements in das Wiki geschrieben, und wir haben angefangen, dort zu diskutieren. Der Workshop selbst ist dabei im Sinne von LdL gestaltet – die Teilnehmer werden eigene Phasen übernehmen, wir werden mehrere Situngen im aktiven Plenum abhalten und Web-2.0-Anwendungen werden “neuronenartig” integriert.

Ich werde die ganze Zeit eine Twitterwall laufen lassen, um den “Kontakt mit der Außenwelt” – d.h. euch :-) – herzustellen. Vielleicht werden wir im Rahmen des Workshops auch Twitter-Accounts anlegen – das hängt aber von den Wünschen und Interessen der Teilnehmer ab, die sich natürlich auch während des Workshops entwickeln dürfen. Das Hashtag ist #ldlberlin – also, haltet an diesen beiden Tagen die Augen offen, und ich würde mich freuen, wenn wir euch über Twitter mit einbinden können (ein Streaming macht zwei Tage lang wenig Sinn, vor allem weil wir auch viele Arbeitsphasen haben werden, in denen für Außenstehende nicht viel passiert). Somit: Stay tuned and listen to channel #ldlberlin :-)