Archiv für Sonntag, Februar 12, 2012

Schule 3.0: digital total?

Veröffentlicht: Sonntag, Februar 12, 2012 in Schule, Web 2.0

Am nächsten Donnerstag darf ich an einer Podiumdiskussion auf der didacta zum Thema „Schule 3.0: digital total?“, veranstaltet vom Verband Bildungsmedien, teilnehmen. Inhaltlich sollen die folgenden Fragen besprochen werden (auf Seite 6 des Programmhefts zu entnehmen; ich finde es übrigens immer noch cool, dass sie DIESES Bild genommen haben :-)):

Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet rasant voran: Ständig verfügbares Internet, soziale Netzwerke und zahllose Apps gehören bereits heute für viele Schülerinnen und Schüler zum Alltag. Doch wie wird sich diese Entwicklung auf den schulischen Unterricht auswirken, wie sieht die Zukunft des Lernens aus? Vor diesem Hintergrund soll der Einsatz von digitalen Medien im Unterricht beleuchtet werden: In welchen Lernszenarien bieten diese Medien überhaupt Vorteile? Ist das klassische Schulbuch ein Auslaufmodell? Wie steht es um die Medienkompetenz der Lehrkräfte, welche Rolle spielt die Lehrerbildung? Und über allem schwebt die Frage, welche politischen und finanziellen Rahmenbedingungen notwendig sind, um die Unterrichtsqualität durch den Einsatz von digitalen Medien effektiv zu erhöhen.

Ich habe mir einmal ein paar Statements zu den Punkten überlegt, möchte gerne vorab mit euch in die Diskussion einsteigen und eure Beiträge mit in die Podiumsdiskussion nehmen (um gleichzeitig ein Beispiel für den Nutzen des Internets in Lehr-/Lernsituationen zu geben). Ihr könnt natürlich gerne eigene Statements hinzufügen oder die bestehenden kommentieren. Also, neine Statements:

  1. Die Schule hat die Verpflichtung, digitale Medien in den Unterricht in erheblich stärkerem Maße zu integrieren. Zum einen sind digitale Medien im Alltag der Schülerinnen und Schüler omnipräsent (Alltagsrelevanz) und es lässt jetzt schon abschätzen, dass die Digitalisierung noch weiter voranschreiten wird (Zukunftsrelevanz; vgl. auch hier). Ich frage mich, wann „die Schule“ (ganz gemein verallgemeinernd) es schafft, digitale Medien im Sinne der Weltorientierung alltäglich und selbstverständlich in den Unterricht zu integrieren. Solange dies nicht der Fall ist, muss sich Schule vorwerfen lassen, weltfremd zu sein. Auf das Leben in welcher Welt bereitet Schule heute eigentlich noch vor? Schule ist der einzige Ort, an dem die Förderung von Medienkompetenz systematisch verankert werden kann. Es gibt keine Alternative: Schule muss digital werden.
  2. Über die Vermittlung von Medienkompetenz hinaus können digitale Medien im Unterricht unzählige Funktionen als Werkzeuge übernehmen: Sie dienen der Informationsdarbietung, der Veranschaulichung, der Kommunikation, der Zusammenarbeit, der Recherche, der Präsentation (siehe zum Beispiel den L3T-Artikel Mehr als eine Rechenmaschine). Und eben weil der Alltag digital ist, können sie nicht nur diese Funktionen übernehmen, sondern sie müssen es – zumindest zu einem ordentlichen Anteil.
  3. Aufgrund der Vielfalt der vorhandenen Werkzeuge und deren Einsatzmöglichkeiten fallen mir keine Lernszenarien ein, in denen digitale Medien keine Vorteile bringen können. (Fallen euch welche ein? Nennt mal ein Szenario, in dem es sinnlos wäre, digitale Medien einzusetzen!)
  4. IT wird aber vermutlich in der Breite erst dann in den Unterricht einziehen können, wenn wir unabhängig werden von Computerräumen und Laptop-Schränken. Das Zukunftsszenario ist das folgende: Schülerinnen und Schüler nutzen ihre eigenen Devices (Smartphones, Tablets, …) mit Internet-Flatrate bei Bedarf („on demand“), und zwar ähnlich wie jetzt die Taschenrechner. Also: Völlig raum- und zeitunabhängig. Dort, wo sie gerade sind. Auch zu Hause.
  5. Schüler haben zukünftig also keine Bücher mehr dabei (eine Ende der schweren Ranzen und Rucksäcke!), sondern ein Device (z.B. Tablet) mit multimedialen Dokumenten, interaktiven Anwendungen und Zugang zum Internet. Schüler haben auch keine Schulhefte mehr, sondern erstellen digitale Produkte, die sie darüber hinaus einfach teilen und wiederverwenden können.
  6. Der Anreiz, offene Lernmaterialien (Open Educational Resources; vgl. die Diskussionen bei Herr Larbig) zu verwenden, wird zukünftig sicher größer werden, so zumindest meine Hoffnung, die, denke ich, nicht ganz unbegründet ist: Es macht kaum Sinn, Schulbücher als PDF-Dateien auf Tablets zur Verfügung zu stellen. Der Druck ist relativ hoch, dass “Schulbücher” dann multimedial und interaktiv sein müssen. Aber – schaffen Schulbuchverlage das, solche Materialien in angemessener Qualität und Zeit zu produzieren? Das ist ein riesiger Aufwand! Welch Vorteil hingegen, wenn solche Materalien verteilt auf der ganzen Welt produziert und an zentralen Stellen gesammelt bzw. verlinkt werden. Ich warte schon länger auf Community-Projekte, die (ähnlich wie bei Wikipedia) kollaborativ freie Online-„Schulbücher“ zu allen Fächern in allen Schulstufen erstellen. Das heißt: Was wird passieren, wenn man im Web qualitativ bessere Lernmaterialien finden wird als in kommerziellen Angeboten? Schulbuchverlagen müssen – um am Leben zu bleiben – vermutlich ziemlich bald zu alternativen Geschäftsmodellen übergehen (vgl. auch diese Diskussion bei Herr Larbig).
  7. Ganz zentral: Medienkompetenz der Lehrpersonen. Medien- und IT-Lehrerfortbildungen werden von Lehrerinnen und Lehrern zu wenig besucht (mein persönlicher Eindruck; ist aber auch klar, wenn man weiß, welche Qualität solche Fortbildungen oft haben). Lehrerfortbildungen reichen hier aber auch konzeptuell nicht aus, sondern können allenfalls winzige Einstiegspunkte sein; dafür ist die digitale Welt viel zu gewaltig. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich selbstständig weiterbilden – und das Internet ist voll von Hilfen und Einstiegspunkten! Sie müssen nicht nur die Schüler aufs lebenslange, selbstverantwortliche Lernen vorbereiten, sondern müssen dies als Lehrende selbst praktizieren und vorleben. Letztlich muss Lehrern klar sein: Es ist ihre Mitverantwortung, Schülerinnen und Schüler aufs digitale Leben vorzubereiten. (Und, überhaupt, was heißt hier „vorbereiten“? Das Leben der Schüler ist bereits digital.)
  8. Wichtiger Punkt auch: Die Lehramtsausbildung. Wie und in welchem Umfang werden digitale Medien eigentlich im Lehramtsstudium eingesetzt? Und im Referendariat? Leben denn Dozentinnen und Dozenten bzw. Mentorinnen und Mentoren vor, wie man digitale Medien nutzbringend zum Lernen und Lehren einsetzen kann? Wer wagt sich denn über die Verwendung von „PDF-Schleudern in Learning Management Systemen“ hinaus? Ich kenne zahlreiche Beispiele Dozentinnen und Dozenten, die Medien vorbildlich einsetzen, ich vermute aber, wenn man flächendeckend Deutschland diesbezüglich in den Blick nimmt, dann wird man auch hier ein ordentliches Verbesserungspotenzial aufdecken.
  9. Welche politischen, welche finanziellen Rahmenbedingungen sind notwendig? Meine These wäre: Es sollte (vielleicht absurderweise) nicht die Finanzierung technischer Maßnahmen in den Fokus gerückt werden. Die Beschaffung technischer Endgeräte für Schüler macht keinen Sinn, denn hierdurch wird teure, oft ungenutzte Technik beschafft, die relativ schnell sowieso veraltet ist, und Schüler werden in relativ naher Zukunft ohnehin eigene Geräte haben, die eingesetzt werden können (mit Ausnahme vielleicht von Leihgeräten für finanziell schwächere Familien). Finanziert werden sollte auch kein Funknetz und keine WLAN-Infrastruktur an den Schulen, denn Endgeräte werden per LTE (oder Nachfolgern) ins Internet kommen. Im technischen Bereich sollte allenfalls – zentral – eine Serverstruktur finanziert bzw. weiter ausgebaut werden, so eine Art „Schulcloud“ oder so etwas. Nein, der wesentlich größere finanzielle Batzen sollte für Personal aufgewendet werden. Für Lehrerinnen und Lehrer. Denn mit kleineren Gruppen und weniger Lehrdeputat wird Raum und Zeit geschaffen für die persönliche Weiterbildung, für die Umsetzung innovativer Ideen, für die Planung von Unterricht unter neuen (digitalen) Bedingungen. Und für technisches Support-Personal an den Schulen, zur Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer.
  10. Politisch muss gefordert werden: Eine noch stärkere Verankerung der Medienbildung in den Curricula. In allen Altersstufen, in allen Fächern.

Was meint ihr dazu? Habt ihr weitere Statements?