Wenn ich jemand fragen würde, was wohl das aufregendste Ereignis im letzten Jahr war, dann würde ich mit ziemlicher Sicherheit die Bildungsexpedition nennen. Nebenbei war es auch das anstrengendste. Aber Leiden schafft Erkenntnisse. Und das haben wir vielfach im Laufe der Expedition erfahren. Diese Erkenntnisse kann ich gar nicht alle in einem einzigen Blogbeitrag zusammenfassen. Ich denke, der bessere Weg ist, dass ich in Zukunft die Erfahrungen der Bildungsexpedition in meine Blogbeiträge einfließen lasse und dabei auch auf die zahlreichen Videos und Audiopodcasts verweisen werde, die wir produziert haben.
Als wir am letzten Abend der Bildungsexpedition bei Otto Herz in Leipzig waren und nachdem wir das Gespräch beendet hatten und die Kamera ausgeschaltet war, habe ich Otto Herz gefragt, wie man es erreichen kann, dass man seine Denkstrukturen derart aufbricht und radikal neu denkt so wie er. Er drehte sich zu mir um und antwortete mit einem Wort: “Expedition”. Diese Szene ist für mich die zentrale Szene der Bildungsexpedition gewesen. Sie fasst in einem einzigen Wort zusammen, wie sich für mich persönlich meine Auffassung von Lernen in den letzten Jahren gewandelt hat. Öffnung ist für mich mittlerweile nicht mehr nur ein pädagogisches Schlagwort.
Otto Herz hat seine Antwort noch sehr schön erläutert. Dies möchte ich hier sinngemäß wiedergeben: Durch das Rausgehen in die Welt lernt man Alternativen kennen. Diese Alternativen erweitern den eigenen Handlungsspielraum. Man weiß, was alles möglich ist, und kann dies für die Gestaltung im eigenen Handlungsfeld nutzen. Darüber hinaus lernt man, mutig zu sein. Man stellt fest, dass man auch in anderen Handlungsfeldern bestehen kann, man wird selbstbewusst, und man kehrt voller Erfahrung zurück. Nach seiner (zugegebenermaßen radikalen) Auffassung wird Schule in 20 Jahren genau so aussehen: Schüler führen gemeinsam Projekte “draußen” durch: In der Stadt, im Wald, in Betrieben, … Die Schule verbleibt als logistisches Zentrum, in dem die Schüler immer wieder zusammenkommen, um gemeinsam die Erfahrungen zu reflektieren und die nächsten Schritte zu planen. Hierzu zählt ebenfalls die Auslandserfahrung: Schüler müssen im Laufe der Schulzeit ins Ausland, um dort mit anderen Lebens- und Denkweisen umgehen zu lernen.
Lisas und meiner Ansicht nach sollten Lehramtsstudenten alle einmal eine solche Expedition machen, um andere Schulen, Organisationsformen von Lernen und Lehren und insbesondere andere Menschen und Meinungen im unmittelbaren Kontakt kennen zu lernen. Lasst uns unsere Lehrveranstaltungen für solche Projekte viel mehr öffnen! Derartige Erfahrungen sind nämlich diejenigen, die einem ein Leben lang im Gedächtnis bleiben und an die man sich gerne und intensiv erinnert. Es sind diejenigen Erfahrungen, die einen im tiefsten Innern verändern.
Jetzt werden wir aber zunächst mal weiter an den Produkten der Bildungsexpedition arbeiten. Wir haben noch jede Menge Videomaterial und jede Menge Reflexionsbedarf. Das alles zu verarbeiten wird noch lange dauern. Vermutlich ein Leben lang.
Die Bildungsexpedition ist zu Ende. In Wirklichkeit beginnt sie für mich aber gerade erst.