Ich nutze einfach mal den regnerischen Start des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig, um einen Blogbeitrag zu schreiben, der mir schon länger auf dem Herzen liegt. Auf dem EduCamp hat mich Oliver Berger gefragt, ob ich nicht mal etwas über die vermeintliche Diskrepanz zwischen meinem Beruf und meinem Auftreten schreiben kann: Lange Haare, Piercing, Mono-Inc-Shirt, Nietenhose, Springerstiefel, immer schwarz. Vermutlich gibt es bei Menschen, die nicht wissen, welchen Beruf ich ausübe, zunächst mal starke Vorurteile. Man kann sich im reinsten konstruktivistischen Sinne die Gedanken der „Omi an der Supermarktkasse“ ausmalen, in etwas solche wie „Arbeitsloser Rocker“ oder „Langhaariger Bombenleger“.
Auf der anderen Seite mache ich öfters die Erfahrung, dass Menschen, die erfahren, dass ich Professor bin, es für meinen Geschmack ein ganzes Stück mit der Ehrfurcht übertreiben. Überspitzt formuliert wird mir gegenüber des öfteren deutlich gemacht: „Danke, Herr Professor, dass Sie ein Stück Ihrer wertvollen Zeit opfern (wo sie doch ganz bestimmt so viel zu tun haben mit ihren vielen Projekten), um sich mit meinen unwürdigen Gedanken auseinandersetzen.“ Manchmal denke ich, dass meine Stiefel eigentlich viel sauberer sein müssten als sie es sind.
Vorstellungen von Prototypen scheinen eine viel stärkere Rolle im menschlichen Umgang zu haben, als mir das bislang bewusst war. Wenige Signale werden zum Anlass genommen, ganze Persönlichkeitskonzepte abzuleiten. „Lange Haare“ wird zu „Arbeitsloser Rocker“, „Professor“ wird zu „unnahbarer Wissenschaftsgott“. Eigentlich schade, dass Menschen mit ihren Prototyp-Konzepten dann in die zwischenmenschliche Kommunikation hineingehen, oder dass die Kommunikation vielleicht sogar aufgrund der prototypischen Vorstellungen gar nicht erst zustande kommt.
Gestern fragte mich der Taxifahrer, wo ich her komme. „Heidelberg.“ – „Ah, da gibt es viele Studenten in Heidelberg.“ – „Ja, genau, Heidelberg besteht praktisch aus Studenten.“ – „Was studieren Sie denn?“ – „Ich bin kein Student.“ – „Was machen Sie?“ – „Ich arbeite als Professor.“ – „So sehen Sie aber nicht aus.“ – „Ich gebe mir auch größte Mühe.“
Etwas anders gelagert ist die Tatsache, dass ich meine „normale“ Kleidung auch an der Hochschule und in Vorlesungen trage. Das habe ich nicht immer konsequent gemacht (wie meine ersten Vorlesungsvideos zeigen; wäh!). Die letzten Jahre waren für mich aber auch ein Stück weit eigene Persönlichkeitsentwicklung. Es ist immer wichtiger für mich geworden, meine verschiedenen Identitätsfacetten nicht zu trennen, sondern zu integrieren. Tagsüber Professor, abends Grufti – das fühlt sich für mich nicht gut an.
Ab und zu werde ich gefragt, ob mir das im Laufe meiner “Karriere” nicht auch mal im Wege stand. Ich kann glücklicherweise sagen: Nein, überhaupt nicht. Gut, vielleicht hab ich das nicht mitbekommen. Aber offen wurden mir gegenüber niemals Vorbehalte geäußert. Als ich mich auf die Professur beworben habe, hat mich ein befreundeter Professor vorsichtig gefragt, ob ich nicht mein Piercing auf dem Bewerbungsfoto lieber rausmachen möchte. Das wollte ich nicht: Die Berufungskommission soll mich wollen, nicht die Maske, die ich aufbaue. Das muss natürlich nicht immer gut gehen. Aber wenn es kein Risiko gäbe, bräuchte man ja auch keinen Mut dazu, und dann wäre es auch nicht befriedigend, wenn’s klappt.
Natürlich kokettiere ich auch gerne damit wie beispielsweise hier im Video mit Graf Zahl oder bei einem Video zu unserer MOOC-Bewerbung (Achtung: schon gevoted? Wir brauchen eure Stimme!). Ich nutze die Strangeness für die Gewinnung von Aufmerksamkeit. Ich müsste ja nicht unbedingt das vampirige Zylinderbild im Web verwenden, aber dadurch macht man neugierig, und Menschen treten mit mir in Interaktion. Jean-Pol Martin hatte es mal auf den Punkt gebracht: Durch Aufmerksamkeit erhält man zahlreiche Impulse von außen und man gewinnt Menschen für die punktuelle oder längerfristige Zusammenarbeit an gemeinsamen Zielen. Problematisch daran ist: Die Grenze zur gefälligen Selbstdarstellung ist schnell überschritten. Das passiert mir ab und zu (tut mir leid). Aber ich übe ja auch noch.
Trotz der Gefahren muss ich sagen: Ich fühle mich in meiner Haut immer wohler. Und das scheint auch nach außen hin zu wirken. Neulich kam eine Studentin auf dem Gang der PH auf mich zu und meinte: „Herr Spannagel, wir haben Sie gerade im Seminar als positives Beispiel verwendet!“ – „Oh. In welchem Seminar denn?“ – „Es ging um Lebensstile.“ – „Und was wurde da gesagt?“ – „Dass man den Kleidungsstil, der zu einem passt, nur dann finden kann, wenn man mit sich selbst im Reinen ist.“ Oder so ähnlich, ich erinnere mich nicht mehr ganz genau an den Wortlaut. Es waren aber auf jeden Fall große Worte.
Gerade im Lehramtsstudium… (oh, ich merke gerade, dass ich diesen Satzanfang öfter verwende: „Gerade im Lehramtsstudium“… dieses Studium scheint doch ganz besondere Anforderungen mit sich zu bringen) … also, nochmal: Gerade im Lehramtsstudium ist Persönlichkeitsentwicklung ein wichtiges Thema. Ich meine dabei nicht die abstrakte, theoretische Behandlung des Themas, sondern die eigene, also die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden. Diese begleiten nämlich später Kinder und Jugendliche bei deren Identitätsfindung und Persönlichkeitsentwicklung. Würden wir uns nicht alle Lehrerinnen und Lehrer wünschen, die sich selbst ein Stück weit gefunden haben und aus dieser Selbstbewusstheit heraus mit Kindern und Jugendlichen arbeiten? Hier gilt also (wie immer im Lehramtsstudium): wir müssen in der Hochschullehre als gutes Beispiel vorangehen. Und das bedeutet: Hart an der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten.
Vor einiger Zeit kam ein Student mit Dreadlocks in mein Büro und hat sich bei mir bedankt. Er studiere gar keine Mathematik, aber ihm mache es Mut, wenn er bei mir sieht, dass man sich nicht verstellen muss und es doch „zu was bringen“ kann. Genau das ist mir wichtig.
Fazit: Die Gesellschaft braucht mehr Grufti-Profs und Punk-Schulleiter!
So, und jetzt geh ich in die Moritzbastei frühstücken. Hoffentlich gibt’s noch was…




