Digitalisierung im Lehramtsstudium

Veröffentlicht: Montag, April 3, 2017 in Uncategorized
Schlagwörter:

Zusammenfassung: Wenn Schüler*innen Medienkompetenzen erwerben sollen, müssen Lehrer*innen diese bereits besitzen und haben diese am besten auch im Studium erworben. Wenn Lehramtsstuden*innen Medienkompetenzen erwerben sollen, müssen Hochschuldozent*innen diese bereits besitzen. Wer sieht den Fehler im System?

Heute bin ich eingeladen, bei einer Veranstaltung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg im Rahmen eines Workshops teaching4future beim Runden Tisch „Wissenschaft und Kultur digital@bw“ einen kleinen, fünftminütigen Impuls zum Thema „Digitalisierung in der Lehrerbildung“ (genauer: im Lehramtsstudium) zu geben. Beginnen möchte ich mit folgendem Dreischritt:

  1. Vom Ende her gedacht: Die Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft sollten (neben vielen anderen Dingen) auch produktiv und vernünftig mit digitalen Medien umgehen können. Der einzige Ort, an dem eine Gesellschaft systematisch sicher stellen kann, dass die nachfolgenden Generationen medienkompetent heranwachsen, ist die Schule. Den Lehrer*innen kommt hier also eine besondere Bedeutung zu: Sie müssen die Medienkompetenzen besitzen, die sie ihren Schüler*innen vermitteln sollen (idealerweise noch mehr), und zusätzlich benötigen sie mediendidaktische Kompetenzen.
  2. Der einzige Ort, an dem eine Gesellschaft systematisch sicher stellen kann, dass alle Lehrer*innen medienkompetent sind, ist die Lehramtsaus- und weiterbildung. Obwohl der Erwerb und die Weiterentwicklung von Medienkompetenz natürlich ein lebenslanger Prozess ist, kommt dem Lehramtsstudium eine besondere Rolle zu: Hier werden neben den basalen Theorien und ersten praktischen Erfahrungen auch die grundlegenden Einstellungen und Haltungen gegenüber dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht erworben. Wichtig ist neben den speziellen medienpädagogischen und mediendidaktischen Vorlesungen und Seminaren auch, dass die Studierenden Erfahrungen beim Lernen mit digitalen Medien in nicht-medienbezogenen Lehrveranstaltungen machen, also in den Bildungswissenschaften und den Fächern bzw. Fachdidaktiken: Digitale Medien sind Werkzeuge und können somit in allen Lehrveranstaltungen zum Lernen und Lehren eingesetzt werden – natürlich nur dort, wo es sinnvoll ist. Also müssen alle Dozent*innen, die in der Lehramtsausbildung tätig sind, die Medienkompetenzen und mediendidaktischen Kompetenzen besitzen, die sie ihren Lehramtsstudent*innen vermitteln sollen (idealerweise noch mehr).
  3. Achtung, aufgepasst, jetzt kommt der kritische Punkt: Wo ist der Ort, an dem die Gesellschaft sicher stellen kann, dass alle im Lehramtsstudium tätigen Dozent*innen medienkompetent sind? Genau: den gibt es nicht wirklich. Es wird ja niemand zum Hochschullehrer ausgebildet. Wie in jedem Studium hängt der Einsatz digitaler Medien vom individuellen Interesse und Engagement einzelner Dozent*innen ab. Das ist extrem unbefriedigend. Der Einsatz digitaler Medien im Lehramtsstudium darf doch nicht auf Zufall und Freiwilligkeit beruhen, sondern muss systematisch und strukturell verankert werden.

Wie soll das gemacht werden? Die Antworten darauf sind nicht einfach, aber vielleicht genügt es auch erst einmal, entsprechende detailliertere Fragen zu stellen:

  • Wie kann der Erwerb von Medienkompetenzen und mediendidaktischen Kompetenzen noch stärker im Curriculum des Lehramtsstudiums verankert werden? Problem dabei: Es soll ja nicht nur um entsprechende Inhalte gehen, sondern auch den methodischen Einsatz von digitalen Medien, und Methoden kann man schlechter vorschreiben als Inhalte.
  • Wie kann eine Digitalisierungsstrategie der Hochschule dabei unterstützen, digitale Medien im Lehramtsstudium stärker zu verankern?
  • Welche Anreizstrukturen können geschaffen werden, um den Einsatz digitaler Medien noch mehr zu motivieren?
  • Welche hochschuldidaktischen Fort- und Weiterbildungsstrukturen können aufgebaut werden, um den Erwerb von Medienkompetenzen und insbesondere mediendidaktischen Kompetenzen zu fördern? Problem dabei: Hochschuldidaktische Fortbildungen werden erfahrungsgemäß von nicht so arg vielen Dozent*innen besucht. Ein erster Ansatz könnte vielleicht sein, vermehrt fachbezogene hochschuldidaktische Fortbildungen anzubieten, also beispielsweise ein Workshop zum Einsatz digitaler Medien in Mathematikvorlesungen usw. – das dürfte zumindest die in der Regel eher fachlich als didaktische orientierten Dozent*innen mit etwas größerer Wahrscheinlichkeit ansprechen.

Ein Kommentar noch am Schluss: Es geht natürlich nicht um Digitalisierung überall und um jeden Preis, sondern den adäquaten Einsatz digitaler Medien. Lehramtsstudent*innen müssen natürlich genauso lernen, mit analogen Medien sinnvoll umzugehen und diese im Unterricht einzusetzen. In medio virtus [1].

Was sind eure Gedanken dazu?

[1] Spannagel, C. (2015). Digitale Medien in der Schule: in medio virtus. LOG IN, 180, 22-27.

Etherpads für Gruppenarbeitsphasen

Veröffentlicht: Montag, März 27, 2017 in FlippedClassroom
Schlagwörter:,

Fazit: Etherpads sind ein unglaublich nützliches Werkzeug für die Strukturierung von Gruppenarbeiten in einem Seminar. Man spart damit Zeit für bei den Phasenwechseln – und gewonnene Zeit kann wiederum für inhaltliche Aktivitäten verwendet werden.

Nach Gruppenarbeitsphasen in Lehrveranstaltungen entsteht immer wieder die Schwierigkeit, die Gruppenergebnisse im Plenum effizient zu besprechen. Dabei kann viel Zeit verloren gehen, etwa wenn eine Gruppe ihre Ergebnisse an die Tafel schreibt oder wenn USB-Sticks zum Dozentenrechner getragen werden, um ein digitales Ergebnis zu präsentieren. Außerdem bekommen die Teilnehmer*innen oftmals nicht alle Gruppenergebnisse zu sehen, sondern nur einige wenige – für die Präsentation aller Ergebnisse ist kaum Zeit.

Neben der Möglichkeit, Digitalfotos zu erstellen, sind Etherpads ein tolles Werkzeug, um Gruppenarbeitsphasen effektiver zu gestalten, insbesondere dann, wenn die Gruppenergebnisse Texte oder Textfragmente sind, und wenn die Gruppen unterschiedliche Inhalte bearbeiten und am Ende der Arbeitsphase alles zusammengetragen werden soll.

Beispiel: In meinem Informatikdidaktikseminar sollen sich Gruppen von je 3 Studierenden in einer der ersten Veranstaltungen jeweils ein Informatikkonzept (Algorithmus, Daten, Information, System, …) auswählen und anhand von vier Kriterien (Horizonal-, Vertikal-, Zeit- und Sinnkriterium) begründen, warum es sich dabei um ein zentrales Konzept der Informatik handelt. Hierfür richte ich ein Etherpad (beispielsweise ein ZUMPad) ein, in dem ich die Arbeitsergebnisse der Gruppen schon einmal strukturell vorbereite:

Im Seminar geben ich den Gruppen dann den Link und bitte alle, in der Arbeitszeit (10-15 Minuten) ihre Ergebnisse in das Etherpad einzutragen. Zeitlich synchron können dann alle das Dokument bearbeiten, und jeder sieht in Echtzeit, wie sich das Dokument füllt. Dieses Vorgehen hat die folgenden Vorteile:

  • Unkomplizierte Einrichtung: Ein Etherpad ist schnell angelegt, schnell vorstrukturiert, und die Studierenden können es sofort und ohne Anmeldung bearbeiten.
  • Live-Monitoring: Ich kann vom Dozentenrechner aus sehen, wie weit die jeweiligen Gruppen sind. Wenn ich merke, dass eine Gruppe stark hinterher hinkt, kann ich zu ihr hingehen und mit ihr über ihre Schwierigkeiten sprechen. Alternativ kann ich auch direkt ins Dokument kleine Hinweise und kurzes Feedback hineinschreiben, ohne extra zu der Gruppe zu gehen. So bekomme ich als Dozent viel mehr von den einzelnen Gruppen mit, als wenn ich herumlaufe, und ich kann gezielt und intensiver mit einzelnen Gruppen sprechen, ohne dabei den Gesamtüberblick zu verlieren.
  • Präzision des Arbeitsauftrags: Wer kennt nicht die Situation, dass einem nach fünf Minuten Gruppenarbeit einfällt, dass man noch etwas vergessen hat zu sagen. Die schlechte Variante ist dann laut zu rufen „Hört bitte alle nochmal her, ich hab noch vergessen was zu sagen!“ Damit reißt man alle aus ihren Diskussionen heraus. Wenn man ein Etherpad verwendet, dann kann man die Zusatzinformation in den Textbereich der ersten Gruppe hineinschreiben und dann per Copy & Paste bei allen anderen Gruppen ebenfalls eintragen. Die Gruppen sehen die Zusatzinformation dann an ihrer Stelle des Dokuments.
  • Austausch zwischen Gruppen: Bereits während der Gruppenarbeitsphase können die Studierenden auch bereits die Zwischenstände der anderen Gruppen sehen und sich daran orientieren. Sie können auch bei den anderen Gruppen kommentieren und korrigieren. Dies kann man auch systematisieren, in dem man zwei Phasen der Gruppenarbeit einführt: In der ersten Phase arbeiten alle an ihren Ergebnissen. In der zweiten Phase bittet man die Gruppen, sich alle Ergebnisse der anderen Gruppen anzusehen und ggf. zu kommentieren.
  • Präsentation im Plenum: Nach der Gruppenarbeit ist es leicht, diskussionswürde Ergebnisse herauszugreifen und zu besprechen. Dazu wirft man einfach das Etherpad per Beamer an die Wand. Als Dozent hatte man während der Gruppenarbeitsphase schon genügend Zeit, sich präsentations- und diskussionswürde Ergebnisse herauszusuchen. Und wenn man das Zwei-Phasen-Modell durchgeführt hat, ist es auch gar nicht mehr notwendig, alle Ergebnisse zu besprechen, sondern nur besonders gute oder solche mit typischen Fehlern. Insgesamt spart man so jede Menge Zeit bei den Phasenwechseln – wertvolle Zeit für die intensive Diskussion von Ergebnissen oder für weitere inhaltliche Aktivitäten.

Etherpads haben den Vorteil, dass sie relativ schnell angelegt werden können und keiner der beteiligten Personen einen Account braucht. Nachteilhaft ist, dass die Etherpads vom Anbieter nicht ewig bereit gestellt werden. Man muss damit rechnen, dass das Etherpad in einem halben Jahr nicht mehr existiert. Der Anbietet Titanpad schließt jetzt beispielsweise auch ganz seine Pforten. Das ist aber für das oben beschriebene Szenario unerheblich, da es sich sowieso nur um eine zeitlich befristete Aktivität handeln. Nach der Veranstaltung kann man das Etherpad zum Beispiel als PDF-Datei exportieren und so für alle Teilnehmer*innen sichern.

Frage: Auf welche Weise habt ihr Etherpads in Lehrveranstaltungen eingesetzt? Lasst uns mal Einsatzmöglichkeiten sammeln!

Blogpause: beendet!

Veröffentlicht: Sonntag, Januar 8, 2017 in Reflection
Schlagwörter:,

Gestern abend habe ich mir seit langem wieder einmal die Statistik meines Blogs angeschaut:

Die Tendenz ist klar zu erkennen: Seit 2014 ist mein Blog auf dem absteigenden Ast. 🙂 Kein Wunder: Im Jahr 2016 habe ich genau einen (in Worten: einen) Blogartikel verfasst, in dem ich ein Video eines Vortrags zum Thema Medienbildung, ITG und Informatik geposted habe. In den Jahren zuvor ist meine Blogaktivität auch zurückgegangen: Während ich in den Jahren 2009 bis 2011 noch 50 bis 80 Blogbeiträge pro Jahr geposted habe, waren es 2014 und 2015 noch 9 bzw. 6 Beiträge. Ein guter Zeitpunkt für eine Analyse!

Woran liegt es, dass meine Blogaktivität so stark zurückgegangen ist?

Diversifikation: Ich betreue nicht mehr nur einen Blog, sondern zig Blogs. Da wäre zum Beispiel meine Website dunkelmunkel.net, die ich dazu nutze, mal kurz eine Info rauszuhauen (wie beispielsweise einen Hinweis auf die Veröffentlichung eines Beitrags in einer Zeitschrift oder in einem Konferenzband). Dann gibt es die Blogs meiner Forschungsgruppe Playgroup Heidelberg, der Educational Design Research Group an der PH Heidelberg und des Projekts Flip your class! Diversifikation bedeutet dabei nicht nur, dass Beiträge über mehrere Informationskanäle verteilt werden, sondern dass auch die für das Bloggen begrenzten Zeitressourcen aufgeteilt werden. Und wenn man eine Seite wie dunkelmunkel.net hat, auf der man einfach schnell mal was raushauen kann, dann ist dies viel schneller gemacht, als einen ausführlichen Artikel auf cspannagel, dunkelmunkel & friends darüber zu schreiben.

Steigende Bedeutung von Video: Das Jahr 2013 war das Jahr des MOOCs. Mit dem MOOC Production Fellowship des Stifterverbands erhielten wir den Auftrag, einen Mathe-MOOC zum Thema Mathematisch denken! zu produzieren. Der Produktionsaufwand war immens – und zwar im Jahr 2014. Damit einher ging – wär hätte es gedacht, die Einrichtung eines neuen Blogs. Darüber hinaus produzierte ich ihm Rahmen von Flipped-Classroom-Veranstaltungen und Vorträgen jede Menge Videos. Und wer Videos produziert, hat keine Zeit mehr zum Schreiben.

Neue Aufgaben: Das Jahr 2016 war bislang das dünnste Blog-Jahr ever. Dies hängt damit zusammen, dass ich Anfang des Jahres neue Aufgaben in der Hochschule übernommen habe. Mit dem Prorektorat für Forschung, Medien und IT kümmere ich mich an der PH Heidelberg um die Ressorts Forschung und EntwicklungNachwuchsförderung, Transfer und Innovation, Medien, IT und Campusmanagement. Und das macht man nicht einfach so nebenbei – das hatte Top Priority. Die Einarbeitung war hart und aufwändig.

Mittlerweile juckt es mich aber wieder in den Fingern. Das heißt – das tut es schon lange. Ich habe immer wieder Stichpunkte gesammelt mit Ziel, „irgendwann“ mal darüber zu bloggen. Außerdem entstehen neue Blog-Ideen zu den Themen, mit denen ich mich im Prorektorat beschäftige. Jede Menge Stoff, kann man sagen.

2017 wird das Revival-Jahr für meinen Blog. (Das schreibe ich jetzt, um mich selbst zu pushen.) Und technisch bin ich dafür auch neu aufgestellt: Ich bin mittlerweile komplett auf iPhone, iPad und MacBook umgestiegen. Schneller, wendiger, effektiver und mit mehr Spaß habe ich noch nie gearbeitet. (Diese unglaubliche Macht der Mac-Tastenkombinationen!) Gestern habe ich mir zusätzlich noch Blogo installiert, in dem ich Blogskizzen sammle und weiterentwickle, bis sie publikationsreif sind.

Hach, ich freu mich, wieder hier zu sein. 🙂

Heute habe ich im Rahmen des Informatiklehrertags 2016 an der Universität Heidelberg einen Vortrag zum Thema „Medienbildung, ITG, Informatik – Was brauchen wir?“ gehalten. Darin ging es um die Frage, in welcher Form Medienbildung und informatische Bildung in den Bildungsplänen verortet werden sollte. Fazit: Medienbildung fachintegrativ und Informatik als Pflichtfach. Hier ist das Video des Vortrags:

Mein Urlaub-Mail-Experiment

Veröffentlicht: Sonntag, September 27, 2015 in Lifestyle, Reflection

Ich habe in den letzten 15 Jahren jeden Tag in meine E-Mail-Postfächer geschaut und habe neu eingegangene oder noch liegen gebliebene E-Mails bearbeitet. Von Studentinnen und Studenten, von Kolleginnen und Kollegen, von vielen mit mir in Kontakt stehenden Menschen. Also: Es gab keinen Tag in den letzten 15 Jahren, an dem ich nicht in meine Mails geschaut habe. Auch an Wochenenden, im Urlaub, rund um die Uhr. Getrieben war ich immer einerseits von Neugier (was gibt es Neues?), andererseits von Verantwortungsbewusstsein (bin ich nicht verpflichtet, schnell zu reagieren?).

Darüber hinaus war ich in den letzten Jahren natürlich immer auch auf Facebook, Twitter usw. permanent aktiv (mit Ausnahme der Auszeit, die ich mir damals genommen hatte). Sowohl Mails als auch soziale Medien nutze ich beruflich und privat. Beide Welten fühlen sich aber anders an:

  • Mails sind eher beruflich, und damit meine ich: dienstlich. Das heißt, sie betreffen eher organisatorische oder administrative Fragen. Dinge, die gemacht werden müssen. Aufträge, Probleme und Fragen, die an mich herangetragen werden.
  • Soziale Medien wie Twitter und Facebook nutze ich zum Teil privat, zum Teil beruflich. Beruflich bedeutet hier eher inhaltlich, als Forschung und Lehre betreffend. Ich chatte mit Freunden, ich stöbere in Links, die über Twitter an mich herangetragen werden, oder ich like interessante Beiträge im Web. Alles mehr oder weniger „freiwillig“.

Mails sind also eher „ich muss“, soziale Medien eher „ich will“. Wobei, genau genommen kommen auch ab und zu mal über Twitter und Facebook öffentliche, aber an mich adressierte Nachrichten rein wie beispielsweise

@dunkelmunkel Was denkst du zu der Seite? http://www.irgendeinlink.de

wodurch ich mich tendenziell genötigt fühle, mir etwas anzusehen, obwohl ich eigentlich ganz andere Dinge machen will. Das ist aber eher die Seltenheit, sodass sich soziale Medien für mich eher selbstbestimmt, Mails eher fremdbestimmt anfühlen.

Dieses Jahr war bislang das anstrengendste Jahr, das ich jemals hatte. (Ich habe das Gefühl, dass ich das jedes Jahr sage, aber diesmal ist es wirklich so.) Ich habe also dringend eine Auszeit gebraucht. Unsere Flitterwochen auf Lanzarote kamen da genau zum richtigen Zeitpunkt. Endlich Urlaub!

Bereits am ersten Tag hat es sich für mich falsch angefühlt, in meine Mails zu schauen. Früher war klar: „Hey, ich bin zwar im Urlaub, aber ich schaue regelmäßig in meine Mails. Also, wenn was ist, ich krieg’s mit.“ Diesmal hatte ich zwar auch den inneren Drang (Zwang? Sucht?), in meine Mails zu schauen, habe es aber am ersten Urlaubstag nicht gemacht. Und abends überlegte ich mir, dass es doch echt verwegen wäre, wenn ich die ganzen 15 Tage nicht ein einziges Mal in mein Postfach schauen würde. Das halte ich doch nie durch!

Ich hab’s gemacht. Es war eine recht spontane Entscheidung, und ich musste sie vor mir selbst rechtfertigen. Mir ist ein guter Trick eingefallen, mit dem ich mich selbst überzeugen konnte, dass es mal total interessant ist, das zu tun. Ich musste es mir gegenüber als Experiment deklarieren. Mal schauen, was passiert, wenn ich 15 Tage lang keine Mails lese. Verpasse ich irgend etwas wichtiges? Vielleicht irgend etwas existenziell wichtiges? Wie reagieren Studentinnen und Studenten, Kolleginnen und Kollegen? Ich hatte ja immerhin auch keine automatische Antwort mit einer Warnung eingestellt, dass ich gerade keine Mails lese, und dass man sich in dringenden Fällen an X oder Y wenden muss. Zunächst fand ich das ein bisschen unfair, dann habe ich mir aber überlegt, dass es das Experiment noch experimentieriger macht: Was passiert, wenn man zwei Wochen lang gar nicht reagiert? Und: Es ist ja immerhin Urlaubszeit, also müssten die Menschen ja tendenziell auch damit rechnen, dass man nicht in Mails guckt. Kann schon nicht schlimm sein.

Jetzt sind die 15 Tage vorbei, und hier ist das Ergebnis meines Experiments: Ich habe (auf allen meinen Mailaccounts) in diese Zeitraum insgesamt 732 E-Mails erhalten. Natürlich waren darunter jede Menge Mails wie Spam, tägliche Serverstatistiken, Newsletter, usw. Insgesamt waren es 495 automatisch erzeugte Mails und Massenmails (das sind ca. 68%). Zurück blieben 237 (ca. 32%) ernsthaft zu behandelnder Mails. Darunter befanden sich jedoch zahlreiche Mails, die ich einfach nur zur Kenntnis nehmen musste (also: lesen musste), bei denen aber keine Reaktion von mir erwartet wurde. Insgesamt handelte es sich um 163 (ca. 22%) relevante Mails ohne Antwortnotwendigkeit. Übrig blieben also nur 74 Mails (ca. 10%), bei denen eine Antwort von mir erwartet wurde. Bei den allermeisten dieser Mails war diese Antwort aber nicht dringlich. Das heißt: Es ist bei fast allen dieser Mails kein Problem gewesen, dass ich sie erst nach meinem Urlaub gelesen und beantwortet habe. Nur 5 dringliche Mails (0,7%) waren darunter, bei denen die Antwort innerhalb meiner Urlaubszeit notwendig gewesen wäre: eine Mail, bei der ich um Erlaubnis zur Verwendung eines Bildes befragt wurde (nicht tragisch), eine Anfrage wegen eines Vortrags (nicht tragisch), eine Mail wegen einer Autorenbeschreibung zu einem Artikel (nicht tragisch). Zwei Mails waren wichtig (eine Mahnung wegen einer Rechnung, eine organisatorische Angelegenheit wegen einer Tagung), und witzigerweise haben mich genau diese beiden Anliegen per Telefon im Urlaub erreicht, sodass ich sie vom Urlaub aus kurz regeln konnte (und selbst wenn nicht, es wäre nicht tragisch gewesen).

Alles in allem also: Es ist kein Problem, wenn ich zwei Wochen lang meine Mails nicht lese. Es ist einfach nichts passiert. Aber was soll auch passieren? Ich arbeite ja nicht in einem Krankenhaus, in dem es um Leben und Tod geht. Letztenendes ist alles nicht tragisch, jedenfalls nicht so tragisch, dass man sich die Freizeit dadurch belasten lassen muss. Was habe ich dadurch gewonnen: Extreme Erholung durch komplette Freiheit von der Fremdbestimmung. Und: Getwittert und gefacebooked habe ich im Urlaub natürlich schon, und das hat sich auch gut angefühlt.

Gelernt habe ich auch, dass ich Aktitiväten, die ich mich nicht so recht durchzuführen getraue, als Experiment bezeichnen muss. Und schon ist es keine bedenkliche Aktivität, sondern eine extrem spannende! Geiler Psycho-Trick, finde ich. Das nächste Experiment steht schon an: Ich werde ab nächster Woche versuchen, am Wochenende keine Mails zu lesen. Nichts ist so dringend, dass es nicht bis Montag warten kann. Garantiert.

Welche Experimente werdet ihr machen?

 

Lernzeit effektiv nutzen: Süßer die Glocken nie klingen

Veröffentlicht: Donnerstag, Juli 2, 2015 in Uncategorized
Schlagwörter:, ,

Wie viel Zeit geht zu Beginn einer Vorlesung oder einem Seminar drauf, bis alle ruhig sind, sodass man anfangen kann? Ziemlich viel. Ich habe früher immer lange gewartet, bis es mucksmäuschen still ist. Das kann dauern, ist aber extrem wichtig. Man muss eine Stecknadel fallen hören. Erst wenn keiner mehr das Holztischchen vor sich herunterklappt, mit dem Mäppchen raschelt, einen Ordner aus dem Rucksack heraus holt oder eine Wasserflasche unter Zischen öffnet, kann man in Ruhe beginnen. Alle konzentrieren sich auf das, was vorne passiert, und als Dozent muss man nicht schreien.

Ich habe andere Dozentinnen und Dozenten noch nie verstanden, wenn diese sich beklagt haben, dass die Studierenden zu laut sind. Ich bin davon überzeugt, dass dies in der Verantwortung der Dozentin bzw. des Dozenten liegt. Wer Ruhe kultiviert, braucht nicht zu schreien. Wer über Lärm hinweg geht, hat keine Chance.

Ruhe ist wichtig, damit alle konzentriert bei der Sache sein können. Ruhe ist umso schwieriger zu gewährleisten, je öfter man zwischen Frontalphasen und Arbeitsphasen wechselt. In der Methode Think – Pair – Share beispielsweise beraten sich Studierende zu nächst mit der Nachbarin oder dem Nachbarn über eine Frage, bevor dann alle im Plenum darüber diskutieren. In der „Pair“-Phase ist somit eine produktive Unruhe erwünscht, in der „Share“-Phase allerdings nicht, denn hier muss es wieder mucksmäuschenstill sein, damit man die studentischen Beiträge versteht.

Früher habe ich auch bei solchen Phasenwechseln immer wieder „ewig“ gewartet, bis alle ruhig sind (also kein Klappern, kein Rascheln usw.). Ständig musste ich „Psssscht!“ sagen oder zur Ruhe ermahnen. Das ist sehr anstrengend und strapaziert die Nerven von allen Anwesenden.

Neulich ist mir im Praktikum an einer Grundschule wieder einmal aufgefallen, wie doof ich eigentlich bin. Ich meine damit: Es gibt doch schon super Methoden und Rituale in der Schule für alle möglichen Zwecke. Wieso komm ich eigentlich nie auf den Gedanken, diese auch in der Hochschule einzusetzen? Insbesondere in den Lehramtsstudiengängen: Weshalb verwenden wir dort nicht auch die Methoden, die unsere zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer in der Schule einsetzen werden?

Zu Beginn dieses Semesters habe ich getestet: den Klangstab. In der ersten Sitzung habe ich mit meinen Studierenden ein Ritual eingeübt: Ich lasse den Klangstab ertönen. Nach drei Sekunden schlage ich ihn wieder an. Beim zweiten Schlag darf niemand mehr etwas machen oder sagen. Mucksmäuschenstill müssen alle sein. Keine Bewegung. Zwei, drei mal habe ich das geübt. Und es hat funktioniert: Arbeitsphase („murmel murmel murmel“). Klangstab. Ruhe. Entspannte Diskussion.

klangstab

Alternativ tut es übrigens auch eine sogenannte Pädagogenglocke oder Rezeptionsklingel, die wir einmal beim Hörsaalspiel Ring the Bell! eingesetzt haben. Alles in allem kann man aber sagen: Große Investitionen sind nicht notwendig.

Durch dieses einfache Ritual wird mühsames Ermahnen und lautes „Bitte seid jetzt ruhig.“ komplett überflüssig. Der Klang hat ausreichend Signalwirkung. Relativ schnell konnte ich sogar auf den zweiten Schlag nach drei Sekunden verzichten. Der erste Ton genügte, und alle waren sofort ruhig. Mittlerweile kann ich sogar ganz auf den Klangstab verzichten, weil ein einfaches „Jetzt tragen wir alle Erkenntnisse zusammen.“ genügt, dass alle mucksmäuschenstill sind. Verblüffend.

Ich hab die Idee mal weitererzählt, und einige erste Reaktionen waren: „Das ist ja Konditionierung!“ Ich habe mich auch zunächst gefragt, ob dieses Ritual in der Hochschullehre angemessen ist und ob es sich nicht um „Dressur“ handelt. Aber: Es ist ein wirklich effektives Verfahren, um einen schnellen Phasenwechsel zu gewährleisten, und man gewinnt wertvolle Lern- und Diskussionszeit. Und ganz wichtig: Nerven werden geschont.

Wie seht ihr das?

Danke Digitalfoto!

Veröffentlicht: Sonntag, Juni 14, 2015 in Computereinsatz in der Schule
Schlagwörter:, ,

Christian Ebel hat auf dem Vielfalt-Lernen-Blog zu einer Blogparade mit dem Titel Mit digitalen Medien besser lernen? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? eingeladen. Die Blogparade endet am 15. Juni. Da muss ich mich beeilen, um noch einen Beitrag rechtzeitig abliefern zu können. 🙂

Es gibt natürlich zahlreiche sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für digitale Medien in Lehr-/Lernszenarien, genauso wie es verschiedenste gewinnbringende Einsatzmöglichkeiten für analoge Medien gibt. Die Entscheidung für ein digitales oder analoges Medium sollte dabei insbesondere didaktischen Überlegungen folgen: Welche Funktion übernimmt das Medium im Lernprozess? Digitale Medien sollten dabei additiv zu analogen gedacht werden: Digitale Medien ersetzen analoge nicht, sondern sie ergänzen sie. Mit neuen Medien entstehen neue Alternativen, für die ich mich als Lehrperson entscheiden kann (oder natürlich dagegen): Ich kann beispielsweise Schülerinnen und Schüler zunächst geometrische Konstruktionen mit Zirkel und Lineal anfertigen lassen, um die Basis-Konstruktionstechniken erfahrbar zu machen. Später im Lernprozess kann ich eine dynamische Geometriesoftware wie etwa GeoGebra einsetzen, beispielsweise um die Möglichkeiten des Experimentierens mit interaktiven Konstruktionen zu ermöglichen. Sowohl das analoge als auch das digitale Medium erfüllen ihre Funktion im Lernprozess.

Okay, so weit so gut. Auch wenn didaktische Überlegungen ganz wesentlich für die Wahl von Medien sind, möchte ich an diese Stelle nicht weiter darauf eingehen (sie sind beispielsweise in dem Artikel Mehr als eine Rechenmaschine oder dem Artikel „Digitale Medien in der Schule: in medio virtus“ [1] beschrieben). In diesem Beitrag möchte ich einen unterrichtspraktischen Aspekt betonen, also: Digitale Medien können in der Präsenzlehre einfach unglaublich praktisch sein und dadurch die Unterrichtssituation so verändern, dass Lernen besser möglich wird. Denn: Je weniger Zeit für Phasenwechsel und Umbauarbeiten drauf geht, um so mehr Lernzeit bleibt. Dabei hilft: Das Digitalfoto.

Nach Arbeitsphasen möchte man einzelne Ergebnisse von Schüler_innen oder Student_innen im Plenum besprechen. Dazu sollten aber alle die Lösungen sehen können. Wie macht man das klassischerweise? Möglichkeit 1: Die Ergebnisse werden an die Tafel geschrieben. Das dauert in der Regel lange. Abkürzen kann man das, indem man Schüler beauftragt, bereits gegen Ende der Arbeitsphase ihre Lösungswege an die Tafel zu schreiben. Nachteil: In der Regel lässt man das die guten Schüler machen, denn die sind schon früh fertig („Du bist schon fertig? Dann schreib doch dein Ergebnis mal an die Tafel!“). Trotzdem: Beim Schreiben an die Tafel entstehen Verzögerungen, und die behindern den Schwung im Unterrichtsfortgang, Unterrichtsstörungen werden wahrscheinlicher. Darüber hinaus lässt man falsche Ergebnisse eher nicht anschreiben (auch wenn diese gute Diskussionsanlässe wären), weil die Gefahr des Bloßstellens groß ist. Möglichkeit 2: Man verteilt Folien für den Overheadprojektor und lässt bestimmte Schüler ihre Lösungswege auf Folie übertragen oder gleich von Anfang an drauf schreiben. Auch wenn analoge Medien weiterhin berechtigt sind: Das wirkt nun in der Tat ziemlich anachronistisch.

Mal wieder von Michael Gieding (wie so oft) abgeschaut hab ich mir folgende praktische, total naheliegende weitere Möglichkeit, die nun digitale Technologien nutzt: Fotografiere Lösungen mit dem Smartphone oder Tablet und präsentiere sie über den Beamer. Beim Herumlaufen im Klassenzimmer oder Hörsaal kann man Lösungen fotografieren, die gute Diskussionsanlässe sind: richtige Lösungen, Lösungen mit typischen Fehlern, verschiedene Lösungsansätze usw.

Das Smartphone kann man dann beispielsweise per USB-Kabel an einen Rechner, an dem ein Beamer hängt, anschließen und dann die Fotos über den Beamer präsentieren, oder man holt die Speicherkarte aus dem Smartphone und steckt sie in einen Kartenleser, oder man hat einen VGA- oder HDMI-Adapter für sein Handy. Ich verwende mittlerweile zur Präsentation mein iPad in Kombination mit einem Apple-TV: damit kann ich sofort wireless meine Bilder an die Wand werfen, ohne groß umstöpseln zu müssen. Dadurch wird der Unterrichtsfluss praktisch nicht gestört und wir können sofort die Ergebnisse besprechen.

Bei dieser Methode bietet es sich übrigens an, mit Arbeitsblättern zu arbeiten, die ausgefüllt werden, denn: Wenn jeder seine Lösung in das Arbeitsblatt einträgt, dann sehen die per Foto präsentierten Ergebnisse strukturell alle gleich aus. Jeder im Raum findet sich sofort auf dem projizierten Arbeitsblatt zurecht. Andernfalls hat man eher „Kraut-und-Rüben-Darstellungen“, die man von ihrer Struktur erst mal durchblicken muss.

Alternativ könnte man natürlich eine Dokumentenkamera einsetzen. Drei Nachteile: Erstens muss man diese haben oder kaufen (ein Smartphone hat man ja in der Regel schon), zweitens muss man sie in jedem Raum haben (oder mitschleppen), und drittens müssen die Arbeitsergebnisse nach vorne getragen werden. Auch das könnte den Unterrichtsfluss wieder behindern.

Speziell in der Mathematik sind Digitalfotos auch noch in einem anderen Bereich extrem praktisch: in Online-Lernumgebungen, in denen sich Student_innen aktiv beteiligen sollen. Jeder kennt das folgende Problem aus Mathematikforen: Wie teilt man anderen die Überlegungen per Formel mit? Formeln werden irgendwie kryptisch mit Hilfe der auf der Tastatur verfügbaren Zeichen reingehackt, oder man muss LaTeX beherrschen. Egal wie: Das Abtippen an sich ist schon ein Umstand, denn man hat ja oft zuvor die Lösung bereits auf Papier entwickelt. Schwierig sind auch Skizzen und Zeichnungen: Will man die nochmal abmalen? Nein. Einfacher geht’s, wenn man die Lösung auf dem Papier einfach abfotografiert oder einscannt und dann das Foto hochlädt. Diese Technik bieten wir seit einigen Semestern in unserem Mathe-MOOC an, und das hat sich wirklich bewährt: Viele, die ihre Lösungen einstellen, machen dies per Foto. Gäbe es die Möglichkeit nicht, dann würden diese Personen ihre Lösungen vermutlich gar nicht einstellen, weil es einfach umständlich wäre.

Das alles klingt fast trivial, aber Digitalfotografie in den oben beschriebenen Szenarien ist wirklich ein mächtiges Werkzeug, gerade weil das so einfach und überzeugend ist: Arbeitsergebnisse von Schüler_innen oder Student_innen lassen sich so wendiger präsentieren und diskutieren, ohne das Zeit verloren geht. Zeit zum Phasenwechsel lässt sich so in Lernzeit umwandeln. Insofern mein Fazit: Danke Digitalfoto, dass es dich gibt!

[1] Spannagel, C. (2015). Digitale Medien in der Schule: in medio virtus. LOG IN, 180, 22-27.