Über Lernspiele und Personalmanager

Veröffentlicht: Samstag, April 19, 2008 in Conferences, Web 2.0

Gestern war der erste Tag des EduCamps in Ilmenau. Gestartet hat das Ganze mit einer Podiumsdiskussion in der Aula im Humboldtbau der TU Ilmenau. Für ein BarCamp vermutlich ein eher untypischer „traditioneller“ Start, aber trotzdem sehr anregend.

Nach dem Vortrag über Lernspiele („serious games“) habe ich mich gefragt, welche Überlegungen eigentlich hinter serious games stecken. Ich vermute, es ist die These, dass Schüler nicht lernen wollen und man daher Lernsituationen in Spielen „verstecken“ muss. Das funktioniert meiner Ansicht nach aber überhaupt nicht. Sobald jemand, der nicht lernen will, merkt, dass es in einem Spiel um Lernen geht, wird er das Spiel nicht mehr spielen wollen. Das Problem liegt an einer ganz anderen Stelle: Wenn Schüler eine negative Einstellung gegenüber dem Lernen haben, dann liegt das vermutlich u.a. daran, dass ihnen jahrelang der Spaß am Lernen in der Schule systematisch „ausgetrieben“ wurde. Wir müssen hier ansetzen, Schüler vom Lernen zu begeistern, und nicht etwa durch Spiele. Sollte es uns eines Tages gelingen, Schulen derart zu gestalten, dass Schüler Spaß am Lernen finden: Wird dann noch jemand den Bedarf nach serious games verspüren?

Auch sehr inspirierend war der Datenschutz-Vortrag. Übliches (und ernstzunehmendes) Thema war hierbei, dass das Web 2.0 die Gefahr birgt, dass man Dinge über sich schreibt, die einem Personalchef bei der Bewerbung gar nicht gefallen. Ich habe mir überlegt: Wie würde ich als Personalchef reagieren, wenn ich überhaupt keine Informationen von einem Bewerber im Netz finde? Wäre das nicht suspekt? Sollte man nicht vielmehr gezielt über Jahre hinweg im Netz zeigen, dass man regelmäßig und tief über bestimmte Inhalte reflektiert (z.B. in einem Blog) und dies auch bei einer Bewerbung strategisch einsetzen?

Auf die Palme gebracht hat mich dieses Statement (so in etwa): Studierende tun nur dann etwas, wenn es bewertet wird. Was ist das denn für eine Einstellung? Heute werde ich eine Session gestalten, die genau diesen Punkt aufgreift und ins Positive wendet: „Wie kann man Begeisterung fürs Bloggen erzeugen?“

Kommentare
  1. Stormcloud sagt:

    Die Behauptung zu den Studierenden ist sicher zu pauschal formuliert, kommt aber auch nicht von ungefähr. Die erste Frage, die Studenten in einen Seminar stellen, ist häufig: „Bekomme ich dafür einen Schein / eine AT?“. So lautete auch oft die Frage, als ich versuchte, weitere Studierende für die Veranstaltung „Web 2.0“ im Bereich der Medienpädagogik zu gewinnen.
    Ich denke aber, dass es nicht etwas mit einer falschen Einstellung zur Arbeit zu tun haben muss, sondern dass die Studenten versuchen, ihr Studium in möglichst kurzer Zeit zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Das kann aus finanziellen Gründen oder aus der Befürchtung schlechterer Einstellungschancen in der Zukunft resultieren und ist ein durchaus berechtigtes Argument.
    Hat man jedoch seine „Pflichtveranstaltungen“ gelegt und bleibt dazwischen noch Zeit für weiteres, wählen Studenten aber auch Seminare, die sie interessieren und hier denke ich schon, dass auch ohne „Belohnung“ etwas getan wird.

  2. cspannagel sagt:

    Ich würde in eine ganz andere Richtung argumentieren: Nicht die Studenten sind das Problem (auf keinen Fall!), sondern das System. Das verlangt nämlich geradezu, dass man ökonomisch durch’s Studium läuft und Scheine sammelt.

    Solange das System so besteht, ist es recht schwierig, dagegen anzukämpfen. Ich gebe aber nicht auf: Man kann und sollte als Dozent versuchen, Lernumgebungen zu schaffen, die derart motivieren, dass man auch gerne mal Dinge tut, die nicht zu einer formalen Leistung führen, einfach aus Lust und Motivation. Wir Dozenten und Lehrer müssen also versuchen, anregende und motivierende Lernsituationen zu schaffen.

  3. Max Woodtli sagt:

    > Studierende tun nur dann etwas, wenn es bewertet wird.
    > Was ist das denn für eine Einstellung?

    Klar, tun die meisten nur das, was beWERTet wird, also was aus Sicht der Lehren-den und der Institutionen einen WERT hat. Und wenn am Schluss nur die Punkte oder nur die Noten zählen und es nicht darauf ankommt, ob man etwas auch verstanden hat, dann versuche ich meine Lernstrategien so zu optimieren, dass es eben am Schluss Punkte und/oder gute Noten gibt.

    „Ich habe keine besondere Begabung ich bin nur besondere neugierig.“

    soll Albert Einstein mal gesagt haben. Solange die Neugier die forschende Haltung (sowohl bei Lernenden wie auch bei Lehrenden) und „legitime Fragen“ (das sind Fragen deren Antworten noch unbekannt sind im Gegensatz zu illegitimen Fragen, die also bereits bekannt sind und hauptsächlich darauf abzielen, Lernende zu „trivialisieren“ (vgl. Heinz von Foerster, 1993) NICHT GEFRAGT sind, solange werden die (meisten) Studierenden (mit gutem Recht) eben nur das tun, was gefragt ist.

    Was hinten (also bei den Leistungsnachweisen, Prüfungen, Tests usw.) verlangt wird, bestimmt das, was vorne passiert.

    Die Haltung der Studierenden ist also offenbar die, sich optimal an die gesetzten Rahmenbedingungen anzupassen. Und wir, als wir noch studierten, haben wir damals etwas anderes gemacht?

    Wenn wir diese Haltung also wirklich verändern wollen, so kommen wir nicht darum herum auch Rahmenbedingungen zu verändern, d.h. wir müssen IM und AM (Bildungs)system arbeiten. Wenn aber nur IM SYSTEM und nicht auch AM SYSTEM Veränderungen angegangen werden, dann hat auch die Integration neuer Medien (mit aus meiner Sicht grundsätzlich hoher Reformkraft) zu wenig Durchschlagskraft eine neue Lernkultur zu etablieren. Im Gegenteil: Die Gefahr ist gross, dass wir systemerhaltend wirken und die Belehrungskultur mit Hilfe der Integration neuer Medien sogar noch perfektionieren.

    Wollen wir also WIRKLICH etwas verändern, so müssen wir in erster Linie unser DENKEN im Zusammenhang mit einer neuen Lernkultur hinterfragen. Blogs, E-Portofolios, Personal Learning Environments usw. sind dann hilfreiche Tools um das neue Denken zu praktizieren.

    Max Woodtli, MA ODE
    Dozent an der Pädagogischen Hochschule Thurgau

  4. In der Diagnose stimme ich natürlich vollkommen mit Euch überein. Und leider scheint sich die Ökonomisierung von Bildung, in deren Folge sich auch Studenten zu „Trivialmaschinen“ wandeln, in allen Disziplinen gleichermaßen auszubreiten.
    Interessant wäre die „Therapie“. Wie sehen sie aus, die…

    „anregenden und motivierenden Lernsituationen.“ [Zitat Christian)

    Läßt sich sowas im bestehenden System überhaupt umsetzen? Werden die Seminare der Dozenten, die hier mehr und anderes fordern, nicht eventuell gemieden, wenn es sich erstmal rumgesprochen hat, daß man für einen Schein evtl. einen größeren Zeitaufwand zu betreiben hat? (Der größere Lernertrag ist ja schwerer zu beziffern…)

    Ansonsten bin ich natürlich sehr gespannt auf Deinen Vortrag zum Thema „Wie kann man Begeisterung fürs Bloggen erzeugen?“ – Ich werde interessiert verfolgen, was Du dazu zu erzählen hast.

  5. cspannagel sagt:

    Hallo zusammen,

    nochmal kurz zur Klärung, da die Gefahr von Missverständnissen besteht: „Was ist das denn für eine Einstellung?“ Damit meinte ich nicht die Studierenden – für ihre Einstellung habe ich vollstes Verständnis (sie sind die Leidtragenden dieses Systems). Ich meine damit die Dozierenden, die mit diesem Satz den Eindruck erzeugen würden, es würde an den Studierenden liegen, und übersehen, dass es das System ist.

    @Max Woodtli: Stimme mit allem voll überein!

    @Marc: Ich habe die Hoffnung, dass sich stattdessen rumspricht: „Es ist mehr Aufwand, aber du hast auch enorm viel davon. Es macht Spaß, du lernst viel, und dafür rentiert sich auch der Aufwand!“ Lasst uns Lehrveranstaltungen machen, bei denen sich so etwas herumspricht!🙂

  6. herrrau sagt:

    Ich möchte die Studierenden nicht so einfach aus ihrer Pflicht entlassen. Ich habe in den späten 80ern bis Mitte der 90er studiert, vielleicht ist inzwischen alles tatsächlich anders geworden. Aber die Frage:

    „Und wir, als wir noch studierten, haben wir damals etwas anderes gemacht?“

    muss ich für mich mit ja beantworten. Es gab Seminare mit Schein und welche ohne Schein, und das wusste man vorher, und die meisten haben das Pflichtprogramm heruntergerissen und andere nicht. Ich habe das erst zum Examen gemerkt, denn die Leute, mit denen ich mich herumgetrieben habe, waren alle so drauf wie ich.
    Vielleicht macht das Verhalten heute mehr Sinn als damals, weil sich die ökonomischen und Studienbedingungen geändert haben. Damals trafen diese Gründe jedenfalls auf die meisten nicht zu.

    (Serious games: Tolle Sache, aber beim Spiel muss der Spielreiz im Vordergrund stehen und nicht die gute Absicht. Und das ist nicht leicht zu machen.)

  7. cspannagel sagt:

    Mich würde tatsächlich interessieren, was die Meinung der Studierenden zu diesem Thema ist. Belegen Sie nur Seminare, die formal einen Nutzen haben? Oder schauen Sie auch rechts oder links über den Tellerrand? Wenn ja, warum? Bzw. wenn nein, warum nicht? Vielleicht haben einige Studierende meiner Veranstaltungen Lust, ihre Meinung dazu hier in einem Kommentar zu schreiben?

  8. Neben normalen Veranstaltungen belege ich ganz gerne auch freiwillig Seminare.
    Freiwillig heißt, ich bekomme keine Unterschrift, keine Note und das Seminar steht nicht auf einem Sammelschein/ Laufzettel. Es gehört also eigentlich nicht zum Studium.
    Der Besuchsgrund war bisher immer Interesse.
    Ein solches Seminar hat sogar mein Studienweg beeinflusst. Es war ein Grund (von mehreren) weshalb ich Informatik dazugewählt habe. Und es hat mich zum bloggen verführt.

    Dann gibt es aber auch Veranstalungen, die nicht zum Pflichtprogramm gehören aber auch meinen Begriff von freiwillig nicht erfüllen. Das heißt, es gibt eine Unterschrift, die niemand interessiert und die Veranstaltung steht in einem Sammelschein. Sie gehört also irgendwie zum Studium es besteht aber keine formale Pflicht.
    Von diesen Veranstaltungen besuche ich nicht alle (die meisten jedoch). Die Gründe dafür sind vielseitig. Z.B. Überschneidungen, mangelndes Interesse, Dozent, Zeitökonomie, zu viele Teilnehmer, …
    Manche davon besuche ich aber auch doppelt. Beispielsweise bei prüfungsrelevanten Inhalten.
    Ich würde nie eine Veranstaltung nur deshalb nicht besuchen, weil sie keine „Pflichtveranstaltung“ ist. Es also keine Note, benötigte Unterschrift, o.ä. gibt.

    Letztendlich finde ich, ist es wichtig mit Interesse zu studieren.

  9. cspannagel sagt:

    „Ein solches Seminar hat sogar mein Studienweg beeinflusst. Es war ein Grund (von mehreren) weshalb ich Informatik dazugewählt habe. Und es hat mich zum bloggen verführt.“

    Das freut mich zu hören.🙂

  10. […] Blog: Chrisp’s virtual comments – Über Partizipationskompetenz und Weblogs in der Lehre – Über Lernspiele und Personalmanager […]

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