Hyperfreundschaft

Veröffentlicht: Sonntag, Mai 4, 2008 in Communication, Web 2.0

In einem Kommentar zu meinem Artikel Freund oder Bekannter? von gestern abend hat mich arual0 auf den Text von Fono und Raynes-Goldie aufmerksam gemacht: Hyperfriendship and Beyond: Friends and Social Norms in LiveJournal. Ein wirklich toller Tipp!

In diesem Text wird herausgearbeitet, dass der Begriff „Freund“ in Online-Communities durchaus mehrere Bedeutungen haben kann. Messen Personen diesem Begriff nun unterschiedliche Bedeutungen bei, so birgt dies ein Potenzial für Konflikte – und dabei kann der Begriff „Freund“ in diesem Zusammenhang sogar bei einer einzigen Person mehrere Bedeutungsaspekte beinhalten. Mögliche Bedeutungen wurden von den Autoren herausgearbeitet:

  • Friendship as Content: Personen werden als Freunde hinzugefügt, wenn man über deren inhaltliche Beiträge (beispielsweise Blog-Einträge) informiert werden möchte.
  • Friendship as Offline Facilitator: In virtuellen Communities kann man seine Offline-Bekanntschaften auch über einen längeren Zeitraum pflegen, selbst wenn Personen weit auseinander wohnen. Kommt ein Freund mal in die räumliche Nähe eines anderen Freunds, so kann man ein Treffen vereinbaren, und man ist auch auf dem Laufenden darüber, was der andere die ganze Zeit über gemacht hat.
  • Friendship as Online Community: Im Gegensatz zum vorher genannten Aspekt wird hier Freundschaft als Online-Kontakt gesehen, der mit realen Treffen nichts zu tun haben braucht. Es gibt mehr oder weniger lose Kontakte, die z.B. auf gleichen Interessen beruhen können.
  • Friendship as Trust: Manche Personen stellen Inhalte nur geschützt online. Auf diese geschützte Bereiche haben nur Freunde Zugriff. Somit bedeutet das Adden eines Freundes hier, ihm Zugriff auf „geheime“ Daten zu geben.
  • Friendship as Courtesy: Freundschaft beruht hier auf Gegenseitigkeit: Wer geaddet wird, sollte ebenso zurückadden.
  • Friendship as Declaration: Wird ein Freund hinzugefügt, dann ist dies ein öffentliches Statement: Wir sind bekannt, es gibt irgendeine Art Beziehung zwischen uns.
  • Friendship as Noting: Hier bedeutet das Hinzufügen eines Freundes nicht mehr als das Anhängen eines Namens an eine Liste. Geschehen kann dies beispielsweise aus Langeweile.

Diese Definitionsvielfalt führt natürlich zu folgendem Interpretationsproblem:

Thus, when someone specifies someone else as a friend, two questions arise: Does it actually
mean anything, and if it does, then what? If two users call each other friends, then how do
they know if they are talking about the same thing?

Nach Meinung der Autoren destabilisiert Hyperfreundschaft die Bedeutung des Begriffs Freundschaft. und führt so zu Unklarheiten und Konflikten. Dies wird auch noch dadurch bestärkt, dass Menschen nur selektiv idealisierte Informationen über sich einstellen bzw. unrealistische Bilder ihres Gegenübers aufbauen aufgrund dessen selektiver Information und aufgrund ihrer eigenen, falschen und überhöhten Erwartungen (Hyperpersonale Interaktion).

Die Autoren schließen mit der Bemerkung, dass der Begriff „Freund“ einerseits Konfliktpotenzial hat, andererseits aber auch dem Aufbau eines virtuellen Netzes dienlich ist.

Thus, finding the appropriate words is a matter of walking the fine line between avoiding ambiguity, and leveraging it.

Ich persönlich sehe den Begriff Freund in diesem Zusammenhang wohl am stärksten unter den Aspekten Friendship as Offline Facilitator, Friendship as Online Community und Friendship as Content. Wie ist es bei euch?

Nett sind auch die englischen Worte „friending“ und „defriendig“. Wie könnte dies im Deutschen heißen? „freunden“ und „entfreunden“?🙂

Kommentare
  1. tcolince sagt:

    Diese Artikel fand ich auch gut. Danke übrigens für seine deutsche Kommentierung!

    Kann die Hyperfreundschaft zu einer echten Freundschaft fungieren? Wäre schön, wenn es immer so wäre.

    Neben den von ihnen genannten Aspekten finde ich „Friendship as Trust“ auch sehr wichtig.

    Für mich ist die Hauptsache, dass meine Freunde mich glücklich sehen wollen und bereits sind, etwas dafür bzw. für mich zu tun, denn das tue ich auch für sie.

  2. User, die sich viel im Web bewegen, so glaube ich beobachtet zu haben, gehen mit diesem Begriff recht unkompliziert um (jedenfalls die, die sich sehr oft in diesem Medium bewegen). In erster Linie, wie in dem Artikel auch beschrieben, will man erstmal nur über die Aktivitäten des „Freundes“ informiert werden.

    Konfliktpotenzial ist in jeder Entwicklung gegeben. Aus „Friends“ werden aus anfänglichen Interesse vl. wirkliche Freundschaften, die sich ins reale Freundschaftsnetz dann hinüberbewegen.

    Schon im real life gibt es hier viele schwammige Bezeichnungen. Technisch wäre es wohl unsinnig diese umzusetzen. Obwohl es bei dol2day (Plattform für Politiksimulation) schon die Möglichkeit gibt zwischen Vertrauen und PremiumVertrauen zu unterscheiden.

  3. mosworld sagt:

    Ich finde im „real life“ sind die „live“ getroffenen Freunde schon von den Bekannten oder den „falschen“ Freunden zu unterscheiden. Also weiß nicht wieso es im Netz es ein Problem oder anders sein sollte. Freunde zeigen sich wohl in bestimmten Situationen, diese können Online oder Offline sein. Auch echte Freundschaften die sich für einige Zeit oder für eine sehr lange Zeit ins Netz verschieben bleiben doch auch Freundschaften und umgekehrt wie auch Jana geschrieben hat.
    Ich denke gerade in der Gesellschaft verändert sich auch der Begriff. Gerade in den USA entwickelt sich eine „Buddy“ Kultur. Das ist mein „Baseball Buddy“ mein „High-School Buddy“ mein „Shopping Buddy“ bis zu mein „Sex Buddy“. Bei MSN fügt man auch Buddys hinzu…daher denke ich wird es neben den normalen, traditionellen Freunden auch Spartenfreunde geben, sei es Online oder Offline.

  4. absolutvanilia sagt:

    Beim Lesen musste ich zuerst an eine Freundin denken, die in den USA war, bei ihr waren auch alle Leute die sie dort kennengelernt hat „friends“, aber „keine richtigen Freunde wie hier“ (meinte sie…).
    Deswegen denke ich, dass doch gerade im Deutschen Sprachgebrauch, wo ein Freund doch eher ein naher Bekannter ist, Probleme mit dem Begriff „Freund/Friend“ auftreten können, ist nunmal auch die einfachste Übersetzung…
    Bis jetzt gibt es bei mir hauptsächlich die Sparte „Friendship as Declaration“ wenn ich mein virtuelles Leben so betrachte… Aber wer weiß was noch kommt…

  5. cspannagel sagt:

    Den Begriff „Spartenfreund“, den mo erwähnt hat, finde ich interessant. Es ist wirklich bemerkenswert, welche Begriffsverschiebungen durch die Virtualisierung sozialer Beziehungen entstehen. Daran werden die Soziologen vermutlich noch viel zu forschen haben…

  6. „Freund“ fand ich von Anfang an lustig/ironisch! So ist Jimbo Wales mein Freund auf WikisSearch und hat mich sowie die 350 anderen Freunde ganz schön im Stich gelassen!;-)))

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