Weblogs vs. Heftaufschrieb: 5 Unterschiede

Veröffentlicht: Mittwoch, Mai 14, 2008 in Web 2.0

Jonathan hat in einem Kommentar zu meinem Artikel Weblogs in der Schule einen interessanten Aspekt aufgegriffen:

Mich interessiert übrigens vor allem die Frage nach dem didaktischen Mehrwert der Web2.0-Tools. Also die Vorteile, die sich beim Schreiben in einem Blog für den Lernprozess ergeben, gegenüber dem klassischen Schreiben im Heft. Man lernt ja nicht automatisch besser, nur weil man an einem Computer schreibt.

Das Schreiben an einem Computer hat selbstverständlich keinen Mehrwert. Dies erinnert mich an alte Versuche in der Lernforschung, „Computer gegen Papier“ laufen zu lassen, ohne auf die Medieneigenschaften zu blicken. Denn es ist schließlich nicht das Medium an sich, dass einen Vorteil bringt (Texte am Computer lesen ist ähnlich wie Texte auf Papier lesen), sondern das Ausnutzen bestimmter Eigenschaften, die ein Medium gegenüber einem anderen bietet.

Welche Vorteile bietet nun das Schreiben in Weblogs gegenüber dem Schreiben in ein Heft? Mir fallen spontan die folgenden Vorteile ein:

  1. Man schreibt für eine andere Leserschaft. Den Heftaufschrieb liest man vermutlich nur selbst, den Blogeintrag aber potenziell die ganze Welt. Man macht sich beim Schreiben in ein Weblog also mehr Gedanken darüber, wie man die Dinge so aufschreibt, dass es auch andere verstehen. Dies hilft dabei, den Sachverhalt genauer zu durchdenken und seine Darstellung klarer zu fassen. Außerdem erlebt man sich dadurch als autonom und kompetent (vgl. den Artikel von Reinmann & Bianco).
  2. Man kann aus einem Weblog heraus andere Beiträge verlinken, wodurch der Artikel Teil eines Netzwerks und somit Bestandteil eines größeren semantischen Kontexts wird.
  3. Wohl größter Unterschied zum Heftaufschrieb ist aber das Feedback, das man über Kommentare und Trackbacks von Lesern bekommt. Jeder Weblog-Eintrag ist eine Aufruf zu Kommunikation und kollaborativer Wissenskonstruktion.
  4. Wenn man sich durch seine Artikel eine Stamm-Leserschaft hält und selbst regelmäßig die Weblogs eben dieser Leser liegt, dann werden die Weblogs Mittel zur Vernetzung von Menschen (soziale Eingebundenheit). Eine soziale Gruppe mit einem gewissen Interessenskontext bildet sich aufgrund des Weblog-Netzes.
  5. Nicht zu unterschätzen sind technische Trivialitäten wie die Suche über alle Weblog-Artikel. Wenn ich mein Weblog als Wissensmanagementsystem verwende, dann kann ich einfach auf alte Gedanken und Erkenntnisse zugreifen. Beim Heftaufschrieb ist das schon schwieriger.

Diese Liste ist bestimmt nicht vollständig. Welche Gründe fehlen noch?🙂

Kommentare
  1. schneiderflo1984 sagt:

    Ein weiterer wichtiger Aspekt ist außerdem, dass man argumentieren lernt. Ein Heftaufschrieb, der vielleicht vom Lehrer diktiert worden ist, wird nicht in Frage gestellt. Einen persönlich verfassten Blogeintrag verteidigt man. Außerdem werden, durch die Kritik der Anderen, Schwächen und Fehler in der eigenen Argumentation sichtbar, was zu einer neuen Perspektive führen kann. Der Hefteintrag ist statisch, der Blogeintrag ist dynamisch.

  2. Jokerine sagt:

    Ich hätte genau diese Gründe genannt. Vielleicht noch, dass man sich neue Gruppen von Kollaboratoren erschließt, ausserhalb des Klassenkontextes.

  3. Annafant sagt:

    Ich stimme mit den von dir genannten Vorteilen des Schreibens in einem Weblog überein, möchte jedoch hinzufügen, dass auch hier das jeweilige Lernziel eine Rolle spielt. Denn wenn Schreibkompetenz entwickelt werden soll, insbesondere bei SchülerInnen, die das Schreiben erst lernen, spielt auch das Schreiben mit der Hand eine wichtige Rolle im Lernprozess.

    Ein schönen Artikel dazu habe ich auf die schnelle hier gefunden:
    http://www.stolzverlag.de/de_blog_permalink_94.html (Weshalb Schreiben mit der Hand so wichtig ist). Zitat: „Wer sich auf der Tastatur die Zeichen und Buchstaben erst zusammenpuzzeln muß,verliert die Zusammenhänge aus dem Blick. Wo Form und Handwerklichkeit fehlen, ist das inhaltliche Denken ist nur schwer aufrechtzuerhalten.“

    Mir persönlich ist bei mir aufgefallen, dass Artikel die ich zuvor handschriftlich auf Papier skizziert habe und am Computer dann ausformuliere, meist eine bessere Argumentationstrukur haben.

  4. cspannagel sagt:

    @Annafant: Vielen Dank für den tollen Hinweis. Ich habe vor einiger Zeit auch einen ähnlichen Artikel in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“, Ausgabe 3/2007 gelesen: „Besser von Hand“ (S. 14-17). Dort wird ähnliches neuropsychologisch begründet.

    Ich denke, niemand wird Weblogs zum Schreibenlernen einsetzen wollen. Ich selbst dachte dabei schon an ältere Schüler / Studenten / …

  5. Durch eigene Erfahrungen habe ich für mich, die benannten Vorteile an mir selbst entdeckt. Am Anfang war ich sehr überrascht, weil ich in einer Selbstbeobachtung auf einmal erkannte, dass ich viel intensiver zuhörte, wenn ich über etwas bloggen wollte.
    Auch die Art und Weise (ich schreibe gern vieles handschriftlich vor ;)) verblüffte mich. Hatte ich vorher in Seminaren stichpunktartig die wesentlichsten Aussagen festgehalten, so versuchte ich mich nun darin in ganzen Sätzen und ausführlich den Inhalt eines Seminars (sogar mit Aussagen von Anwesenden) zu erfassen. Die Nachbereitung (bspw. in Form der digitalen Übertragung und zusätzlichen Recherche) war nicht weniger aufwendig. Wenn ich Zeit habe, versuche ich diese Form aufgrund ihrer Effizienz und ihres Erfolges im Lernen, heute immer mal wieder anzuwenden.

  6. xep619 sagt:

    Ich möchte aber auch auf eine Schwierigkeit hinweisen, die ich an mir beobachte:
    Obwohl ich echt eine „Medien-Nutte“, also schnell von technischen Spielereien und Möglichkeiten zu begeistern bin, fällt mir das bloggen ungemein schwer.
    Vielleicht liegt es an der fehlenden Struktur oder einer fehlenden klaren Richtlinie.
    Ich mache mir jedoch Gedanken dass, wenn mir das bloggen schon schwerfällt, wie es dann Kindern/Schülern/Lehrern geht, die nicht im Ansatz so mediengeil sind, wie ich?
    (ich entschuldige mich für meine Ausdrucksweise🙂 )

  7. cspannagel sagt:

    Ich denke, „Mediengeilheit“ hat wenig damit zu tun, ob jemandem das Bloggen schwer fällt oder nicht. Das hat vermutlich eher etwas mit „Schreibgeilheit“ (also Schreibbegeisterung) zu tun. Viele Kinder schreiben gerne Tagebücher oder ähnliches.

    Sicher hast du aber damit Recht, dass nicht „mediengeile“ Menschen vielleicht gar nicht so sehr auf die Idee kommen, zu bloggen, oder vielleicht trauen Sie sich auch nicht an die Technik heran. Vielleicht kann hier auch das „Gastblogger“-Konzept den Einstieg erleichtern:
    http://www.kreative-strukturen.de/2008/04/17/lust-auf-gast-oder-probebloggen/

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