Feedback zum öffentlichen Wissenschaftler

Veröffentlicht: Donnerstag, Juni 5, 2008 in OeffentlicherWissenschaftler

Ich habe mittlerweile zahlreiche Rückmeldungen zu meinem Entschluss, öffentlicher Wissenschaftler zu sein, bekommen. Ich hatte mit einigen Bedenken anderer Personen, insbesondere anderer Wissenschaftler, gerechnet. Das Erstaunliche: Alle Rückmeldungen lagen im Spektrum zwischen „positiv“ und „unglaublich positiv“. Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Was könnte Wissenschaftler eigentlich daran hindern, Ihre Arbeit öffentlich zu diskutieren?

  • Die Angst vor der Konkurrenz. Jemand könnte Ideen klauen und schneller veröffentlichen. Da oft nur die Anzahl der Veröffentlichungen in angesehen Journals zählt, wäre das natürlich schlecht. Ein oft angeführtes Gegenargument ist aber folgendes: Wenn ich eine Idee im Web 2.0 äußere, beispielsweise in meinem Weblog, dann protokolliere ich, wann exakt ich diese Idee hatte. Jeder andere rechtschaffene Wissenschaftler müsste sich auf diesen Weblog-Artikel beziehen, wenn er ihn als Quelle nutzt – ansonsten diskreditiert er sich selbst.
  • Die Angst vor Fehlern. Wenn ich meine Prozesse öffentlich protokolliere, dann protokolliere ich auch meine Fehler. Andere sehen meine Fehler, und das ist schlecht. Mein Gegenargument: Wenn ich meine Fehler protokolliere, dann kann ich auch anschließend protokollieren, wie ich mit meinen Fehlern umgehe und aus ihnen lerne. Ich protokolliere also nicht anderes als meine Reflexionsfähigkeit. Besser geht’s nicht. In den Didaktiken wird immer hervorgehoben, dass man in der Schule eine Atmosphäre schaffen muss, in der Fehler nicht als Versagen, sondern als Lernchance gesehen werden. Lasst uns also als Wissenschaftler als gute Beispiele vorangehen und protokollieren, wie man professionell mit Fehlern umgeht!
  • Die Angst vor Prestigeverlust. Was passiert, wenn ein „Laie“ in einem Kommentar die eigene Arbeit in Frage stellt und das vielleicht auch noch berechtigterweise? Dann wäre das Ansehen dahin. Mein Gegenargument: Man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen und sollte nicht so sehr darauf erpicht sein, einen glatten Eindruck zu hinterlassen. Einwände – egal von wem – sollten als Chance gesehen werden, die eigene Arbeit verbessern zu können. Ist es nicht toll, wenn einem jemand, der sich nicht täglich mit dem Thema beschäftigt, einen Gedanken schenkt, welcher der eigenen Arbeit eine ganz neue Richtung geben kann? Sind das nicht die wirklich fruchtbaren Momente?

Zugegebenermaßen hatte ich am Anfang selbst einige Bedenken, ob der Weg des öffentlichen Wissenschaftlers tatsächlich der richtige Weg für mich ist. Mittlerweile sind – unter anderem aufgrund des durchweg positiven Feedbacks – sämtliche Bedenken verschwunden. Ich bin mir selten so sicher wie bei dieser Angelegenheit.

Kommentare
  1. Jana sagt:

    Ich lese gerade ein Buch von Peter Kruse. Er beschreibt darin, dass neue Muster nur selten begeistert angenommen werden, sondern , dass man ihnen eher eher misstauisch begegnet.

    Da finde ich Deine Erfahrungen, wenn man sie zu den Erfahrungen (Buch) von Peter Kruse stellt auf dem ersten Blick widersprüchlich.

    Meine Fragen, die sich nun auftun:
    Welche Personen (Milieu) gaben Dir Feedback?
    Wird dieses Muster von anderen Wissenschaftlern adaptiert oder lediglich akzeptiert?

    Und wenn ja, warum? …

    lg
    Jana

  2. cspannagel sagt:

    Interessante Fragen!

    Zum „Milieu“: bunt gemischt (auch Wissenschaftler)

    Momentan wird es lediglich akzeptiert oder geschätzt. Adaptiert wird es nicht. Einige haben auch geäußert, dass sie einen solchen Schritt noch nicht wagen würden, oder dass sie die dafür notwendige Zeit nicht aufbringen können…

    Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ich der einzige sein soll, der so etwas macht. Im Endeffekt ist jeder wissenschaftliche Weblog mit meinem Konzept vergleichbar: Wissenschaftler tragen ihre Gedanken nach außen. Das Wissenschaftscafe listet jede Menge solcher Weblogs!

  3. […] auf seinen mutigen Schritt hat Christian viel positives Feedback erhalten. Und nun hat er nochmals einige Punkte konkret angesprochen, die als Gegenargument zu seiner “Strategie” angeführt werden. Es sind […]

  4. […] sind wirklich grandios. Beispielsweise bezeichnet er die von mir neulich aufgeführten potenziellen Gegenargumente als “mutlose Angsthasenlogik”. Und zum Thema Wertschätzung von […]

  5. Also, die Angst vor Fehlern ist nur ein Aspekt und für mich persönlich wahrscheinlich nicht der Entscheidende, denn ich sehe das so wie Du. Entscheidend ist das Konkurrenzproblem. Ich stimme Dir zu, dass die Offenbarung eigener Fehler und die Dokumentation ihrer Behebung sehr produktiv ist. Mit der Publikation von Forschungsergebnissen habe ich daher überhaupt kein Problem, wohl aber mit der Offenbarung von Ideen. Warum soll ich Deiner Ansicht nach aber darauf Vertrauen können, Ideen und Forschungsfragen offenbaren zu können, ohne mir selbst zu schaden? Ist es nicht so, dass ich Ideen habe und Ansätze verfolge, mit denen ich mir etwas aufbauen kann, während andere vielleicht keine ebenbürtigen Ideen haben, wohl aber einen beneidenswert guten Zugang zu irgendeinem Prof, der Ihnen im Handumdrehen die Rahmenbedingungen einer Promotion bieten kann, nach denen ich mühsam suchen muss? Das Konkurrenzproblem liegt nicht im Bereich des Besitz von Wissen, sondern im Bereich des Besitzes des Zugangs zum Wissenschaftssystem als einem System aus Stellen und – damit verbunden – Mitteln. Über eine tragfähige Beantwortung der Frage, wie oder in welchen Teilen des Beschriebenen Problems ich Vertrauen haben darf und warum, würde ich mich sehr freuen.

  6. […] dieses “Bloggen” hier mittelfristig Sinn macht. Christian plädiert für den “öffentlichen Wissenschaftler“. Allerdings sehe ich weiterhin das Problem, Ideen preiszugeben und stelle deshalb die Frage, […]

  7. […] dass sie die Ideen verwenden und als ihre eigenen Ideen ausgeben. Insbesondere, wenn diese Personen Zugriff auf bessere Ressourcen haben, könnte einen dies dumm dastehen […]

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