Wertschätzung

Veröffentlicht: Sonntag, Juni 15, 2008 in OeffentlicherWissenschaftler

Heute ging das Neuron!-Treffen in Ludwigsburg zu Ende. Es war ein Treffen voller Anregungen und Denkanstöße, die mich weiterhin stark beschäftigen werden. Ein Begriff, der mich in unseren Diskussionen stark beeindruckt hat, ist der Begriff Wertschätzung.

Durch mein Konzept des öffentlichen Wissenschaftlers möchte ich deutlich machen, dass ich jede Idee, jeden Beitrag, jede Kritik, jeden Verbesserungsvorschlag zu meiner wissenschaftlichen Tätigkeit wertschätze. Dabei ist völlig unerheblich, von wem die Anregungen kommen. Egal ob Wissenschaftler, Student, Schüler, Lehrer, irgendwer, ganz egal: Jeder Beitrag zählt. Jeder.

Ich habe schon oft gehört, dass Menschen sich nicht trauen, Beiträge zu verfassen, weil sie denken, sie wären unerheblich, sie könnten sie nicht intelligent genug formulieren, oder sie hätten zu wenig Hintergrundwissen und würden deshalb vermuten, dass sie etwas Dummes sagen würden. Hierzu ein ganz deutliches Statement: Es ist genau das Gegenteil der Fall. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass gerade diejenigen Äußerungen besonderen Tiefgang hatten, die mit einer derartigen Unsicherheit geäußert wurden. Beiträge, die mit „Ich bin ja nicht sicher, ob das überhaupt irgendwie wichtig ist, aber…“ und „Ich verstehe nicht viel von der Sache, aber könnte man nicht sagen, dass…“ sind in der Regel die eigentlich wertvollen. Und zwar deswegen, weil sie Äußerungen mit einer gewissen Echtheit sind und jeglicher Pseudointellektualität (!) entbehren. Genau diese Beiträge sind nämlich intelligent. Sie beruhen nicht unbedingt auf „Gelehrtheit“ und auf akademischen Graden, sondern auf persönlicher Einsicht. Sie sind die Produkte eigenen Denkens, und nicht einfach Rezitationen von fremden Gedanken, denen man so oft in „wissenschaftlichen“ Diskursen begegnet. Alexander hat dies am Wochenende sehr schön formuliert: Nicht der Titel ist entscheidend, sondern der Mensch. Nur weil jemand einen Doktortitel hat, bedeutet das nicht, dass er klügere Sachen als andere von sich gibt. Es bedeutet nur, dass er sich über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem Thema intensiv auseinandergesetzt hat. Mehr nicht. Jegliche Meinung zählt zu einem bestimmten Thema, egal, wie viel man schon darüber gelesen hat. Belesenheit kann einem gerade zu den Blick auf die wesentlichen Erkenntnisse versperren.

Sollte man sich also als Dozent und Wissenschaftler im Bildungsbereich nicht geradzu die Meinung von Schülern, Lehrern, Studenten, Kollegen, Eltern, bildungsinteressierten Menschen, … zu seiner eigenen Tätigkeit einholen? Sollte man nicht geradezu den Diskurs suchen, um möglichst viele, gute Anregungen aus möglichst vielen Perspektiven zu erhalten?

Kommentare
  1. taragramm sagt:

    Hallo Christian,

    ich bin da ganz deiner Meinung! Es gibt wirklich ein paar Leute, die sich „antrainiert“ haben, gegen Meinungen von der Außenwelt resistent zu sein. Schade eigentlich! Gerade an der Uni ist es doch total spannend und wichtig, die Ideen von anderen zu hören und sich mit anderen auszutauschen. Meiner Meinung nach ist das Problem mit der Wertschätzung, dass für Menschen Kritik in jedweder Form negativ besetzt ist. Dass man nur durch (konstruktive) Kritik zur Weiterentwicklung gebracht werden kann, ist bei manchen noch nicht angekommen. Ich nehme mich da selbst nicht aus: Manchmal fällt es einem natürlich schwer mit Jubelschreien auf kritische Bemerkungen zu reagieren. Aber wen man zumindest versucht, sich emotional aus der Situation zu lösen und den inhaltlichen Aspekt der Anmerkung des Gegenübers zu hören, dann ist man sicher auf dem richtigen Weg.

    Danke für deinen Beitrag, er hat mich jedenfalls zum Nachdenken gebracht.

    Viele Grüße,
    Tamara

  2. cspannagel sagt:

    Liebe Tamara,

    du hast vollkommen recht! Eine wichtige Einsicht ist in unserer Gesellschaft noch nicht weit verbreitet: Fehler sind Lernanlässe. Insbesondere im wissenschaftlichen Umfeld gibt man ungerne Fehler zu. Aber ist es nicht ganz natürlich, dass man gerade im wissenschaftlichen Bereich, also dort, wo man in ganz neue Gebiete vorstößt, viele Fehler macht? Hier ist es ganz wichtig, möglichst frühzeitig andere Meinungen, Ideen und Kritik als Korrektiv zu erhalten. Denn ärgerlich sind Fehler nur, wenn man sie nicht frühzeitig erkennt, obwohl es dazu vielfach Möglichkeiten gegeben hätte…

  3. […] Juni 16, 2008 von cspannagel Stormcloud hat meinen Artikel über Wertschätzung aufgegriffen und auf die Schule übertragen. Absolut klasse! Unbedingt […]

  4. Stormcloud sagt:

    Ich schätze, das hängt einerseits mit der hohen Leistungsorientierung unserer Gesellschaft zusammen. Man will sich der Kritik ungern stellen, da man (vielleicht auch nur unterbewusst) Konsequenzen für die eigene Zukunft darin sieht.
    Ein weiter Grund ist sicherlich auch eine mangelnde Distanziertheit. Kritik an einer Sache, einer Tat oder an einem Gedanken wird sehr schnell als Kritik an der eigenen Persönlichkeit verstanden. Wenn man lernt, hier zu differenzieren und nicht alles „persönlich“ nimmt, kann man mitgeteilte Mängel durchaus konstruktiv nutzen. Dass dieser Schritt sehr schwer ist, ist mir durchaus bewusst, besonders, wenn man frisch von der Schule kommt und noch „erfolgsverwöhnt“ ist, wenn alles geklappt und man auf Anhieb einen guten Schulabschluss bekommen hat. Da ist es nicht einfach, wenn man das erste Mal auf herbe Kritik stößt. Von wie vielen habe ich schon nach einer Nachbesprechung im Praktikum nach einer vernichtenden Kritik hören müssen, dass einen der Dozent / der Lehrer nicht leiden kann? Kritikfähigkeit zu entwickeln ist ein langer Reflexionsprozess, der vielleicht beim einen oder anderen nie richtig anläuft oder nie enden wird. Finde ich sehr bedauerlich.
    Ich empfehle hier neben den Erfahrungen auch die Lektüre des „Hagakure“ von Tsunetomo Yamamoto. Es gibt in einigen Kapiteln sehr gute Ratschläge zu dem Thema und in weiterem Sinne sogar zum Thema „Wertschätzung“.

  5. cspannagel sagt:

    Genau – gerade im Praktikum, also dann, wenn man erste eigene Lehrerfahrungen macht, wird kritik sehr oft persönlich genommen. Einen Schritt zurück zu machen und die Kritik als Kritik an der Sache, Methode, … aufzufassen fällt vielen sehr schwer…

  6. […] aufgeführten potenziellen Gegenargumente als “mutlose Angsthasenlogik”. Und zum Thema Wertschätzung von “Laien-Beiträgen” fügt er hinzu: “Es zählt – Habermas wird sich freuen – […]

  7. Ich finde es interessant, wie das Vorhaben, Wissenschaft in Form schriftlicher Dialoge im Internet zu betreiben, generelle Probleme im intellektuellen Umgang miteinander thematisiert. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf Johan Galtungs Essay aufmerksam machen, in dem er darauf hinweist, dass wir es hier vielleicht mit einem Problem einer spezifischen Wissenschaftskultur zu tun haben. (siehe hierzu mein Exzerpt unter http://www.derdieckmann.de/?p=148 aus Galtung, Johan: Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft. In: Wierlacher, Alois (Hg.): Das Fremde und das Eigene: Prolegomena zu einer interkulturellen Germanistik. München (Iudicium-Verlag) 1985, S.151-196). Vielleicht kann man soweit gehen zu sagen, dass das Internet, das nach Galtungs Typologie aus einem Kulturkreis stammt, die Schwächen unserer spezifische Wissenschaftskultur offenbart.

    Ich finde außerdem, dass Wertschätzung nicht alleine eine Bedingung des konstruktiven und fruchtbringenden Umgangs mit anderen ist, sondern auch eine Sache des Umgangs mit sich selbst und der eigenen Wahrnehmung. Die oben kritisierte Selbstzensur („Ich bin ja nicht sicher, ob das überhaupt irgendwie wichtig ist, aber…“) wirkt nicht nur im Dialog, sondern sogar in der allgemeinen Wahrnehmung. Ich finde es bis heute schwierig, einen wir auch immer gearteten Gegenstand selbstständig bewußt wahrzunehmen und mich dabei vom Mainstream frei zu machen. Und es fällt mir noch mal schwerer, dies sogar schriftlich zu fassen. Deshalb hat der Begriff der „Wertschätzung“ für mich eine fundamentale Bedeutung erlangt.

  8. cspannagel sagt:

    Vielen Dank für den Hinweis auf Galtungs Essay und deine Zusammenfassung. Ich denke, ich würde mich am ehesten dem sachsonischen Stil zuordnen, aber nur tendenziell. Er entspricht vielleicht auch am ehestem dem Bild des kooperativen Wissenschaftlers, oder wie du schreibst:

    Galtung behauptet, „dass der sachsonistische Stil die Debatte und den Diskurs begünstige und fördere“, weil in der sachsonischen Wissenschaft Pluralismus ein „übergreifender Wert“ ist und daher die Vorstellung existiert, dass „Intellektuelle ein Team bilden“, deren „Zusammengehörigkeit bewahrt bleiben muss.“ (157)

    Gefällt mir. Übrigens auch dein Kommentar zur Wertschätzung. Man sollte auch lernen, seine eigene Meinung wertzuschätzen. Dazu benötigt man meiner Ansicht nach oft entsprechendes Feedback von außen, d.h. Rückmeldungen von anderen Personen, die einem klar machen, dass die eigene Meinung doch mehr bedeutet, als man selbst zuvor gedacht hat…

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