Ideenklau

Veröffentlicht: Montag, Juli 14, 2008 in OeffentlicherWissenschaftler

Der Dieckmann diskutiert gerade in seinem Weblog die Frage, ob man als öffentlicher Wissenschaftler seine Ideen einfach so ins Netz stellen sollte. Die Gefahr ist groß, dass andere die Ideen „klauen“, d.h. dass sie die Ideen verwenden und als ihre eigenen Ideen ausgeben. Insbesondere, wenn diese Personen Zugriff auf bessere Ressourcen haben, könnte einen dies dumm dastehen lassen.

Diese Überlegungen möchte ich zum Anlass nehmen, meine Position zu dieser Frage klarzustellen. Ich denke, ein öffentlicher Wissenschaftler muss nicht jede Idee veröffentlichen. In vielen Fällen würde dies vermutlich einfach naiv sein. Ein offensichtliches Beispiel hierfür sind Gebiete, in denen es um Patente geht. Wenn hier ein Wissenschaftler verfrüht bestimmte Ideen veröffentlicht, wäre er vermutlich nicht nur ein öffentlicher Wissenschaftler, sondern auch ein dummer.🙂

Ich bin mir aber sicher, dass genau dieser Wissenschaftler trotzdem genügend Aspekte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat, über die er schreiben könnte. Beispielsweise könnte er seine Meinung über einen Fachartikel bloggen und Ideen zu den dort beschriebenen Inhalten äußern, die mit seiner „genialen, aber geheimen Idee“ inhaltlich nichts zu tun haben. Dennoch könnte er durch das Veröffentlichen seiner Ideen den Autoren des Fachartikels wesentliche Anregungen zu deren Arbeit geben und eine fruchtbare wissenschaftliche Diskussion starten.

Darüber hinaus sollte man aber auch den folgenden Fall bedenken: Man hat eine Idee und behält sie für sich. Einige Zeit später veröffentlich jemand diese Idee, weil er sie rein zufällig auch hatte. Hätte man sie damals gebloggt oder irgendwie anders veröffentlicht, dann hätte man einen Beleg, dass man diese Idee zuerst hatte (wenn einen das irgendwie beruhigt oder stolz macht. ;-)  ) Was ich damit sagen will: Es gibt natürlich Ideenklau. Es gibt aber auch mit Sicherheit Fälle, in denen Ideen dummerweise von jemand anders zuerst geäußert werden, und man sich im Nachhinein ärgert, dass man die Idee nicht zuvor bereits aufgeschrieben hat.

Jeder Wissenschaftler muss entscheiden, welche Gedanken er öffentlich äußert und welche nicht. Alle Gedanken zu äußern wäre vermutlich naiv. Keine zu äußern würde viel Potenzial verschenken. Meine Ansicht ist: Der öffentliche Wissenschaftler sollte versuchen, sich so weit wie möglich nach außen zu öffnen.

Ich würde eine Diskussion darüber spannend finden, in welchen wissenschaftlichen Disziplinen oder inhaltlichen Bereichen es dumm wäre, geniale Ideen zu früh zu veröffentlichen, und in welchen es genau anders herum ist. Was denkt ihr darüber?

Kommentare
  1. mosworld sagt:

    Hallo, ich habe mir auch in letzter Zeit darüber Gedanken, gemacht. Bei der Mathematik, wenn ich gerade eins der großen Probleme löse und hierfür ist auch ein Preisgeld ausgeschrieben, würde ich meine Schritte nicht alle Veröffentlichen die genial sind, vielleicht löst dann jemand anderes das Problem so kurz vor Schluss. Problem hierbei ist das Preisgeld, die guten Schritte bis zur Lösung wären Dokumentiert und würden sicher im Wissenschaftlerkreis geehrt werden.
    Ähnliches geht sicher in der Biotechnologie, wo jede kleine Entdeckung und Entschlüsselung von einem Gen, sehr viel Geldwert ist.
    Ich sehe halt nur, dass das Geld bei dem Ideenklau das Problem ist. Das Industrie nahe Forschung oder Forschung in der Industrie mit Öffentlichkeit nicht klar kommt. Sie haben auch so genug Probleme mit Ideenklau.
    Ich rede von Ideenklau in der Wissenschaft. Hier ist es mir recht egal wer ein Problem löst, auch wenn es mit „meinen“ Ergebnissen ist. Natürlich wäre ein Verweis auf mich zurück nett. Ich sehe bei mir, dass mir bei der Arbeit sehr viel geholfen wäre, wenn ich frei auf alle Daten und Quellen zugreifen könnte die jetzt Geld kosten und dadurch sink die Qualität meiner Arbeit.
    Anderer Pluspunkt für öffentliche Wissenschaft ist, dass ich so eher Begeisterung für mein Thema wecken kann. Manchmal ist das nicht ganz formal auf geschrieben, für einen neuen Leser oder Leserin zugänglicher und dieser begeistern sich für das Thema.
    Wer wirklich gut ist in seinem Fach hat nichts zu befürchten, denn der „Dieb“ wird es sicher nicht entsprechend fortsetzen können. Wenn ich jetzt mir Gedanken aus der Quantenphysik anschaue kann ich nichts damit anfangen und die fünf bis zehn Gruppen die sich jeweils mit einem speziellen Thema beschäftigen tauschen sich aus und da weiß jeder was die anderen Gruppen machen, da würde ein Klau nichts bringen.

  2. Regine sagt:

    Die Veröffentlichung in einem Blog ist noch kein Beleg, Zeitstempel eines Postings können willkürlich verändert werden. Davon würde auch der „Ideendieb“ profitieren.
    Allenfalls könnte eine Diskussion in den Kommentaren den Verdacht der Zeitstempel-Manipulation entschärfen, jedoch können auch diese gefaket sein. Um via Blog tatsächlich einen öffentlichen Beleg zu erzeugen, bräuchte man vermutlich eine kritische Masse an glaubwürdigen Kommentatoren/Mitlesern. Was die von @mosworld angesprochenen Fachzirkel berührt.
    Es bringt möglicherweise mehr Klarheit, Öffentlichkeit und wissenschaftliche Öffentlichkeit zu trennen.

  3. Jana sagt:

    Aus dem Blickfeld der Geistes- und Sozialwissenschaften würde ich mich vorsichtig an Mo dranhängen. Mir fällt auf Anhieb nichts ein, was ich so sehr verbergen müsste. Allerdings würde ich Einschränkungen an dem Status des Forschenden festmachen, ob dieser schon in der Wissenschaftsszene etabliert ist oder noch nicht. Je nach dem würde ich offener bzw. andeutungsvoller bis gar nichts meiner eigenen Ideen erwähnen, wohingegen ich zu bereits etablierten Methoden oder Theorien durchaus eine eigene Stellungsnahme vornehmen kann.

    Ist es nicht auch so, dass wirklich großartige Ideen sich erst im Laufe der Zeit und in Gesprächen mit anderen Wissenschaftlern entwickeln und reifen? Ist Wissenschaft nicht sowieso eher ein arbeitsteiliges Gemeinschaftsunternehmen, das wesentlich auf Kommunikation beruht? Wissenschaftler kommunizieren mit ihren Objekten, ihren Kollegen, ihrer Umwelt … Auch wenn Kollegen als Konkurrenten begriffen werden können, so ist man doch hin und wieder versucht eine ähnliche Argumentation schon mal an einem Kollegen zu testen. Durch Ausprobieren und in Auseinandersetzungen werden Argumente stichfest gemacht.

  4. cspannagel sagt:

    @Regine: Du hast natürlich recht – Blogeinträge könnte man fälschen. Aber sowas macht man natürlich nicht. Und wenn ich etwas irgendwann mal in mein Weblog geschrieben habe, dann vertrete ich dies auch voll und ganz. Und dann soll mir mal jemand vorwerfen, ich hätte den Eintrag gefälscht – dann gibt’s aber Ärger!🙂

    Deine Anregung, Öffentlichkeit und wissenschaftliche Öffentlichkeit zu trennen, finde ich sehr gut. Ich glaube auch, dass diese Trennung absolut sinnvoll ist. Das ist eigentlich einen neuen Blogeintrag wert.😉

    @Jana: Ich kann dir voll und ganz zustimmen!🙂

  5. Regine sagt:

    Klar, sollte keine Unterstellung sein😉
    Die Tatsache des manipulierbaren Zeitstempels sollte in der Debatte nicht vernachlässigt werden, weil das Bloggen alleine mit dem entsprechenden Zeitstempel eben noch nicht ausreicht als Nachweis einer Idee.
    In Sachen Diskussionen, Glaubwürdigkeit und kritische Masse an Kommentaren fallen Blogs und Wissenschaft jedoch sehr gut ineinander. Da kann ich mich Jana auch anschliessen.

  6. […] interessante Gedanken, die ich größtenteils teile, bei Christian Spannagel in einem Artikel über Ideenklau, in dem die positiven Aspekte einer öffentlichen Diskussion hervorgehoben […]

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