Traditionelle Formen öffentlicher Wissenschaft

Veröffentlicht: Freitag, August 15, 2008 in OeffentlicherWissenschaftler

Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich bei amazon ein Buch mit dem Titel „Öffentliche Wissenschaft“ entdeckt habe. Das Buch ist von Peter Faulstich herausgegeben und beinhaltet zahlreiche Artikel über mögliche Formen öffentlicher Wissenschaft. Beim Lesen des Buchs ist mir erstmals richtig bewusst geworden, welche Tradition öffentliche Wissenschaft hat.

Faulstich hebt in seinem Artikel die Vermittlung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit hervor. Wissenschaft findet oft im „Elfenbeinturm“ statt und éntfremdet sich – vielleicht freiwillig, vielleicht auch unfreiwillig – durch Expertenwissen, durch Fachsprache und durch die fortschreitende Spezialisierung in den wissenschaftlichen Teildisziplinen immer mehr von der Allgemeinheit. Für neues wissenschaftlich gewonnenes Wissen muss oft erst wieder ein gesellschaftlicher Bezug mühsam hergestellt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen in der Regel für die Gesellschaft, für Bürger und Wirtschaft, aufbereitet, erklärt und zugänglich gemacht werden (Wissenschaftstransfer). Dies geschieht typischerweise in traditionellen Formen der Erwachsenenbildung und ähnlichen Formaten. Hierzu zählen die folgenden Angebote, die ausführlich in zahlreichen Beiträgen in dem Buch beschrieben sind:

  • Wissenschaftliche Zeitschriften wie Kosmos oder die Wissenschaftsmagazine von SZ und DIE ZEIT (u.a. die Beiträge von Daum und Taschwer)
  • Universitäte Angebote der Erwachsenenbildung wie die volkstümlichen Universitätskurse und ähnliche Angebote im Sinne „University Meets Public“ (Beitrag von Filla) und Seminarkurse (Beitrag von Raapke et al.)
  • Wissenschaftssendungen im Fernsehen wie beispielsweise Galileo (Beiträge von Taschwer und Lehmann)
  • Angebote in Museen und Science Centers (Beitrag von Noschka-Roos und Teichmann)
  • Kinder-Universitäten (Beitrag von Brokmann-Nooren)
  • Spezielle Studienangebote für Frauen (Beitrag von Faulstich-Wieland) und Seniorinnen und Senioren (Beitrag von Sagebiel)

Insgesamt erhält man den Eindruck – und dies wird auch vereinzelt in dem Buch diskutiert -, es handele sich dabei oft um eine unidirektionale „Belehrung“ der Öffentlichkeit durch die Wissenschaft. Faulstich schreibt dazu aber selbst: „Die Vorstellung, die Wissenschaft habe fertige Antworten auf gesellschaftliche Fragen, hat sich als Illusion erwiesen. Falsch ist auch die Transferkaskade, nach der Wissenschaft eine Quelle des Wissens sei, die dann überfließend sich in Unternehmen und Verwaltungen ergießt.“ (S. 25). Und weiter: „Statt des Kaskaden-Modells, wie es auch noch in vielen Transferstrategien unterstellt wird, ist ein Diskurs-Modell angemessener. In den Aktivitäten des Wissenschaftstransfers lernt man schnell, dass es nicht darum geht, fertiges Wissen weiterzugeben, sondern gegenseitiges Problemverständnis zu entwickeln und gemeinsam Theorie-Praxis-Fragen zu bearbeiten.“ (S. 28 )

Diesem Punkt kann ich vorbehaltlos zustimmen. Mir geht es bei öffentlicher Wissenschaft ebenso nicht um einen unidirektionales Wissenstransfer, sondern um vernetzte Wissenskonstruktion, d.h. also um die Beteiligung der Öffentlichkeit an der Produktion wissenschaftlichen Wissens. Die Öffentlichkeit muss in den Prozess der Wissenskonstruktion eingebunden werden und nicht etwa Wissensprodukte „übersetzt“ bekommen. Dies ist sicherlich in begrenztem Rahmen in den oben erwähnten Formaten teilweise möglich: Wenn beispielsweise Universitätsdozenten in Seminarkursen mit den Teilnehmern diskutieren, dann können diese auch stark z.B. von Theorie-Praxis-Diskussionen profitieren.

Ungeahnte Möglichkeiten der kollektiven Wissenskonstruktion von Wissenschaft und Öffentlichkeit bieten sich aber durch das Web 2.0. Bloggende Wissenschaftler beispielsweise können Diskussionen zu Blogbeiträgen anregen, an denen sich potenziell alle beteiligen können. In Wikis können Wissenschaftler und Personen außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs gemeinsam Ideen und Konzepte entwickeln. Wissenschaftler können twittern und so Kontaktnetze zu Personen außerhalb und innerhalb von Hochschulen pflegen und sich gegenseitig Tipps und Anregungen geben.

Diese und andere Ideen öffentlicher Wissenschaft unter Nutzung des Internets entwickeln wir im Wiki von openscientists.org. Jeder ist eingeladen, dort Anregungen für öffentliche Wissenschaft einzubringen!

Das nächste Buch, das zu diesem Thema ansteht, ist übrigens das Buch von Gibbons et al., „The new production of knowledge“, auf das mich Edgar in einem Kommentar aufmerksam gemacht hat und das auch des öfteren in Faulstichs Buch erwähnt wird. Von diesem Buch verspreche ich mir viel – ich bin gespannt.

Literatur:

Kommentare
  1. Regine sagt:

    Spannender Weg, den Du da mit der öffentlichen Wissenschaft eingeschlagen hast und den ich gerne verfolge. Deine Zusammenfassung von Faulstich hört sich so an, als ob der Sammelband mal so die Bandbreite an Angeboten vorstellt und in einen Kontext bringt. Der Gibbons hört sich da in Bezug auf die Wechselwirkungen mit Wissensproduktion vielversprechender an.

  2. cspannagel sagt:

    Das Buch von Faulstich ist in der Tat eine interessante Zusammenstellung von verschiedenen Ansätzen öffentlicher Wissenschaft.

    Über Gibbons berichte ich natürlich auch, wenn ich’s gelesen habe…

  3. Newbridge sagt:

    Hi,
    da fehlt doch in der Auflistung zum Thema „gesellschaftlichen Bezug herstellen“ der ganze Bereich des Entrepreneurships. Nämlich aus der Forschung heraus vermarktbare Produkte entwickeln oder andere Geschäftsmodelle entstehen…
    Das widerspricht jetzt nicht dem „öffentlichen Wissenschaftler“ (siehe Open Source oder Open Innovation), aber den Bereich nicht zu beachten wäre zu kurz bedacht meiner Ansicht nach.
    Gruß,
    Newbridge
    PS: wann gibts hier eigentlich mal wieder Inhalte, und nicht nur ÖW-Diskussionsbeiträge?

  4. cspannagel sagt:

    @Newbridge Vielen Dank für den Hinweis! Selbstverständlich zählt auch das zur Verknüpfung Wissenschaft-Gesellschaft. Worum es mir aber im Wesentlichen geht, ist (wie oben schon beschrieben) die Beteiligung der Öffentlichkeit am Prozess der Wissensproduktion und weniger um die Vermarktung fertiger Produkte (was zweifelsohne natürlich wichtig ist, aber weniger mein persönliches Thema).

    Deine PS-Frage kann ich erst beantworten, wenn ich weiß, was für dich Inhalte sind bzw. weshalb ÖW-Diskussionen für dich keine Inhalte sind.😉

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