Diskussion zu Open Science auf dem BarCamp Stuttgart

Veröffentlicht: Montag, September 29, 2008 in OeffentlicherWissenschaftler

Am Wochenende habe ich eine Session zum Thema „Öffentliche Wissenschaft im Web 2.0“ auf dem BarCamp Stuttgart gestaltet. Ich habe dort zunächst verschiedene Möglichkeiten vorgestellt, wie Wissenschaftler ihre eigene Arbeit unter Nutzung von Web-2.0-Tools transparenter machen und dabei auch Personen außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs anregen können, mitzumachen und mitzudiskutieren. Den größeren Teil der Session nahm aber die anschließende Diskussion ein. Sowohl die Vortragsinhalte als auch die stichpunktarti festgehaltene Diskussion (Danke Hannes!) können im dazugehörigen Wiki eingesehen werden. Natürlich steht das Wiki auch weiterhin zur Diskussion offen, und in zwei Wochen auf dem EduCamp werde ich ebenfalls wieder eine Session dazu anbieten.

In der Diskussion wurden von den Teilnehmern sehr interessante Aspekte genannt. Ich möchte hier nun versuchen, die Hauptpunkte der Diskussion zusammenzutragen.

  • Oliver äußerte die Kritik, dass es sich (provokant gesagt) bei den von mir vorgestellten Konzepten um so etwas wie „Elfenbeinturm 2.0“ handelt: Im Zentrum steht weiterhin die Arbeit des Wissenschaftlers, und das Prinzip „Kommt zu mir“ bleibt bestehen. Es wäre vielmehr wichtig, als Wissenschaftler in (populär)wissenschaftlichen Plattformen präsent zu sein und dort zu kommentieren.
    Über diesen Aspekt habe ich in den letzten Tagen intensiv nachgedacht. Ich halte es natürlich ebenfalls für wichtig, dass man sich als öffentlicher Wissenschaftler nicht nur mit der eigenen Arbeit im Web 2.0 beschäftigt, sondern beispielsweise auch Artikel, Foren, Blogs, … anderer Personen liest und dort kommentiert. Kollektive Wissenskonstruktion sollte nicht nur auf den eigenen Plattformen angestrebt werden, sondern auch auf denen anderer Personen – ansonsten wäre es ein egozentrisches Konzept. Diesen Aspekt habe ich bislang zu wenig betont, auch wenn er aus meiner Sicht praktisch immer implizit vorhanden war. Lediglich der Schwerpunkt meines Vortrags war ein anderer: Ich habe Methoden vorgestellt, mit denen der Wissenschaftler seinen eigenen wissenschaftlichen Arbeitsprozess öffentlich machen kann. Insofern habe ich nur einen Teilaspekt öffentlicher Wissenschaft vorgestellt. Danke für die Kritik – ich habe seitdem eine elaboriertere Sicht auf das, was man sich unter „öffentlicher Wissenschaft“ vorstellen kann.
  • Eine zweite, wichtige Nachfrage bezog sich auf die Begriffe „Wissenschaft“ und „Öffentlichkeit“, die ich im Vortrag nicht definiert habe. Zur Definition von Wissenschaft möchte ich eigentlich nichts sagen, das ist mehr oder weniger intuitiv verständlich bzw. an anderen Stellen beschrieben (z.B. auf Wikipedia). Viel interessanter ist die Frage, was eigentlich mit „Öffentlichkeit“ gemeint ist. Welche Öffentlichkeit spreche ich denn mit den von mir vorgestellten Methoden an?
    Hierzu muss man sagen: Es sind in der Regel verschiedene Zielgruppen, die ich anspreche: In meinem Forschungsprofil sind es oft andere Wissenschaftler im Bildungsbereich, während es in meinem Weblog eher das an E-Learning und Web 2.0 interessierte Publikum ist usw. Öffentliche Wissenschaft bedeutet meiner Ansicht nach nicht, dass man mit jeder öffentlichen Aktion die komplette Allgemeinheit ansprechen muss. Öffentlich ist Wissenschaft bereits dann, wenn man spezielle Zielgruppen im öffentlichen Raum einbindet und mit diesen gemeinsam diskutiert. Potenziell hat dadurch trotzdem jeder die Möglichkeit sich zu beteiligen, auch wenn zunächst tendenziell nur eine bestimmte Zielgruppe angesprochen wird.

Was ich mir persönlich in der Diskussion mehr gewünscht hätte, wären weitere Ideen gewesen, wie man mit dem Web 2.0 seine wissenschaftliche Tätigkeit transparent machen kann. Dass die Diskussion andere Bahnen genommen hat, ist natürlich nicht schlimm und war auch sehr wichtig, aber ich denke, auf dem EduCamp werde ich versuchen, die Diskussion mehr in die Richtung neuer Ideen zu lenken, um dort einen anderen Diskussionsschwerpunkt zu haben.

Kommentare
  1. Regine sagt:

    Wichtige Punkte, übersichtlich dargestellt, THX. Ich kann mir ein Bild machen, obwohl ich nicht dabei war.

    Beide Punkte greifen IMHO gut ineinander: Es ist sicher angemessen, wenn WissenschaftlerInnen ihre Forschung so darstellen, dass sie „allgemeinöffentlich“ verstanden werden _kann_. Allerdings folgt daraus nicht zwangsläufig, dass jedeR TeilnehmerIn dieser allgemeinen Öffentlichkeit alles verstehen können _muss_. Die Gefahr von Scheingefechten und zeitfressenden Diskussionen ist hier zu groß und oft laufen solche Dispute in’s Nichts. Das bringt keiner Seite etwas. Ergo: wieviel (öffentliche) Pädadgogik sollen öffentliche WissenschaftlerInnen leisten?

    Sinnvoll finde ich dagegen den Anspruch, mehrere Ebenen von Öffentlichkeit und unterschiedliche Zielgruppen bedienen zu können, diese sollten dann als Verteiler bzw. Anknüpfungspunkte zu weiteren Teilen von Öffentlichkeit fungieren. Dieser Anspruch sollte nicht nur für öffentliche WissenschaftlerInnen gelten, sondern Teil der wissenschaftlichen Ausbildung sein. Und zwar für Lehre _und_ Forschung.

  2. cspannagel sagt:

    Vielen Dank für deinen Kommentar! „mehrere Ebenen von Öffentlichkeit und unterschiedliche Zielgruppen bedienen zu können“ – klasse formuliert!

    Insbesondere finde ich auch wichtig, dass du den Teil der wissenschaftlichen Ausbildung ansprichst. Insbesondere für Doktoranden ist es wichtig, Netzwerke aufzubauen und sich mit anderen auszutauschen. Hier können Web-2.0-Werkzeuge sehr hilfreich sein.

  3. Martin Koser sagt:

    Christian, danke – auch ich konnte mir mit dieser Zusammenfassung (und den Notizen im Wiki) ein gutes Bild machen. Anders als geplant habe ich ja leider deine Session verpasst – nun ja, wenn zeitgleich eine Session zu Enterprise Wiki stattfindet werde ich schwach.

    Offensichtlich war aber deine Session spannender. Die Diskussionen rund um die vielfältigen Bedeutungen die man „öffentlicher Wissenschaft“ zumessen kann sind ja reizvoll, auch wenn ich vermute dass die grundlegenden Prinzipien für alle (2.0)-Nutzer gelten. Egozentrik und Konzentration auf die eigene Plattform ist zumeist ein Mißerfolgsfaktor, die Vernetzung mit der Peergroup dagegen ein Erfolgsfaktor.

  4. apanat sagt:

    Ein öffentlicher Wissenschaftler war gewiss lange vor Blogs und Wikis Hans Küng, der nicht nur mit einem seiner Bücher („Unfehlbar?) massiv die bestehende Regelung in der katholischen Kirche kritisierte, sondern seine Artikel auch gleichzeitig in fünf, sechs repräsentativen Zeitungen unterzubringen wusste, von der Familie Kennedy nach China, von dort zum Ärztekongress eilte und außerdem mit „Christ sein“ einen Bestseller schrieb.
    Die Arbeit auf vielen verschiedenen Feldern und auf verschiedenen Ebenen ist aber recht kräftezehrend und eine Diskussion auf den verschiedensten Foren birgt gewiss das Risiko der Verzettelung.

  5. cspannagel sagt:

    @Martin Vielen Dank für den Kommentar! Dass du und Regine den Vortrag und die Diskussion nachvollziehen könnt, ohne dass ihr da wart, spricht ja für das Konzept: Wenn man einen Vortrag mit Wiki, Blogs etc.pp. vorbereitet/begleitet/nachbereitet/…, dann haben auch Personen etwas davon, die nicht anwesend sein konnten. Das bestätigt mich in diesem Vorgehen – ich werde das in Zukunft auf weiterhin bei Vorträgen so handhaben.

    @apanat: Vielen Dank für den Hinweis auf Hans Küng! Ihn habe ich mit öffentlicher Wissenschaft bislang nicht in Verbindung gebracht. Übrigens: Selbstverständlich gibt es öffentliche Wissenschaftler, seit es Wissenschaft gibt.🙂 Peter Faulstich hat in diesem Jahr ein schönes Buch herausgebracht, in dem er viele öffentliche Wissenschaftler beschreibt, beispielsweise Anna Maria Sibylla Merian, Immanuel Kant, Alexander von Humboldt, Johann Gottlieb Fichte usw.
    http://www.citeulike.org/user/cspannagel/article/2909531
    Und vermutlich gibt es eine Millionen weitere Wissenschaftler, die öffentlich waren ohne das Web.🙂

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