Über Kinderpodcasts, die Kartierung der Welt und Entschleunigung

Veröffentlicht: Donnerstag, Oktober 2, 2008 in Conferences, Web 2.0
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Auf dem BarCamp Stuttgart habe ich an vielen interessanten Sessions teilgenommen. Über einige von ihnen möchte ich hier berichten:

  • Oliver hat mit seinen beiden Kindern (6 und 8 Jahre) Podcasts aufgenommen und vorgeführt, wie einfach das ist. Seit einiger Zeit nimmt er auf diese Weise die Geschichten auf, die sich seine Kinder ausdenken. Wenn die Kinder einmal erwachsen sind, werden die Podcasts bestimmt schöne Erinnerungen sein – meine selbst aufgenommenen Kassetten von damals sind längst übern Jordan gegangen. Besonders verblüfft hat mich an der Sache, wie ungezwungen seine Kinder mit dem Computer umgegangen sind: Im Browser mal schnell den Tab gewechselt, anderer Tab, Tab geschlossen, Tab geschlossen, runtergescrollt, Link geklickt usw. – und das in diesem Alter! Podcasts sind eine schöne Möglichkeit, Kinder bereits sehr früh zu kreativem Arbeiten mit dem Computer zu motivieren. Dies war auch praktisch der Konsens, mit dem die Session schloss.
  • Ein weiteres Projekt, was mich begeistert hat, ist OpenStreetMap, das in einer Session vorgestellt wurde. In diesem Projekt wird die Welt kartiert, und zwar von allen für alle. Man benötigt nur einen GPS-Tracker, latscht damit durch die Gegend und pflegt anschließend die Daten ein. Die dadurch erzeugten Karten und Daten sind nicht nur freier als Google Maps, sondern auch detailreicher. So werden beispielsweise auch Fahrradwege und ähnliches kartiert. Momentan gibt es noch zahlreiche Lücken auf OpenStreetMap – man kann also noch richtig mitmachen! Da kommt einem natürlich sofort die Idee, das Ganze für Unterricht auszunutzen. Wie viel spannender ist es denn, Karten selbst zu erstellen, im Gegensatz zum einfachen Kartenlesen? Mit einer Schulklasse durch die Gegend zu ziehen, Geo-Daten zu speichern und zu überlegen, welche der zahlreichen Map Features man einem Ort hinzufügt, ist eine schöne Idee beispielsweise für eine Projektwoche. Und man hat dabei sogar eine Verbindung von Geographieunterricht und der Vermittlung informationstechnischer Kompetenzen geschaffen.
    Und siehe da – kaum hat man diesen Gedanken gefasst, flattert über eine Mailingliste die Nachricht hinein, dass in einem Geomatikprojekt der Gesamtschule in Borgholzhausen von Ralf Gesellensetter genau das gemacht wurde. Super!
  • Eine dritte, sehr interessante Session war eine zum Thema „Entschleunigung“: Bei E-Mail, ICQ, RSS-Feeds und Twitter kommen sind wir immer auf der rastlosen Suche nach neuen Informationen und kommen kaum zur Ruhe. Meiner Ansicht nach (und dies wurde auch auf der Session diskutiert) beruht die Überlastung, die viele hier empfinden, nicht auf der Geschwindigkeit, sondern auf der Parallelität. Dadurch, dass man ständig aus seiner Aufgabe durch neue Informationstrigger herausgeworfen wird, kann man sich kaum längerfristig auf eine einzige Sache konzentieren. Was meiner Ansicht nach hier hilft, ist sich tatsächlich bewusst zu machen, womit man sich zu einem Zeitpunkt beschäftigen möchte und welche Informations- und Kommunikationskanäle man zulassen möchte und welche nicht. Wenn man es ins Positive wenden möchte, dann bietet die hohe Komplexität der uns umgebenden Informations- und Kommunikationsatmosphäre die Chance, dass man sich wieder bewusst auf bestimmte Dinge einlässt und bewusst Kanäle aus- und einschaltet. Ich kann allerdings nicht behaupten, dass mir das schon gelingt.🙂 Also: Vielleicht brauchen wir eine „Entparallelisierung“?
Kommentare
  1. Kay sagt:

    Ich würde sagen, dass die Parallelität zweitrangig ist. Ich halte die Masse an Informationen ursächlich für die Überlastung.

    Wenn ich 1 Nachricht pro Tag in meinem Email-Account, auf Twitter, auf Facebook/Studivz und in meinem RSS-Reader habe, dürfte das kein Problem darstellen. Wenn ich hingegen 100 Emails, 100 Twitternachrichten,100 Pinnwandeinträge und 100 RSS-Feeds habe, ist die Sache anders. Daher denke ich, sollte man zuerst daran ansetzen, die schlichte Flut an Informationen zu reduzieren.

    Zugegeben, die von dir erwähnte Parallelität verstärkt den Effekt noch: Es scheint belastender zu sein, auf 10 Plattformen je 100 Nachrichten zu haben als 1000 in einem Emailaccount.

  2. cspannagel sagt:

    @Kay Bei Parallelität habe ich die Masse eigentlich mitgedacht. Wenn ich in jedem Account nur eine Message habe, steckt dort eigentlich wenig Parallelität drin: Die kann ich ja sequenziell abarbeiten. Nur wenn ich beispielsweise meine E-Mails abarbeite und gleichzeitig Twitter-Nachrichten reinkommen, und wenn ich dann auf Twitter wechsle und gleichzeitig neue Artikel über RSS-Feeds oder wieder neue E-Mails reinschneien, dann habe ich das Parallelitätsproblem…

  3. […] die auf einen “einströmen”, insbesondere angeregt durch die Diskussionen auf dem BarCamp Stuttgart und der Scope. Die Idee, relevante Informationen über das Abonnieren von RSS-Feeds zu erhalten, […]

  4. cspannagel sagt:

    Zum Problem der Parallelität gab es vor kurzem auch einen interessanten Bericht im Spiegel (Nr. 33 vom 11.8.2008): „Macht das Internet doof?“ Dort wird auch sehr schön dargestellt, dass neue Medien immer zunächst die Kritik der Zeit auf sich ziehen…

  5. Danke für den Tipp mit der Schule!

  6. cspannagel sagt:

    @Bodenseepeter Nichts zu danken!🙂

  7. Jonathan sagt:

    Danke für den Hinweis mit OpenStreetMap. Das klingt sehr interessant und ich werde es mir genauer anschauen.

    Zum Thema Parallelität und Informationsvielfalt gibt es übrigens einen sehr interessanten Artikel in der aktuellen Neon: „Google macht doof“ von Nicholas Carr
    http://www.neon.de/kat/248392.html

  8. cspannagel sagt:

    @Jonathan Vielen Dank für den Hinweis auf den Neon-Artikel!

  9. tcolince sagt:

    Endlich kann ich nach langer Pause wieder ab und zu hier surfen. Danke für den Hinweis! Es ist immer gut Tipps zu bekommen🙂

  10. Lisa Rosa sagt:

    > Was meiner Ansicht nach hier hilft, ist sich tatsächlich bewusst zu machen, womit man sich zu einem Zeitpunkt beschäftigen möchte und welche Informations- und Kommunikationskanäle man zulassen möchte und welche nicht. Wenn man es ins Positive wenden möchte, dann bietet die hohe Komplexität der uns umgebenden Informations- und Kommunikationsatmosphäre die Chance, dass man sich wieder bewusst auf bestimmte Dinge einlässt und bewusst Kanäle aus- und einschaltet. Ich kann allerdings nicht behaupten, dass mir das schon gelingt.🙂 Also: Vielleicht brauchen wir eine “Entparallelisierung”?<

    Was wir viel eher brauchen, ist unser eigenes persönliches Filtersystem, das nicht nur entscheidet, welche Informations- und Kommunikationskanäle man zulässt, sondern auch, welche Informationen man überhaupt bewusst wahrnimmt und zu Wissen weiterverarbeitet. Dieses Filtersystem heißt: Persönlicher Sinn. (Weil dieser Filter, den jedes Individuum hat, in der Schule z.B. bekämpft wird, denn er sperrt ja das vom Unterricht weg, was der Lehrer so gerne in den Schülerkopf reinhaben möchte, der Schüler aber offenbar für sich selbst im Moment oder so, wie es angeboten wird, nicht gebrauchen kann, darum gibt es soviel sinnlos verbrachte Schulzeit, die keine Lernzeit wird …) Zu lernen wäre also für jeden: Seine eigenen Filter (persönlichen Sinn, Motivationssystem) kennen, bewusst machen, korrigieren, neu einstellen, pflegen, usw. Erst danach kann man die eigenen Ziele auf der Handlungsebene und das entsprechende Instrumentarium auf der Operationsebene sinnvoll bestimmen. Und genau das zu können – m.a.W. sein Lernleben zu kontrollieren – ist auch eine der herausragenden Kompetenzen der Wissensgesellschaft.

  11. cspannagel sagt:

    @Lisa Rosa: Dieser Gedankengang gefällt mir sehr gut. Wir müssen viel mehr lernen bzw. vermitteln, wie man sich bewusst auf etwas einlässt, das man selbst lernen möchte, und sich dann darauf zu konzentrieren. Das ist eine wichtige Fähigkeit, die vermutlich in Zukunft noch viel wichtiger sein wird…

  12. […] Völker darüber auf dem BarCamp Stuttgart darüber berichtet haben (siehe auch meinen damaligen Bericht). Seitdem lässt mich der Gedanke nicht mehr los, das selbst mal mit einer Studentengruppe […]

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