Die Marienkäferfrage – oder: Wie emergieren neue Themen im Netz

Veröffentlicht: Montag, Oktober 13, 2008 in Web 2.0
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Erstaunlich finde ich immer wieder, wie Themen im Netz emergieren, insbesondere auf der Basis kleiner, fast unbedeutender Nachrichten in Mikroblogging-Diensten wie twitter. Hier ein besonders schönes Beispiel:

Ausgangspunkt war ein Tweet von Thorsten Schönbohm in Twitter, der an mich persönlich gerichtet war: „Hallo Christian. Kleine Marienkäferfeldstudie. Bitte twitter mal die Frage, wer heute ungew. viele Marienkäfer gesichet hat. #marienkäfer“

Nichtsahnend, worum es überhaupt geht, habe ich folgenden Tweet abgesetzt: „Hat heute jemand von euch ungewöhnlich viele Marienkäfer gesichtet?“ Auf die Frage von HeileRibke, worum es denn genau geht, habe ich  „Ist geheim :-)“ geantwortet (natürlich deswegen, weil ich es etwas spannend machen wollte, und weil ich gar nicht wusste, worum es geht). Kurz darauf die erste Meldung von Vizekönigin: „ja #marienkäfer meine ich. ganzer balkon eingenommen, in der wohnung auch ganz viele.“ (Ich kannte bis zu diesem Zeitpunkt übrigens Vizekönigin gar nicht). Ein späterer Blick in ihr Weblog zeigte zudem, dass sie bereits darüber gebloggt hatte.

Ein wenig später sehe ich zufällig in meinem RSS-Reader, dass Claudia Kilian in ihrem Weblog auf meinen Tweet verweist: „ Hat heute jemand von euch ungewöhnlich viele Marienkäfer gesichtet? Was der Grund für diese Frage ist, weiß ich leider nicht. […]“. Das fand ich an dieser Stelle schon interessant, dass mein Tweet in die Blogosphäre eingetreten ist. Komplett verrückt wurde es aber kurze Zeit später, als ich die folgende E-Mail (!) von Michael Wühr erhielt:

Hallo,

ich habe gelesen das man Sie informieren soll, wenn mann große Ansammlungen von Marienkäfer beobachtet.

Ich habe heute eine solche beobachten können und zwar bei mir am Haus und in der Wohnung.
Schätzungsweise zwischen 200 und 300 Stück , vieleicht auch mehr .
Sie haben die Hauswand besetzt und sind durch das offene Badfenster in die Wohnung gekommen.
Es waren lauter verschiedene Farbvarieanten. Es waren schwarze mit roten Punkten ; 7 Punkt und Marienkäfer mit über 20 Punkten in unterschiedlichen Farbintensitäten.

Witzig daran ist: Ich kannte bis zu dieser Mail Michael gar nicht, und ich habe keine Idee, wie er auf mich aufmerksam geworden ist (Michael: vielleicht kannst du in einem Kommentar darstellen, wie bei dir der Weg der Information verlief?). Witzig finde ich auch die Formulierung „ich habe gelesen das man Sie informieren soll […]“, zumal ich immer noch keine Ahnung hatte, worum es geht.

Aber nicht nur ich war Ansprechpartner; Claudia Kilian twitterte einige Tage später: „64 Kommentare bei der unbeabsichtigten Meldestelle für #Marienkäfer“. In ihrem Blog wurde nämlich fleißig kommentiert. Wahnsinn!

Thorsten hatte sich ursprünglich übrigens gewundert, dass er und Herr Rau am selben Tag ein Marienkäferproblem hatten (obwohl sie räumlich sehr weit auseinander wohnen) und wollte wissen, wo überall das in Deutschland noch der Fall ist. Nun ist klar: Mit neuen Werkzeugen wie Twitter und Weblogs lässt sich relativ schnell eine große Zahl von Menschen erreichen, und wenn diese schnell reagieren, dann ist das Thema extrem präsent im Netz. Ein wirklich tollen Beispiel für das „Emergenz-Potenzial“ des Netzes…

Ich habe übrigens bis heute keinen einzigen Marienkäfer gesehen.🙂

Kommentare
  1. espressodoppio sagt:

    Auch bei mir gab es keine. Fand auch faszinierend, wie schnell sich die Marienkäfer auch bei twitter verbreiteten.

  2. ths sagt:

    Hallo Christian,

    sorry, wenn ich Dich durch meine Anfrage mit „virtuellen“ Marienkäfern zukrabbeln ließ. Irgendwie habe ich aber auf den Emergenz-Effekt gehofft.
    So aber ist eine hervorragende Situation entstanden den Begriff Emergenz zu durchleuchten. Einmal anhand des Internet und einmal durch das massenhafte Auftreten der halbkugeligen Sechsbeiner, welches mich fasziniert. Ich frage mich bis heute noch warum gerade in dieser doch sehr begrenzten Zeit? Wie machen die das?
    Habe Dir aber versprochen noch einmal genauer zu Recherchieren. Die allgemeinen Antworten aus den Zeitungsberichten stellen mich da nicht zufrieden. Dazu werde ich in absehbarer Zeit bloggen.
    Du weist ja, zuerst die Arbeit, dann das Bloggen!😉

    Gruß aus Oldenburg

    Thorsten

  3. cspannagel sagt:

    @ths: Das war natürlich vollkommen ok (also „sorry“ ist nicht notwendig🙂. Hat Spaß gemacht!

    Ich denke, es ist ganz wichtig, das man sich im Netz auch auf solche Dinge einlassen kann und schnell reagieren sollte, ohne groß drüber zu grübeln. Dann kann so etwas Grandioses schnell passieren! Im Besten Fall (und ich glaube, in unserem Fall war das so) führt dies zu Synergierausch (Begriff von Jean-Pol Martin): http://tinyurl.com/4t8zy9

    Kaum zu glauben, was in Lernsituationen passieren kann, wenn alle Lernenden so miteinander kommunizieren! Interessant ist in diesem Zusammenhang die „Neuronenmetapher“: Im Endeffekt haben wir uns verhalten wir Neuronen: Wir haben die Information aufgenommen und gefeuert – und das haben viele Leute getan. Und – zack – ein Thema ist emergiert.

    Mehr zur Neuronenmetapher gibt’s hier: http://tinyurl.com/4xjwnn
    bzw. in unserem Netzwerk Neuron!
    http://neuron.mixxt.de

  4. Vizekönigin sagt:

    Ich kannte dich bis zu dem Tag auch nicht, allerdings scheint dich eine Freundin zu kennen. Oder sagen wir mal so: sie ist eine deiner Follower, ob ihr euch nun kennt, sei mal dahingestellt. Und eben diese Freundin hat meinen Blogpost gelesen und irgendwann musst du den Tweet rausgeschickt haben, diesen hat sie mir wiederrum geschickt und ich hab drauf reagiert.🙂 Im Übrigen bin ich der Situation immernoch nicht Herrin geworden, die Viecher sind echt hartnäckig. Aber eine Menge Thesen habe ich schon zu lesen bekommen..

  5. Gundula sagt:

    Hallo,
    ich folge Dir bei Twitter und bin so heute auf diesen Post gestoßen. Hier ein kleiner Verrsuch zur Marienkäfererklärung:
    Seit einiger Zeit verbreitet sich bei uns ein „importierter“ Marienkäfer. Ich habe über ihn in meinem Blog berichtet:
    179) Harlekin-Marienkäfer erobert Europa
    Er hat eine Generation mehr Nachkommen im Jahr. Und der starke Schub neulich soll die „lezte“ Generation gewesen sein, die eben durch das Wetter bedingt ziehmlich gleichzeitig geschlüpft sind und dann durch die Welt flogen und warme Plätze suchten…
    Vielleicht hilft es ja weiter…

  6. cspannagel sagt:

    @Vizekönigin Es ist wirklich interessant, wie sich Kontakte über die neuen Werkzeuge bilden, und auch irgendwie verrückt.🙂 Ich hoffe, du bekommst das bald in den Griff mit den ungebetenen Gästen…

    @Gundula Vielen Dank für die Erklärung! Hast du auch den Link zu deinem Blogeintrag?

  7. cspannagel sagt:

    Gestern habe ich noch einen Link zur Neuronenmetapher gesucht, den mir Jean-Pol jetzt freundlicherweise zugemailt hat:
    http://tinyurl.com/42vdpq

    Ich finde, das passt ziemlich gut zum Verhalten in Twitter…

  8. michael Wühr sagt:

    Hallo Christian,
    „Wie ich auf dich gekommen bin ?
    Nachdem die Heerscharen von Marienkäfer über uns gekommen sind habe ich in google einfach das Suchwort Marienkäfer eingegeben und durch Zufall auf einer Seite gelesen ,das du Informiert werden möchtest wenn jemand Beobachtungen über große Marienkäferansammlungen macht.
    Daraufhin habe ich dir geschrieben.
    Übrigens wurde ca. 1,5 km von unserem Wohnhaus auch beobachtungen gemacht.Die Rede war von ca. 500-800 Marienkäfer.
    Viele Grüße
    Michael Wühr

  9. … und das nicht nur im Netz! Nach dem Eintrag von Herrn Rau und anderen Bloggern habe ich das „Problem“ auch beobachtet und erst mal mit Freunden darüber geredet. Das nennt man wohl Medienwirkung😉

    Viele Grüße,

    Sandra

  10. cspannagel sagt:

    @Michael Ist ja interessant, dass Google so schnell indiziert! Unglaublich.

    @Sandra: Die Virtualität und die Realität sind eben stark vernetzt (wie sollte es auch sonst sein).🙂

  11. Sammelmappe sagt:

    Jetzt habe ich den ersten Kommentar, der sich darauf bezieht, dass k e i n e Marienkäfer mehr da sind.

    Der momentane Stand der Kommentar liegt bei 88.

  12. […] Christian Spannnagel geht dem Ursprung der Marienkäferfrage noch mal ausführlich auf den Grund und stellt Überlegungen an, wie neue Themen im Netz emergieren. Ich habe dem fast nichts hinzuzufügen, außer dass bei meiner unbeabsichtigten Marienkäfermeldestelle jetzt der erste Kommentar eingetrudelt ist, der meldet, dass k e i n e Marienkäfer mehr da sind. […]

  13. Fiona sagt:

    Ich hatte heute mit meinem Vater ein Gespräch über akuten Marienkäferbefall an seinem Haus. Jetzt lande ich a propos gar nichts (nicht über eine Marienkäfer-Suche oder so) hier und frag mich… und wunder mich… und weiß nicht, was das alles bedeutet.
    Mein Vater allerdings hat wohl irgendwo gelesen, dass irgendwann mal Marienkäfer aus China zur Schädlingsbekämpfung eingeführt wurden und es deswegen plötzlich so viele sind.

  14. cspannagel sagt:

    @Fiona Ich kenn mich mit Marienkäfern leider überhaupt nicht aus. Ich finde sie nur einfach goldig…🙂

  15. […] ich auch unbedingt auf einen wirklich lesenswerten Beitrag von Christian Spannagel hinweisen “Die Marienkäferfrage – oder: Wie emergieren neue Themen im Netz“. Hier beschreibt er, wie aus einem einzelnen Tweet gleich ein größeres […]

  16. […] Christian Spannnagel ging später dem Ursprung der Marienkäferfrage noch mal ausführlich auf den Grund und stellte Überlegungen an, wie neue Themen im Netz emergieren. […]

  17. […] Christian Spannnagel geht dem Ursprung der Marienkäferfrage noch mal ausführlich auf den Grund und stellt Überlegungen an, wie neue Themen im Netz emergieren. Ich habe dem fast nichts hinzuzufügen, außer dass bei meiner unbeabsichtigten Marienkäfermeldestelle jetzt der erste Kommentar eingetrudelt ist, der meldet, dass keine Marienkäfer mehr da sind. […]

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