Die weiße Linie der Doppelmoral

Veröffentlicht: Dienstag, Juni 2, 2009 in Hochschuldidaktik

„Stell dich wieder vor die weiße Linie, Marius! Du musst vor der weißen Linie stehen!“ – Das waren die Worte eines ermahnenden Vaters zu seinem vielleicht dreijährigen Sohn am Sonntag abend an der Straßenbahnhaltestelle „Wilhelm-Liebnkecht-Platz“ in Leipzig. Der Sohnemann hatte beim Erforschen seiner unmittelbaren Umgebung (Bahnsteig) die weiße Sicherheitslinie übertreten und damit eine wichtige Regel, die seiner eigenen Sicherheit dient, verletzt. Daher die ermahnenden Worte des Vaters. Interessant an der Geschichte ist dabei der Ort, an dem der Vater stand – nämlich hinter der weißen Linie. Und da stand er auch noch, lange nachdem sich der Sohnemann bereits wieder voller Entdeckungsdrang Richtung Wartehäuschen begeben hatte.

Man fragt sich, was sich Eltern dabei denken. Vermutlich nichts. Ähnlich ist es, wenn die kettenrauchende Mutter ihre Tochter ermahnt, den Glimmstengel aus dem Mund zu nehmen, oder wenn Politiker Reden zu Moral und Anstand schwingen und dabei längst die nächste „Affäre“ durch In-die-eigene-Tasche-Wirtschaften vorbereiten. Doppelmoral nennt man so was, glaube ich. „Weshalb aber siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht zur Kenntnis?“ – für diejenigen, die Bibelzitate mögen.

Was geschieht in den „Empfängern“ solcher zweifelhafter Doppel-Botschaften? Nehmen sie die Sender dieser Botschaften ernst?

Genug über andere geschimpft. An die eigene Nase fassen ist angesagt.

An die Nase fassen

An die Nase fassen

(Bild von tanakawho)

Ich habe schon einige Male (!) einen 90-minütigen Vortrag über selbstentdeckendes Lernen gehalten. Und dabei mehrfach gedacht: „… also genau das, was ich gerade nicht mache…“. Frontale Vorlesungen über die Nachteile von Frontalunterricht sind auch immer wieder spannend. Oder Vorlesungen, in denen mittels nicht enden wollender Powerpoint-Foliensätze über Methodenvielfalt gesprochen wird. Und ich bin sicher nicht der einzige, dem sowas passiert, wie ich Studenten klagen höre.

Also: Wir, die hochschulmäßig in den Didaktiken, in der Pädagogik, in der Lernpsychologie unterwegs sind – wir müssen das, was wir predigen, auch logischerweise selbst tun. Ansonsten sind wir unglaubwürdig. Das heißt aber auch: Wir müssen uns hochschuldidaktisch engagieren, adäquate Lehrkonzepte und Methoden (z.B. für große Gruppen) entwickeln und unsere eigene Lehre genau so reflektieren, wie wir dies auch von den Studenten z.B. in den Schulpraktika verlangen. Lasst uns eine Offensive für bessere Hochschullehre beginnen – und dabei in unseren eigenen Veranstaltungen anfangen. Wie wärs?🙂

Nebenbei: Über Wilhelm Liebknecht, den Namensgeber der oben genannten Straßenbahnhaltestelle, steht in Wikipedia geschrieben.

„Die von den verwaisten und mittellosen Kindern in der Familie des Vormunds als Widerspruch empfundene Diskrepanz zwischen einer christlich-moralischen Anspruchshaltung und deren vermisster Umsetzung (z.B. Nächstenliebe versus fehlender Fürsorge) trug bei den Brüdern Wilhelm und Louis zu einer sich langfristig festigenden negativen Einstellung gegenüber Kirche und religiösem Glauben bei; ein Umstand, der ursächlich für die spätere Entwicklung Liebknechts zu einem Anhänger der deutschen Freidenker-Bewegung steht.“

Zufall?

Kommentare
  1. herrlarbig sagt:

    Ein echter Spannagel! – Das war mein erster Gedanke beim Lesen. Ich hörte regelrecht deine Stimme dabei!
    Und dann auch noch inhaltlich einen weisen Schlenker hinbekommen.
    Chapeau! Gefällt mir gut.

  2. scheppler sagt:

    Schließe mich dem Vorschreiber an.
    Und: Schade, dass wir das immer wieder gesagt bekommen müssen. Es scheint einfach zu schwer aus dem bekannten auszubrechen und es anders -> neu -> richtig zu machen. Und da fasse ich mir auch gerne mal wieder an die eigene Nase😉

  3. Andreas Kalt sagt:

    Ja – in der Tat: klasse. Prägnant auf den Punkt gebracht. Ein kleiner Meister-Essay.

  4. rip sagt:

    Sehr schöner Blogeintrag! Auch das Bild gefällt mir – wenn es auch von der Logik her ein bisschen widersinnig ist😉

  5. Hallo!

    ich finde den Artikel auch klasse! Mir ist dazu aber noch eine Sache eingefallen, die sicherlich auch dazu führt, das man oft eben solche widersprüchlichen Dinge tut, wie einen Vortrag über Selbstlernen zu halten.

    1. Es ist oft sehr viel mehr Arbeit. Ich behaupte mal, das jeder, der einigermassen in seinem Thema drinn ist, einen 45 Minuten Vortrag dazu halten kann. Aus dem Stehgreif quasi. Dazu noch ein paar Rückfragen ans Publikum und die Stunde ist gerrizt. Wieviel mehr Arbeit ist es da sich Gedanken Gruppensettings zu machen oder gar das ganze Material zusammenzutragen.
    2. Es wird oft so erwartet. Gerade im Akademischen Bereich habe ich die Vermutung, das der Vortrag, den man am besten nach dem Vortragen genauso in Papierform verteilen kann, den Standart darstellt. Es sei denn man ist gerade in einem Experimentierfreudigen Setting.
    3. Es kann trotzdem schiefgehen. Besonders, wenn die Rahmenbedingungen anspruchsvoller sind. In meiner ehemaligen BVB Klasse waren einige Teilnehmer anwesend, obwohl sie oft zu gefühlten 80% der Meinung waren, das Ihnen dies nichts bringen würde. Was sie vom Fernbleiben abhielt, waren die negativen Konsequenzen. Damit meine ich, dass es sehr schwer ist und manchmal auch kaum gelingt, einer von vornerein unmotivierte Gruppe einen Rahmen zu bieten, etwas zu lernen, dass viele nicht interessiert.

  6. Sigi sagt:

    Christian, das hast du wieder bravourös auf den Punkt gebracht. Auch ich quäle mich bei den Vorbereitungen zu Vorträgen, die auf 45 Minuten oder weniger begrenzt sind, immer sehr und zermartere mein Hirn, wie ich den Wein, den ich predige nicht verwässere. Es ist eine andere Situation, wenn man einer Gruppe von Leuten einen Überblick über irgendwelche Web 2.0 Aktivitäten im Unterricht verschaffen will oder diese Leute in einem längeren Workshop diese Erfahrungen selbst machen lassen kann. Mir ist dazu auch noch keine perfekte Lösung eingefallen. Ich versuche das oft aufzufangen, indem ich im Vorfeld schon Infos in einem LMS Kurs gebe, die Diskussion und das Kennenlernen anschiebe und dann im Anschluß diverse Aktivitäten im gleichen LMS anbiete, die die TN gemeinsam weitermachen lässt. Diese Szenarien gehen leider nicht immer und nur dann, wenn man entsprechende hochmotivierte Teilnehmer hat, die auch nach dem „Vortrag“ am Ball bleiben wollen.
    Bin gespannt auf die Ideen aus der Community, wie wir diesen Widersinn kreativ vermeiden können.

  7. kann man irgendwo (wiki) eine seite anlegen, wo ansätze und best practices gesammelt werden?

    – un-vorträge:
    denn es GIBT ja gute frontalvorträge über graswurzel-themen, die eine atmosphäre des zusammen-denkens erzeugen – eher bei den US-leuten, allerdings. Bruce Sterling, Lawrence Lessig, Michael Wesch, solche leute. es hat etwas mit der art zu reden (und zu präsentieren) zu tun, mit der „voice“ und dem geist der „conversation“, um mit Cluetrain und David Weinberger zu reden.

    – selbstlerngruppen-designs:
    da bin ich gerade dabei zu sammeln: die nur vordergründig paradoxen formen von „vor-strukturierter selbstorganisation“, die es bereits gibt außerhalb und innerhalb des Web. angefangen mit den Anonymen Alkoholikern und den Toastmasters bis hin zu Agile Programming Teams.

    – und dann gibts noch sowas wie die „IBM collaboration Jams“, sozusagen organisierte Crowdsourcing-Aktionen.

    wie gesagt, da würde ich gerne eine zentrale liste sehen und haben, in die man einfach beispiele mit link und kurzkommentar eintragen kann. in wikiversity?

  8. cspannagel sagt:

    @alle Vielen herzlichen Dank für die vielen freundlichen und interessanten Kommentare!

    @rip Stimmt, das Bild passt nicht richtig, weil der Hund sich nicht selbst an die Nase fasst. Ist aber egal. Dafür ist es schrecklich süß.🙂

    @Jan Ja, du hast recht: Es wird oft erwartet. Aber man muss ja nicht alle Erwartungen erfüllen.🙂 Gerade jahrelange Erfahrungen im „passiv sich berieseln lassen“ erzeugt bei einigen Studierenden die Erwartungshaltung, dass es auch zukünftig so sein sollte („Das ist Ihr Job, uns hier was zu erzählen!“). Diese Haltung möchte ich auf keinen Fall unterstützen.

    @Sigi Vorbereitung – genau das ist auch die Strategie, die ich beim „Aktiven Plenum“ verwende. Der Informationsinput kommt nicht von mir in der Veranstaltung, sondern aus einem Text, den die Teilnehmer vorab lesen. Das können sie dann in eigenem Tempo machen, mit mehrmaligen Lesen eines schwierigen Absatzes usw. Idealerweise kommen dann noch Leitfragen dazu zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Inhalt usw. Die Veranstaltung an sich kann dann zu Diskussionen u.ä. genutzt werden.

    @Martin Ziemlich viele Begriffe nennst du da, die ich noch nie gehört habe und ziemlich interessant finde. Ja, lass uns eine Wikiseite einrichten. Das würde ich machen – aber unter welchem Titel? Hochschuldidaktik?

  9. Sehr schöner Blogeintrag!

    Man muss die Defizite erkennen, damit ein Handeln ermöglicht werden kann. Auch Wilhelm Liebknecht wuchs aus seinen eigenen Erfahrungen, durch Diskrepanzen…

    Wenn ich elterliche Erziehung und Hochschuldidaktik vergleiche, dann kommt mir letzteres sehr viel einfacher vor. Denn immer Vorbild sein ist gar nicht so einfach. Vor ein paar Jahren noch selbst in der Moserwelle geschwommen, „leier“ ich heute die gleichen Platten meiner Mutter – alles zum Wohle des Kindes. Und häufig erziehen die Kinder die Eltern… *schmunzelt* Sie beharren nämlich sofort auf das gute Vorbild, wenn ich mal eine Sekunde Gedankenverloren etwas tue, was sonst nicht erlaubt ist. Oder habt ihr noch nie mit vollem Mund gesprochen? *g*

    In der Hochschuldidaktik ist es wohl deshalb so schwer, weil es noch zu wenig Lösungen und Ideen gibt. Dadurch wird das Arbeitspensum enorm erhöht. Die Ausgangslage ist ebenfalls grottig, denn die meisten Studierenden kommen eh schon gelangweilt in den Hörsaal. Hinzu kommt, dass üppige Planung auch positive Rückmeldung benötigt. So banal es klingt, wie lange kann ich einen Mehraufwand für mich selbst rechtfertigen? Wie lange hält meine Überzeugung an, dass ich die richtigen Entscheidungen treffe für die Lehre? … und am Ende schlafen die Studierenden doch?!

    Es gibt noch viel zu tun…🙂
    Die eigene Nase anpack und nun erstmal aufhöre mit dem Prokrastinieren in Blogs.

    Lg Mel

  10. nayrusworld sagt:

    Ich empfinde den Beitrag auch als sehr erfrischend. Viel Selbstreflektion und an die eigene Nase fassen. Ich persönlich kann absolut zustimmen. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass wir „auch nur“ Menschen sind. Hier ist sicherlich hilfreich, eigene Fehler zugeben zu können. Nicht absolut, sondern authentisch sein sein, Richtlinien geben und gleichzeitig zugeben können, dass die Einhaltung einem selber auch schwerfällt.
    Und es ist wirklich schwierig, die Grenze zu ziehen, wann darf ich auf der anderen Seite der weißen Linie stehen und den anderen zurückweisen… Sonderfälle sind möglich, Absprachen wichtig.
    Dieser Beitrag regt auf alle Fälle zum Nachdenken über das eigene Verhalten an (was ich eh schon immer wieder tue). Danke🙂

  11. […] usw.) zu kommentieren – auch wenn ich selbst bereits über 50 bin. Einschub: Genialer Artikel von Christian Spannagel über die die Kunst, sich an der eigenen Nase zu fassen: absolut lesenswert!, Einschub […]

  12. cspannagel sagt:

    Danke auch an Mel und nayrusworld für die Kommentare!

    @nayrusworld: Ja, stimmt – eigene (methodische und didaktische) Fehler zugeben gehört dann auch dazu. Wobei „zugeben“ schon zu negativ annotiert klingt. Eigentlich muss man sie nicht „zugeben“. Man muss sie einfach akzeptieren als das, was sie sind: einfach nur Fehler.

  13. apanat sagt:

    Nicht alles, was einem in Vorträgen geboten wird, muss anders dargeboten werden; schließlich kann es sehr erhellend sein, wenn jemand einem seinen Denkprozess vorführt.
    Aber jemand, der ständig von Methodenvielfalt redet, sollte zumindest etwas davon auch praktizieren.

  14. […] Juni 4, 2009 von cspannagel Der Kommentar von apanat zu meinem Beitrag Die weiße Linie der Doppelmoral veranlasst mich nun, etwas deutlich zu machen: […]

  15. @cspannagel gerne, ich glaube wirklich, dass es so eine seite geben muss.

    ich selbst würde es ja ungern „hochschuldidaktik“ nennen: da würd ich nie draufklicken als link🙂 aber in wahrheit ist e natürlich egal. mein vorschlag: hmmm… am ehesten „learner-experience design“, aber das geht natürlich nicht auf deutsch.

    „schwierige, nie gehörte begriffe“: echt? aber es stimmt schon, zu diesem guten und intellektuell fruchtbaren (englischen) Web-diskurs sollte man schnittstellen schaffen – am besten eben durch links in dieser liste.

    und auch von mir danke: sehr schöner blogpost.

  16. cspannagel sagt:

    @Martin und @alle: Ok, ich habe eine Seite angelegt unter
    http://etherpad.com/led

    Lasst uns dort Konzepte, Ideen und Links sammeln, wie wir studierendenaktivierende Lehrveranstaltungen konzipieren können!

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