Denkstrukturen aufbrechen durch Expedition

Veröffentlicht: Freitag, September 11, 2009 in Bildungsexpedition

Wenn ich jemand fragen würde, was wohl das aufregendste Ereignis im letzten Jahr war, dann würde ich mit ziemlicher Sicherheit die Bildungsexpedition nennen. Nebenbei war es auch das anstrengendste. Aber Leiden schafft Erkenntnisse. Und das haben wir vielfach im Laufe der Expedition erfahren. Diese Erkenntnisse kann ich gar nicht alle in einem einzigen Blogbeitrag zusammenfassen. Ich denke, der bessere Weg ist, dass ich in Zukunft die Erfahrungen der Bildungsexpedition in meine Blogbeiträge einfließen lasse und dabei auch auf die zahlreichen Videos und Audiopodcasts verweisen werde, die wir produziert haben.

Als wir am letzten Abend der Bildungsexpedition bei Otto Herz in Leipzig waren und nachdem wir das Gespräch beendet hatten und die Kamera ausgeschaltet war, habe ich Otto Herz gefragt, wie man es erreichen kann, dass man seine Denkstrukturen derart aufbricht und radikal neu denkt so wie er. Er drehte sich zu mir um und antwortete mit einem Wort: „Expedition“. Diese Szene ist für mich die zentrale Szene der Bildungsexpedition gewesen. Sie fasst in einem einzigen Wort zusammen, wie sich für mich persönlich meine Auffassung von Lernen in den letzten Jahren gewandelt hat. Öffnung ist für mich mittlerweile nicht mehr nur ein pädagogisches Schlagwort.

Otto Herz hat seine Antwort noch sehr schön erläutert. Dies möchte ich hier sinngemäß wiedergeben: Durch das Rausgehen in die Welt lernt man Alternativen kennen. Diese Alternativen erweitern den eigenen Handlungsspielraum. Man weiß, was alles möglich ist, und kann dies für die Gestaltung im eigenen Handlungsfeld nutzen. Darüber hinaus lernt man, mutig zu sein. Man stellt fest, dass man auch in anderen Handlungsfeldern bestehen kann, man wird selbstbewusst, und man kehrt voller Erfahrung zurück. Nach seiner (zugegebenermaßen radikalen) Auffassung wird Schule in 20 Jahren genau so aussehen: Schüler führen gemeinsam Projekte „draußen“ durch: In der Stadt, im Wald, in Betrieben, … Die Schule verbleibt als logistisches Zentrum, in dem die Schüler immer wieder zusammenkommen, um gemeinsam die Erfahrungen zu reflektieren und die nächsten Schritte zu planen. Hierzu zählt ebenfalls die Auslandserfahrung: Schüler müssen im Laufe der Schulzeit ins Ausland, um dort mit anderen Lebens- und Denkweisen umgehen zu lernen.

Lisas und meiner Ansicht nach sollten Lehramtsstudenten alle einmal eine solche Expedition machen, um andere Schulen, Organisationsformen von Lernen und Lehren und insbesondere andere Menschen und Meinungen im unmittelbaren Kontakt kennen zu lernen. Lasst uns unsere Lehrveranstaltungen für solche Projekte viel mehr öffnen! Derartige Erfahrungen sind nämlich diejenigen, die einem ein Leben lang im Gedächtnis bleiben und an die man sich gerne und intensiv erinnert. Es sind diejenigen Erfahrungen, die einen im tiefsten Innern verändern.

Jetzt werden wir aber zunächst mal weiter an den Produkten der Bildungsexpedition arbeiten. Wir haben noch jede Menge Videomaterial und jede Menge Reflexionsbedarf. Das alles zu verarbeiten wird noch lange dauern. Vermutlich ein Leben lang.

Die Bildungsexpedition ist zu Ende. In Wirklichkeit beginnt sie für mich aber gerade erst.

Kommentare
  1. Marcel sagt:

    Wow – eine tolle Reflexion, spricht eindeutig für die Öffnung der Klassenraum- und Seminargrenzen! Nochmal ein großes Lob an Euch für die tolle Berichterstattung🙂 Das hat uns alle Teil Eurer Expedition werden lassen und war oft eine wissenswerte Bereicherung neben der täglichen Arbeit!

    Viele Grüße aus Ilmenau

  2. Lieber Christian, ich muss es jetzt – angestoßen durch deine schöne Einordnung des Projekts – mal herauslassen: Bin über mich total verärgert, da ich zu spät von dem Projekt erfahren habe – mit etwas Vorlaufzeit hätte ich in meinem Studienseminar echt eine Aktion daraus machen können, es hätten sich vielleicht ReferendarInnen gefunden, die ihren Unterricht für einen Besuch öffnen – und/oder ich hätte auch gerne eine Stunde als Beispiel für z.B. kreativen Tech-Einsatz beigesteuert. – Habe die Reise-Dokumentation also sehr interessiert und mit wachsender Begeisterung verfolgt – und hoffe sehnlichst darauf, dass es eine Neuauflage gibt, bei der ich mich und Fuldaer LiV miteinbringen kann… – es muss ja nicht immer von Dir/Euch organisiert werden, vielleicht finden sich an anderen Unis verbündetes Lehrpersonal, die die Bildungsexpedition zu einer Art regelmäßig wiederkehrenden Best-Practice-Tour machen helfen wollen – das täte auch der Breite der Beobachtungsschwerpunkte gut?!

  3. Lieber Christian,

    mit Eurer Bildungsexpedition ist Euch wahrlich etwas Wegweisendes gelungen, was sicherlich noch mehr bewirkt als nur eine ganz persönliche Entwicklung. So gesehen fängt die Reise tatäschlich erst an, denn noch ist gar nicht absehbar, wen Ihr alles „mitnehmen“ werdet außer denen, die Euch jeweils ein Stückchen begleitet haben. Ich bin froh, wenigstens für einen Moment dabei gewesen zu sein.

    Was mich gerade beschäftigt, ist die Frage, wo alles „draußen“ sein kann… Eigentlich ja alles, was nicht innerhalb des so wohlvertrauten Rumes/Rahmens sich bewegt. Für mich persönlich ist zum Beispiel das große weite virtuelle Netz gerade ein „draußen“, in das ich mich hinaus- und hinein wage. „Draußen“ ist alles, was den altvertrauten Schultrott verlässt. Ich finde nicht, dass es um eine Trennung Schule versus „wahres Leben“ gehen sollte. Aber das denkst Du sicherlich auch nicht.

    Dies ganz spontan als kleiner Gruß von einem Lernjunkie😉

    Es grüßt die Göre

  4. Nina sagt:

    „Vermutlich ein Leben lang.“ Das sollten wir von der Expedition behalten, uns öffnen für Ideen, neue Strukturen, Ausflüge in andere Denkwelten. Ein Leben lang. Danke für euren Besuch, die Berichterstattung, neue Kontakte durch und von der Expedition. Ich bin gespannt, was ihr noch draus macht! Es wäre schön, wie ja auch schon am IWM angemerkt wurde, eine jährliche Tour daraus zu machen.

  5. wf sagt:

    Nur wer den Mut hat, sich auslachen zu lassen, kann mit vollem Risiko Denkstrukturen aufbrechen.

  6. […] September 11, 2009 von cspannagel Da sich mein letzter Blogbeitrag direkt auf den Besuch bei Otto Herz bezogen hat, und da Lutz mir gerade gemailt hat, dass das Video […]

  7. cspannagel sagt:

    Vielen Dank an alle für diese freundlichen Kommentare und das positive Feedback!

    Selbstverständlich haben wir überlegt, wie wir das Konzept weiterführen, was wir daran anschließen. Es ist aber noch geheim.🙂 – Stay tuned!

    @Dörte Genau – keine Trennung von Schule und wahrem Leben, sondern Integration von Schule in das „wahre“ Leben.🙂

    @wf Richtig – Mut gehört in jedem Fall dazu. Ob es Mut, sich auslachen zu lassen, sein muss, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall Mut. Insofern: Mutig sein!🙂

  8. Andreas Kalt sagt:

    Zunächst danke für die anregenden Beiträge und die vielen guten Beispiele, die ich durch die Bildungsexpedition sehen durfte.

    Auch ich hoffe, dass es eine Wiederholung gibt, wie Matthias würde ich mich ebenfalls freuen, vielleicht Beispiele beizusteuern (ich denke z.B. an unseren Projektunterricht in Naturwissenschaft und Technik, wo ich dieses Jahr u.a. „Weinbau“ unterrichte und die Schüler in Betrieben hier in der Regionen praktisch mitarbeiten sollen).

    Wie dem auch sei: vielen Dank. Ich bin gespannt, wo die Expedition noch so hinführt.

  9. deutschkunterbund sagt:

    „Leiden schafft Erkenntnisse.
    Durch das Rausgehen in die Welt lernt man Alternativen kennen. Diese Alternativen erweitern den eigenen Handlungsspielraum. Man weiß, was alles möglich ist, und kann dies für die Gestaltung im eigenen Handlungsfeld nutzen. Darüber hinaus lernt man, mutig zu sein”.

    Was ich jetzt alles schreiben könnte, schreibe ich nicht, weil alles schon gesagt worden ist..
    Vielen Dank für den Beitrag und für die Ansteckung mit tollen Ideen (im positiven Sinne:-) Auch eine große Anerkennung, wenn es um die ganze technische Seite geht. Da kann man an der Expedition ununterbrochen teilnehmen.
    Es lebe Marco Polo!

  10. scheppler sagt:

    Ich kannn mich dem Lob für Ihre Idee und deren Umsetzung nur anschließen.

    Aber inhaltlich zum Beitrag: Ja, jeder Lehramtsstudierende sollte raus gehen und sich Schule, Bildung und deren unterschiedlichste Umsetzung in der Praxis ansehen – nicht nur darüber lesen, schreiben, reden. Ich bin jede Semesterferien während des Studiums losgefahren, habe jedes Semester genutzt, welches ich mir zuvor erarbeitet habe, um mir „frei“ zu nehmen, und habe Praktika, Hospitationen und kurze Lehroptionen wahrgenommen. Ich bin mir absolut sicher, dass mir das mehr gebracht hat als viele Seminare oder kurse, die dadurch mehr begleitenden, nach- oder vorbereitenden Charakter erhielten.

    Ich möchte aber mit Blick auf Lehramtsstudenten warnen: Eine Expedition – wie Ihr sie nun gemacht habt – ist spannend und interessant, aber im Rahmen einer Ausbildung – womöglich etabliert bzw. institutionalisiert – nicht der richtige Ansatz. Ihr habt sehr kurze Stopps gemacht, das Verhältnis von Reisezeit zu Besuchs- und Gesprächszeit war extrem. Wer aber Schulen, Lehrerkollegen, Bildungskonzepte oder Schulprofile kennenlernen und erfahren will mit dem Fokus auf der eigenen Weiterentwicklung und Bereicherung der eigenen Lehrerprofession, sollte sich mehr Zeit insgesamt und vor allem an den einzelnen Stationen nehmen. Egal in welcher Schule ich aufgenommen wurde und am Schulleben teilnehmen konnte, wurde ich an den ersten Tagen überwältigt von neuen Eindrücken und erschlagen von den vielen Ideen, die auf mich einstürzten. erst nach einer Woche war es oft möglich, zu reflektieren und zu sondieren, wie genau, wo und mit welchen alltäglichen Ansätzen die Konzepte realisiert wurden.

    Ich würde von daher für eine Verstärkung des „Reisestudiums“ plädieren: Referenten, Dozenten, Professoren können mit Ihrer Erfahrung und dem geschulten Blick schneller und gezielter beobachten bzw. solche Besuche reflektieren. Dies sollten sie tun – regelmäßig, zur eigenen Erdung an die Schulrealität bei allem Dozieren, zur eigenen Bereicherung und sicher ebenso zur Gestaltung der Uni-/PH-Veranstaltungen. Zu diesen Reisen sollten sie Studenten auch mitnehmen. Aber letzteren sollte viel mehr Raum gegeben werden, eigenständig, eigenverantwotlich und bewusst auf Reisen zu gehen. Wir sollten viel mehr auf die „gestandenen“ Kollegen vertrauen, die diese Studenten an den Schulen empfangen, sie mit in ihren Unterricht nehmen und ihnen bei einer Tasse Kaffee im Lehrerzimmer Einblicke in ihren persönlichen Lehreralltag gewähren. Ob wir es nun „Reisesemster“, „Schulpraktikum“, „Sabattsemester“ oder wie auch immer nennen: das, was die Studenten dort bzw. dadurch lernen, ist in meinen Augen oft gleichwertig zu bzw. eine immense Bereicherung für ihr natürlich ebenso notwendiges Fachstudium.

    In diesem Sinne: weiter so, Christian und Lutz, krallt Euch Studenten und bringt sie auf den Geschmack. Lasst sie dann (und das wäre dann mein allgemeiner Wunsch an die Lehrerausbildung) auch flexibler, unbürokratisch aber nicht willkürlich oder unreflektiert auf Reise, Wanderschaft… auf Expedition im besten Herz’schen Sinne.

  11. deutschkunterbund sagt:

    @ scheppler

    „Eine Expedition – wie Ihr sie nun gemacht habt – ist spannend und interessant, aber im Rahmen einer Ausbildung – womöglich etabliert bzw. institutionalisiert – nicht der richtige Ansatz“
    Und weiter
    „…erst nach einer Woche war es oft möglich, zu reflektieren und zu sondieren, wie genau, wo und mit welchen alltäglichen Ansätzen die Konzepte realisiert wurden.“

    Ob es überhaupt möglich ist, festzustellen, nach wie langer Zeit man reflektieren, sondieren, realisieren u.ä. kann?
    Dafür muss einfach ein richtiger Moment kommen, und es geschieht meistens unerwartet. Nach den Ergebnissen vieler Forschungen entstehen 40% aller kreativen Ideen am Schreibtisch oder in der Arbeit. 60% während einer Autofahrt, eines Spaziergangs, Badens oder beim Einschlafen. Die besten, kreativsten 85% tauchten eben in der Freizeit auf. (Helmut Schlicksupp- „30 Minuten für mehr Kreativität“)

    „Referenten, Dozenten, Professoren können mit Ihrer Erfahrung und dem geschulten Blick schneller und gezielter beobachten bzw. solche Besuche reflektieren.“

    Geschulter Blick klingt für mich so institutionell. Ein frischer Blick wird auch gefragt, auch bei vielen Referenten, Dozenten usw.:-)
    Die Vielfalt des Überblicks, die Möglichkeit der Diskussion ist wichtig. Und was jeder für sich davon behält, was er dann in seiner Schulpraxis anwendet, ist nur seine Entscheidung, und die hängt von so vielen Faktoren ab, dass ich nicht vage, die hier aufzuzählen.
    Bin auch fürs Planen, Organisieren – ohne diese würde auch die Expedition nicht zustande kommen, aber nicht alles lässt sich voraussehen. Lassen wir uns mal überraschen!
    „Befriedigung der Neugierde ist eine der größten Quellen des Glücks“(Linus Pauling)
    Christian und Lutz haben mit ihren Vorhaben diese Neugierde bei vielen erweckt und es ist gut so.

  12. ekirlu sagt:

    Wow! Was man an deiner Reflexion sieht, ist, das dieser Prozess ein ganz persönlicher ist. Aufbrechen der eigenen Denkstrukturen, sich an neues wagen und verknüpfen von neuen Eindrücken zu neuen Denkstrukturen hin. Auch diese brechen eventuell wieder auf und entwickeln sich weiter.

    Ihr hattet die richtigen Leute zur richtigen Zeit, die eure Sprache sprechen. Auch wenn ich nicht dabei war, so habe ich euch doch verfolgt und das mit Begeisterung – und gelb vor Neid im Gesicht😉

  13. cspannagel sagt:

    Hallo zusammen,

    wieder vielen Dank für die netten Kommentare! Das motiviert ungemein zum Weitermachen!!

    @René: Ich sehe in beiden Modellen Vor- und Nachteile: Eine längerfristige Hospitation gewährt natürlich tiefere Einblicke in eine Schule und die dort vorherrschende Atmosphäre. Eine Bildungsexpedition hat aber durch die vielen Eindrücke an ganz verschiedenen Orten eine unglaublich motivierende Wirkung und regt vielleicht mehr zu eigenen radikalen Ideen an als eine langfristige Hospitation. Das ist aber nur eine Vermutung.🙂

  14. Cornelius sagt:

    Hallo Christian,

    auf diesem Wege nochmals ganz herzlichen Dank für den spannenden und, bei Otto nicht anders zu erwartenden, Abend. Eine gute und neue Erfahrung mehr für mich.

    Herzlichst

    Cornelius

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