LdL radikal

Veröffentlicht: Donnerstag, Oktober 22, 2009 in Didaktik des Informatikunterrichts

Mit der Zeit wird man beim Ausprobieren ja bekanntlich radikaler.🙂 Heute hab ich der ersten Sitzung meiner Veranstaltung „Didaktik des Informatikunterrichts“ mit ca. 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mal was Neues  ausprobiert.

Zu Beginn der Sitzung habe ich eine leere Mindmap projiziert (mit dem Titel der Veranstaltung in der Mitte). Anschließend habe ich folgendes verkündet: Ich übergebe nun die Veranstaltung in eure Hände und damit in eure Verantwortung. Danach habe ich mich in die letzte Reihe gesetzt und abgewartet.

Es folgte eine kurze Phase der Irritation, die aber überraschend kurz andauerte. Schnell ergriff Nico die Initiative, ist vorgelaufen und hat die Funktion des Mindmap-Managers übernommen. Schnell kamen die ersten inhaltlichen Assoziationen zu „Didaktik der Informatik“ – Methoden, Sozialformen, Bildungsplan, Praktische Probleme im Umgang mit Computer, … Ich habe mich weitestgehend herausgehalten. Nach einiger Zeit habe ich die Studierenden darauf hingewiesen, dass sie bislang sehr schön inhaltlich diskutiert haben, aber dass sie auch noch Organisatorisches zur Veranstaltung klären müssen.

Schnell war klar, was sie nicht haben wollen (z.B. Referete halten). In der darauf folgenden Diskussion fiel ein Satz, der sich mir besonders eingeprägt hat: Wenn wir jetzt schon mal die Chance haben, die Veranstaltung so zu gestalten wie wir wollen, dann können wir ja auch mal was Außergewöhnliches machen, etwas was man sonst nicht macht. Grandios!

Im Laufe einer durchaus kontroversen Diskussion schälte sich nun folgendes Modell heraus: Die Studierenden hatten die Idee, an Schulen zu gehen und Informatikunterricht zu filmen, Lehrer, Schüler, Eltern und Schulleiten zu interviewen und die Ergebnisse verschiedener Schulen (Haupschule, Realschule, Gymnasium, Berufsschule, …) zu vergleichen. Darüber hinaus entstand die Idee, auch mal mit Ausbildern zu sprechen, was sie von Schulabgängern erwarten. Expedition pur!

Ich freue mich außerordentlich, dass die Studierenden dieses Modell entwickelt haben und ihre Freiheit auch tatsächlich nutzen! Insbesondere gefällt mir natürlich der Expeditionsgedanke. Die Idee, in Schulen zu gehen, stammte wirklich von den Studierenden und nicht von mir (ehrlich!).🙂 Passend dazu: Kaum setze ich mich an Twitter, lese ich den Tweet von cervus:

„warum macht @cspannagel das pilotprojekt #be09 nicht mit seinen studis weiter? das wäre ein neues format in der lehrerbildung.“ #hackbild

Mach ich doch.🙂 Aber es war eine vollkommen neue und eigene Idee der Studierenden. Geht’s noch besser? Ich glaube nicht.

Kommentare
  1. Lutz Berger sagt:

    cool!

    und über das +be09 zitat bei den bildungshackern (siehe bastis reportagen auf 1000mikes.com) hab ich mich auch gefreut!

  2. rip sagt:

    Super! Gratuliere dir zu deinen aktiven und mutigen Studenten – und zu *deinem* Mut, das auszuprobieren!

  3. herr larbig sagt:

    Gratulation.
    Irritation der Studis? – Achja, du bist jetzt ja in Heidelberg, die kennen den „wilden Bildungsrocker“ Spannagel noch nicht😉

    Das Konzept der der Studis klingt verlockend. Aber eine Frage: Haben die nicht auch noch andere Seminare zu besuchen oder legen die alle freiwillige schlafentziehende Nachtschichten ein?

    Sehr gespannte Grüße,
    Torsten

  4. Unglaublich! Absolut Spitze! Die Revolution nimmt ihren Lauf!

  5. lisa sagt:

    Lieber Christian,

    das ist LDL pur nach Jean-Pol – danke! Große Klasse; wenn ihr eine Ausbidlerin sucht für Berufsschulen stehe ich gern z. V. per skype.

    Herzliche Grüße,

    Lisa

  6. Oliver Tacke sagt:

    Bin immer wieder überrascht, was alles möglich ist. In welchem Semester sind die Studis? Kannten sie sich vorher schon? Falls nein, bin ich noch verblüffter als ohnehin schon.

  7. apanat sagt:

    Ausgezeichnet!
    Jetzt heißt’s nur noch Frustrationen limitieren.
    Aber dafür hast du ja Erfahrung genug und außerdem das Umfeld vorbereitet. Dank an Lisa!

  8. fdagner sagt:

    Habs heute mal spontan ähnlich in meiner 9b ausprobiert und das Thema „Bewerbung“ an die Tafel geschrieben. Sammlung klappte ganz gut, danach musste ich etwas lenken. Aber wir haben jetzt vier Gruppen die freiwillig verschiedene Themen recherchieren. Eine fragt bei Fotographen nach, was beim Berwerbungsfoto zu beachten und zur Zeit Standard ist, die zweite fragt bei verschiedenen Branchen und Firmen die spätesten Bewerbungstermine an, die dritte befragt Unternehmen, welche Unterlagen sie bei der Berwerbung erwarten und die vierte sammelt Infos von 10. Klässlern über deren Erfahrungen bisher bei Bewerbung und Vorstellungsgesprächen. Also alles eher kleinschrittig, aber bin schon gespannt, was nächste Woche dabei rauskommt.

  9. ixsi sagt:

    Unterricht filmen: toll!
    Interviews mit Schulteilnehmern: prima!
    Mit Ausbildern über ihre Erwartungen sprechen: sollte sich das nicht viel stärker an die Schüler wenden, z.B. durch eine Diskussionsrunde an den Schulen? Sonst wird nur über die Schüler geredet, ohne dass diese mit einbezogen werden.

  10. cspannagel sagt:

    Vielen Dank für eure Kommentare!

    @herr larbig: Es ist tatsächlich noch ein Seminar an der PH Ludwisgburg.🙂 Und zum Arbeitsaufwand: Da müssen die Studierenden was zu sagen…

    @lisa Vielen Dank für dein Angebot! Hast du mit dem Fach Informatik zu tun? Das wäre noch wichtig, da es sich bei unserem Seminar um ein Informatikdidaktik-Seminar handelt.

    @Oliver Die Studierenden kennen sich bereits; sie haben schon seit einigen Semestern Seminare zusammen. Insofern wäre es natürlich interessant, das mal mit einer Gruppe zu probieren, die sich noch nicht kennt.

    @fdagner Cool, dass du das gleich in der Schule ausprobierst. Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen!

    @ixsi Die Studierenden wollen auch mit Schülern sprechen. Sie möchten aber auch die anderen „Stakeholder“ mit einbeziehen wie beispielsweise Ausbilder…

  11. Gabi Reinmann sagt:

    Hallo Christian,

    ja, gratuliere. Ich habe mal vor etlichen Jahren was Ähnliches ausprobiert – leider hat das gar nicht geklappt! Damals hatten wir noch Magister-Studierende und Bachelor-Studierende. Das war schon mal der erste Konfliktherd, denn für die einen war die Abschlussnote egal, für die anderen nicht. Ich habe damals eher die Inhalte offen gelassen und einen methodischen Rahmen gegeben. Genau aber diese inhaltlichen Ziele abzustecken, führte offenbar zu großen Überforderungen. Das Hauptproblem aber war für die Studierenden: Wenn es keine inhaltlichen Vorgaben gibt, wie kommen dann die Kriterien für eine Bewertung zustande? Dies offen zu lassen, führte zu großer Unzufriedenheit. Nun ist das schon eine Weile her. Vielleicht hatte ich zu wenig Erfahrung. Leider habe ich nie herausbekommen, woran es genau lag, meine Vermutung aber geht dahin, dass das Assessment (verschiedene Wertigkeit je nach Studienmodell und Sorge vor Intransparnez) die größten Hürden waren.

    Soweit mein Beitrag zur Weitergabe mal nicht von Best Practices, sondern von Misserfolgen😉

    Gabi

  12. Oliver Tacke sagt:

    @Gabi
    Kannten sich die Studis vorher? Wenn nein, fehlte vielleicht die Orientierung/Sicherheit in der Gruppe, um überhaupt gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Fehlende Transparenz könnte die Unsicherheit dann noch verstärkt haben.

  13. deutschkunterbund sagt:

    @ Christian

    Lieber Christian,

    Bei Spiegel Online vom 19.Okt.2009 http://tinyurl.com/yju9q5u
    wurde ein Artikel von Andreas Thierne “ Redeangst im Studium – Raus mit der Sprache“ veröffentlicht, in dem ein wichtiges Problem berührt wird, die viele Erstsemester (und nicht nur) haben.
    Nämlich die Angst vor den Auftritten vor einem größeren Publikum. Verschiedene Maßnahmen sollen an den Unis eingesetzt werden, um diese Hemmungen abzubauen (man organisiert z.B.spezielle Kurse :
    „In kleineren Gruppen mit bis zu 15 Teilnehmern wird dabei zunächst geübt, vor anderen über ganz Alltägliches zu sprechen. „Die Redner erzählen den anderen Teilnehmern von ihrem Lieblingsfilm oder ihrer Familie“, sagt Püschel. Angeleitet werden sie von Psychologen oder Sprecherziehern.”,
    oder Stimm-Übungen u.a.)

    Da sieht man gleich, welch eine große Herausforderung hier für LdL ist, wie viel noch auf diesem Gebiet an allen Bildungsstufen zu tun ist, und wie wichtiges Ziel du vor Augen hast:-)

    Viel Erfolg!

    Ela
    PS. Im Text ging es v.a. um das Referatehalten.

  14. cspannagel sagt:

    @Gabi Hast du es nur einmal versucht?

    @deutschkunterbund Ja, danke für den Link! Man darf aber nicht nur die Studierenden „trainieren“, sondern muss meiner Ansicht nach auch die Veranstaltungsformen ändern, nämlich so, dass in ihnen eine Atmosphäre herrscht, in der man sich zu reden und fragen getraut.

  15. deutschkunterbund sagt:

    @ Christian
    „Trainieren“ in dieser Form finde ich ein bisschen verspätet und die Themen selbst infantil. Früh übt sich, wer ein Meister werden will! Na klar, lieber spät als nie. Aber den Anfang macht, wie du schreibst, eine vertrauensvolle Atmosphäre – ohne die kann man sich kaum einen richtigen Lernprozeß vorstellen.
    Wenn sich Studierende nicht trauen zu reden und zu fragen, bedeutet es nur, dass es irgendwo früher vernachlässigt wurde, obwohl natürlich viel von dem einzelnen Persönlichkeitstyp abhängt.
    „Nichts kann den Menschen mehr stärken, als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt“:-)))

  16. In dieser Form, ja. Ich meine, man muss hier sehr vorsichtig sein mit Rezepten: Welche Lehrkonzepte funktionieren und welche nicht, ist in hohem Maße abhängig von der Zielgruppe (Vorwissen, Zusammensetzung, Motivation), von der Einbettung im Curriculum (Pflicht oder freiwillig, Kern- oder Nebenfachbereich etc.) und – wie ich angedeutet habe – davon, wie man es dann mit dem Assessment handhabt. Das muss alles stimmig sein, sonst erlebt man einige Überraschungen. Ich versuche heute, den Spielraum ad hoc zu erweitern oder auch einzuengen, wenn ich merke, wie sich die Veranstaltung entwickelt. Bei Anfängern tendiere ich inzwischen mehr zu einer engeren Führung, weil ich – jedenfalls bei unseren Studierenden – das Gefühl habe, dass sie auf diesem Wege sicherer werden und in späteren Semestern auch eher geneigt sind, sich auf mehr Selbstorganisation einzulassen. Dazu kommt, dass meine/unsere bildungswissenschaftlichen Themen in unserem Studiengang am Anfang auf wenig Interesse stoßen (das liegt in der Kommunikationswissenschaft) – und offene Lehr-Lernformen ohne Interesse führen zu einem ungenießbarem Gebräu😉. Und noch eins: In unserem Studiengang sind generell die Spielräume enger geworden, was sich auch auf die Veranstaltungen und die dortige Stimmung auswirkt. Dies zu ignorieren, wäre sicher töricht. All diese Kontextfaktoren – so meine Ansicht – spielen eine sehr große Rolle, ob eine innovative Idee für die Lehre tatsächlich das erreicht, was man sich damit erhofft hat.

    Gabi

  17. cspannagel sagt:

    @deutschkunterbund Ja, Fehler werden diesbezüglich schon viel früher gemacht. Insofern ist es wichtig, die Studierenden im Studium von Ihren Redehemmungen „zu befreien“. Dafür braucht es die entsprechende Atmosphäre. LdL ist hier gut, weil der Dozent sich aus der Situation herausnimmt und die Studierenden „unter sich“ diskutieren.

    @Gabi Ich möchte keine Rezepte verbreiten, sondern lediglich zu mehr Offenheit, Innovation und Mut zu außergewöhnlichen Konzepten animieren. Wenn das inhaltliche Interesse gering ist, kann man trotzdem versuchen, selbstbestimmte Formen der Motivation zu fördern (nach Deci & Ryan). Wenn ich Situationen schaffe, in denen die Lernenden Wahlfreiheit haben, sich als kompetent erleben können und die soziale Eingebundenheit stimmt, dann kann man selbstbestimmte Formen der Motivation auch begünstigen, selbst wenn das inhaltliche Interesse gering ist. Gerade das oben beschriebene Konzept begünstigt meiner Ansicht nach diese drei Faktoren.

    Auch beim Zeitpunkt möchte ich dir widersprechen: Je früher, umso besser. Wenn Studierende erst mal einige Semester an der Hochschule studiert haben, schleifen sich bestimmte Erwartungshaltungen ein („Der Dozent soll uns gefälligst was erzählen“). Warum Anfänger durch eine enge Führung sicherer werden sollen, leuchtet mir nicht ein.

    Zu den Spielräumen: Sie werden enger in letzter Zeit, klar. Aber schreiben Sie dir auch vor, wie du deine Veranstaltung halten musst?

  18. Hallo Christian
    einen überzeugenden Start habt ihr da hingelegt. Da bin ich natürlich gespannt, wie eure Veranstaltungen in Zukunft verlaufen. Die Verantwortung fürs Lernen zu übernehmen bedeutet ja für Studierende ohne Frage einen grossen Mehraufwand. Viel Erfolg der ganzen Lerngruppe!

  19. @Christian: Mein Hinweis, dass es hier schwer ist, Rezepte zu verbreiten, war generell gemeint und keine Folgerung aus deinem Beitrag.

    Ich bleibe allerdings dabei: Auch was den Zeitpunkt betrifft, ist aus meiner Sicht eine allgemein gültige Empfehlung schwierig, wenn man den KONTEXT nicht hinzunimmt. Die genannte Stimmigkeit der verschiedenen Faktoren ist wichtig, sonst produziert man bei den Beteiligten viel Frust. Wenn man also nur die eigene Veranstaltung im Blick hat und macht, was man will (was man natürlich kann), läuft man im ungünstigen Fall Gefahr, genau NICHT studierendenorientiert zu arbeiten, weil man dann womöglich nur sich selbst, seinen persönlichen Freiraum als Lehrender und die eigenen Ziele im Blick hat. Der Studierende aber besucht ja nicht nur diese eine Veranstaltung, sondern muss die zahlreichen Angebote, Anforderungen und dann eben das Gesamtanliegen eines Studiengangs für sich zusammenbringen. Wir müssen also auch die Kontextfaktoren zumindest mit im Blick haben. Für diesen Punkt kann ich das Buch von John Biggs „Teaching for Quality Learning at University“ empfehlen!

    Aber zu Klarstellung: Ich plädiere NICHT dafür, nichts auszuprobieren (da würde ich mir ja selbst widersprechen). Ich stimme hier jetzt auch NICHT gegen offene Konzepte (die brauchen wir, aber eben wahrscheinlich in Kombination mit anderen Konzepten). Das kann ich alles unterschreiben. Ich möchte nur zu bedenken geben, dass der Erfolg einer didaktische Entscheidung eben nicht nur von der Kreativität des Lehrenden, sondern von vielen Faktoren abhängig ist, die wir WEGEN der Studierenden auch kennen und berücksichtigen sollten.

    Gabi

  20. cspannagel sagt:

    @Gabi Zum Kontext: Mir ist natürlich klar, dass die Studierenden auch andere Veranstaltungen besuchen. Insofern achte ich darauf, dass der Aufwand im Rahmen bleibt (auch, wenn die Studierenden sich selbst das Konzept erstellen wie in dieser Veranstaltung). Innerhalb dieses zeitlichen Rahmens verstehe ich aber nicht, weshalb ich den Freiraum nicht nutzen sollte.

  21. 😉 … jetzt willst du mich aber nicht verstehen, oder? Die Zeit ist ja nur eine Komponente. Aber egal … das muss man wohl mal face-to-face klären – ich geb jetzt auf.🙂 Interessieren würde mich aber dein Assessment in dieser Veranstaltung.

    Gabi

  22. cspannagel sagt:

    @Gabi Nein, das war wirklich ernst gemeint. Klar ist die Zeit nur eine Komponente. Es ist aber die einzig relevante, wenn es um die „Konkurrenz“ mit anderen Veranstaltungen geht. Wenn die Studierenden den „normalen“ Aufwand in meiner Veranstaltung haben, ist es doch irrelevant, was sie sonst noch so besuchen.

    Bitte nicht aufgeben: Ich verstehe vielleicht wirklich nicht, welche anderen Kontextfaktoren mich daran hindern könnten, ein solches Veranstaltungskonzept umzusetzen.

  23. Ok – also einen Versuch mach ich noch😉. Ein Gedankenexperiment:

    Nehmen wir mal die Perspektive eines Studierenden in einem Studiengang ein; dieser Studiengang schreibt ihm die ersten drei Semester einen relativ starren Studienplan vor – soll ja im Moment häufiger vorkommen. Die StO und PO sehen vor, dass in den ersten Semestern Grundlagen erworben werden und der Studierende stellt sich darauf ein – was das Zeitmanagement, aber auch die mentale Verfassung betrifft. Verschiedene Veranstaltungen sind weitgehend aufeinander abgestimmt, die Lehrenden erhalten aber natürlich Freiraum (!), was die konkrete Veranstaltung betrifft. Stellen wir uns nun einen Lehrenden vor, der diesen Freiraum maximal nutzt und sich von den anderen Angeboten wenig beeinflussen lässt. Wenn er seinen Job gut macht und Ahnung von Lehre hat, dann bietet er vielleicht ein aus didaktischer Sicht hervorragendes Seminar an, das – nehmen wir das mal an – dem Idelabild einer konstruktivistisch geprägten Lernauffassung entspricht. Dem Lehrenden macht das auch Spaß und in gewisser Weise hat er völlig Recht, seinen Freiraum voll zu nutzen.

    Im besten Fall ist das dann für den Studierenden ein Highlight – dann sind beide Seiten zufrieden. Es ist aber genauso wahrscheinlich, dass der Studierende nun am gleichen Tag in verschiedenen Veranstaltungen mit völlig verschiedenen Anforderungen konfrontiert wird, dass verschiedene Dinge honoriert und sanktioniert werden etc. Auch das ist nicht per se schlecht (immerhin bereitet das wahrscheinlich besonders gut auf alles Kommende vor), aber wer moderiert das? Die aufkeimenden Widersprüche und offenen Fragen sind in den meisten Studiengängen ja leider kein ausgeklügeltes Kontextdesign, damit man bestimmte Dinge besonders nachhaltig lernt, sondern Zufälligkeiten, mit denen Studierende dann selbst klar kommen müssen.

    Lassen wir das Semester nun in unseren Gedanken zu Ende gehen: Nun kommt die „Stunde der Wahrheit“ – z.B. ein abschließender Leistungsnachweis oder eine Modulprüfung. Wenn unserem Lehrenden jetzt die Puste ausgeht, macht er eine Klausur – und der Studierende sieht sich bestätigt, dass das alles nur ein großer Fake war mit der Selbstorganisation. Wenn es nicht ganz so schlimm ist, schreibt er eine Hausarbeit, aber er weiß nicht, nach welchen Kriterien sie bewertet wird, weil das Seminar eben auch ganz anders lief und viel spannender Dinge als Bewertungsfragen eine Rolle spielten. Wenn es dem Lehrenden ernst ist mit seiner Veränderungsintention und die Idee hat „Ach gebt euch selbst eine Note“, dann kann er nur hoffen, dass das die PO abdeckt (ich hab das mehrfach gemacht – mit der alten PO in unserem Studiengang stand ich dabei noch nicht mit einem Bein im Gerichtssaal, aber abenteuerlich wars trotzdem jedes Mal).

    Mit anderen Worten: Konsequent zu Ende gedacht, müsste man ganze Studiengänge umkrempeln, um das Lernen radikal zu verändern, wobei man meiner Meinung nach gut überlegen muss, wie viel Selbstorganisation zu welchem Zeitpunkt wirklich das hält, was man sich davon verspricht! Krempelt man zunächst einzelne Veranstaltungen um, ist das auch in Ordnung, aber – das war mein Ausgangsargument oben – man tut es besser „kontextualisiert“ – also mit Blick für das „Ganze“ aus der Perspektive des Studierenden. Eine an sich tolle Idee kann sich sonst nämlich unter ganz bestimmten Umständen auch als der falsche Weg (für den Studierenden) herausstellen.

    Aber daraus ist jetzt speziell für deine, Christian, Veranstaltung, keine direkte Folgerung abzuleiten. Was ich hier mühsam versuche darzulegen, ist ganz genereller Natur und ich habe deinen Blogeintrag nur zum Anlass genommen, darüber nachzudenken. Im Prinzip rede ich da auch ein wenig mit mir selbst, denn: Ich mache in dieser Hinsicht auch viele Experimente, von denen einige gelingen und andere eben auch nicht. Dann frage ich mich selbst, woran es liegt und wie sich das aus der Studierendenperspektive eben „anfühlt“, wenn zig Dozenten, mit denen man es zu tun hat, verschiedenste Erwartungen formulieren und Wege vorgeben, die nicht konform gehen, gleichzeitig aber in neue Studengänge eingebettet sind, die Vorhersagbarkeit und Klarheit suggerieren und auf der Prüfungsebene in der Regel alles andere als vielfältig sind.

    So .. also man soll ich nicht sagen, ich hätts nicht versucht zu erklären, was ich meine😉

    Gabi

  24. cspannagel sagt:

    Liebe Gabi,

    vielen Dank für deine Erläuterung. Ich verstehe jetzt besser, was du meinst – stimme dir aber trotzdem nicht zu.🙂

    Vorausgesetzt, eine Veranstaltung geht zeitlich nicht aus dem Rahmen, und vorausgesetzt, das Assessment passt zur Veranstaltung, dann ist meiner Ansicht nach alles in Butter. Und das ist auch nicht kurzsichtig: Selbst wenn es Widersprüche zwischen den einzelnen Veranstaltungen gibt (z.B. weil gleich danach eine Vorlesung kommt, in der man am Ende eine Klausur schreiben muss und das Lernen „anders“ ist), dann spiegelt das die Vielfalt in der Lehre und in didaktisch-methodischen Konzeptionen wieder, mit denen Studierende umgehen lernen müssen.

    Es halte es sogar für falsch, Studiengänge umzukrempeln, um das Lernen zu ändern. Wie sollte das geschehen? Doch nur über die Prüfungsordnung. Und je mehr wir dort festlegen und aufeinander abstimmen, umso mehr schränkt es ein (und das tut es so schon genug). Die Freiheit eines Dozenten, eine Lehrveranstaltung so zu machen wie er es für richtig hält, ist doch etwas Positives. Damit kauft man sich zwar Widersprüche zwischen den einzelnen Veranstaltungen ein. Ich finde das nicht schlimm.

    Darüber hinaus: Ich hoffe doch, dass niemand eine Veranstaltung konzipiert ohne den Blick auf das Ganze und den Kontext! Dozenten sollte doch in der Regel bewusst sein, welche Studierenden kommen und was sie sonst noch machen.

  25. Jan Vanvinkenroye sagt:

    Hallo Zusammen,

    ich befürworte diese Art des Seminareinstiegs sehr. Aus meiner Sicht als Teilnehmender habe ich wahrgenommen, das die Stimmung sehr lebendig und produktiv schien.

    Dies war bei anderen Seminaren mit teilweise denselben Studierenden nicht so. Die Interessen der Studierenden und die Rahmenbedingungen spielen schon sehr stark rein. Bei der Veranstaltung selbst habe ich wahrgenommen, das einige der anderen sehr an der Benotung interessiert waren. Sie waren besorgt, was man dann bei unserer Erkundung zu bewerten wäre, da sie ja Interesse an einer Möglichst guten Note haben.

    Da derjenige der die Noten aber vergibt dahinter steht, sollte das ja klappen.

    Mein Erststudium lief nach einer PO die sehr auf individualität ausgelegt war, so dass die Studierenden selbst aussuchen konnten, ob sie eine Klausur, ein Referat oder eine Hausarbeit wollen. Das fand ich sehr hilfreich.

  26. Guten Abend zusammen,

    von mir (vorerst) nur drei kleine comments:

    Zum „Bekanntheitsgrad“ (was mich anbelangt): Ich habe den Großteil der Kommilitonen (ca. 3/4) nicht gekannt bzw. kenne ihn noch immer nicht (einmaliges Sehen exkludiert).

    Zur Zeitintensivität: Zugegeben – auch ich habe mir bei einem ähnlichen Seminarmodell im vergangenen Semester zunächst Sorgen gemacht, ob „so etwas“ zeitlich realisierbar sein kann.

    Ergebnis (um es kurz zu machen): Ja, es ist. Begründung: Schwerpunktverlagerung, selbstst. Zeiteinteilung, teilw. Nutzung der regulären Veranstaltungszeiten, Nutzung der vorlesungsfreien Zeit zur Projektausarbeitung.

    Fazit: Unterm Strich nicht mehr bzw. ggf. nur unwesentlich mehr Zeiteinsatz als in anderen, konventionellen (Informatik) Seminaren, dafür jedoch deutlich mehr Nutzen u.Erfahrungszuwachs für den Einzelnen bei gleichzeitig geringerem Input, was jedoch meineserachtens durch die dauerhafte Speicherung der „erlebten“ Erkenntnisse (–>episodisches Gedächtnis) eindeutig kompensiert wird.

    Zuguterletzt: Ob diese neuen, „offenen“ Modelle in der Lage sind, herkömmliche Vorlesungen gänzlich zu verdrängen bzw. zu ersetzen kann ich nicht beurteilen. Ich denke jedoch, dass der Erfolg oder Misserfolg wie bereits gesagt wurde von mehreren Faktoren abhängt. Jedenfalls gab es in meinem Erst- und Zweitstudium durchaus Vorlesungen, auf welche ich im Nachhinein aufgrund des Dozenten nicht verzichten hätte wollen. Trotzdem hätte ich mir gleichzeitig auch Veranstaltungen wie die hier diskutierte gewünscht. Daher gilt (für mich) möglicherweise die alte Weisheit: „Die Mischung machts“…

  27. @Christian: Wie dein Assessment aussieht (einer der Knackpunte aus meiner Sicht) hast du immer noch nicht verraten! Und wenn genau das bei dir passt (verrätst du es noch?), dann gehst du ja bereits den Weg, den ich mit „Kontextberücksichtigung“ meine, jedenfalls ist dann ein wesentlicher Faktor schon mal mitgedacht. Und wenn du unter „Studiengänge umkrempeln“ weitere Formalisierungen und Zwänge meinst, dann verstehe ich, warum du mich nicht verstehst. Aber wie kommst du auf diese einzige Lesart? Zumal da das meine Argumentation ja ad absurdum führen würde … von daher ist mir jetzt unklar, wie du darauf kommst. Kannst du dir Änderungen nur mehr in die bereits eingeschlagene Richtung vorstellen? Ich meine, wir haben es mit den heute gängigen BA- und MA-Studiengängen noch lange nicht geschafft, einen vernünftigen Mittelweg zwischen sinnvoll aufeinander abgestimmten Inhalten und Wegen zur Orientierung einerseits und ausreichend Freiraum und Möglichkeiten zum eigenständigen Denken und Handeln andererseits zu kreieren. Ich bleibe dabei: Für wirklich nachhaltige Änderungen brauchen wir NEBEN kreativen und mutigen Lehrenden auch politische Entscheidungen für größere Kurskorrekturen in den Studienstrukturen, damit nicht nur ein einzelnes Seminar, sondern auch der Kontext „stimmt“ und Studierende nicht die aktuell bestehenden Inkonsistenzen allein bewältigen müssen. Bis das soweit ist, ist es aus meiner Sicht wichtig, neben der eigenen Seminaridee und den persönlichen Vorstellungen von guter Lehre den Kontext immer auch mitzudenken.

    Gabi

  28. ThS sagt:

    Das ist ja LdL-hardcore! Gibt es auch LdL für Novizen?😉 Dann werde ich mich mal auf Berichtssuche begeben.

    Gruß
    Thorsten

  29. Tanja sagt:

    Ich kann mich da nur Niko anschließen, ich vertrete auch die Meinung die Mischung machts…´wie ich ja auch schon am ende des seminars erklärt habe….

    Meiner MEinung nach ist der Zeitaufwand auch eher das geringste Problem, Zeit muss man so oder so in jedem Seminar aufbringen. Ich denke es ist nur ein unterschied wie man seine zeit verbringt.

    Es waren zwar ein paar neue Gesichter dabei, aber ich denke das ist kein hindernis

  30. Oliver Tacke sagt:

    Bei uns (BWL) ist es möglich, alternativ zum klassischen Fachseminar ein computergestütztes Planspiel mit Heimarbeit und Präsenzanteil zu belegen, um die theoretischen Inhalte der Vorlesung wenigstens ansatzweise praktisch umzusetzen. Nach dem letzten Durchlauf wurde festgestellt, dass man für das Planspiel viel mehr Zeit aufwenden musste als im Fachseminar, dass der gefühlte Nutzen aber ebenso höher ausfiel. Aufwand und Nutzen sollten schlicht in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen, und es sollte den Teilnehmern vorher transparent gemacht werden, was auf sie zukommt.

  31. cspannagel sagt:

    @Jan Die Idee, sich Studierende selbst aussuchen zu lassen, wie sie persönlich geprüft werden möchten, finde ich gut. So etwas muss natürlich immer auch in die PO passen.

    @Niko (mit k)🙂 Huch, siehste mal: Ich wusste gar nicht, dass ihr euch untereinander nicht so gut kennt. Ich dachte, ihr wärt euch in den ganzen anderen Informatikseminaren alle schon begegnet. Da hätte ich doch glatt ne Kennenlernrunde am Anfang veranstaltet…

    @Gabi Wie komme ich darauf, dass dies zu mehr Zwang führen würde? Du möchtest doch die Widersprüche zwischen den einzelnen Veranstaltungen beseitigen. Wenn du Lehrenden die Freiheit lässt, über Veranstaltungsmethodik und Assessment selbst zu entscheiden, wirst du die Widersprüche zwischen verschiedenen Veranstaltungen nicht auflösen können. D.h. du musst ihnen ein wenig ihrer Freiheit nehmen. Ich denke das Gegenteil: Gib uns Lehrenden so viel Entscheidungsfreiheit wie möglich, und lass uns mit den Widersprüchen konstruktiv umgehen anstatt sie zu vermeiden. Und zum Assessment in der Veranstaltung: Die Studierenden werden in der nächsten Zeit entscheiden, welche Leistungen sie erbringen sollen und wie in der Veranstaltung geprüft werden soll.

    @Ths Bei einem solchen Konzept muss man als Dozent sicher im Sattel sitzen. Insofern würde ich sagen, dass man als „Novize“ bei solch radikalen Konzepten erst mal vorsichtig sein muss.

    @Tanja Wenn der Zeitaufwand das geringste Problem ist: Welche Probleme sind denn größer?

    @Oliver Genau, Transparenz ist wichtig. In meinem Seminar kann ich den Teilnehmern zu Beginn allerdings nicht deutlich machen, was auf sie zukommt, weil es im wesentlichen von ihren Entscheidungen abhängt. Ich muss als Dozent aber immer wieder zwischendurch deutllich machen, wenn ich denke, dass der Aufwand zu groß oder zu gering wird.

  32. […] meinem Seminar Didaktik des Informatikunterrichts dürfen Studierende selbst entscheiden, wie sie das Seminar gestalten. Sie kamen von selbst auf die […]

  33. fdagner sagt:

    @cspannagel
    Heute gabs das erste Ergebnis. Alle Gruppen hatten was gemacht, nur eine hatte nichts dabei, weil sie tatsächlich bei Unternehmen angefragt hatten, und die das Material erst morgen per Post schicken. Schüler arbeiten tatsächlich nicht immer nur mit google und wikipedia😉
    Inhaltlich war es z.T. sehr brauchbar: http://twitpic.com/ne2wd Insofern bemerkenswert als dass ich inhaltlich nichts beigesteuert habe.

  34. cspannagel sagt:

    @fdagner Toll! Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Gleich habe ich mein Seminar wieder…

  35. Hauke sagt:

    klingt super, eine veranstaltung der gestaltung der teilnehmenden zu überlassen.
    schließlich sollte die motivation an so veranstaltungen teilzunehmen ja auch damit verbunden sein, etwas davon zu haben und das ergibt sich eben vor allem dann, wenn die eigenen fragestellungen oder ansatzpunkte zu themen im mittelpunkt stehen. dafür braucht es auch vertrauen in die lerngruppe und im schulkontext ist dies nochmal schwerer, weil das misstrauen und die machtverhältnisse traditionell und auch altersbedingt eine größere rolle spielen, aber das kann ja moderiert und abgebaut werden, wenn es ins stocken geraten sollte.
    manchmal hilft nur der bruch, um neues entstehen zu lassen. generalisieren ist immer problematisch, wenn es wenig erfahrungen gibt, aber ich hab in ähnlichen veranstaltungen an unis auch die erfahrung gemacht, dass ein transparentes aushandeln der grundlagen von veranstaltungen immer gewinnbringend für alle seiten ist

  36. cspannagel sagt:

    @Hauke Vielen Dank für deinen Kommentar. Im Rückblick kann ich sagen, dass es insgesamt gar nicht schlecht war, das so zu machen (auch wenn nicht alles optimal lief; aber wann ist das schon mal der Fall). Man kann es sicher nicht immer machen – oft sind die Inhalte einer Veranstaltung im Vorhinein schon zu „festgeklopft“. Freiräume gibt es aber immer, und diese gilt es zu entdecken und zu nutzen.

    In der Schule ist es sicher schwieriger, aber man sollte es nicht unversucht lassen (und damit meine ich: Immer mal wieder probieren, in unterschiedlichen Klassen in unterschiedlichen Kontexten). Ich werds mal in meinen Hauptschulklassen versuchen.

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