Forschendes Lernen

Veröffentlicht: Mittwoch, Oktober 28, 2009 in Uncategorized

Vor ca. 3 Monaten wurde ich von Ricarda T. Reimer gefragt, ob ich am 30.10. nicht an einem wissenschaftlichen Tagesgespräch über forschendes Lernen an der UZH in Zürich teilnehmen möchte.  Ich habe natürlich gerne zugesagt, allerdings unter dem Hinweis, dass forschendes Lernen eigentlich gar nicht mein Thema ist. Sie meinte, das mache nichts.

Mittlerweile ist es mein Thema.

Wie kam es dazu? Mir ist neulich (eine Woche vor dem Tagesgespräch) klar geworden, was der Begriff für mich bedeutet. Für mich bedeutet er nicht so sehr, Studierende in die Methodik empirischer Forschung und wissenschaftlich exakten Arbeitens einzuweisen. Hierbei fließt oft sehr viel Energie in die Methodik, und die Inhalte bleiben auf der Strecke. Es handelt sich dabei sowieso mehr um „Forschung lernen“ und nicht um „forschendes Lernen“. Der Unterschied ist subtil.

Man muss den Begriff auf sich wirken lassen. Forschen.

Bei dem Bild eines Forschers habe ich eine Person vor Augen, die sich durch Dickicht kämpft, um eine seltene Pflanze zu finden. Oder eine Person, die sich in einem Busch versteckt, um ein Tier zu beobachten. Oder jemand, der mit viel Geduld solange mit einem Löffel gräbt, bis er was findet. Ein Forscher ist jemand, der neugierig und wissbegierig ist. Das sind Eigenschaften, die man bei so manchem vermisst, der sich heutzutage „Forscher“ nennt.

In diesem Sinne haben wir in der Bildungsexpedition forschend gelernt. Wir sind „rausgefahren“  und haben Fragen gestellt, neugierig hingesehen und fleißig dokumentiert. Und genau diese Form des forschenden Lernens versuche ich mittlerweile, in meinen Lehrveranstaltungen umzusetzen: Die Studierenden forschen außerhalb der Hochschule (im „Bildungsdschungel“) und versuchen, relevantes Wissen für ihre Fragestellungen zu finden. Zwei Beispiele:

  • In meinem Seminar Didaktik des Informatikunterrichts dürfen Studierende selbst entscheiden, wie sie das Seminar gestalten. Sie kamen von selbst auf die Idee, an Schulen zu gehen und Lehrer, Schüler und andere Personen über Informatikunterricht zu befragen. Sie gehen raus und filmen, interviewen und protokollieren.
  • In der Kombiveranstaltung AnOrMaL (gemeinsam mit Ulli Kortenkamp an der PH Karlsruhe) suchen Studierende Personen, die sich beruflich in irgendeiner Weise mit Mathematik auseinandersetzen müssen, interviewen sie und versuchen, sich in das entsprechende mathematische Teilgebiet einzuarbeiten. Als ersten Schritt sind die Studierenden durch die Gegend gezogen und haben „Mathe im Alltag“-Fotos geschossen – wenn das mal keine forschende Vorgehensweise ist!

Für mich hat der Begriff „forschendes Lernen“ in den letzten Wochen diese besondere Bedeutung bekommen. Ich werde diese Sichtweise in das wissenschaftliche Tagesgespräch einbringen und freue mich auf eine anregende Diskussion.

Zum runden Abschluss dieses Beitrags eine Diskussion im Rahmen der Bildungsexpedition mit Michael Kerres und seiner Gruppe über die Frage: Ist das eigentlich Forschung? (zu 12:38 springen)

„Ist das Forschung?“  ist übrigens eine andere Frage als „Ist das forschendes Lernen?“.

Kommentare
  1. Die damalige Antwort „das mache nichts“ konnte ich beruhigt geben, denn irgendwie war ich mir sicher und ahnte es bereits, dass „Forschendes Lernen“ ein Thema werden würden. In diesem Sinne freue ich mich auf den Austausch in Zürich!

  2. cspannagel sagt:

    @Ricarda Da hast du aber einen verdammt guten Riecher gehabt!😉

  3. Interessant hierzu ist auch der Artikel von Reiner Ubbelohde „Freinetpädagik – erfolgreiche Praxis ohne Theorie? Möglichkeiten freinetpädagogischer Arbeit in der Hochschule.“ Mit diesem im Hinterkopf habe ich mal ein Seminar gehalten, bei dem die (Lehramts-)Studierenden (individuell) einer Frage nachgehen sollten, die ihrer Meinung nach für ihr zukünftiges Lehrerhandeln relevant ist. Diese Frage wurde zunächst in die Gruppe eingebracht, diskutiert und z.T. modifiziert.
    Nach ca. zwei einführenden Sitzungen hatten die Seminarteilnehmer/innen mehrere Wochen Zeit, ihrer Frage nachzugehen. Der Veranstaltungstermin war frei – d.h. wer sich austauschen wollte, Hilfe benötigte oder Fragen hatte, konnte kommen und mit mir bzw den anderen Teilnehmer/innen ins Gespräch kommen. Nach dieser Forschungsphase wurden die Ergebnisse der Gruppe präsentiert – die Präsentationsform war dabei vollkommen frei.

    Von Beginn an (d.h. bereits im Rahmen der Fragengenerierung) wurde ein Portfolio geführt, in dem sowohl der Forschungsprozess als auch die Ergebnisse gesammelt und dolumentiert wurden. Dieses war teilweise dann auch Teil der Präsentation (insbesondere, wenn es sich um ein ePortfolio gehandelt hatte).

    War ein tolles Seminar. :o)

  4. Oliver Tacke sagt:

    Meine Ideen gehen in eine ähnliche Richtung. Unsere Bachelorstudenten (Wirtschaftsbereich) müssen diverse Leistungspunkte im Bereich „Schlüsselqualifikationen/überfachliche Qualifikationen“ absolvieren, die sie später gebrauchen können. Statt z. B. die Theorie des Projektmanagements zu vermitteln, lasse ich sie einfach ein eigenes Projekt durchführen. So können Sie Erfahrungen am eigenen Leib sammeln, diese reflektieren (im Nachgang wichtig) und „begreifen“ gleich, was mal auf sie zukommen kann.

    Der Link zum Seminar „Praktisch lernen und Gutes tun“: http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:O.tacke/Praktisch_lernen_und_Gutes_tun_WS0910

  5. @dietauschlade Die Idee mit dem Portfolio ist gut. Ich behalte sie mal im Hinterkopf, wenn die Studierenden sich über Assessment unterhalten, und zwar als möglichen Vorschlag.

    @Oliver Genau: Warum über Projektmanagement eine Vorlesung halten, wenn die Studierenden selbst Projekte durchführen können. Die Theorie kann ja dann eingespeist werden, wenns passt….

  6. Oliver Tacke sagt:

    @Christian
    An die Theorie ist auch gedacht: Wenn in zwei Wochen die Grobplanung steht, muss ab dann begleitend zum Projekt eine „klassische“ Arbeit verfasst werden. Da gibt es dann Theorien zum speziellen Thema/der speziellen Rolle in der Gruppe zu berücksichtigen, Literatur zu wälzen, usw. Das findet dann aber nicht abstrakt im leeren Raum statt, sondern hat unmittelbaren Bezug zur Praxis.
    So habe ich mir das zumindest gedacht; mal sehen, ob das auch so klappt.

  7. portafoglia sagt:

    Nochmal (etwas ausführlicher) zum „Lernen, wie man forscht“ und „forschenden Lernen“. Ich stimme Dir zu, dass das Lernen, wie man forscht (welches wohl gar nicht die ‚Basics‘ wie Literaturrecherche oder Zitationen meint), oftmals einschränkt. Ich fand es bei meinem Seminar (s.o.) beispielsweise wichtig, dass die Teilnehmer/innen nicht nur irgendwelche Bücher und Artikel zu ihrer Forscherfrage welzen, sonder auch vielfältige andere Eindrücke (Filme, gehörte Gespräche [stichpunktartig festgehalten], Bilder, etc.) in ihrem Portfolio sammeln und diese zur Beanwortung ihrer Forscherfrage heranziehen.

  8. cspannagel sagt:

    @Oliver Ja, genau das ist die Idee dabei: Die Theorie ist ein Werkzeug, das im jeweiligen Projekt hilft, voranzukommen.

    @portafoglia Ja, genau. Bücher und wiss. Artikel sind wichtig, aber heutzutage gibt es noch soooo viele zusätzliche Angebote, die ebenso wichtige und relevante Informationen für die Forschungsarbeit liefern können…

  9. Oliver Tacke sagt:

    Kurze Ergänzung zum Thema: Habe gerade eines der Interviews auf der DVD „Treibhäuser der Zukunft“ gesehen. Bernhard Bueb spricht von „Lernen durch Erfahrung“ und „Lernen durch Belehrung“ – und stellt in den Raum, dass ersteres wohl vorzuziehen ist. Passt hier ja eigentlich auch rein.

  10. cspannagel sagt:

    @Oliver Ja – aber das ist zugegebenermaßen eine aus didaktischer Sicht fast selbstverständliche Aussage, die Herr Bueb da tätigt.

  11. Oliver Tacke sagt:

    @Christian
    Hmm, dann ist es aber seltsam, dass das in der deutschen Bildungslandschaft als etwas Besonderes gilt und extra darauf hingewiesen werden muss, oder?
    Ich als Laiendidaktiker lerne jedenfalls gerade laufend neue spannende Dinge.

  12. Nach Müller-Böling ist es mit dem Forschen bald vorbei – ein forschendes Lernen sollte sich dann auch erübrigen:

    http://gabi-reinmann.de/?p=1511

    Gabi

  13. Oliver Tacke sagt:

    Hi, Christian!

    Lese gerade „Die Idee der deutschen Universität und die Reform der deutschen Universität“ von Ernst Anrich (1960). Dort zu lesen: „Dies Studium ist bestimmt durch die Einheit der Universität: durch die Einheit von Lehre und Forschung und dadurch, daß ihr die Einheit von Lernen durch Forschen oder doch Mitforschen entspricht. Das Mitforschenlernen als der Kern des Studiums, das der Einweihung in die Wissenschaftlichkeit dient, ist aber nur erlernbar aus der Einheit von Lehrenden und Studierenden.“ Vielleicht war dir das schon klar, für mich ist es neu: Forschendes Lernen scheint mir demnach das zu sein, was von Humboldt bereits im Sinn hatte – und auf den berufen sich ja immer „alle“.

  14. Hi Oliver,

    ja, du hast vollkommen recht: Humboldt meinte mit „Lehre und Forschung“ nicht, dass man die neuesten Forschungsergebnisse in Vorlesungen präsentiert, sondern dass man Fragen gemeinsam mit Studierenden in Seminaren diskutiert und dabei gemeinsam mit Studierenden neue Ideen entwickelt, … Das Ganze wird auch hier sehr schön erklärt: http://tinyurl.com/6s8sov

    Viele Grüße,

    Christian

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