Zur Bildung bedarf es der Liebe

Veröffentlicht: Donnerstag, Dezember 31, 2009 in Uncategorized

Ich lese gerade das Buch „Erziehung zur Mündigkeit“, das eine Zusammenstellung verschiedener Texte von Adorno ist. Zurzeit interessiert mich besonders die Frage, wie man Lernsituationen gestalten kann, in denen die Lernenden zur Selbstständigkeit finden – und dies betrifft nicht nur den Schulunterricht, sondern durchaus auch das Studium. Daher habe ich nach diesem Buch gegriffen. Seit langem mal wieder ein philosophisches (und dies trifft, nebenbei bemerkt, zufällig zeitgleich auf eine Diskussion in Jean-Pols Blog über Philosophie, was einen mal wieder darüber nachdenken lässt, ob das wirklich zufällig ist).

Jedenfalls bin ich in diesem Buch unerwarteter Weise auf den Text Philosophie und Lehrer gestoßen. Dort beschwert sich Adorno darüber,  dass die Lehramtsstudenten den Philosophieprüfungen bzw. der Philosophie an  sich nicht mit der richtigen Einstellung begegnen. Sie bereiten sich streng nach Prüfungsordnung vor, sie lernen nur und bilden sich nicht. Ein insgesamt durchaus amüsanter Text (selbst wenn man an der ein oder anderen Stelle gerne die Studierenden in Schutz nehmen möchte). Eine Stelle möchte ich gerne wörtlich wiedergeben, eine Stelle über Bildung:

Denn Bildung ist eben das, wofür es keine richtigen Bräuche gibt; sie ist zu erwerben nur durch spontane Anstrengung und Interesse, nicht garantiert allein durch Kurse, und  wären es auch solche vom Typus des Studium generale. Ja, in Wahrheit fällt sie nicht einmal Anstrengungen zu, sondern der Aufgeschlossenheit, der Fähigkeit, überhaupt etwas Geistiges an sich herankommen zu lassen und es produktiv ins eigene Bewusstsein aufzunehmen, anstatt, wie ein unerträgliches Cliché lautet, damit, bloß lernend, sich auseinanderzusetzen. Fürchtete ich nicht das Mißverständnis der Sentimentalität, so würde ich sagen, zur Bildung bedürfe es der Liebe; der Defekt ist wohl einer der  Liebesfähigkeit.“

Wie entfacht man aber in anderen die Liebe zur eigenen Bildung, das Interesse an der eigenen (geistigen) Weiterentwicklung? Kann man das überhaupt im vorhandenen Bildungssystem? Haben wir überhaupt ein Bildungssystem, oder haben wir ein Lernsystem? Wäre eine solche Liebe zur eigenen Bildung nicht ein wichtiger Abschnitt auf dem Weg zum Glück – im Gegensatz zur Einrichtung des entsprechenden Schulfachs, das in diesem Lichte eher als Farce erscheint? Und welche Art von Bildung ist im Studium der Fächer Mathematik und Informatik zu erwerben? Kümmern wir uns dort um Bildung oder um Kompetenzen? Und welche Rolle spielt die Aufsplitterung in Teilkompetenzen und Teilkompetenzen von Teilkompetenzen, wenn es um ganzheitliche Bildung gehen soll? Möchten wir ein Bildungssystem haben, oder sollen wir es lieber in Kompetenzsystem umbenennen?

Mit diesen Fragen gehe ich ins Neue Jahr. Prost!

Literatur: Adorno, T. W. (1962). Philosophie und Lehrer. In Erziehung zur Mündigkeit (S. 29-49). Frankfurt: suhrkamp.

Kommentare
  1. Michael Wald sagt:

    philo-sophie ist ja ein zusammengesetzter bergriff, liebe (zur) weisheit

  2. Welche Ziele sollte denn die Gemeinschaft anstreben? Ist eine gebildete Gesellschaft die Antwort auf alle Fragen? Reicht es einem Zusammenschluss von Gleichgesinnten, dass sie gelernt haben oder ist Bildung ein Muss für den Fortbestand? Wie Funktioniert das System am effektivsten? – ohne jetzt die Definition für Effektiv zu liefern. Wann ist das Gemeinwohl erreicht? Würde ein Land voller Häuptlinge überhaupt fruchten? Um zurück auf deine Ausgangsfrage zu kommen: ist Bildung die Liebe zum Detail? Ein System von Kompetentzbildungszentren entspricht dem Selektionsgedanken unser noch „benannten“ Bildungsstrukturen… dabei sollten Kompetenzen individuell gefördert werden? Ein illustrer Kreis bunter Bilder. In allen Fällen ein interessanter Beitrag, der zu einer Flasche Rotwein in der Sylvesternacht passt.

    Wünsche dir und deinen Lieben einen guten Rutsch ins neue Jahr 20xx

    Lg Melli

  3. cspannagel sagt:

    @Michael Gute Bemerkung! Müssen die Schulen und Hochschulen in unserem Land philosophischer werden?

    @Melanie Zu einer Flasche Rotwein passen diese Fragen allesamt wunderbar.🙂 Zu einer Frage von dir „Ist Bildung die Liebe zum Detail?“ – evtl. habe ich mich missverständlich ausgedrückt. In erster Linie geht es mir darum, das Verlangen zu wecken, die Dinge, mit denen man sich beschäftigt, zur eigenen Weiterentwicklung zu nutzen, d.h. seine Persönlichkeit daran zu bilden. Mit inhaltlichen Details hat das zunächst meiner Ansicht nach einmal nichts zu tun. „Fachidioten“ kennen jede Menge Details, sind aber oft gerade nicht gebildet.🙂

  4. Michael Wald sagt:

    @christian
    ich denke zumindest dass wir in zukunft vermehrt mit fragen konfrontiert werden, die zur beantwortung einen philosophischen horizont bedürfen.

    zb.
    http://www.gm.fh-koeln.de/~baerwolf/labor_html/downloads/Philosophie_Weltbild.pdf

  5. Ideal wäre es wohl, wenn alle Lehrer in allen Fächern ihren Stoff auch unter philosophischen Aspekten vermittelten. Die Schüler sind die Entscheider von morgen und wenn man sieht, wie unreflektiert in Politik und Wirtschaft am „großen Ganzen“ vorbei entschieden wird, kann man sich gar nicht genug Philosophie in der Schule wünschen.
    Dazu bräuchte man nicht wie in Frankreich ein Hauptfach „Philosophie“ nur in der Oberstufe, sondern einen ständig begleitenden Diskurs über die vernetzten Zusammenhänge allen Wissens in der lebensweltlichen Performance.
    Trüge bei den Schülern wohl auch zur „Sinnstiftung“ und Lernmotivation, also Adornos „Liebesfähigkeit“, bei.

  6. Hallo Christian, wenn ich Dich richtig verstehe, geht es Dir, insbesondere bei der Abwägung der Begriffe „Kompetenz“ und „Bildung“, um Fragen, die so alt sind, wie das deutsche Schulsystem. Bereits im Ausgang des 18. Jahrhunderts/Anfang des 19. Jahrhunderts wurde zwischen den Aufklärungspädagogen und den Neuhumanisten der Streit ausgetragen, ob die Schule den Menschen auf die existierende Gesellschaft vorbereiten solle (was heute unter dem Bildungsziel „employability“ abgehandelt wird), oder ob die Schule den „ganzen“ Menschen bilden solle, damit der so gebildete Mensch die existierende Gesellschaft weiterentwickele.
    Ein Autor, der sich der Frage, ob unser Bildungssystem der Stabilisierung der existierenden Gesellschaft dienen soll, also die gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen festigen soll, oder ob unser Bildungssystem der menschlichen Emanzipation verpflichtet sei, ist der ehemalige Frankfurter Pädagogik-Professor Heinz J. Heydorn. Sein Buch „Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft“ von 1970 ist immer noch eines der bedeutendsten Werke zu diesem Thema. Es ist leider nur noch antiquarisch zu bekommen (oder in Bibliotheken zu finden).
    Eine kurze Einführung in die Diskussion liefern die Texte, die ich regelmäßig als Grundlage einer Unterrichtsreihe in der Jahrgangsstufe 13 eingesetzt habe: http://tinyurl.com/yhq9t62

  7. apanat sagt:

    Ich hate zu dem Thema immer noch von Hentigs Überlegungen für unverzichtbar ( http://de.wikipedia.org/wiki/Bildung._Ein_Essay).

  8. cspannagel sagt:

    @Werner Da stimme ich dir zu – wir dürfen im Fachunterricht das Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Als Lehrer muss man immer die ganzheitliche Bildung im Blick haben und deutlich machen, welche Rolle die Dinge, die zurzeit behandelt werden, für die persönliche Weiterentwicklung haben.

    @Peter Deine Einordnung ist extrem wichtig für mich. Ich werde mich mit deinen Texten und dem Text von Hentig (Danke @apanat) beschäftigen und hier darüber bloggen. Ich würde mich freuen, wenn wir gemeinsam darüber im Gespräch bleiben.

  9. […] einstellen oder gebildete? Im Sinne der Beschäftigungsfähigkeit (auch employability, wie Jan und Peter bemerkten) sind wohl eher Kompetenzen gefordert. Und ob die Wirtschaft gebildete Konsumenten […]

  10. khpape sagt:

    Hallo Christian,
    Dein Beitrag hat mich sehr angesprochen. Ich bin zwar nicht im „allgemeinbildenden“ Bereich unterwegs, sondern ein ganzes Berufsleben lang in der sog. Weiterbildung, die ja immer eher thematisch eingegrenzt und meist stark zielgerichtet ist. Aber auch da habe ich den Eindruck, dass wir von einer falschen Idee ausgehen – der Idee, wir könnten etwas „lehren“.
    Ja, es ist richtig, „Lehrende“ können es schaffen, dass ihre „Schüler“ etwas wiedergeben, was von den Lehrenden gewünscht wird. So hat das unsere ganze Gesellschaft in Schule und Studium jahrhundertelang eingeübt. Wir glauben, so entstünde das hohe Ideal Bildung – und wir haben dieses Modell institutionalisiert, in der Schule, wie im Studium, wie auch in der Weiterbildung.

    In der betrieblichen Weiterbildung geht es ausschließlich um Kompetenzen, niemand würde da von Bildung reden. Kompetenz ist für mich die Fähigkeit in vorhersehbaren, wie auch in unvorhersehbaren Situationen effektiv handeln zu können. Natürlich immer bezogen auf das eigene Handlungsumfeld, im Beruf eben bezogen auf den eigenen Aufgabenbereich. Nehmen wir ein Beispiel aus dem sog. betrieblichen „Produkttraining“. Das sind i.d.R. mehrtägige Seminare mit dem Ziel der Beherrschung z.B. bestimmter Parametrierungen zur Lösung von Steuerungsaufgaben. Diese standardisierten Trainings gehen immer von genau vorstellbaren Zielgruppen aus, die alle ein einheitliches Ergebnis erreichen sollen, in seltenen Fällen auch mit einer Prüfung am Ende

    Der Aufbau solcher Trainings folgt genau dem, was Trainer in ihrer eigenen Schulzeit und im Studium auch erlebt haben. Es gibt einen konkret geplanten didaktischen Ablauf, von dem man meint, das sei das Optimum für die Teilnehmer.

    Tatsächlich sind die Voraussetzungen, die die Teilnehmer mitbringen, genauso unterschiedlich, wie die persönlichen Erwartungen, die sie an dieses Training stellen. Alle Teilnehmer solcher Trainings erwarten sich einen Zuwachs an Kompetenz zur Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben. Einerseits sind die Aufgaben von Teilnehmern in Teilnehmergruppen – und damit die persönlichen Interessen – schon sehr unterschiedlich, und andererseits gibt es naturgemäß auch große Erfahrungsunterschiede in so einer Gruppe.

    Trotzdem gehen wir mit solchen Gruppen meist um, wie mit Schülern, denen wir vorgeben, was sie jetzt zu lernen haben. Vielleicht macht das Beispiel deutlich, wie wir von oben steuernd in unserem Bildungssystem handeln. Aus meiner Sicht hat das mit einer falschen Fokussierung auf das Lernen zu tun. Was wäre eigentlich anders, wenn wir mal davon ausgehen würden, dass Lernen ein innerhalb von Individuen ganz automatisch und unbemerkt ablaufender Prozess ist, der von außen gar nicht zu beeinflussen ist. Ein Prozess der sehr zuverlässig immer dann abläuft, wenn ein Mensch in irgendeiner Weise handelt.
    Wir könnten dann Rahmenbedingungen setzen, die dieses Handeln ermöglichen, erleichtern, oder auch herausfordern. Auch könnten wir Anregungen geben, wenn die vom Einzelnen für seine persönliche Kompetenzentwicklung gewünscht sind. Und sehr wahrscheinlich könnten wir auch sehr viel lernen, über ganz andere Lösungen für Probleme, die wir vielleicht noch gar nicht gesehen haben.

  11. cspannagel sagt:

    @khpape Vielen herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich erinnere mich, dass es gerade zu deinen Zielen gehört, die Weiterbildung diesbezüglich zu verbessern.

    Im Endeffekt zielt dein Kommentar darauf ab, dass man die Lernenden (dämlicher Begriff; sagen wir: die Menschen, die sich weiterentwickeln wollen) ernst zu nehmen hat mit ihren ganz persönlichen Zielen und Vorstellungen. Die Kompetenzentwicklung, wie sie momentan gestaltet wird, richtet sich doch eher darauf, dass Menschen in bestimmten Situationen „richtig funktionieren“. Das erzeugt in mir Unbehagen. Zwischen „kompetenten Menschen“ und „gebildeten Menschen“ scheint in irgendeiner Form ein Unterschied in der Selbstbestimmung zu liegen…

  12. […] einen willkürlichen weitern Involvierten? So kann ich feststellen, dass jegliche Diskussionen um geliebte Themen immer in einem Geben und Nehmen bestehen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist dabei die […]

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