Bildung und Kompetenz – Mögen die Spiele beginnen!

Veröffentlicht: Freitag, Januar 1, 2010 in Bildung
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In den letzten Jahren hat der Begriff „Kompetenz“ im Bildungsbereich einen enormen Aufschwung erfahren. Es werden Kompetenzmodelle erstellt, Kompetenzfragebogen kreiert und Kompetenzbereiche festgelegt. In der Curriculumsentwicklung geht es im Kontext der Output-Orientierung vorrangig um die Formulierung von Kompetenzen, welche die Lernenden am Ende einer Phase erworben haben sollten. Konzipiert man eine Lehrveranstaltung neu, dann überlegt man sich, welche Kompetenzen die Studierenden darin erwerben sollen.

In mir wächst in letzter Zeit ein Unbehagen über den inflationären Gebrauch des Konzepts „Kompetenz“. Alle reden über Kompetenzen und kaum einer über Bildung. Dies scheint allerdings etwas zu sein, an dem das Bildungssystem schon lange krankt – wie  ich erst gestern bei Adorno gelesen habe. Seit ich darüber gebloggt und getwittert habe, habe ich zahlreiche Impulse in Tweets und Kommentaren bekommen. Ich möchte an dieser Stelle einmal ein paar Aspekte und unzusammenhängende Gedanken zum Thema „Bildung und Kompetenz“ anreißen und würde mich freuen, wenn wir dazu eine Diskussion beginnen könnten.

  • Die Klärung des Verhältnisses zwischen Bildung und Kompetenz(en) wird inbesondere dadurch kompliziert, dass sowohl „Bildung“ als  auch „Kompetenz“ zwei sehr schwierige Begriffe sind. Was versteht man eigentlich beispielsweise unter „Bildung“? Hier kommen gleich die unterschiedlichsten Assoziationen auf wie etwa im Tweet von Walter:  „Allgemeinbildung a la Schwanitz? Höhere Bildung a la unsere „Eliten“? Herzensbildung (ein veralteter Begriff?)?“ Die in der Pädagogik seit langem geführte Diskussion um den Begriff „Bildung“ und die Definitionen des Begriffs „Kompetenz“ müssen im Kontext einer solchen Diskussion natürlich aufgearbeitet werden. Ich selbst gebe zu, nur einen intuitiven Begriff von „Bildung“ zu haben und sehe für mich persönlich hier definitorischen Nachholbedarf – der Klarheit wegen.
  • Interessant wäre einmal eine Untersuchung, wodurch der Kompetenzbegriff einen solch starken Aufwind erfahren hat. Ist PISA daran schuld? Zumindest habe ich den Eindruck, dass durch die PISA-Studien Normen gesetzt wurden, an denen sich alle Kompetenzformulierer orientieren.
  • Zudem scheint mir mit der Verwendung des Kompetenzbegriffs das Verlangen nach Messung von Lernerfolg eng verbandelt zu sein. Schließlich will man Kompetenzen auch messen, beispielsweise in landesweiten Vergleichstests und in Abschlussprüfungen. Kompetenzmessung ist aber ein komplexes Feld, insbesondere weil man Kompetenz nur indirekt über die Performanz messen kann. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden – wenn man es sauber macht. Aber auch hier wird so mancher Wissenstest als Kompetenztest verkauft. Und: Wie misst man eigentlich Bildung?
  • Fordert die Wirtschaft Kompetenzen? Wollen Personalchefs kompetente Mitarbeiter einstellen oder gebildete? Im Sinne der Beschäftigungsfähigkeit (auch employability, wie Jan und Peter bemerkten) sind wohl eher Kompetenzen gefordert. Und ob die Wirtschaft gebildete Konsumenten möchte, ist sowieso fraglich, insbesondere wenn sie massenweise auftreten würden.
  • Sind Kompetenzmodelle etwas, das sich inbesondere die Fachdidaktiken zu eigen machen? Dies ist zumindest mein subjektiver Eindruck.
  • Die Auflistung von Kompetenzen und Teilkompetenzen in der Curriculumsentwicklung erinnert nicht selten an die stark kritisierte Teilzielformulierung im Rahmen des Mastery Learning. Bei mancher „Kompetenz“, die im Rahmen umfangreicher Analyseprozesse herauskommt, kann man sich zudem fragen, ob es tatsächlich noch eine Kompetenz ist. Kurzum: Der Kompetenzbegriff wird sträflich auf alles, was Lernziel ist und sein kann, übergestülpt, weil es en vogue ist, das Ganze „Kompetenz“ zu nennen.

Ich möchte mich im Laufe des Jahres intensiver mit dem Bildungsbegriff und seinem Verhältnis zum Begriff der Kompetenz auseinandersetzen. Ich habe zahlreiche Anregungen auf relevante Literatur bekommen, z.B. von Peter und von apanat. Ich möchte dabei aber nicht theoretisch bleiben, sondern in meinem Unterricht und in meinen Lehrveranstaltungen ein Gespür dafür entwickeln, was es bedeutet, wenn die Lernenden die Möglichkeit bekommen sich zu bilden und nicht nur kompetent zu werden.

Ich halte den Kompetenzbegriff für eine Errungenschaft, die ernstgenommen werden muss und auf die wir nicht verzichten sollten.  Es hilft, sich über zu erwerbende Kompetenzen im Klaren zu sein, wenn man Lehrveranstaltungen durchführt und Unterricht hält. Und natürlich sollten auch die Lernenden wissen, was sie am Ende „können sollen“. Ich plädiere allerdings dafür, dass der Kompetenzerwerb eingebettet ist in ein Bildungskonzept, dass wir also nicht bei der Zergliederung in Kompetenzen stehen bleiben, sondern deren Integration in die gesamte Persönlichkeit im Sinne einer ganzheitlichen Bildung fordern.

Wie denkt ihr darüber?

Kommentare
  1. Zum ersten mal in meinem leben bin ich 1971 auf den Begriff Kompetenz bei http://de.wikipedia.org/wiki/Noam_Chomsky gestoßen, im unterschied zu performanz. Dann wurde der begriff immer stärker verwendet, in diverse kontexten, bereits damals inflationär. Meine Dissertation (1985) hieß entsprechend: „Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler“.

  2. cspannagel sagt:

    @Jean-Pol Ja, dabei hat der Begriff „Kompetenz“ wohl eine sehr linguistisch geprägte Bedeutung. Kann es sein, dass er aus dem Sprachbereich herausdiffundiert ist?

  3. Ich denke schon. Chomsky unterschied zwischen kompetenz im Sinne einer Vorhandenen Sprachfähigkeit und Performanz, der Anwendung dieser Kompetenz in einem konkreten Sprechakt. Bald wurde der Begriff Kompetenz von den Sozialwissenschaften aufgegriffen und verbreitet. Hier aus Wikipedia:
    „Unter Bezug auf die Arbeiten Chomskys wurde seit den 1960er und 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts die Kompetenzbildung auch zu einem Thema der Sozialwissenschaft und somit trat die Erziehung „zur Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit im Rahmen von Gruppenprozessen und Selbsterfahrungen“ (aus “Kommunikative Kompetenz und Interkulturelles Lernen“, Seminararbeit von Harald Kraus) in den Mittelpunkt des Unterrichts und damit eine starke Betonung des subjektiven Faktors und wurde in der deutschen Diskussion vor allem vom Interaktionstheoretiker Habermas und dem Systemtheoretiker Luhmann verbreitet [3].“
    – Wie du siehst, der Begriff und dessen inflationärer Gebrauch haben eine lange Geschichte!

  4. mccab99 sagt:

    Wenn du mein Blog zum Begriff „Kompetenz“ durchsuchst, wirst du viel Relativierung und Gezeter finden – „Reinkompetenzler“ hatten in den letzten Jahren eine große Lobby in der Politik. Das ging m.E. deswegen, weil deren Ansatz vorgeblich etwas Neues war – für mich ist daran nie etwas Neues gewesen, man hat lediglich den Spot auf einen anderen Aspekt von Bildung gerichtet. Der Lichtkegel wandert nunmehr auf den Aspekt „selbstbestimmtes Lernen“ weiter – zumindest was man aus Berichten über die Schulinspektion hier in NDS hört.
    Inhalte, Kompetenzen, autonomes Lernen usw. sind für mich Aspekte von Bildung, alle wichtig, alle vielfältig miteinander verknüpft.
    Ich kann mich z.B. nicht frei(!) für oder gegen Facebook (mein Lieblingsthema) entscheiden, ohne etwas über die technischen Hintergründe zu wissen. Allein aus dem Wissen (Inhalt) erwächst in diesem Fall für mich die Kompetenz der Bewertung. Und in dem Bereich „Technik“ vermisse ich im Web2.0 sehr oft grundlegendes Wissen.

    Und alles bewegt sich im Bereich und im Rahmen der Institution „Schule und Uni“. Verzwackt.

  5. Also mal ganz aus dem Bauch heraus:
    Wenn du jemanden in einer Sache / Gebiet für kompetent hältst, muss er dann auch gleichzeitig gebildet (Bildung) sein?
    Wenn jemand gebildet ist, ist er dann gleichzeitig kompetent?
    Also für mich hat Kompetenz etwas mit der Fähigkeit zu tun eine Sache gut zu können. Das kann sehr einseitig sein.
    Bildung hingegen bedeutet für mich immer mehr, etwas umfassenderes, im Gesamtkontext Leben wirkendes.
    Deswegen halte ich es auch für sehr gefährlich – im Sinne von Pisa – nur noch Kompetenzen entwickeln zu wollen… früher nannten wir die dann „Fachidioten“…

  6. Christian, da greifst Du was auf, was ich auch seit letzten Jahr für mich klären wollte. Sehr spannendes Thema. Ich ergänze hier nur einige Punkte, vielleicht wären die Bildungsreporter der Rahmen, das weiter auszubauen??
    1) Bildung kann nur im Zusammenhang mit Aufklärung und Persönlichkeitsentwicklung („Menschwerdung“) definiert werden, jeder Versuch Bildung anhand von Katalogen, Listen o.ä. zu defnieren geht schief. Aus meiner Sicht erschöpfend gemacht haben das W. v. Humboldt und etwas aktueller Hartmut v. Hentig, in dem sie Bildung als Aneignung von Welt und Personwerdung definiert haben ( s. dazu v. Hentig: Bildung – ein Essay als Grundlagenliteratur dazu).
    2) Der Begriff Kompetenzen, wie etwa John Erpenbeck ihn verwendet, ist mit dem Bildungsbegriff, wie ihn Humboldt und aktuell v. Hentig verwenden sehr eng verwandt: Kompetenzen sind Dispositionen selbstorganisierten Handelns. Die Definition Erpenbecks könnten zur Konkretisierung des Bildungsbegriffs verwendet werden.
    3) Weder Bildung noch Kompetenzen sind messbar. Es können lediglich Veränderungen und Entwicklungen erfasst werden.
    4) Weder Bildung noch Kompetenzen sind vermittelbar.Sie können allerdings erfahren und durch eigene Leistung angeeignet werden.
    5) Unklar ist mir, wie hier der Lernbegriff reinpasst – vielleicht am besten als interessegeleitete Aktivität.
    6) In allen Studien, Verfahren etc., in denen Bildung oder Kompetenzen „gemessen“ werden, geht es nicht um Bildung oder Kompetenzen, sondern immer um Wissen, Fachleistungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten – oft isoliert und nicht auf die Person bezogen, sondern auf einen Katalog an Anforderungen oder ein Curriculum.
    7) Die Kompetenzinflation ist ein Ausdruck für Konzept- und Einfallslosigkeit bei der Frage, wie Bildung institutionell „organisiert“ werden kann. Überall, wo es um „Vermittlung von Bildung oder Kompetenzen“ geht, steck eine Ausrichtung auf Zwecke und Interessen dahinter.

    Vielleicht richten wir ein Wiki oder Wave irgendwo ein und arbeiten uns erstmal an einer Strukturierung des Themas warm?? hier sind viele Themen, die u.a. auch von #hackbild noch offen sind, die ich gern in 2010 zusammenbringen möchte.

  7. und noch was: die „alten“ Definitionen von Humboldt oder Hentig finden sich alle in den Ansätzen für mediengestützes Lernen wieder, die vom konstruktivistischen Lernbegriff ausgehen. Gleiche Philosophie in Kern. Hierzu passen aus meiner Sicht auch die Fragen, die Schirrmacher in seinem Buch Payback aufwirft. Wenn Wissen zunehmend ubiquitär verfügbar ist, macht dessen Vermittlung ja tatsächlich keinen Sinn. Es ist aber schon ein Unterschied, ob ich durch eigenes Nachdenken und Arbeiten zu Erkenntnissen und Wissen gelangt bin oder durch eine Suchanfrage bei Google oder Wikipedia. Hierin besteht die eigentliche Herausforderung einer Klärung für unsere Zeit!

  8. Martin Kurz sagt:

    Höchste Zeit für diese Diskussion. Und tatsächlich muss ich – fast schon wiederwillig – dir, Christian, zustimmen, dass der Kompetenzbegriff tatsächlich in einem Atemzug mit dem Bildungsbegriff genannt werden muss. Auch wenn ich es lieber getrennt hätte. Warum getrennt – nun, die Diskussion zum Thema „Was ist Bildung?“ ist schon so mächtig, umfassend und kompliziert. Ich hätte gerne pragmatisch den Kompetenzbegriff davon getrennt, ihn mehr für den pädagogischen Alltag verwendet. Na gut, funktioniert nur bedingt.

    Ich sage es mal ins Unreine: Ich bin froh, dass wir von der Inputorientierung zur Outputorientierung kommen. Es ist wichtiger etwas zu „können“, nicht einfach nur zu wissen. Auch wenn das nicht wirklich neu ist, der Blick ist zumindest bewusster geworden.

    Ein konkretes Beispiel aus meinem Unterricht: Ich habe eine Klasse übernommen, die hat in Physik wirklich viele Themen behandelt. Haben sie diese aber „gekonnt“, bzw. anwenden können? Nein. Die Hefte waren voll, aber nichts war im Kopf. Weniger z. B. echtes Basiskenntnisse und deren aktive Anwendung wären mehr gewesen. Jetzt konzentriere ich mich darauf, dass die Schüler die allerwichtigsten Grundsätze verstehen, immer wiederkehrende Standardvorgänge beherrschen (z. B. Umgang mit physik. Einheiten), und vor allem selbstständig Versuche planen, durchführen und Schlussfolgerungen ziehen können.

    Die Halbwertszeit von Wissen ist bekanntlich verkürzt. Also sind „Kompetenzen“ wichtiger als Wissen, um lebenslanges und eigenständiges Lernen zu ermöglichen. Was ich dabei unter „Bildung“ verstehe, reflektiere ich zunächst nicht, sonst kann ich mich gar nicht äußern. Vielleicht kann ich es irgendwann oder jemand formuliert es so, dass ich mich dem dann anschließen kann.

    Ich komme aus Hessen, bin dort Lehrer, und uns ist Siegfried Uhl recht bekannt, der sich zu diesem Thema mehrfach geäußert hat. Er ist Autor der Publikation des Hessischen Institut für Qualitätssicherung: Die Bildungsstandards, die Outputsteuerung und ihre Kritiker.

    http://www.iq.hessen.de/irj/IQ_Internet?rid=HKM_15/IQ_Internet/sub/fa3/fa3104b9-f200-c311-1010-43bf5aa60dfa,,22222222-2222-2222-2222-222222222222.htm

    (Downloadbar als Pdf) Sehr lesenswert.

  9. cspannagel sagt:

    Hallo zusammen,

    ich sehe, das Thema trifft auf einen großen Diskussionsbedarf! Ich würde gerne Christian Grunes Vorschlag aufgreifen und ein längerfristiges Wiki-Projekt daraus machen. Wir sollten (wie Christian das vorschlägt) uns „an einer Strukturierung des Themas warm“ arbeiten.

    Ich habe ein Projekt bei Wikiversity angelegt und mal ein bisschen vorstrukturiert: http://tinyurl.com/yb2lfgo

    Es wäre schön, wenn ihr dort eure Strukturierungsideen/ erste Gedanken / … dort eintragen würdet! Lasst uns anfangen, das Feld, das durch die Begriffe „Bildung“ und „Kompetenz“ aufgespannt wird, mal zu erschließen!

    Das ist ein Wahnsinnskooperationsprojekt! Ich freu mich drauf! Let’s go…🙂

  10. Oliver Tacke sagt:

    Ich finde das Thema überaus spannend und wichtig. Hoffe, ich finde die Zeit, mich auch damit zu beschäftigen.

  11. horaz sagt:

    Wohl am Thema vorbei, aber m.E. gesellschaftlich hochinteressant:

    bzgl.
    >>“Und ob die Wirtschaft gebildete Konsumenten möchte, ist sowieso fraglich, insbesondere wenn sie massenweise auftreten würden.“

    Dazu habe ich vor kurzem einen hochinteressanten Artikel in der ZEIT gelesen, der einerseits Bildung als Mittelschichtsphänomen von andererseits bloßer Unterschichtsberieselung sowie dem Profitstreben der reichen Eliten abgrenzt. Äußerst lesenswert!

    „Die kumulative Kaufkraft der Mittelschicht ist viel niedriger als die kumulative Kaufkraft der unteren Einkommensstufen. Damit sind alle Ansprüche, in einem Café zu sitzen und Proust zu lesen, statt auf einem großformatigen Bildschirm inmitten einer großen Menschenmenge Fußball anzuschauen, automatisch erledigt. Diese Ansprüche gelten inzwischen übrigens nicht nur als ökonomisch unerfüllbar, sondern auch als moralisch verdächtig, arrogant, dekadent und sogar unmenschlich.“

    http://www.zeit.de/2009/52/Armutsdebatte?page=all

  12. ekirlu sagt:

    Ohne dass ich mich jetzt in alle Links der Kommentare tiefer eingelesen habe, möchte ich an dieser Stelle antworten, da diese Frage auch mich umtreibt.

    Nehmen wir ein simples Beispiel:

    Blume

    Die Blume wäre im allerersten Moment der Biologie zuzuordnen. Kompetenzen im Umgang mit Blumen die es zu erwerben gibt, wären, bsp die Bestimmung: Um welche Blume handelt es sich? Wieviele Stempel, Blätter, Blüten usw. hat sie. Wie heißt sie folglich.
    Doch auch der Chemie ist sie zuzuordnen wegen der chemischen Prozesse die ablaufen. Der Physik, weil die Blütenblätter herabfallen, der Sprache, weil es einen Begriff für jede Blume gibt, der Mathematik, wegen der Anzahl der Blätter und deren Anordnung im Goldenen Schnitt, der Kunst, weil ich sie malen kann, der Informatik, wenn ich ein Bild digitalisiere …

    Faktenwissen ist dabei eine „Teilbedingung“ für das erwerben von Kompetenzen, Fachbegriffe grenzen ähnliche Dinge ab… Das ist wichtig für die Vergleichbarkeit und das Verständnis außenstehender, so werden Prozesse nachvollziehbar.

    Es können in jeder Fachrichtung eine Menge Kompetenzen erworben werden um die Blume durch die verschiedenen „fachwissenschaftlichen Brillen“ zu betrachten. Meiner Meinung nach ist Bildung, die Möglichkeit zu erkennen, dass ich alles, Matrielles wie Gedachtes, von verschiedenen Seiten betrachten kann und um „die Sache“ zu „erkennen“ sogar muss.

    Es geht mir nicht darum, dass wir alle uns in allen Fachbereichen auskennen, sondern es geht um den Weitblick, die Fähigkeit zu unterscheiden (sowohl von „Dingen“ als auch der Betrachtungsweisen) und die Fähigkeit auzuwerten.

    Dabei hat jeder Mensch seine eigenen Neigungen, seine eigenen Interessen, Bereich in denen er sich vertiefen möchte. Und dieses Interesse gilt es zu fördern, zu wecken und nicht zu ersticken, mit Sätzen wie: „Dazu kommen wir später noch“ oder „Das passt hier nicht hin“ oder „das ist zu schwer“ oder „das ist ein anderes Fach“

    Es ergibt sich aus der Mischung aus Fachwissen, Kompetenzen und Bildung Verantwortung für das tägliche handeln. Auf einmal „weiß“ man, wie die Dinge funktionieren, kann und muss sie von verschiedenen Seiten betrachten, für sich bewerten und entsprechend in den Alltag und die Arbeitswelt einbinden. Bildung und Kompetenzen prägen uns als Menschen, ob wir das wollen oder nicht. Auch in den kleinen Dingen… Meiner Meinung nach „ahnen“ viele Menschen das Ausmaß das Bildung hätte:

    Verantwortung und Persönlichkeitsentwicklung

    Und das ist dann anstrengend😉

    Und an dieser Stelle kommt die Liebe ins Spiel.
    Um die Anstrengungen gerne auf mich zu nehmen, muss ich das womit ich mich beschäftige lieben.

  13. mccab99 sagt:

    @Christian Grune

    „Weder Bildung noch Kompetenzen sind vermittelbar.Sie können allerdings erfahren und durch eigene Leistung angeeignet werden.“

    Dazu auch: http://riecken.de/index.php/2009/04/der-kompetenzbegriff/

    Wir beide sind Ketzer, Ungläubige, die sich der Errungenschaften einer wissenschaftlich bestätigten und durch PISA eingeforderten Tatsache widersetzen. Keine Schulinspektion würden wir überleben ohne ein vernichtendes Urteil, wenn wir nicht einmal das verstanden haben :o)…

    Ansonsten denke ich jetzt auch einmal über den Begriff „Bildung“ nach – das scheint auch mir wichtiger zu sein. Mal sehen, ob ich Zeit für das Wikiprojekt finde.

  14. cspannagel sagt:

    @horaz Danke für den Hinweis auf den ZEIT-Artikel. Ich finde solche Exkurse sehr wertvoll (und nicht unbedingt am Thema vorbei).

    @ekirlu Grandioser Kommentar! „Um die Anstrengungen gerne auf mich zu nehmen, muss ich das womit ich mich beschäftige lieben.“ Genau. Bildung setzt meiner Ansicht nach das Verlangen beim Menschen voraus, sich selbst bilden zu wollen. Kann man auch ohne dieses Verlangen kompetent werden? Ich weiß es nicht…

    @mccab99 Zu deinem Blogartikel: Ich gebe dir recht. Liest man Curricula, in denen zahlreiche Kompetenzen und Teilkompetenzen aufgelistet werden, so bekommt man den Eindruck, dass es darum ginge, all diese müssten nur im Einzelnen erworben werden, und schon hätte man den kompetenten Menschen. Es steckt viel mehr hinter Bildung als „nur“ der Erwerb zahlreicher Kompetenzen. Insofern ist es unsere Pflicht, ketzerisch darauf hinzuweisen – wenn wir uns dessen denn sicher sind. Ich habe das Gefühl, dass ich mich erst intensiver damit auseinander setzen muss, eine Intuition sagt mir aber, dass wir nicht ganz daneben liegen können.🙂

  15. ekirlu sagt:

    P.S. zu meinem Kommentar. Um Studenten dann zu motivieren sich selbst zu bilden und Kompetenzen zu erwerben, muss auch die Seminarstruktur entsprechend sein.

    Zwei Seminare habe ich bereits selbst durchlaufen, die eine „geeignete“ Struktur aufgewiesen haben:

    „Computereinsatz in der Schule“ Dort konnten wir uns ein Thema aussuchen an dem wir informationstechnische Grundkenntnisse vermitteln konnten. (http://de.wikiversity.org/wiki/Projekt:Computereinsatz_in_der_Schule/Projekt4)

    Das andere war ein Seminar zum „individualisierten Lernen“ im Bereich Erziehungswissenschaften. Dort konnten wir uns ein Fach oder ein Thema aussuchen in dem wir uns selbst überlegen konnten, für welchen Bereich wir eine Unterrichtseinheit zum individualisierten Lernen entwerfen wollten.

    In beiden Seminaren haben wir „Faktenwissen“ als Basis bekommen. Dieses lag in Form von Texten vor. Regelmäßig haben wir uns mit der ganzen Gruppe getroffen und uns über unsere Fortschritte und Probleme ausgetauscht. Dadurch haben wir uns untereinander immer wieder neue Impulse gegeben und auch die Dozenten haben uns weitergeholfen.

    In dieser Struktur gab es kein „zu tief“ oder „falsches Fach“ oder solche Beschränkungen. Anreize waren guten Noten und Inhalte die uns interessieren. Es war eine Mischung aus „nützlich“ fürs Studium und interessant für den Einzelnen.

    Die Rahmenbedingungen waren klar gesteckt, jeder wusste wie viel Engagement gefordert war. Es war klar, das mit Auswendiglernen und reinem Reproduzieren von Stoff keine gute Note erreicht werden konnte. Wir mussten uns über die Kompetenzen hinaus bilden.

  16. ekirlu sagt:

    @cspannagel M. E. kann man auch kompetent sein ohne dieses Verlangen. Aber eben nur in kleinen Bereichen. Wenn es z.B. darum geht Geld mit seinem Job zu verdienen, dann kann man durchaus kompetent Maschinen bedienen, Haare schneiden, Gedichte analysieren. Aber man wird sich über das, was es braucht um Geld zu verdienen wird man sich dann kaum bilden oder Kompetenzen erwerben.

    Wahre Bildung wird man nur erreichen, wenn es über den Selbstzweck des Verdienens oder der Selbstdarstellung hinausgeht. Wenn es einem um die Sache geht, um den Inhalt, wenn man ihn liebt.

  17. cspannagel sagt:

    @ekirlu Insbesondere deinen Hinweis zu „Computereinsatz in der Schule“ würde ich gerne näher analysieren (einfach weils unser Seminar war): Was genau war an dem Seminar „bildend“? Welche Möglichkeiten gab dir das Seminar, Kompetenzen zu entwickeln, und welche, dich „zu bilden“?

  18. Hallo Christian,

    vielleicht ist für dich die Masterarbeit von Tobias Jenert von Interesse:

    http://www.imb-uni-augsburg.de/files/Jenert_Kompetenzentwicklung_Bologna_08.pdf

    Aktuell promoviert Tobias in St. Gallen (war früher bei uns Mitarbeiter). Na ja und vielleicht bringt ja auch noch der Beitrag was, den du letzten Jahr in Darmstadt von mir gehört hast – hier die Schriftfassung mit Literatur:

    http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2009/05/artikel_darmstadt_juni091.pdf

    Gabi

  19. ekirlu sagt:

    Die Rahmenbedingungen waren ein Teil des Ganzen:
    * Wir mussten uns ein Thema aussuchen und uns mit unseren „Bildungspartnern“ auseinandersetzen. Dadurch mussten wir all unsere Ideen auf die Praxistauglichkeit überprüfen und mit den Vorstellungen anderer abgleichen. Wir haben uns nicht mehr nur mit unseren Ideen beschäftigt. Es gab mehr Impulse von außen.
    * Wir haben uns mit dem Seminar regelmäßig getroffen um uns über den Fortschritt auszutauschen. Hier durften/mussten wir präsentieren, was wir bisher erarbeitet haben. Da wir in den Seminarsitzungen nichts anderes getan haben (ich meine das positiv), hatten wir nur die Wahl uns zu blamieren oder uns vorbereitet zu haben. (Echter positiver Druck, ganz ungewollt😉

    Inhaltlich:
    * Wir bekamen „Faktenwissen“ in Form eines Textes von Dir in den wir uns einarbeiten musste. Wir haben unsere Wissensbasis verbreitert.
    * Darüberhinaus mussten wir uns eigenverantwortlich noch in andere Sachverhalte einarbeiten. Ohne dieses Einarbeiten hätten wir keinen Workshop anbieten können, der strukturell wie inhaltlich Hand und Fuß hat.

    Praxiserfahrung und Reflexion:
    * Nicht zuletzt konnten/mussten wir unsere Überlegungen in die Tat umsetzen. Hier haben wir unsere Idee an der Praxis überprüft und Erfahrungen gesammelt, die auf keinem anderen Weg möglich gewesen wären.
    * In der Reflexion habe ich die ganzen Aspekte für mich in Zusammenhang gebracht. Ich habe herausgearbeitet, an welchen Stellen es aus welchen Gründen schwierig wurde, was warum funktioniert hat oder auch eben nicht.

    Motivation:
    * Ich hatte die Möglichkeit mich einzubringen UND
    * wusste das dieses Engagement geschätzt wird.
    * Ich konnte eine gute Note für mein Staatsexamen sammeln.

    Es war ein „Rundum-Paket“ in dem ich Inhalte unter verschiedenen Aspekten (didaktisch, pädagogisch, gruppendynamisch, fachlich, inhaltlich, durch die Brille der u3gu) betrachtet habe. Ich habe diverse Kompetenzen erworben (Vorbereitung, Durchführung, Umgang mit 3 Generationen, Kommunitkation mit Auftragebern,…). Und ich habe diese Dinge für mich in einen größeren Kontext (Lernen und Lehren im Allgemeinen) eingebunden.

    Manche Vorstellungen haben sich bestätigt, manche habe ich aufgebrochen. Auf alle Fälle habe ich mich weitergebildet.

  20. cspannagel sagt:

    @Gabi Vielen Dank für die Literaturhinweise!

    @ekirlu Für mich ist dein Satz entscheidend: „Und ich habe diese Dinge für mich in einen größeren Kontext (Lernen und Lehren im Allgemeinen) eingebunden.“ Und außerdem: „Manche Vorstellungen haben sich bestätigt, manche habe ich aufgebrochen.“ Ansonsten hätte ich gesagt, dass man alles unter dem Aspekt der Kompetenzentwicklung hätte betrachten können. Das „Aufbrechen von Vorstellungen“ und das „Einbetten in einen größeren Kontext“ weisen auf Persönlichkeitsveränderungen hin, die man vielleicht unter dem Aspekt der „Bildung“ betrachten könnte?

  21. herr larbig sagt:

    Der Kompetenzbegriff, das ist in meinen Augen sein Problem, wird oft zu unabhängig von Wissen gedacht. Zunehmend bekomme ich das Gefühl, als würde er zu einem Feigenblatt für Wissensverweigerung.

    Ja, ich kann einen Text mithilfe von Kompetenzen interpretieren. Dazu eigene ich mir ein paar Schlagworte an und lerne, diese auf einen Text anzuwenden.

    Ja, ich kann ein Computerprogramm kompetent bedienen lernen, ohne auch nur ein Grundverständnis für die im Hintergrund ablaufenden Prozesse zu haben.

    Und wie @Jean-Pol schon darstellt: Der Kompetenzbegriff ist kein neuer Begriff. Im Prinzip ging es doch jedem Lehrenden immer darum, dass Schüler und Schülerinnen in die Lage versetzt werden, ihr Leben zu meistern und den gesellschaftlichen Anforderungen in diesem Rahmen gerecht zu werden.

    Ich fasse mich hier kurz, weil ich mich bereits an andere Stelle mit dem Kompetenzbegriff befasst habe (http://herrlarbig.de/2009/09/20/zwischen-kompetenzen-und-literacy-oder-ohne-inhalt-keine-kompetenz/).

    Ich halte Wissen für den Schlüssel zu kompetentem Handeln. In meinem Studium war ich immer ein Theoriefan, weil ich mir sagte, dass ich mich in die Lage versetzten müsse, im Berufsalltag einmal Antworten auf Fragen zu finden, von denen ich im Studium noch gar nicht weiß, dass sie einmal auf mich zukommen werden. Ohne Theoriebildung schien mir das nicht möglich. Dieser Meinung bin ich nach wie vor.

    Ich habe Entwürfe für kompetenzorientierte Lehrpläne gelesen, in denen kein entwickelter und reflektierter Kompetenzbegriff zur Anwendung kam, sondern im Prinzip die alten inhaltlichen Lehrpläne nur in neue Begrifflichkeit gepackt wurden. Das ist nicht, was mit Kompetenzen gemeint sein kann.

    Zudem scheint mir der Kompetenzbegriff fast ein verhaltenstherapeutischer zu sein: Lehre die Leute, wie sie x und y zu tun haben und sorge dafür, dass sie das auch können. Die Reflexionsfähigkeit, die ich als einen zentralen Bestandteil von Bildung ansehe, kommt da viel zu kurz. Es scheint zunehmend mehr um die Frage zu gehen, ob jemand eine Tastatur bedienen kann als dass jemand etwas über die Geschichte der Schrift und ihre Bedeutung für die kulturelle Entwicklung weiß.

    Überhaupt ist mir Kompetenzbegriff oft einfach unverständlich, weil er zwar ständig gebraucht, aber nie wirklich definiert wird.

    „Lernen ist nicht angenehm, lernen tut weh“, schrieb Aristoteles. Und Goethe schrieb: ”Es ist nichts schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß, als die Schüler allenfalls wissen sollten.”

    Wissen, Wissen, Wissen, ohne in die Manie von Quizshows zu verfallen, in denen lexikalisches und beiläufiges „Bescheidwissen” abgefragt werden, wie es der von mir sehr geschätzte Pädagoge Horst Rumpf in Anlehnung an Martin Wagenschein das nennt.

    Mir ist der Begriff des „problemorientierten Lernens“ viel lieber als der Kompetenzenbegriff, weil sich Bildung für mich dort zeit, wie Menschen mit Problemen umgehen Es bringt meines Erachtens nur wenig, wenn jemand zwar in der Lage ist, ein romantisches Gedicht zu interpretieren, aber nicht in der Lage ist, auf der Basis des dort erworbenen Wissens ein zeitgenössisches Gedicht in den Blick zu nehmen.

    Mir kommt der Kompetenzbegriff oft so vor, als sollten Menschen dressiert werden, damit sie funktionieren. Aber Bildung fängt für mich dort an, wo Menschen in der Lage sind, funktionale Zusammenhänge als knotingente Zusammenhänge zu erkennen und sie als solche zu reflektieren. Dazu braucht es – hier führe ich noch eine Unterscheidung ein – weniger analytische Fähigkeiten als synthetisierende Kompetenzen, die aus den Wissens- und Theoriebausteinen heraus zur relevanten Distanzierung in der Lage sind.

    Meine Erfahrung: Eine solche Herstellung eines Bewusstseins für Relevanz, Kontingenz in Innovationsfähigkeit vermag Schule kaum zu erreichen. Wenn, dann gelingt dies meist erst im Studium, in dem auf die Wissensbestände von Schule aufgebaut wird.
    Aber: Schulische Wissensbestände haben eine enorm kurze Halbwertszeit. Sie werden oft einfach zu wenig kontinuierlich angewendet, geübt. Und so stehe ich dann z. B. dar und wundere mich, dass Grundwissen (Versmaß, Reimschemata etc.) bei einer erneuten Beschäftigung mit Gedichten einer Epoche oft nicht mehr vorhanden ist.

    Kompetenzen? Bildung? Ja, gerne, aber bitte nicht als Worthülsen, die nicht verraten, was sie eigentlich meinen.

    Und das scheint mir das Kernproblem zu sein, die Beantwortung der Frage, was Bildung und was Kompetenzen eigentlich sind. Diese Frage ist so umfassend, dass ich hier keinen Antwortversuch starten werde. Diese Frage steht im Raum. Und da wir seit Humboldt eigentlich keinen wirklich neuen Bildungsbegriff mehr entwickelt zu haben scheinen, die Masse der Wissensmöglichkeiten der Gegenwart den humboldtschen Bildungsbegriff aber kaum mehr umsetzbar erscheinen lässt, stehen wir mehr oder weniger oder brauchbaren und allgemein akzeptiertem Bildungsbegriff da. Und diese Unschärfe scheint mir ein Grund für die gegenwärtige Bildungsmisere zu sein, denn wie soll Bildung gelingen, wenn kaum einer eine Vorstellung (Theorie) davon hat, was mit Bildung eigentlich gemeint sein könnte. Zumindest bislang scheint der Kompetenzenbegriff nicht die theoretische Tiefe im Bereich der Rezeption von Bildungstheorien erreicht zu haben, wie er für eine erfolgreiche Arbeit mit diesem Begriff nötig wäre.

  22. […] und Kompetenz In Christians Weblog wurde eine Diskussion über das Verhältnis zwischen Bildung und Kompetenz begonnen. Wer Lust hat, kann sich dort daran beteiligen – oder gleich an der entsprechenden […]

  23. cspannagel sagt:

    @herrlarbig: Vielen herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Insbesondere in deinem letzten Absatz steckt eine tiefe Wahrheit drin, über die ich noch länger nachdenken muss.

    Insgesamt siehst du den Kompetenzbegriff ein wenig zu schwarz. Kompetenzen sind nicht nur Fertigkeiten, sondern auch Fähigkeiten – und hierzu zählen z.B. Problemlöse- und Reflexionsfähigkeit. Also kann beispielsweise auch eine Kompetenz sein, dass Schüler etwas reflektieren können, ebenso etwas bewerten, analysieren, übertragen usw. Kompetenzen haben (wenn sie ernst genommen werden) nichts mit dressieren zu tun.

    Ich gebe dir aber recht, dass Wissen notwendig ist, um kompetent agieren zu können. Das wird sicher oftmals vergessen.

  24. Oliver Tacke sagt:

    Bin gerade über die Seite http://www.bildung-fuer-deutschland.de gestolpert, vielleicht findest du dort noch brauchbare Anregungen.

    Und noch etwas zum Nachdenken und Schmunzeln: Wer hat die Kompetenzkompetenz?

  25. cspannagel sagt:

    @Oliver Danke für den Link (Klasse!) und für das witzige Video!

    Da fällt mir gerade ein, dass ich irgendwo mal gelesen hatte, dass ein wesentllicher Aspekt von Medienkompetenz sei, dass man die Medieninkompetenzbeseitigungskompetenz besitzen müsse…🙂

  26. Häberle sagt:

    Ich habe bei einer Fortbildungsveranstaltung für Lehrer das Publikum und den Referenten einmal gefragt, was sie eigentlich mal etwas genauer formuliert unter Sozialkompetenz verstünden. Im Laufe des vorangegangenen Referates war nämlich immer wieder wie selbstverständlich von dieser, wie auch von anderen Kompetenzen die Rede. So als ob eigentlich klar wäre was gemeint war. Das Ergebnis der darauffolgenden Diskussion war interessant. Es gab wenig Konsens bei der Beantwortung dieser zunächst einfach anmutenden Frage.
    Gehört „Zivilcourage“ nun dazu oder nicht? Oder wie ist es mit „Konsensfähigigkeit“? Wahrscheinlich steht irgendwo in den neuen Bildungsplänen aller Bundesländer geschrieben, was Lehrer zu tun haben, um diese Kompetenz in vollem Umfang und entsprechend der Vorstellungen der für die Bildungspläne Verantwortlichen zu vermitteln.
    Doch ich glaube, das ist nicht entscheidend. Papier ist geduldig.
    Ich erlebe Kollegen, die täglich redlich versuchen
    mit ihrem begrenzten Möglichkeiten auf das zu reagieren,
    was an Herausforderungen so alles auf sie einprasselt.
    Das geschieht in der Regel ohne ein „Kompetenz-Förderungskonzept“ im Hinterkopf.
    Nicht nur bei der Sozialkompetenz.
    Ich wünscht mir mehr Ehrlichkeit in der Diskussion. Mehr an den Adressaten der Bildungsbemühungen orientiert. Was können die denn wirklich leisten. Wo kann man fordern, fördern? Wo überfordern wir? Wo betrügen wir uns selbst, indem wir Unerfüllbares fordern? Wo betrügen wir, indem wir die Ergebnisse unserer pädagogischen Bemühungen
    schönreden, um als Schule oder Berufsgruppe gut dazustehen?
    Ich habe den Eindruck, dass das in der Theorie Geforderte,
    als Kompetenz oder Bildungsziele formuliert, und das Leistungsvermögen der Schüler immer weiter auseinanderläuft.
    Zu wenig wird gefragt: „Bildung, für wen? Kompetenzen, wem nützen sie? „

  27. Thorsten S. sagt:

    Ich bin mir bei der ganzen Begriffsproblematik nicht sicher, ob man seine Kräfte verschwendet. Wie ist es, wenn man Wilhelm Busch (1832-1908), dem Kompetenzbegriff entgegenstellt?

    „Also lautet ein Beschluss:
    Dass der Mensch was lernen muss.-
    Nicht allein das ABC
    Bringt den Menschen in die Höh;
    Nicht allein im Schreiben, Lesen
    Übt sich ein vernünftig Wesen;
    Nicht allein in Rechnungssachen
    Soll der Mensch sich Mühe machen;
    Sondern auch der Weisheit Lehren
    Muss man mit Vergnügen hören.-
    Dass dies mit Verstand geschah,
    War Herr Lämpel da.- …“
    (Max und Moritz)

    Ich gebe zu, nicht ganz wissenschaftlich und auch ein bisschen ironisch.
    Da springt mir der Weisheitsbegriff ins Auge. Wieder ein neues (altes) Wort. Aber drückt Weisheit, so wie Bildung und auch zum Teil (Handlungs-)Kompetenz nicht etwas aus, was man schon immer wusste? Nicht nur Fakten lernen, sondern auch den kreativen Umgang mit diesen. Woran erkenne ich, dass jemand weise, gebildet oder kompetent ist? Ich glaube, so wie @herr_labig, dass es seit Humbodt keine wirklichen neuen Kenntnisse gibt. Warum verschwendet man immer wieder die Gedanken darauf? Für den praktischen Einsatz in der Schule ist es nach meiner Auffassung wichtig zu wissen, wie ich „bilde“, Kompetenzen vermittle oder wie auch immer. Dazu kommt ich muss das ganze noch bewerten. Ob ich nun die Weisheit, die Bildung oder die Kompetenzen von jemanden bewerte ist doch „fast“ einerlei, alle Begriffe sind verschwommen und bisher wurde keiner von ihnen so weit aufgearbeitet, dass man ihn in der Praxis nutzen kann.
    Mal sehen, welcher Begriff anstelle von Weisheit, Bildung, Handlungskompetenz… als nächstes „hipp“ wird und wieder wird sich das Rad von neuen drehen…

    Gruß
    ThS01

  28. mccab99 sagt:

    „Mal sehen, welcher Begriff anstelle von Weisheit, Bildung, Handlungskompetenz… als nächstes „hipp“ wird und wieder wird sich das Rad von neuen drehen…“

    Ich tippe auf den Begriff „Prozess“.

    Gruß,

    Maik

  29. lernstratege sagt:

    @all: Meine Bitte währe, dass ihr euch die Definitionsmacht nicht aus der hand nehmen lasst. Wie der Blick in den Kluge gezeigt hat, sind das Worte in Bewegung.

    Lasst nicht zu, dass die Sprache ihre Unterscheidungskraft verliert, wenn „Kompetenz“ mit allem Möglichen und Unmöglichen aufgeladen wird (á la Erpenbeck). Schlimm genug, dass man „Bildung“ heute nur noch in idealisierender Überhöhung verwenden kann (á la Humboldt). Dieser gigantisierende Gebrauch von ursprünglich schlichten Begriffen entzieht sie dem menschlichen Leben.

    @mccab99 Ich fürchte, dass ist schon längst geschehen.

    Im Gefolge von Luhmanns Systemtheorie und Skinners Behaviorismus ist die Unterscheidung zwischen menschlichem Handeln (mit den Möglichkeiten der Absicht, der autonomen Setzung von Zwecken, der zweckmäßigen Wahl von Mitteln und Verantwortung für die Folgen) und bloßem systemischen Verhalten (das ohne diese Möglichkeiten einfach geschieht) fast in Vergessenheit geraten. Folge in allen Sozialwissenschaften: Selbst dort, wo Handlungen den Forschungsgegenstand erst konstituiert, ist nur noch von Verhalten die Rede. Ich denke an Politik, Psychologie des Menschen, Ausbildung von Ärzten oder Lehrern, Meta-Wissenschaft, Ökonomie. Dort ist (man spitze die Ohren) vom Verhalten der Politiker, Therapeuten, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler, Manager die rede – nicht von ihrem Handeln.

    In Luhmans schwer verdaulicher Literatur „prozediert sich das System in der selbstorganisierten Reproduktion seiner tragenden Elemente“. Unsichtbarer kann man die conditio humana nicht machen.

    Hütet euch davor! Das ist ein zynischer Relativismus, der vor jeder Verantwortungsübernahme schützt.

  30. lernstratege sagt:

    (technische Probleme – deshalb jetzt weiter)

    her larbig: „Mir kommt der Kompetenzbegriff oft so vor, als sollten Menschen dressiert werden, damit sie funktionieren.“

    Diesen Eindruck wird jede Sprachregelung erwecken, wenn akademisch gebildete Lehrer in Schule und Hochschule administrativ entmündigt werden. Habe schon hören müssen „Wir müssen mit unserem Lehrplan fortschreiten. Ich sehe ja, dass ihr diese Lektion noch nicht verstanden habt. Und mir ist auch klar, dass ihr das (nicht) Gelernte in der nächsten Lektion braucht. Aber mein Zeitplan ist vorgeschrieben, damit Kinder mobiler Eltern (bei einem berufsbedingten Umzug der Familie) leichter die Schule wechseln können.“ Mir fehlen die Worte … Das ist organisierte Verantwortungslosigkeit.

    Gruß Karsten

  31. ekirlu sagt:

    Mich bringen die letzten Kommentare zu der Frage: Warum müssen Lehrer oder Dozenten „im Stoff“ fortschreiten?

    Die Grundidee des Lernbegleiters, der Faktenwissen zur Verfügung stellt – didaktisch aufbereitet, eingebettet in eine Lernumgebung – und dann bereit steht um den Lernprozess zu unterstüzten, empfinde ich als die beste Möglichkeit, den Lernenden in den Mittelpunkt zu rücken.

    Wissen, Kompentenzen und Bildung werden allerhöchstens vermittelt. Vermitteln bedeutet doch dann auch, dass der Lehrer zwischen dem zu Erwerbenden und den Lernenden steht. Es liegt in seiner Verantwortung, Wege aufzuzeigen, oder besser eine ganze Lernlandschaft zur Verfügung zu stellen, aber gehen müssen die Lernenden ihn dann selber. In einer solchen Umgebung ist zu mindest die Möglichkeit gegeben, dass der Lernende überhaupt erkennt, wofür er „all den Stoff“ braucht.

    Legt man das als Ziel zu Grunde, ergeben sich Kompetenzen im Sinne der Frage nach dem „wie“ gehe ich mit einer Sache um von alleine. Zusammenhänge und Vorstellungen bilden sich im innern des Einzelnen und im besten Fall (und das halte ich für entscheidend) leitet der Lernende Schlüsse für sein Leben (Verhalten, Einstellungen, Interesse, Verantwortungsbewusstsein, HANDELN) ab.

    So wären Bildung und Kompetenzen konkret abgebildet.

  32. cspannagel sagt:

    Ich finde die Diskussion hier sehr fruchtbar und interessant. Wir müssen diesbezüglich unbedingt am Ball bleiben.

    @mccab „Ich tippe auf den Begriff „Prozess“.“

    Jetzt gibst du mir aber ne volle Breitseite! Das ist nämlich mein Forschungsschwerpunkt: Prozessorientierte Informatikdidaktik.🙂

  33. […] Spannnagel schreibt in seinem Blog, pünktlich zum Jahresbeginn über die beiden Begriffe Bildung und Kompetenz. Seine Hauptthese ist, dass der “enorme Aufschwung” der Begriffes der Kompetenz oft mit […]

  34. […] Wissenschaftsbetrieb die quantitativen Methoden immer mehr präferiert. TIMSS, PISA uns die ganze Kompetenzmesserei sind ein Zeugnis davon, und mein gefühlter Eindruck ist, dass im Bildungsbereich auch bei […]

  35. […] in diesem Kontext eine längerfristige Persönlichkeitsentwicklung  im Sinne einer tief greifenden Bildung ermöglicht werden soll. Darüber hinaus wird die Bewertung von Studiengängen durch das […]

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