Generationenübergreifendes Lernen im Web II

Veröffentlicht: Montag, Januar 25, 2010 in Web 2.0

Im Kontext meiner Teilnahme an der Podiumsdiskussion am Mittwoch wurde ich nun gebeten, die Position darzulegen, die ich auf dem Podium vertreten möchte. Dies mache ich natürlich hier in meinem Blog, damit ich euer Feedback auch gleich aufs Podium mitnehmen kann.

Meine Position ist:

Das Web bietet ein unglaubliches Potenzial für Seniorinnen und Senioren, gemeinsam mit Menschen allen Alters zu lernen.

Im folgenden ein paar Statements und Ideen dazu:

  • Senioren als Experten im Klassenzimmer: Ältere Menschen haben zum einen lange in einem Beruf gearbeitet, zum anderen haben Sie unglaublich viel Lebenserfahrung in ganz unterschiedlichen Bereichen. Sie können daher im Web ihr Wissen und ihre Expertise an jüngere weitergeben. Ein mögliches Szenario ist das „Hineinschalten“ in eine Schulklasse per Skype, damit die Schüler ein Experteninterview führen können. So haben beispielsweise berufstätige Physiker kaum Zeit, sich tagsüber in ein Klassenzimmer hineinzutelefonieren. Aber es gibt jede Menge pensionierte Physiker, die tagsüber wahnsinnig viel Zeit haben – und vermutlich haben diese auch jede Menge Spaß an einer solchen Aktion. Natürlich wäre es besser, den Experten persönlich und real ins Klassenzimmer zu holen. Dies wird aber nur in wenigen Fällen wirklich möglich sein, sodass das Netz ein unglaublich großes Potenzial bietet, irgendeinen Experten irgendwo auf der Welt ins Klassenzimmer zu holen. Und nicht nur ins Klassenzimmer: auch in den Vorlesungssaal, in die Teambesprechung, in den Vortragsraum.
  • Das Internet kennt keine Mauern: Gerade das Alter baut häufig – leider – Mauern. Körperliche Gebrechen schränken oft die Mobilität ein, und wir alle kennen ältere Menschen, die selten besucht werden und in ihrer Wohnung und im Heim vereinsamen. Gerade das Web bietet aber zahlreiche Möglichkeiten, diese Mauern zu durchbrechen und intensive soziale Kontakte zu pflegen. Ich stelle mir twitternde, facebookende, bloggende alte Menschen vor, die sich über diese Online-Tools anderen austauschen können und hier in der sozialen Interaktion gemeinsam mit anderen lernen – in welchen Bereichen auch immer (hier sind keine Grenzen gesetzt). Ich kann mir vorstellen, dass dieser Austausch für ältere Menschen auch sinnstiftend wirken kann.
  • Ungenutzte Ressourcen nutzen: Wenn man einmal eine rein gesellschaftliche Position einnimmt, dann muss man erkennen, dass ältere Menschen ein unglaubliches Ressourcenpotenzial haben, das zurzeit womöglich viel zu wenig in gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen genutzt wird. Gerade die Lebenserfahrung und das Expertenwissen der älteren Menschen sollten in gesellschaftliche Prozesse integriert werden. Das geschieht natürlich heute auch schon, aber das Netz bietet die Möglichkeit, das in viel breiterem Maße zu tun. Ältere Menschen können ihr Wissen und ihre Erfahrung im Netz allen Menschen zuteil werden lassen (und nicht nur ihren Enkelkindern). Wenn beispielsweise ältere Menschen ihre Erfahrungen bloggen, dann verarbeiten sie zum einen ihr Erlebtes unter Umständen tiefer (über diesen Effekt berichten viele Blogger), zum anderen können sie dabei in Austausch mit anderen treten und ihre Erfahrungen auch diskutieren – eine Lernsituation für alle Beteiligten!

Welche Szenarien seht ihr noch? Welche weiteren Vorteile hat das Netz zum generationenübergreifenden Lernen?

Kommentare
  1. Seitdem ich im Ruhestand bin haben sich in meinem Leben „dramatische“ Veränderungen ergeben, die mich zu einer vertieften Reflexion über das Dasein alter Menschen geführt haben. Als Hilfe habe ich mich der Philosophie zugewendet, der ich bisher nur mit Spott begegnet war, aber von der ich wusste, dass sie zumindest ein Reservoire an Überlegungen enthält, die – wenn auch meist grotesk und verschlüsselt dargestellt – nützlich sein können. Und so bin ich nach kunterbunten Lektüren heute früh zu der Erkenntnis gelangt, dass die Philosophie sich nicht zentral wie ich dachte mit Ethik und mit dem Weg zum Glück befasst, sondern auch mit Metaphysik (was etwas anderes meint, als man gewöhnlich meint – also konfuses esoterisches), mit Logik und mit Erkenntnistheorie. Das wusste ich zwar ganz vage, aber jetzt, wo ich mich ausführlich mit dem Thema Philosophie befasse, BRAUCHE ich diese Unterscheidung. Ich kam also intuitiv auf den Wunsch, endlich über Kategorien zu verfügen, die mir Klarheit über den Gesamtstoff Philosophie verschafft. Natürlich steht am Afang von jedem Philosophiebuch welche Gebiete die Philosophie behandelt, aber das ist dem Leser am Anfang egal. Es wäre deduktiv und die Motivation zu deduktiven Ableitungen ist gleich null. Erst wenn ich im Wust von philosophsichen Texten absaufe, brauche ich Ordnungskategorien.
    Wenn du willst, Christian, können wir weiter in diese Richtung kommunizieren. Ich war noch nie so bereit wie jetzt, über existentielle Themen nachzudenken. Und zwar öffentlich. Es geht um Leben und um Tot!:-)))

  2. Und auch was wichtiges im kampf um ein würdiges Dasein in den nächsten jahren: die Grünen haben mich jetzt voll adoptiert. Die mögen mich, brauchen mit und finden mich sexy. Vielleicht nicht alle, aber zumindest die Chefin, Petra Kleine. Und das ist natürlich ganz wichtig!

  3. Ich sehe neben den inhaltlichen und schon benannten Möglichkeiten auch noch das große Thema, „In was für einer Welt wollen wir leben?“.
    Hintergrund: Seit Jahrzehnten gehen wir weg von der „normalen Familie“ (was OK ist ist, denn was ist schon normal?) hin zu einer immer mehr separierten Gesellschaft (was nicht OK ist!): Die Kleinsten kommen in die Grippe, dann Kindergarten usw. usf. Die Alten und Kranken werden aussortiert… in Kategorien: Brauchbar, eher lästig. Schade eigentlich!
    Wenn jetzt aber Alt und Jung wieder voneinander und miteinander lernen, dann lernen sie nicht nur den Inhalt, sondern gleichzeitig lernen sie wieder sich anzunähern, Interesse zu zeigen – alt an jung und jung an alt.
    Vielleicht kann das dazu beitragen, dass die nächsten Generationen mal damit aufhören Menschen, wie Autos bei einer Inspektion, in sekundentakt genaue Pflege etc. einzuteilen… Vielleicht trägt das dazu bei, dass wertschätzendes und würdiges Leben von der Geburt bis ins hohe Alter möglich werden, möglich bleiben…
    Eine große Chance!

  4. Jan-Martin Klinge sagt:

    Gerade was das Thema „normale Familien“ angeht (s.o.) bietet sich hier die großartige Möglichkeit, die (Groß-)Eltern der Kinder als Experten einzubinden.
    Dabei kommen ja oft die verrücktesten Dinge zustande.
    Ein Bekannter von mir ist an der Entwicklung der Schalter und Hebel hinter dem Lenkrad einer bestimmten Automarke beteiligt.🙂

  5. hosi1709 sagt:

    Vor 10 Jahren wurde ich beruflich „entsorgt“, um dann nach einigen Experimenten das zu versuchen, über das ich die letzten Berufsjahre theoretisiert hatte: E-Learning, Online-Lernen oder wie immer man es nennen möchte.

    Vor 8 Jahren haben wir zu Viert dann unsere ehrenamtliche Arbeit mit Senioren-Lernen-Online gestartet und hatten dabei wohl in erster Linie Menschen in unserem Alter im Blick.

    Heute bin ich 70 und habe Online-Kontakt mit Menschen von 40 bis fast 80. Das ist „generationsübergreifend“ und solche punktuellen Erfolge gibt es viele, doch das bewegt noch keine Gesellschaft!

    Hier gilt es anzusetzen, denn bereits im Berufslebens muss es normal sein, dass ein Teil der personalen Ressourcen auch für „freiwilliges Engagement“ eingesetzt wird. Es muss in einem Unternehmen z.B. normal sein, dass ein 50jähriger nur dann weiter auf der Leiter des Erfolges hinaufklettert, wenn er einen Jüngeren betreut/coacht. Damit wird dann der Grund für spätere Win-Win-Situationen gelegt und damit werden dann auch gesellschaftliche Änderungsprozesse angestoßen.

  6. cspannagel sagt:

    Vielen Dank für eure Kommentare, die mich alle in meiner Position bestärken.

    @Jean-Pol Du bist für mich natürlich der Prototyp des im Netz lernenden Seniors.🙂 Insofern werde ich dich auf jeden Fall als Beispiel anführen. Ich hoffe sehr, dass ich auch dein Video zeigen kann…

    @alle Genau: Das Netz kann dabei helfen, Verbindungen zwischen Menschen in eigentlich separaten bzw. ungerechtfertigterweise separierten Bereichen zu knüpfen (deswegen ja auch „Netz“). Eine ganz große Chance für die Bildung eines Neuronennetzes zwischen Menschen ALLER Generationen!

    @hosi Hey, wir haben auch Online-Kontakt, und ich bin noch nicht 40!! :-))

  7. @Christian
    Schön, dass du mich so motivierst! Als Prototyp würde ich mich nicht ganz bezeichnen, denn Hosi1709 und Herbert Schmidt waren schon viel früher dran, beim Seniorenmobilisieren! Wichtig wäre, dass die Gesellschaft einen gleitenden Übergang für Ältere schafft. Denn, wie schon gesagt, ohne Hilfe ist es sehr schwierig, im „Geschäft“ zu bleiben und sein Aktivitätsniveau zu halten.

  8. […] Lernen im Web 2.0 In einem ganz spannenden Artikel beschäftigt sich Christian Spannagel mit den Möglichkeiten des Web 2.0, Mauern zwischen den […]

  9. […] Januar 31, 2010 von cspannagel Eine wirklich sehr anregende Veranstaltung war die Tagung zum Lebenslangen Lernen der Landesstiftung Baden-Württemberg am letzten Mittwoch! […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s