Pacman und die bösen Geister

Veröffentlicht: Samstag, April 3, 2010 in Teaching

Schülerinnen und Schüler bzw. Studierende haben oft Angst vor Mathe-Klausuren, selbst wenn sie gar nicht schlecht in Mathe sind. Oft berichten sie, dass sie schon einmal die Erfahrung gemacht haben, dass sie bei einer Aufgaben (meist einer der ersten) nicht recht weiter wussten und dadurch in Panik geraten sind. Dann konnten sie auch die anderen Aufgaben nicht lösen, obwohl sie – später festgestellt – gar nicht so schwer waren.

Eigentlich muss man in solchen Klausuren einen kühlen Kopf bewahren. Man muss versuchen, möglichst viele Punkte in der gegebenen Zeit zu sammeln. So empfehle ich meist, zu Beginn der Klausur zunächst auszurechnen, wie viel Zeit man für eine Aufgabe verwenden darf. Wenn eine Klausur beispielsweise 90 Minuten dauert, und wenn man insgesamt 90 Punkte erzielen kann, und wenn es auf eine Aufgabe 10 Punkte gibt, dann darf man folglich nur in etwa 10 Minuten damit verbringen. Wenn man wesentlich mehr Zeit für diese Aufgabe braucht, dann sollte man damit aufhören und zur nächsten übergehen, denn hier kann man wahrscheinlich effizienter Punkte sammeln. Man kann ja, wenn man am Schluss noch Zeit hat, zu der begonnenen Aufgabe zurückkehren. Meist klappt das natürlich nicht, aber man hat eine Strategie verwendet, mit der man möglichst viele Punkte gesammelt hat.

Als Bild, das man sich während einer Matheklausur vor Augen halten kann und das die Strategie sehr schön veranschaulicht, ist Pacman. Pacman muss auch Punkte sammeln, und natürlich wählt er den Weg, auf dem es auf ungefährliche Weise viele Punkte zu sammeln gibt. Wenn aber ein böser Geist kommt (= Aufgabe, die man nicht lösen kann), dann sollte man einen anderen Weg einschlagen und dort Punkte weiter sammeln.

(Bild von Aaron_M)

Mir persönlich hat das Bild in meiner eigenen Studienzeit sehr geholfen. Ob es anderen auch hilft, hab ich bislang noch nicht überprüfen können.🙂 Kennt ihr ähnliche Bilder bzw. Empfehlungen für Personen, die Angst haben, durch eine schwierige Aufgabe in Panik zu geraten?

Kommentare
  1. scheppler sagt:

    Das ist wohl das klassische Blackout-Syndrom, das jeder kennt.
    Die ideale Lösung wird es wohl nicht geben, sonst gäbe es das Phänomen wohl nicht mehr in der Häufigkeit.

    Eines kann man aber wohl als Lehrer beachten: Selber keinen Stress erzeugen. Ich gebe gerne vor der Arbeit nochmal ein paar Minuten, um miteinander „warm“ zu werden. Also kein: „Hefte raus, los geht’s“. In dieser Phase dürfen die Schüler sich auch noch Tipps geben. Wichtig, damit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, keine Fragen mehr stellen – das verwirrt womöglich andere Schüler.

    In einigen Fällen habe ich auch mal Frage-Kärtchen verteilt (vorher mit den Schülern abgesprochen). Während der Arbeit kann man diese einsetzen und bekommt von mir dann konkrete Hilfe (ohne Punktabzug – aber die Karte ist dann weg). Am Ende hatten noch erstaunlich viele Schüler ihre Karten – und waren entsprechend stolz drauf. Aber sie hatten während der Arbeit auch die Gewissheit/Beruhigung, dass sie Hilfe bekommen, wenn sie welche brauchen (Aussetzer/Blackout).

    Ich finde dies ein sehr schwieriges Feld und ich glaube, man muss seine Lerngruppe oder einzelne Schüler gut kennen, um richtig helfen zu können.

  2. cspannagel sagt:

    @scheppler Ganz große Klasse! Das muss ich auch unbedingt bei Klausuren machen: am Anfang etwas Luft lassen. Die Idee mit der Karte ist auch super. Ob ich sowas mal bei einer Klausur an der PH machen kann?

    Und: Inwiefern lässt du die Schüler vor Beginn sich gegenseitig Tipps geben? Haben sie da die Arbeit schon vor sich liegen? Ist das eine offene „Ihr dürft jetzt alle Tipps geben“-Runde, oder wie läuft das ab?

  3. scheppler sagt:

    Ja, es ist eine offene Runde. Die Schüler „lernen“ ja oft noch bis zur letzten Sekunde. Sie sind also ziemlich „drin“ im Thema. Die Tipps sind ganz unterschiedlich – inhaltlich aber auch strategisch. Besonders nett fand ich mal den Tipp, man solle nicht alles am Anfang trinken, da man sonst am Ende Durst hat. Ziel erreicht: alle haben herzhaft gelacht und es konnte losgehen.

    Ich würde die Klausur nicht austeilen, da dann einige Schüler sofort einen Tunnelblick kriegen und nicht mehr ansprechbar sind. Das verdirbt die gemeinsame Stimmung. Das ist eher eine Befürchtung – probiert habe ich es noch nicht.

  4. spiegleh sagt:

    Aus der Perspektive eines Studenten kann ich sagen, dass das „anfängliche Luft lassen“ vor einer Klausur mich persönlich nervöser machen würde, wenn es zu lange dauern würde. Für mich ist es eine unangenehme Situation im Vorlesungssaal auf seinem Platz zu sitzen und zu warten bis es los geht; Hektikt hat aber den gleichen Effekt! Ich glaube man sollte ein gesundes Mittelmaß finden. Allerdings hatte ich bisher auch keine Angst vor Klausuren, sondern ich wollte so schnell wie möglich mein Wissen Preis geben😉 und den Zustand der Konzentration und gewissen Angespanntheit aufrecht erhalten. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass Studenten/Schüler, die Prüfungsängste haben, entspannter und sich vielleicht sicherer fühlen werden.

  5. CS sagt:

    Die Idee mit der Karte ist auch super. Ob ich sowas mal bei einer Klausur an der PH machen kann? –> Das klingt gut, wäre sicher eine Erleichterung für viele Studenten und führt bestimmt zu größerer Sicherheit.

    “anfängliches Luft lassen” vor einer Klausur würde mich auch nervöser machen. Für mich ist das Warten vor einer Prüfung mit das Schlimmste. Ich persönlich kann dann nicht mehr klar denken und überlege mir höchstens „Fluchtwege“.
    Außerdem bezweifel ich, dass sich viele SuS gegenseitig helfen, der Konkurrenzkampf ist oft zu groß. Oft fragen sich die Schüler gegenseitig, was sie alles gelernt haben (so war das zumindest bei uns) und vergleichen sich einfach nur miteinander. Aber am Ende ist man noch mehr verunsichert.
    Vielleicht sollte man im Vorfeld eine gemeinsame Vorbereitung der Schüler auf Klausuren bzw. Klassenarbeiten stärker anregen.

  6. scheppler sagt:

    @cs
    Genau aus diesem Grund sollten die anfänglichen Minuten keine Fragen zulassen. Das verwirrt tatsächlich.
    In dem Moment, wo in einer Klasse in solcher Konkurrenzkampf herrscht, dass man sich gegenseitig nicht hilft oder gute Noten gönnt, ist schon weit vorher etwas schief gelaufen. Das würde ich nicht dem hier diskutierten Black-Out anlasten, es sei denn, dass die Black-Outs aus dieser Klassengemeinschaft resultieren. Dann ist aber selbst ein Karten- oder Beruhigungssystem hinfällig.

  7. CS sagt:

    @scheppler: Nein, das glaube ich nicht unbedingt, dass Black-Outs aus schlechten Klassengemeinschaften resultieren, das wäre schon sehr extrem.
    Aber mich würde es sehr interessieren, ob diese Aufwärmphase etwas bringt und ob die Schüler sich wirklich so gegenseitig helfen und auch daran halten, keine Fragen zu stellen. Dies geschieht ja eher schon, bevor der Lehrer überhaupt anwesend ist.

    Generell würden mich präventive Maßnahmen interessieren, denn man liest ja hauptsächlich, was man bei einem eingetretenen Black-Out machen kann, z. B. bestimmte Atemtechniken zur Beruhigung anwenden. Außer den bereits genannten Methoden, kann man bestimmt noch mehr tun, um Black-outs vorzubeugen.
    Meiner Meinung nach ist es sowieso ein sehr individuelles Problem, weil es ja auch von der bisherigen Lernbiografie abhängt, und dadurch ist mehr Einzelberatung erforderlich.

  8. cspannagel sagt:

    @scheppler Das heißt, du lässt die Schüler sich gegenseitig Tipps zum Thema im Allgemeinen geben, ohne dass sie in die Klausur reinschauen, richtig?

    @spiegleh Genau – das gesunde Mittelmaß ist immer ein gutes Prinzip. „virtus in medio“

    @CS Mich würde auch interessieren, wie genau diese Aufwärmphase aussieht, was Schüler dort sagen usw. @scheppler: Kannst du das evtl. noch näher beschreiben?

    @CS Vorbeugung von Blackouts – das würde mich auch interessieren. Vielleicht hat jemand noch Hinweise?

  9. 1000sunny sagt:

    Hi,

    zur Matheangst und Matheprüfungen fiel mir spontan diese Studie ein:
    http://www.psychologytoday.com/blog/freedom-learn/201003/when-less-is-more-the-case-teaching-less-math-in-schools

    Sie ist zwar schon betagt, aber die Erkenntnisse halte ich für immer noch aktuell. Ich glaube aber nicht, dass es irgendwann mal ein deutscher Bildungspolitiker umsetzen wird.

  10. cspannagel sagt:

    @1000sunny Danke für den Linkhinweis. Ein klares Plädoyer für eine Position, die ich auch schon länger vertrete: Weniger Inhalte ins Curriculum packen, sondern mehr die Prozesse fokussieren – „das Denken lehren“.

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