Phoenix aus der Asche

Veröffentlicht: Mittwoch, Mai 12, 2010 in Uncategorized

Grenzerfahrungen sind für eine Sache besonders gut: Für die Rekonzeptualisierung des eigenen Selbst. Nach meinem kompletten Ausstieg aus der permanenten Vernetzung und in Verbindung mit den damit einhergehenden Zweifeln an liebgewonnenen Prinzipien habe ich begonnen, alles zu hinterfragen, was mir bislang selbstverständlich und einleuchtend erschien. Wenn man so will, bin ich in einen sokratischen Dialog mit mir selbst eingestiegen. Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Sartre hat einmal in einem Interview gesagt: „Das Hier und Jetzt ist ein Zustand, den ich immer als provisorisch angesehen habe und den ich hinter mir lassen möchte. Ich halte da an einer Kindheitsillusion fest, der Vorstellung, dass man immer noch ein besserer Mensch werden kann. Ich sage mir, dass ich ein paar Bücher geschrieben habe, aber dass ich nicht mehr ich selber bin, wenn ich mich verpflichtet fühle, die in diesen Büchern vertretenen Ideen zu verteidigen, wenn die Dinge sich inzwischen geändert haben.“ So in etwa denke ich über Aspekte in Texten wie Öffentliche Wissenschaft: Eine Bastelanleitung und im Twitter Tip Sheet How an open scientist can use twitter.

Neben der permanenten Vernetzung hinterfrage ich mittlerweile insbesondere meine Haltung gegenüber Forschungsmethoden. Diese Überlegungen begleiten mich schon eine ganze Weile. Jetzt nagen sie an mir.

In meinem Studium und in meiner Promotion habe ich mich intensiv in die Methode des psychologischen Experiments eingearbeitet. Nach Wilhelm Wundt zeichnet sich ein Experiment durch drei Eigenschaften aus: Willkür, Wiederholbarkeit und Variierbarkeit (die drei W’s; alter Witz). Dadurch erlaubt das Experiment Rückschlüsse auf kausale Zusammenhänge. Der Experimentator ist dabei außerhalb des Geschehens. Ihm obligen die Steuerung und die Beobachtung des experimentellen Vorgangs. Dabei ist er aber externe Entität, also nicht selbst Teil des Geschehens. Insbesondere die Wiederholbarkeit des Experiments sichert dabei die Objektivität, weil auch andere Experimentatoren in ähnlichen Konstellationen idealerweise zu denselben Ergebnissen kommen sollen. Wenn die interne Validität des Experiments hoch ist, wenn also alles so sauber durchgeführt wird, dass Veränderungen in den abhängigen Variablen (z.B. Lernerfolg) auf die Variation der unabhängigen Variablen (z.B. Unterrichtsmethode) zurückzuführen sind, dann leidet oft die externe Validität, das heißt die Übertragbarkeit auf andere Situationen und den „Alltag“. Praktiker fragen hier oft nach der praktischen Relevanz der experimentell gewonnenen Ergebnisse. Lange habe ich das Experiment für die Königsmethode gehalten, und ich habe als Pädagoge neidisch auf die Psychologie geschaut. Ich fragte mich oft, weshalb die Pädagogik der Psychologie methodisch hinterherhinkt, und ich habe es begrüßt, dass sich immer mehr Pädagogen an den Methoden der Psychologie orientieren. Eine Übertragung der experimentellen Methode auf die Unterrichtsforschung lag nahe, wie man in den Artikeln zu Versuchsplänen mit Messwiederholung nachlesen kann (hier und hier). Auf die Hermeneutiker habe ich immer mit einem Lächeln, gespickt mit ein wenig Überheblichkeit, geschaut, wohl wissend, dass auch dieser Ansatz „eine gewisse“ Bedeutung hat.

Mit dem Einstieg in die hochschuldidaktische Forschung, insbesondere im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt SAiL-M, habe ich mich intensiver mit dem Ansatz der Aktionsforschung auseinandergesetzt. Aktionsforscher wollen keine allgemein gültigen, kausalen Zusammenhänge aufdecken, sondern eine konkrete Situation verbessern. Was liegt näher, als diesen Ansatz in der eigenen Lehre einzusetzen? In der Regel möchte man ja die Qualität der eigenen Lehrveranstaltungen heben. Idealerweise macht man dies nicht irgendwie, sondern theoretisch fundiert und systematisch reflektierend. Ich war wenig überrascht, dass auch Jean-Pol Martin diesen Forschungsansatz im Kontext von Lernen durch Lehren (LdL) seit mehreren Jahrzehnten verfolgt. Ähnliche problemlösende Ansätze sind unter den Begriffen design experiment und design-based research (beispielsweise in einem Artikel von Gabi Reinmann beschrieben) bekannt. Seit meiner Beschäftigung mit Aktionsforschung hadere ich mit meinen damaligen Überzeugungen von der Überlegenheit des Experiments (Vortragsaufzeichnung). Aktionsforschung finde ich sympathisch, weil man als Lehrender in mehr oder weniger kurzen Feedbackschleifen Rückmeldung über die Wirksamkeit von pädagogischen Interventionen erhält und daraufhin seinen Handlungsplan modifizieren kann (wie gesagt, immer theoriebasiert). Wichtig dabei ist, dass man sich immer wieder aus der Rolle des Lehrenden auf eine „Metaebene“ begibt, als Forscher die gewonnenen Erkenntnisse reflektiert und Konsequenzen für das weitere Vorgehen beschließt.

Neben der Frage von Michael Kerres, ob denn die Bildungsexpedition Forschung ist, bin ich jetzt neuerdings mit dem Selbstexperiment konfrontiert. Gabi Reinmann äußert prompt in einem Kommentar den Wunsch, dass auch dem Selbstexperiment in der Forschung eine gewisse Bedeutung zugebilligt werden sollte. Klar ist: Das Selbstexperiment darf nicht auf die persönliche Erfahrungsebene beschränkt bleiben, sondern jetzt ist es an mir (und uns), die Erfahrungen mit der permanenten Vernetzung zu konzeptualisieren und in die weitere Arbeit einfließen zu lassen.

Kann ein Experimentator (im obigen, psychologisch-methodischen Sinne) seinen Forschungsgegenstand so tief verstehen wie jemand, der ein Selbstexperiment durchgeführt hat? Besteht nicht gerade beim psychologischen Experiment die Gefahr, irrelevante Fragen zu beantworten? Ist das Selbstexperiment im Gegensatz dazu zur Beschränkung durch Subjektivität verdammt? Welchen Erkenntniswert hat welche Methode?

Tragisch ist, dass der pädagogische Wissenschaftsbetrieb die quantitativen Methoden immer mehr präferiert. TIMSS, PISA uns die ganze Kompetenzmesserei sind ein Zeugnis davon, und mein gefühlter Eindruck ist, dass im Bildungsbereich auch bei Forschungsanträgen diejenigen präferiert werden, die genau diesen Forschungsparadigmen folgen.

Manchmal gibt es Zufälle, von denen ich vermuten muss, dass es keine sind. Kurze Zeit nachdem ich meine permanente Vernetzung aufgegeben habe, flattert in mein Postfach ein Artikel von Rüdiger Görner (als Supplement zu einem „Forschung & Lehre“-Heft) mit dem Titel „Was hat der Mathematiker für ein Verhältnis zum Gewissen?“ Darin beschreibt er unter anderem Goethes Verhältnis zur Wissenschaft und zu objektiven Messmethoden. Görner schreibt auf Seite 13:

Goethe fordert praxis vom Wissenschaftler, Belehrung des Lebens durch das Lebendige, wie er sagt, und die Einsicht, dass „alles Faktische schon Theorie“ (HA 12, 432) sei genauso wie die Phänomene selbst bereits die Lehre seien. Warum diese Betonung auf dem Tun, dessen subtilste Variante für die Goethe die „zarte Empirie“ war (HA 12, 435), unter der ein „mit dem Gegenstand innigst“ Sich-identisch-Machen verstand? Weshalb dieser Zweifel am Sinn der Theoriebildung? Weil Goethes Naturverständnis, zu der auch die Natur des Menschen und die Natur des Geistigen gehörte, ethisch begründet war, wie Albert Schweizer als erster klar herausgestellt hat. Dies ergab sich für Goethe zum einen daraus, dass er von der Einheit des Göttlichen und des Natürlichen ausging; zum anderen, auch das hat Schweizer als erster gesehen, kannte Goethe bereits so etwas wie eine „Angst um den Menschen“.

Die Angst um den Menschen. In einem Gespräch mit einem sehr geschätzten Kollegen über meinen Ausstieg und über Forschungsmethoden gebrauchte er drei Tage zuvor die Formulierung „Es geht mir um den Menschen“. Alles Zufall?

Vernünftig ist meiner Ansicht nach folgende Einstellung: Alle Methoden haben gewisse Erkenntnisräume, und Räume haben Grenzen. Will ich als Bildungswissenschaftler Erkennismöglichkeiten nicht von vorneherein ausschließen, dann muss ich offen sein für eine Vielfalt an Methoden. Experimente sollten genauso zum Methodenrepertoire gehören wie Aktionsforschung, hermeneutische Methoden und Selbstexperimente. Überfordert dies Wissenschaftler? Oder ist ein breites Methodenrepertoire geradezu eine Notwendigkeit?

Gestern bin ich auf ein Buch gestoßen, dass meine Aufmerksamkeit auf sich zog: „Wahrheit und Methode“ von Gadamer. Zufall?

Kommentare
  1. jean-pol martin sagt:

    wodurch wurdest du motiviert, ja genoetigt, diesen intensiven zugriff auf die theorie vorzunehmen, wenn nicht durch den intensiven praxisschmerz? Erst durch die leidenserfahrung gewinnt die beschäftigung mit der theorie diese Tiefe und Qualität. Und nur im Selbstexperiment kann das vorläufige Scheitern eine derart existentielle Bedrohung bedeuten. Es kommt immer auf die Ansprüche an: du kannst kleine Laborexperimente durchführen, wirst gut schlafen können und unter deinen peers als sauberer Wissenschaftler anerkannt werden. Für die Paedagogik wirst du Belangloses produzieren und deine Adressaten, die lehrer, werden dich entsprechend verachten. Ich glaube du willst mehr.

  2. PS: Schade, dass du nicht mehr twitterst!:-))) Das würde die Kommunikation erleichtern. Das muss du jetzt nicht mehr exzessiv tun! Ein paar followers reichen auch, aber vielleicht dann die Richtigen!:-)))

  3. Oliver Tacke sagt:

    Ist das nicht „klar“, dass die Beherrschung mehrerer Methoden wünschenswert und sinnvoll ist? Aufgaben, Situationen und Untersuchtes unterscheiden sich nunmal und haben unterschiedliche Anforderungen. Was hier mit einem Literaturstudium zu bewältigen ist, erfordert da Experimente und anderswo vielleicht Befragungen. Und letztlich muss die Methode auch zum Wissenschaftler passen; dem einen mag beispielsweise Aktionsforschung liegen, dem anderen nicht.
    Wenn viele Methoden beherrscht würden, wäre das natürlich vorteilhaft, dann könnte man sich je nach Anforderung die beste aussuchen. Aber wer soll das alles können und jeweils die theoretischen Hintergründe kennen (Stärkem, Schwächen, …) und gleichzeitig auch noch mit jedem Verfahren genügend Erfahrungen gemacht haben? Das mag einer der Gründe sein, weshalb an Universitäten in der wissenschaftlichen Ausbildung – wenn überhaupt – eine Beschränkung auf vorherrschende Methoden eingegangen wird. Den Rest muss man sich selbst beibringen, so gut das geht.
    Vermutlich gilt auch hier, dass Kooperationen helfen können: Man sollte nicht nur den Austausch mit anderen Disziplinen suchen, sondern vielleicht manchmal auch bewusst nach Kollegen mit besonderen methodischen Kenntnissen Ausschau halten, um deren Perspektive nutzen zu können.

    Und was den „Zufall“ angeht: Ich glaube, dass liegt auch an selektiver Wahrnehmung: Dinge, die dem entsprechen, was einem durch den Kopf geht, erwecken eher unsere Aufmerksamkeit. Wenn ich mich mit Thema X beschäftige, fallen mir unterbewusst beim Schlendern durch einen Buchladen sicher ganz andere Bücher ins Auge, als wenn ich mich mit Thema Y befassen würde.

  4. Lieber Christian!

    Deine Gedanken haben sicherlich schon viele Lehrende durchlebt, die für die Wissenschaft brannten. Wichtig ist, dass Du den für Dich richtigen Weg herausfindest. Das ist nicht immer einfach.
    Ich wünsche Dir, dass Du nun vielleicht Deinen Mittelpunkt findest, der Dich erdet. Ständig fliegen ist nicht gesund, wie Du gemerkt hast. Natürlich verfolgen wir Deinen Blog weiter und nehmen großen Anteil.

    LG Anntheres.

  5. cspannagel sagt:

    @Jean-Pol Du hast mit allem recht, was du sagst. Allerdings finde ich es nicht ausreichend, ausschließlich diesen Weg zu gehen. Ich denke, ich werde versuchen, ein methodischen Poutporri in meiner Arbeit zu etablieren.

    @Oliver Ja, es ist klar. Aber kaum jemand löst sich von seinem forschungsmethodischen Ansatz. Nur durch Kooperationen andere Ansätze „hereinzuholen“ genügt nicht, denn meiner Ansicht sollten experimentell forschende Wissenschaftler auch stärker Eigenerfahrungen in ihre Fragestellungen mit einbringen. Aber vielleicht gibt es einen Mittelweg: Über Kooperationen, die gezielt Wissenschaftler mit anderen Ansätzen einbeziehen, kann man andere Forschungsmethoden kennen lernen und später dann vielleicht auch in der eigenen Arbeit anwenden. Zur selektiven Wahrnehmung: Sooooo gehäuft erlebe ich das selten. Aber das gehäufte Vorkommen dieser selektiven Wahrnehmung, das mag Zufall sein.😉

    @blogpateanntheres Ja, ich werde bestimmt meinen Mittelpunkt finden. Aber erst nach einer Zeit des Haderns – ich glaube, das ist wichtig.

  6. cspannagel sagt:

    @Oliver Nachtrag: Diese „Mix-Kooperationen“ wäre ja dann genau wieder ein Entgegenarbeiten gegen „groupthink“.

  7. m.g. sagt:

    Lieber Christian,
    Du weißt, ich mag diese totale Verlinkung nicht, deshalb hier noch mal das Zitat von Felix Klein:

    „Soll ich mich im allgemeinen Sinne über Pädagogik äußern, so will ich folgende Betrachtung vorausschicken: Man kann das pädagogische Problem mathematisch formulieren, indem man die individuellen Qualitäten des Lehrers und seiner n Schüler als ebensoviele Unbekannte einführt und verlangt, eine Funktion von (n + 1) Variablen F(x0,…,xn) unter gegebenen Nebenbedingungen zu einem Maximum zu machen. Ließe sich dieses Problem eines Tages entsprechend den bisher realisierten Fortschritten der psychologischen Wissenschaft direkt mathematisch behandeln, so wäre die (praktische) Pädagogik von da ab eine Wissenschaft, — solange das aber nicht der Fall ist, muß sie als Kunst gelten.“
    (F. Klein (1849 – 1926) in seinem Vortrag: „Über Aufgabe und Methode des mathematischen Unterrichts an Universitäten“)

    Was sagt uns das: Die Lehre steht und fällt mit der Persönlichkeit des Lehrenden. Insbesondere seinem Geschick, seiner Ausstrahlung, seiner Fähigkeit, auf den Lernenden einzugehen, ist der Lernerfolg zu verdanken.
    Ich weiß, die pädagogische Forschung sieht das anders. Ist es ein Zufall, dass man in der pädagogischen/didaktischen Forschung sehr häufig auf Personen trifft, die eine Schule besser nicht als Lehrer betreten?
    Wir schaffen es nicht einmal, so etwas vergleichsweise Profanes, wie eine Volkswirtschaft mathematisch exakt zu modellieren. Aber wir sind im festen Glauben daran, das uns das bezüglich der Bildung gelingt.
    Jeder Künstler bedarf auch eines gewissen Fundus an werkzeuglichen Fähigkeiten. An diesen wird er herumexperimentieren wird bestrebt sein, sie zu vervollkommnen. Was ist Deine Aktionsforschung anderes?
    Lieber Christian, da ich Dich weder über Twitter (Du weißt, bevor ich twittere trinke ich eher ein alkoholfreies Weizen) noch über einen Webblog oder derartigen Kram sondern persönlich kenne, weiß ich, dass Dir die Gnade zuteil wurde, ein guter Lehrer zu sein. Fühl Dich doch einfach mal wieder mehr als Künstler, denn als Wissenschaftler. Erfreu Dich daran, wie Du bei den Studierenden Begeisterung für den Lerngegenstand wecken kannst. Die Forschung im Sinne der Verbesserung des Handwerzeugs kommt ganz nebenbei dazu.
    Ich bin ganz bestimmt kein Anhänger der antiautoritären Erziehung. Im Sommer letzten Jahres kam mir ein kleines Reclambüchlein von einem der Altvorderen der antiautoritären Erziehung in die Hände: Summerhill von A.S. Neill. So wie Du mich kennst, weißt Du sicherlich, dass die Bezeichnung „in die Hände kommen“ übertrieben ist. Ich habe es mit spitzen Fingern angefaßt kommt der Sache näher. Aber ich habe es gelesen. Ein Freund der antiautoritären Erziehung bin ich immer noch nicht und dabei wird es wohl auch bleiben. Aber das Büchlein von A.S. Neill nötigte mir eine unglaubliche Achtung vor diesem Pädagogen ab. Es gibt keine im heutigen Sinne wissenschaftliche Ausführung, die A.S. Neill geschrieben hätte. Entsprechendes findet man auch nicht bei dem großen russischen Pädagogen Makarenko. Merkwürdig? Eher wohl nicht, wenn man begreift, dass pädagogische Tätigkeit Kunst ist.
    Ich glaube es ist sinnvoller, unsere Kraft dahingehend einzusetzen, junge Menschen für diese Kunst zu begeistern, als sie für eine Pseudowissenschaft zu verschwenden.
    Liebe Grüße
    Micha

  8. DaoH sagt:

    Gestern bin ich auf ein Buch gestoßen, dass meine Aufmerksamkeit auf sich zog: „Wahrheit und Methode“ von Gadamer. Zufall?

    Sicher nicht. Wenn ich mich beispielsweise für ein bestimmtes Auto interessiere, dass ich kaufen will, sehe ich plötzlich jede Menge dieser Autos, die ich vorher nicht oder kaum wahrgenommen habe. Wenn ich es dann gekauft habe, verstärkt sich dieser Effekt noch.

  9. apanat sagt:

    Sehr viele Methoden einsetzen ist freilich etwas Ähnliches wie auf ganz vielen Kanälen twittern. Du wirst es können, aber dann reflektieren müssen, welche für dein Erkenntnisinteresse die wichtigsten sind.

  10. apanat sagt:

    Wie weit muss es mit mir gekommen sein, wenn ich schon „twittern“ statt „kommunizieren“ schreibe?

  11. cspannagel sagt:

    @Micha Pädagogik als Kunst – da steckt eine tiefe Wahrheit drin. In gewisser Weise hat das auch etwas mit Komplexität zu tun: Unterrichtssituationen sind höchst komplex. Intuition, Gespür und Fantasie helfen dabei, sie zu meistern. Rationale Modelle sind hierfür weniger geeignet. Lernen und Lehren spielt sich vor allem im Zwischenmenschlichen ab, und das wird bei dem Versuch, kausale Modelle als Maßstab anzulegen, sträflich missachtet.

    Und dennoch: Ich möchte nicht den Anspruch an die Wissenschaftlichkeit der Kunst „opfern“. Die Pädagogik lebt auch von Theorien, von Modellen, von Hypothesen und – letzendlich am wichtigsten – von Fragen. An die Beantwortung unserer Fragen sollten wir auch (!) mit wissenschaftlichen Methoden herangehen. Vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass Pädagogik Kunst und Wissenschaft zugleich ist?

    @DaoH Ja, klar. Nur: Wenn du dich für ein bestimmtes Auto interessierst und das dann auch noch am nächsten Tag vor deiner Tür steht, dann ist das schon seltsam. (Vergleiche mit dem Artikel in meinem Postfach)😉

    @apanat Ich musste wirklich kurz lachen wegen deines „Freudschen Versprechers“. ;-))

  12. @christian
    „Und dennoch: Ich möchte nicht den Anspruch an die Wissenschaftlichkeit der Kunst „opfern“. Die Pädagogik lebt auch von Theorien, von Modellen, von Hypothesen und – letzendlich am wichtigsten – von Fragen. An die Beantwortung unserer Fragen sollten wir auch (!) mit wissenschaftlichen Methoden herangehen. Vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass Pädagogik Kunst und Wissenschaft zugleich ist?“
    – 100% einverstanden! Und ohne Theorie, das kann ich bestätigen, funktioniert das nicht. Was Christian gerade tut, ist mit Hilfe von Theorien seine praktischen Erfahrungen der letzten Monaten einzuordnen und aufzuarbeiten (also zu konteptualisieren), nicht nur für sich, sondern für uns alle! Da könnte man sogar Kant bemühen: „Begriffe ohne Anschauungen sind leer“, aber auch: „Anschauung ohne Begriffe ist blind“. Und das möchte ich stark betonen: ich besfasse mich mit Christian recht intensiv die letzte Zeit, gerade weil er stellvertretend für viele Erfahrungen gesammelt hat, über die auch ich stark nachdenke. Wenn er seine Erlebnisse nicht konzeptualisieren und uns dabei einbeziehen würde (indem er z.B. seine Zugriffe auf die Philosophie schildert), hätte ich mich schnell anderen Inhalten zugewandt, weil der Reflexionsstoff ausgegangen wäre.

  13. Adi Kreft sagt:

    Warum wird alles zerlegt?
    Warum müssen Gefühle wissenschaftlich begründet werden?
    Warum sollen andere Menschen meine Gefühle nachleben müssen/dürfen?
    Wo ist die Zone des „Nichterklärenkönnensoderwollens“?
    o sind die Quantensprünge des Tuns ohne Verfolgung der Logik?

    Schönes fühle ich, jeglicher Versuch das Schöne in Worte zu verkleiden, zerstört es….

    Beifall klatschte ich bei Christians Entscheidung.
    Warum?
    Nicht weil ich etwas gegen twittern habe oder gegen Web 2.0 etc. wäre. Im Gegenteil. Ich mag diese Welten.

    Hierbei durchlaufe ich verschiedene indifferente Phasen von fast „Sucht“ bis nicht beachten – für immer oder vorübergehend…..

    Im Facebook bin ich angemeldet … und es langweilt mich. Also lasse ich es links liegen.

    Bei Twitter habe ich viel Müll gelesen und genausoviel Interessantes. Umgekehrt habe ich mich sicher auch genauso als Produzent verhalten. Und? Seit Wochen lege ich dort Pause ein. Wie lange? Keine Ahnung.

    Christian habe ich gratuliert, weil er seiner inneren Stimme folgte. Covey mit seienem exzellentem Buch „Der 8.Weg“ läßt grüßen…..

  14. m.g. sagt:

    Natürlich bedarf es auch in der Pädagogik wissenschftlicher Methoden. Ich wäre allerdings in vielen Fällen schon mit dem Einsatz des gesunden Menschenverstands zufrieden. Dann würde es mich noch freuen, wenn denn mal wirlich kritisch hinterfragt werden würde.
    Ihr jüngeren Leute seid wissenschaftlich mit dem Axiom groß geworden, dass Frontalunterricht ja wohl das Übelste ist, was man sich vorstellen kann. Eigentlich kommt Frontalunterricht gleich nach Atomkrieg.
    Naja, Axiome hinterfragt man nicht. Aber vielleicht kommt dann ja doch wieder eine Generation die das tut.
    Du möchtest die Wisenschaftlichkeit in der Pädagogik nicht missen? Fang klein an und schmeiße aus Deinen Beiträgen alle sinnlosen Fremdwörter raus. In Ermangelung wirlicher Substanz neigt der „wissenschaftliche“ Pädagoge häufig zur wissenschaftlichen Verbrämung von Allgemeinplätzen. Für Trivialitäten braucht man mindestens 5 Schachtelsätze und n! Fremdwörter, die möglichst nur der Eingeweihte kennt. Solange wie die Pädogische Forschung auf diese Weise versucht Wissenschaftlichkeit zu simulieren, wird sie nicht wirklich wissenschaftlich werden.
    Wissenschaftlichkeit in der Pädagogik? Gerne! Dafür ist es m.E. vor allem nötig, ideologische Barrieren in Form eines Pseudogutmenschentums aus der Forschung rauszuschmeißen: Wir möchten alle Schüler optimal fördern. Weil wir das möchten muss auch alles was wir machen gut sein.
    Wie auch immer: Lieber Metallica im Rockkonzert 1.0 als Bushido interaktiv in Battle 2.0.

  15. Zum einen wollte ich kurz sgen, dass ich den diesem Beitrag vorhergehenden Beitrag sehr lesenswert fand (und auch gleich mal dazu getwittert habe). Also die Frage Vernetzung als Ideologie, Technik als Tool bzw. als Selbstzweck usw.

    Zum anderen wollte ich, wenn du gerade dabei bist, Aktionsforschung zu entdecken, den Versuch vagen, nein wagen, auf das qualitative Paradigma der Grounded Theory hinzuweisen (in meinem Fall eher Strauss/Corbin als Glaser). Die ist ja gerade aus dem Wunsch heraus entstanden, gegenüber dem Experimentierparadigma und dem Messparadigma einen systematischen und einigermaßen kontrollierten Weg qualitativer Forschung zu ermöglichen. Ob Grounded Theory diesen Anspruch immer einhält, kann sicher diskutiert werden. Als kontrastierendes Beispiel für „Wissenschaft kann auch ganz anders vorgehen“ wäre Grounded Theory vielleicht einen Blick wert.

  16. Oliver Tacke sagt:

    @m.g.
    Das ist nun zwar abseits vom eigentlichen Thema, aber ich möchte die Aussage zum „Frontalunterrichtsaxiom“ nicht unkommentiert stehen lassen. Dozentenzentrierte Phasen haben durchaus ihre Berechtigung, entspringen letztlich aber zu großen Teilen dem Behaviorismus. Der geht grob gesagt davon aus. dass es bestimmte Reize gibt, die bei allen zu einer bestimmten Reaktion führen. Diese Vorstellung ist nicht komplett überholt, wurde aber in der Psychologie (gestützt von der Hirnforschung) von anderen Paradigmen abgelöst. Auf die Pädagogik übertragen bedeutet Frontalunterricht das gleichförmige „Füllen von Gehirnen“ mit dem Ziel, das später reproduzieren zu können, aber nicht mehr. Schaut man sich nun an, dass diese Methode die vorherrschende an Universitäten ist, überkommt mich in der Tat ein Grausen. Und ja, das hat auch etwas mit Menschenbildern zu tun. Genauso, wie man sich in der BWL von einem mechanistischen Menschenbild eines Frederick Taylor gelöst hat, dass Arbeitskräfte als zu optimierende Ressource ansah, ist es auch hier. Wer mehrheitlich auf Frontalunterricht setzt, verkennt den Menschen in den Lernenden.

    Wie eingangs erwähnt: Dennoch haben auch dozentenzentrierte und auch Frontalphasen ihre Berechtigung. Es kommt auf eine angemessene Balance an.

    Christian nutzt übrigens als eine Art Klammer für das aktive Plenum ebenfalls Frontalphasen (zumindest in den Veranstaltungen, die ich besucht habe) – das war eigentlich der Auslöser dafür, dass ich an dieser Stelle einhaken wollte…

  17. Anna sagt:

    @cspannagel: Ich finde deinen Beitrag und die Kommentare hier sehr spannend, weil sie ungefähr das abbilden, was mir seit Beginn meiner eigenen Forschungstätigkeiten ständig den Kopf verdreht…🙂

    Streben wir in der Forschung durch all die genannten Methoden nach Erkenntnis / nach objektivem Wissen und versuchen gleichzeitig in der Lehre häufig die konstruktivistische Sicht zu vertreten, dass Wissen subjektiv ist? Wie können wir diesen Widerspruch auflösen?

    @m.g.: Ich finde den Vergleich der Lehre mit Kunst hervorragend, habe aber auch eine Frage zur Aussage:

    „Was sagt uns das: Die Lehre steht und fällt mit der Persönlichkeit des Lehrenden. Insbesondere seinem Geschick, seiner Ausstrahlung, seiner Fähigkeit, auf den Lernenden einzugehen, ist der Lernerfolg zu verdanken.“

    Eine sehr lehrendenzentrierte Sicht… Von der Vorlesung bis zum Problemorientierten Lernen: Steht und fällt der Lernerfolg nicht eher mit den Lernenden selbst?

  18. m.g. sagt:

    @Anna: Natürlich polemisiere ich. Gern erinnere ich mich an eine meiner Unterrichtsstunden zum Umkreis von Dreiecken (Klasse 6): Klara ist Landschaftsgärtnerin und soll den Garten so umgestalten, dass ein kreisförmiger Weg an den 3 Eichen, die in der Mitte des Gartens wachsen, vorbeiführt. Reaktion der Schüler: Sind wa Järtner oder wat. Die Stunde war gelaufen.
    Wenn ich hier doch etwas stärker auf die Rolle des Lehrenden hingewiesen habe, dann weil mir eine gewisse Tendenz Angst macht: Wenn sich also Lernen aus der Person des Lernenden bzw. aus der Gruppe der Lernenden selbst organisiert, dann braucht es doch eigentlich nicht des klassischen Lehrers, sondern eher einer Person, die eine Lernumgebung verwalten kann. Bezüglich einer klassischen nicht virtuellen Umgebung brauchen wir vor allem eine Ausbildung zur Organisation von Karteikästen. Was virtuelle Umgebungen anbelangt bedarf es der Fähigkeit mit 10 Fingern tippen zu können (das ist immer sehr wichtig für die Leute aus dem Ministerium) und noch weiterer Dinge, die wir noch nicht so genau kennen und deshalb mal Kompetenzen „xyz“ nennen wollen. Bei Lichte gesehen reicht hierfür wirklich ein Schmalspurstudium entsprechend Bologna aus. Aber das Wichtigste: Jetzt können wir richtig sparen, denn Karteikästenverwaltung mit A13 bezahlen?

    @Oliver Tacke
    “ … Auf die Pädagogik übertragen bedeutet Frontalunterricht das gleichförmige „Füllen von Gehirnen“ mit dem Ziel, das später reproduzieren zu können, aber nicht mehr. …“
    Danke für die Bestätigung, dass die Vorstellungen bezüglich frontaler Methoden ziemlich ideologisch angehaucht sind. Ein wenig was anderes als das gleichmäßige Befüllen von Gehirnen ist das schon, was ich in meinen frontalen Veranstaltungen versuche. Nichts liegt mir ferner, als Reproduzierbarkeit von Fakten zu generieren. Letzteres vor allem auch deshalb, weil eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Studierenden ihr Studium gerne auf dieses Reproduzieren reduzieren würde. Gerne lade ich Dich ein, sich die Sache mal anzusehen.

    @ alle
    Christian hatte mich um meine Meinung zu seinem Blogbeitrag gebeten. Ich komme den Bitten von Christian meist gern nach. Allerdings war dieses hier das erste mal öffentlich. Ein Versuch war es wert. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir benachbarte Arbeitszimmer haben, ist es irgendwie auch ein wenig spooky, sich über eine öffentliche Plattform die Meinung zu sagen. Lieber habe ich es doch, und jetzt kommt ein furchtbarer Begriff, F2F. Ich hab ein wenig in den Geschichten herumgestöbert, in die Christian so involviert ist. Dabei ist mir dieser Begriff, wie viele andere auch aufgestoßen. Aus dem guten alten kollegialen Arbeitsgespräch wird ein Treffen F2F. Sprache ist mächtig und welche Bezeichnung man für ein und denselben Begriff wählt auch immer ein wenig Ideologie!
    Wie auch immer, ich möchte definitiv ein Mensch bleiben und nicht ein Neuron in Systemen werden, die aus meiner Sicht zumindest unterschwellig sektenhaftes Potential haben.
    Ich weiß, das hat alles nichts mit dem Thema zu tun, weshalb ich mich hier auch verabschieden werde.

  19. cspannagel sagt:

    @Till Vielen Dank für den Hinweis auf die Grounded Theory. Ich habe diese Theorie einige Male in der Vergangenheit gestreift (und damit meine ich wirklich „gestreift“). Ich werde reinschauen und hab mir mal das Buch von Strauss/Corbin bestellt.

    @Oliver Frontalphasen im Behaviorismus zu verorten ist tatsächlich zu – entschuldige bitte – „naiv“😉. Behaviorismus hat etwas mit Reiz-Reaktions-Ketten zu tun und mit Konditionierung. Oft wird das fälschlicherweise (!) mit der Wahl frontaler Unterrichtsmethoden zusammengeworfen. Damit einher geht die Fehlvorstellung, „konstruktivistisches Lernen“ sei immer irgendwie „selbstentdeckend“, „handlungsorientiert“ usw. Die korrekte Sprechweise ist anders herum: Alles Lernen ist konstruktivistisch in diesem Sinne, dass wir gar nicht anders können als aus den aus der Umwelt aufgenommenen Informationen und unserem Vorwissen neue Bedeutungszusammenhänge zu (re)konstruieren. Diese externen Informationen können dabei durchaus auch aus frontalen Vorträgen kommen. Gutgemachte Vorträge können ein „wertvoller Informationsinput sein für konstruktivistische Denkvorgänge in den Zuhörern“. (klingt holprig, kriegs aber grade nicht besser hin)

    Meine Kritik an reinen frontalen Mathematikvorlesungen beruhen nicht auf einer „Behaviorismus schlecht Konstruktivismus gut“-Aussage, sondern sind ganz anders begründet. Ich sollte hier nochmal einen Beitrag dazu schreiben. Noch etwas dazu: Zu Beginn habe ich das aktive Plenum als Methode (!) zu exzessiv eingesetzt. Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, Vortragsphasen mit Phasen des aktiven Plenums abzuwechseln und dazwischen noch andere Methoden einzustreuen. Ich mag Methodenvielfalt in Vorlesungen, und das aktive Plenum ist eine sehr gute Methode für gemeinsames Problemlösen.

    @Anna Wissen ist nach konstruktivistischer Sicht (irgendwie kann ich das Wort „konstruktivistisch“ überhaupt nicht mehr leiden, es nervt irgendwie) durchaus nicht nur subjektiv, sondern wir können uns auch über unsere Konstruktionen austauschen und uns auf sinnvolle Konstruktionen einigen. Wissen ist eigentlich mehr „geteilt“ als rein subjektiv.

    @Micha Herzlichen Dank für deine Beiträge. Ich habe sie in dieser Diskussion als sehr wertvoll empfunden, und ich denke – und dass ist der Vorteil gegenüber den kollegialen Gesprächen, die ich auch sehr schätze – dass du mit deinen Beiträgen auch andere zum Denken angeregt hast (außer mich). Wenn du mich fragst, dann dürftest du dich deshalb gerade nicht verabschieden, sondern müsstest gerade zu vehement und aufdringlich deine Position in solche Diskussionen einbringen – denn deine Sichtweise fehlt oft, würde aber so mache „ideologische“ Position relativieren.

  20. Maik Riecken sagt:

    Gedankenexperiment – Hypothese:
    Es ist die Persönlichkeit des Lehrenden, von der gelingender Unterricht abhängt.

    Wissenschaftliche Fragestellung:
    Welche Persönlichkeitselemente sind dies?

    Das ist ein Zerlegen, welches Adi ja nicht so gerne möchte. Ich kenne aber genau dazu noch keine Untersuchung – ginge ja auch kleinschrittig, indem man sich das Kommunikationsverhalten als *Teil* der Persönlichkeit von Lehrpersonen genauer anschaut.

    Witzig:
    Jean-Pol ist bekennender Materialist. Ich nicht. Trotzdem kommen wir beide kommunikativ wahrscheinlich irgendwie ganz gut mit Schülerinnen und Schülern klar (behaupte ich jetzt einmal frech).

    Unwissenschaftlich:
    Schaut Pädagogik vielleicht mehr auf Verhalten und Psychologie mehr auf die Ursachen von Verhalten? Inwieweit ist die Ursache von Verhalten relevant für gelingenden Unterricht oder eben gerade nicht? Ist Verhalten messbar oder eher veränderbar im Sinne von mehr Zufriedenheit? Wenn ja, wie? Brauchen wir dann tatsächlich auch die Psychologie irgendwann?

    Mag sein, dass Pädagogik eine eher „weiche“ Wissenschaft ist, aber eine Wissenschaft, die für mich im Normalfall

    a) Bewusstsein schaffen sollte
    b) Zielvorstellungen formulieren sollte
    c) Konkrete Strategien für die Umsetzung erarbeiten sollte
    d) sie erproben sollte
    e) sie reflektieren sollte
    f) sie modifizieren sollte
    g) sie erproben sollte
    h) […]

    Ich habe das Gefühl, dass die momentane Bildungsdebatte seit Jahren irgendwo in der Mitte von b) aufhört. Immer schön deskribieren, anfangen, Sonnenaufgänge zu malen und sich gegenseitig durchs Bild zu pinseln und dann winseln, dass keiner das Bild mag.

    Was mich wirklich umtreibt:
    Wie kommen wir zu c) ff.? Kommen wir ohne Leid dorthin? Kommen wir gemeinsam dorthin?

    Gruß,

    Maik

  21. Oliver Tacke sagt:

    @m.g. @Christian
    Danke für die Kritik und die Präzisierung! Ich lerne gern dazu. Und vielleicht bin ich wirklich „naiv“.

  22. @Maik
    „Witzig:
    Jean-Pol ist bekennender Materialist. Ich nicht. Trotzdem kommen wir beide kommunikativ wahrscheinlich irgendwie ganz gut mit Schülerinnen und Schülern klar (behaupte ich jetzt einmal frech).“
    – :-))

  23. Ein Problem, das wir als Lehrer haben, ist dass wir nur selten Zugang zu den Denkprozessen erhalten, die sich in den Köpfen unserer Adressaten abspielen. Wir wissen nicht, was sie mit den Bausteinen, die wir liefern, anfangen. Wenn ich eine Vorlesung von 90 Minuten halte, bleiben die mentalen Operationen meiner Zuhörer für mich nicht einsichtig. Daher ist es schwer, mein Angebot an die Bedürfnisse meiner Studenten anzupassen und es kann durchaus sein, dass ich an ihnen permanent vorbeirede. Das aktive Plenum und die Twitterwall liefern uns einen Zugang zu diesen Denkprozessen. Mehr nicht, aber immerhin. Den größten Einblick in die Wirkung von Inhalten und didaktischen Maßnahmen auf der Gehirnebene meiner Adressaten erhalte ich durch den Einsatz der Methode Lernen durch Lehren. Da kann ich sehen, wie Wissen schrittweise und gemeinsam konstruiert wird, und da kann ich zeitnahe intervenieren, um Denkprozesse zu unterstützen, denn sie laufen ja direkt vor meinen Augen. Das ist ein wichtiger positiver Effekt von LdL. Und nicht der einzige. Ich glaube, das muss man nicht ideologisch sehen. Und auch Neuron ist nichts anderes als eine Metapher für Verhaltensweisen, die in vielen Kontexten von Vorteil sind. Ich bemühe mich nach wie vor, Neuronenverhalten einzusetzen, wo es mit angezeit erscheint.

  24. Lieber Christian,
    ich habe die Kommentare überflogen… deinen Text gelesen. Spontan: Vor der Veränderung kommt das Chaos. Das ist mehr als ein Spruch, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten!
    Deine Netzaktivität hat dir viele neue Gedanken geschenkt / ausgelöst. Jetzt stehst du da: klassische „Lehrenden/Bildungsgedanken“ und alles, was seit deiner öffentlichen Wissenschaft hinzugekommen ist.
    Nimm dir die Zeit, das zu verarbeiten, um es auf eine neue Stufe zu heben. Deine persönliche Stufe. Du entwickelst dich!
    Mach mal den Kopf frei, alles wissenschaftlich verarbeiten zu wollen/ müssen.
    Du entwickelst dich gerade weiter, du als Mensch… der Wissenschaftler bist du auch, aber das ist nur ein Teil von dir!
    Ich wünsche dir, dass du jetzt alles unter einem Dach vereinst – Christian geh weiter =)
    PS: Ja, das Bild des Phoenix aus der Asche ist ein schönes!

  25. @maik
    „Was mich wirklich umtreibt:
    Wie kommen wir zu c) ff.? Kommen wir ohne Leid dorthin? Kommen wir gemeinsam dorthin?“
    – Eines kann ich auf dem Hintergrund von 30 Jahren Erfahrungen, behaupten, das ich – dadurch empirisch kasuistisch belegt – alle von dir genannten Stufen von a) bis h)ff kontinuierlich durchgegangen bin. Und hier hat sich LdL als Methode stets bewährt. Von der ersten Stunde (1980) bis zur letzten (2009).

  26. Margret Ruep sagt:

    Jean-Pol hat angesichts einer Frage, die ich ihm gestellt habe, auf diese Seite aufmerksam gemacht.
    Ich bereite gerade einen Vortrag vor zum Thema „Spielräume der Freiheit im Kontext systemischer Zwänge“ – gewissermaßen ein Lebensthema, mit dem ich mich deshalb seit Jahrzehnten beschäftigt habe. Zunächst war mein Kontext der, den man als engagierter Lehrer hat, dann der einer Schulleiterin, dann der im Schulmanagement, jetzt der im Hochschulmanagement.
    Mit Gadamer – Wahrheit und Methode – habe ich mich während meines Philosophiestudiums auseinandergesetzt und hatte Gelegenheit, mit ihm persönlich intensiv darüber zu sprechen (da war er 101 Jahre alt und sehr klaren Geistes). In meinen Praxisfelder habe ich mich jeweils als Aktionsforscherin verstanden, mir bekannte Theoriemodelle zugrunde gelegt und daran gearbeitet, die Dinge stetig zu verbessern – daher der Kontakt zu Jean-Pol, bei dem es geblieben ist. Mir gefällt besonders gut das Zitat von Sartre, der genau das sagt, was ich auch sehe: Wir müssen stetig alles wieder in Frage stellen (ist das nicht gerade die Aufgabe der Wissenschaft?) und nie etwas erstarren lassen.
    Über diesen Gedanken bin ich in Kontakt gekommen mit Peter Senge und seiner Vorstellung einer Lernenden Organisation, der eben das zugrunde liegt: Nichts erstarren lassen, immer wieder neue auf Neues zugehen und damit offen umgehen (können alte Gehirne das? habe ich Neurowissenschaftler gefragt – wo alles so festgelegt ist? – auch nicht einfach zu beantworten – Biologen sagen, dass man dazu „exploratives Verhalten“ benötigt, dass nicht von allein entsteht, sondern das durch Erziehung und Bildung entwickelt werden muss/LdL ist dazu ein perfektes Verfahren).
    Gefragt habe ich mich über die Jahre, ob die Pädagogik originäre Forschungsmethoden überhaupt hat. Heute behelfen wir uns mit empirischer Bildungsforschung – die Methoden sind hier keine spezifisch pädagogischen, finde ich.
    Kunst und Wissenschaft – dieses Gegensatzpaar oder auch Komplementärpaar findet sich beim „guten alten Herbart“ (der die Basis für meine Dissertation vor vielen Jahren gewesen ist).
    Er sagte: Erziehung ist eine Kunst, Pädagogik ist eine Wissenschaft. „Erziehung“ und „Bildung“ hat er synonoym verwendet. Den Transfer von der Wissenschaft (Päd.) zur Kunst (Erziehung) leistet die Person des Lehrers durch den so genannten „Pädagogischen Takt“ (ein Transmissionsriemen sozusagen, um die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu überbrücken, da man die Theorie in einem Handlungsfeld hier nicht linear eins zu eins anwenden kann (kommt zu viel an menschlicher/zwischenmenschlicher Interaktion etc. dazwischen).
    Das Experiment als Forschungsmethode funktioniert m. E. im Unterricht nur bedingt. Unterricht ist immer einzigartig, kein „theoretisch“ geplanter Unterricht bringt das je gleiche zum Vorschein, wenn ich ihn in verschiedenen Klassen „anwende“. Deshalb ist – so meine Erfahrung – die Aktionsforschung hierfür ideal: Es geht doch um stetige Verbesserung. Dafür aber benötige ich wiederum gute Theoriemodelle als Orientierung, um nicht blind zu werden, was doch vielen Lehrern passiert, wenn sie nicht mehr reflektieren, was sie und wie sie es tun.
    Das gilt gleichermaßen für das Management – ist unmittelbar vom Prinzip her übertragbar. Daran übe ich mich gerade – auch sehr spannend, weil ich auch hier feststelle: Da gibt es Experten (ich verstehe mich in diesem Feld auch als einer), die theoretisch sehr viel wissen zum Management oder zur Organisationsentwicklung, die aber mangels praktischer Erfahrung (die ich zum Glück in ausreichendem Maß habe) nicht einberechnen, dass das Handeln hier stetig mit veränderten Situationen rechnen muss. So hatten wir z. B. einen massiven finanziellen Einbruch durch eine neue Gesetzgebung bei den Studiengebühren. Jetzt kommt es darauf an, wie man mit dieser Situation umgeht. Da gibt es die „Radikalidealisten“, die sich auch als solche bezeichnen, die mir dann sagen: Entweder ich habe die entsprechende Finanzierung, oder ich kann das und das nicht machen – ohne darüber nachzudenken, ob man das Ziel nicht im Auge behalten kann und den Weg ändert und auch ändern muss („Not macht erfinderisch“ – aber nur den, der kreativ auch mit Veränderungen umgeht).
    Ich frage mich, ob nicht gerade rein wissenschaftlich sozialisierte Experten mit Veränderungen garnicht so gut umgehen können. Sie bauen ihr Wissen über Forschung und wiss. Qualifizierung immer weiter auf – und bestehen auf der Richtigkeit ihrer Ansätze (ganz im Gegensatz zu Sartre). Dadurch finden eher Schlagabtausche, Dispute statt anstatt ein Dialog, den ich hier wie Peter Senge als „gemeinsames Denken“ definiere.

    Und zum Zufall: Diese Seite ist mir sozusagen „zugefallen“. Aristoteles hat interessante Aussagen zum Zufall getroffen. In dem Augenblick, wo wir etwas bewusst wahrnehmen, auch wenn es uns „zufällt“, ist es kein Zufall mehr, weil wir etwas damit tun.
    Insoweit ist auch dieser Dialog hier kein Zufall mehr.
    Mich jedenfalls hat er sehr zum Denken angeregt.
    Genau genommen müssen wir jeden Tag immer wieder neu wie Phönix aus der Asche (des Unwissens, des Chaos, des Unbewussten) heraustreten und, wie Jean-Pol immer gesagt hat, die Welt ein wenig besser machen, es zumindest versuchen.

    Freundliche Grüße
    Margret Ruep

  27. Oliver Tacke sagt:

    @m.g.
    Nachtrag: Ich fände es auch sehr schade, wenn du dich verabschiedest. Gerade dein Beitrag hat mich in den letzten Stunden sehr zum Nachdenken angeregt.

  28. Maik Riecken sagt:

    @jeanpol
    „Eines kann ich auf dem Hintergrund von 30 Jahren Erfahrungen, behaupten, das ich – dadurch empirisch kasuistisch belegt – alle von dir genannten Stufen von a) bis h)ff kontinuierlich durchgegangen bin.“

    Und das habe ich immer an dir geschätzt – allein, es ist vielleicht zu wenig, um das System zu beeinflussen, es braucht mehr als Leuchttürme. Mir ist in den wenigen Jahren meiner Tätigkeit immer deutlicher geworden, dass Geist ohne Solidarität(sbemühungen) wahrscheinlich zu wenig bewirkt, s.a.:

    http://riecken.de/index.php/2010/05/resistance-is-futile-widerstand-ist-zwecklos-teil-2/

  29. @Maik
    „es ist vielleicht zu wenig, um das System zu beeinflussen, es braucht mehr als Leuchttürme.“
    – Bestimmt! Allerdings war mein vorrangiges Ziel meine eigene Freude an der Arbeit in Schule und Uni. Durch meine Bemühungen, LdL zu verbreiten, gewann die ganze Chose eine breitere Dimension. Aber primär ging es darum, im Unterricht zu bestehen, ja sogar im Unterricht viel Spaß zu haben und das Gefühl, Sinnvolles zu tun!

  30. cspannagel sagt:

    @Maik „Welche Persönlichkeitselemente sind dies?“ – Das ist eine gute Frage. Und: Sie macht es unmöglich, das über ein Experiment im strengen Sinne zu erforschen, da Lehrpersonen nicht auf die einzelnen Versuchsbedingungen vollständig randomisiert werden können. Hier muss man sozusagen von der strengen Auffassung des Experiments abweichen und alternative Formen finden (beispielsweise eine Untersuchung im Sinne des Aptitude-Treatment-Interaction-Ansatzes: Man erfasst Persönlichkeitsmerkmale, teilt Lehrer in Gruppen ein, und „setzt“ sie unterschiedlichen Bedingungen aus. Tja, und dann braucht man in einem 2×2-Design… äh… naja, wenn man entsprechende statistische Auswertungsverfahren verwenden will… ca. 120 Lehrer, d.h. 120 Klassen. Viel Spaß dabei. (Okay, es gibt sicher auch noch andere psychologisch-empirische Methoden, aber das zeigt, wie schwierig es ist, die „reine Methodenlehre“ auf Schulsituationen anzuwenden.)

    @Maik c) bis h) weisen tatsächlich auf den Aktionsforschungsansatz hin. Witzig: Ein Kollege hat mir erzählt, dass er einem Psychologie-Kollegen über meinen Vortrag über Aktionsforschung berichtet hat, und der hat geantwortet: „Jaja, die Pädagogen, sie ziehen sich mit Aktionsforschung wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf.“ Da sieht man, welche großen Vorbehalte auch bei Psychologen gegenüber dieser Methode existieren, bzw. dass sie oft keine Vorstellung davon haben, was pädagogische Forschung ausmacht.

    @Oliver Oh Gott, bitte nicht falsch verstehen, ich wollte nicht sagen, dass du „naiv“ bist. Ich kenne dich ja mittlerweile recht gut, und du bist das genaue Gegenteil davon! Nein, was ich meinte, ist, dass du – als „Nicht-Pädagoge“ vielleicht an Texte geraten bist, in denen Pädagogen das Ganze naivisiert haben – und das passiert wirklich häufig!

    @Jean-Pol „Sichtbarmachung der Denkprozesse“ – Genau das (!) ist der Grund, weshalb ich das Aktive Plenum einsetze.

    @Alexander „Vor der Veränderung kommt das Chaos.“ – Genau. Ich füge hinzu: „Vor wirklich tiefen, wichtigen, allumfassenden, existenziellen Veränderungen kommt das Chaos.“

    @Margret Ruep Vielen herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar! Ich beneide Sie darum, dass Sie mit Gadamer persönlich gesprochen haben. Das sind Momente im Leben, die ganz bedeutsam sind. Solche Begegnungen können das eigene Leben in ganz andere Bahnen lenken. Bei mir war es mit Jean-Pol so.
    Ich fühle mich sehr bestärkt durch Ihren Kommentar, genau auf diesem Weg weiterzugehen und das psychologische Experiment nun nur als eine mögliche Methode, allerdings mit beschränkten Erkenntnisrahmen, in pädagogischen Kontexten zu betrachten. Und die Verbindung zum Management und zur lernenden Organisation finde ich äußerst interessant. Sollten Hochschulen nicht gerade prädestiniert dafür sein, lernende Organisationen zu werden?
    „Ich frage mich, ob nicht gerade rein wissenschaftlich sozialisierte Experten mit Veränderungen garnicht so gut umgehen können.“ – Diesen Eindruck habe ich oft auch. Auf welchen Tagungen finden denn echte, wissenschaftliche Dispute statt? In Vortragsdiskussionen zumindest nicht. Hier wird allenfalls an der Oberfläche gekratzt. Höchstens in Kaffeepausen… ach nein… hier gehts doch eher darum, wer sich auf welche Professur berufen hat, über DFG-Antragsrichtlinien und über Ressourcen-Fragen.

  31. mosworld sagt:

    Ein paar Dinge die mir bei dem Beitrag und den Kommentaren durch den Kopf gegangen sind:
    Wieso heißt der Blogbeitrag „Phoenix aus der Asche“ irgendwo muss ich diesen Punkt verpasst haben.
    Um auch ein etwas andere Perspektive in diesen (hoch)wissenschaftlichen Diskurs zu bringen, frage ich mal nach dem wieso von diesem Diskurs. Einige Forschungsmethoden wurden aufgezählt aus der Psychologie und der Pädagogik, was mich mehr als die Methoden interessiert sind Ergebnisse. Nicht wenige Menschen grade in Deutschland forschen im Bereich Bildung und Pädagogik, aber mir fehlen Veränderungen und Neuerungen. Was macht die Forschung an Universitäten für ein Sinn wenn sie keinen Gesellschaftlichen-Impact hat? Philosophieren über Methoden ist super, aber mal Philosophieren über Umsetzung ist cooler.
    Als jemand der sich auch am Rande der Bildungsforschung und der Pädagogik bewegt, habe ich das Gefühl das die Forschende in diesem Bereich viel mehr mit sich und ihren Kollegen beschäftigt sind, als mit dem Gegenstand dem Sie beforschen wollen.
    Ich schlisse nicht aus, dass meine Einsichten bedingt sind durch meine kalte technokratische Sicht der Dinge. Das wird nicht besser durch zahlreiche „prereviewed“ Erscheinungen welche Aktionsforsforschung usw. als Ausrede für ihre unzulänglichen und schlecht gemachten Ergebnisse hernehmen. Grade Action-Research ist ein tolles Buzzword welches super in Forschungsanträgen sein Platz findet. Eine Statistik über das Auftreten von diesem in DFG und BMBF und EU-Anträgen würde mich interessieren.

    Die Kommentare zuvor waren zu harmonisch😉

  32. Oliver Tacke sagt:

    @Christian:
    In der Tat habe ich in das einem Pädagogik-Buch gelesen, und es schien mir dort schlüssig erklärt. Und genau hier BIN ich naiv: Gerade weil ich Neuling in dem Gebiet bin, müsste ich so etwas doppelt und dreifach absichern und nicht einfach schlucken, weil es irgendwie in mein bestehendes Bild von den Dingen passt.

  33. @mo
    Bestimmt ist dir aufgefallen, dass der Aktionsforscher Christian Spannagel bei Hunderten von Menschen intensive und anhaltende Reflexion über Unterricht ausgelöst hat? Und dies seit einem Jahr! Was meinst du hier mit „Ergebnissen“? Möchtest du konkrete Zahlen? Also genau wieviele Menschen wie lange über welche pädagogisch-didaktische Probleme nachgedacht haben, wieviele Lehrer versucht haben, die von Spannagel vorgeschlagenen Techniken in ihrem Unterricht umzusetzen, wieviele mit ihren Versuchen wie lange Erfolg hatten oder wann und warum sie gescheitert sind? Mit etwas Phantasie kann man dies rekonstruieren. Man könnte aber auch alle Blogs und alle Tweets sammeln und analysieren, die durch Spannagels Impulse enstanden sind. Wärst du mit solchen Auflistungen zufrieden und würdest du das als „Ergebnis“ werten? Durch diese Aktivitäten, die nur durch ihn selbst, also nicht in einem kostenaufwändigen Sonderforschungsprojekt entstanden sind, hat er zahlreiche Unterrichtsexperimente initiert, Menschen – insbesondere seine Studenten – nachhaltig geprägt. Vom Forschungsansatz her hat Christian
    a) a priori „perturbiert“,
    b) durch die Perturbation Veränderungen eingeleitet die er
    c) gerade dabei ist, a posteriori zu konzeptualisieren.
    Sind es keine Ergebnisse?

  34. @mo
    Bevor du antwortest: er hat auch forschungsmethodische Diskussionen ausgelöst, nicht nur didaktisch-pädagogische. Er hat auch dich angeregt!:-))

  35. mosworld sagt:

    Lieber @jean-pol,

    meinst Du die Antwort ist so leicht wie Du sie gibst? Und der Trick eine Person für eine viel größere Sache zu nehmen ist kein guter Still. Das macht auch die Bild Zeitung indem sie z.B. Male Kale stellvertretend für alle Hartz4 Empfänger auf die Titelseite stellt und schreiben, seht her wie gut es den Hartz 4 Empfänger geht. Hier Chris als genau einen Aktionsforscher Beispielhaft anzubringen, ändert wenig an meiner Kritik. Vor allem, weil ich Chris nicht als den Typischen Pädagogen sehe. Er tickt und arbeitet doch anders als die eingefleischten Pädagogen und Pädagoginnen. Er ist Informatiker vom Hause und wohl einer der Besten seines Jahrgangs. Also Ihn als Beispiel Pädagogen zu nehmen bringt nichts.

    Diese Art ist ein Problem für mich, von 1 auf viele zu schließen. In der Informatik setzt man sich sehr lange mit dem mathematischem Problem auseinander, dass man nicht von 1 auf x schließen kann so einfach.
    Ich erprobe auch einiges neues in meinem Unterricht und es funktioniert sehr gut. Aber für mich gibt es da keinen Sinn daraus ein trabau zu machen (ich rede hier nicht von Chris), wobei ich bei anderen weniger spektakuläre Unterrichtsmethoden veröffentlicht sehe.
    Diese haben meist einfach keinen Wert. Vieles was z.B. Chris macht oder ich funktioniert weil wir wenn wir unterrichten gut Begeistern können und die Studies gute motivieren können. Auch wenn wir das ganze gut beobachten und reflektieren, wird es so nicht irgendwo anders laufen. Vor allem ist es kein echtes Ergebnis.

    Echte Ergebnisse für mich ist z.B. mp3, die Jungs und Mädels haben was gemacht was eine Veränderung gebracht hat. Die Leute die das W-Lan und dessen Standarts hier bei uns „erfinden“ die machen etwas. Mir fehlen aus der Pädagogik der letzten Jahre die richtigen Impulse für Deutschland. Das Schul und Bildungswesen läuft nicht so gut wie ich es mir vorstelle und wohl andere auch. Es liegt nicht alles an der „Politik“.

    Ach ja, Diskussionen auslösen in einem Bereich oder ein Thema in einem bestimmten Kreis pushen, hat für mich nicht mit Aktionsforschung oder die anderen Methoden zu tun. Es gehört sicher im wissenschaftlichem Arbeiten dazu.

  36. Dann liegt ein Missverständnis vor (vor mir verschuldet, natürlich). Ich dachte, deine Kritik richtete sich indirekt gegen die Aktionen von Christian.
    Ansonsten: wie willst du als Didaktiker die optimierende Wirkung einer Methode nachweisen, wenn nicht durch breites Testen? The proof of the pudding is the eating. Um die Effektivität von LdL zu prüfen und die Methode selbst weiterzuentwickeln war es für mich unumgänglich, so breit wie möglich zu werben, damit viele Kollegen LdL in ihrem Unterricht einsetzten und die Methoden testeten. Und auch wenn mehrere Hundert über ihre Erfahrungen mit LdL Arbeiten verfasst haben, heißt es immer noch, LdL sei nicht wirklich sauber empirisch untersucht. Insofern läuft Aktionsforschung schon nach dem Muster
    a) in seinem eigenen Unterricht innovieren,
    b) die Innovation einem größeren Adressatenkreis zur Prüfung und testen anbieten
    c) die Ergebnisse auswerten und theoretisch aufarbeiten.
    Die Phase b) heißt, dass man soviele potentielle Anwender wie möglich erreicht, und das bedeutet: werben.

  37. cspannagel sagt:

    @Mo Der Beitrag heißt „Phoenix aus der Asche“, weil ich mich – nach dem kompletten Ausstieg – nun wieder beginne zu sammeln.

    Wir philosophieren gerade über Methoden. Ich finde das gut und sehe darin nichts Schlimmes, wenn wir das nicht nur und ausschließlich machen. Und wir sprechen ja sonst auch über Ergebnisse. Also warum nicht auch mal über Methoden sprechen?

    Aktionsforschung ist kein buzzword, sondern ein ernstzunehmender Forschungsansatz. Und mit ihm werden gerade diejenigen Dinge verfolgt, die du hier vehement forderst: nämlich Innovationen. Wenn es also darum geht, konstruktiv zu Ergebnissen zu kommen, dann wähle diesen Ansatz.😉

    „Auch wenn wir das ganze gut beobachten und reflektieren, wird es so nicht irgendwo anders laufen. Vor allem ist es kein echtes Ergebnis.“ – Deswegen versucht man bei Aktionsforschung ja auch, die Bedingungen, unter denen es funktioniert hat, möglichst präzise darzustellen. Gewissheit gibts nicht. Aber Anhaltspunkte.

  38. cspannagel sagt:

    Google ist mir unheimlich. Dieser Artikel erscheint, wenn man nach „Phoenix aus der Asche“ sucht, an Platz 2. Die scheinen wirklich sehr sensitive Maße für Aktivität zu haben. Irre.

  39. Das Gute an der Aktionsforschung ist, dass man sich in eine Situation bringt, wo man automatisch und permanent forscht. Bezogen auf die Didaktik ist es ganz einfach: man unterrichtet selbst eine Klasse (nur eine, mehrere wäre zuviel) und bekommt dadurch freihaus kontinuierlich die Probleme, mit denen sich ein Didaktiker per Auftrag befassen sollte. Die meisten Didaktiker kennen die Probleme nicht. Was sollen sie denn erforschen? Dann machen sie sich ganz komplizierte Gedanken über was sein könnte, wenn das und das wäre. Unterrichtet man als Didaktiker selbst eine Klasse, so kann man sicher sein, dass man die optimale Forschungssituation hat: man wird mit echten Problemen beliefert und hat die Zeit (im Gegensatz zu den Ganzpraktikern) die Probleme theoretisch zu durchleuchten. Das ideale Forschungssetting!

  40. Oliver Tacke sagt:

    @Christian
    Google Individualisiert die Suche inzwischen sehr stark, beispielsweise anhand deines Standorts, der sich im Festnetz im Ideal-(?)-Fall bis auf einzelne Straßenzüge runterbrechen lässt. Dein bisheriges Surfverhalten wird ebenfalls berücksichtigt anhand von Cookies. Die müssen nicht mal von der Google-Seite selbst stammen, sondern von einer der unzähligen Seiten mit Werbung. Die wird oft von DoubleClick eingespeist, setzt Cookies – und DoubleClick gehört seit einer Weile Google. Zwei unterschiedliche Nutzer müssen also nicht zwangsläufig dieselben Ergebnisse bei identischen Suchbegriffen erhalten. Unabhängig davon bewertet Google Blogs, Twitter, Nachrichtenseiten, usw. anders (höher) als normale Seiten.

  41. martinkurz sagt:

    @jean-pol

    Ich stimme dir mit deinem Ansatz, dass man durch das Unterrichten in *einer* Klasse ganz entscheidend voran kommt. Das macht Sinn. Auch, dass man genug Zeit benötigt diese Situation ordentlich zu beleuchten.
    Nur eines möchte ich noch zu bedenken geben: der Didaktiker könnte zu Folgerungen kommen, die viel Unterrichts-Vorbereitung bzw. Nachbereitung erfordern. Du siehst worauf ich hinaus will?

    In der Praxis von Lehrerinnen u. Lehrer (schönes Wort: Ganzpraktiker, merke ich mir) können didaktische Einsätze mit viel Zeiteinsatz nicht immer greifen. Das muss ich hoffentlich nicht näher erläutern.

    Ich schlage vor: der Didaktiker sollte schon nur in *einer* Klasse unterrichten – er darf aber auch nur ganz eingeschränkte Zeit zur Vor- und Nachbereitung verwenden (und dies bitte dokumentieren!) Sonst ist das Setting nicht echt.

    Ich könnte es auch anders sagen: Ganzpraktiker haben nicht nur didaktisch-methodische Probleme, sondern „Herausforderungen“ bzgl. der eigenen Zeit, Effizienz, Energie. (Wie natürlich alle.)

    Ach, ich musste das mal sagen (ist schon sehr „typisch Lehrer“, ich weiß).🙂

  42. @martin
    „Ich könnte es auch anders sagen: Ganzpraktiker haben nicht nur didaktisch-methodische Probleme, sondern „Herausforderungen“ bzgl. der eigenen Zeit, Effizienz, Energie. (Wie natürlich alle.)“
    – Ganz richtig. Aber die einzige Möglichkeit, als Uni-Didaktiker ganz dicht am Praktiker und somit an den realen Problemen zu sein, ist die von mir beschriebene Forschungsmethode. Die Frage, die sich bei Uni-Didaktikern stellt -soweit sie redlich sind und wirklich die Unterrichtssituation optimieren wollen -, ist ob die von ihnen erforschten Aspekte wirklich relevant für den Unterricht und die Praktiker sind. Da Schule ein Ort ist, wo viel „gelitten“ wird, ist es eine Frage der Ethik, ob man sich als Didaktiker dieser Probleme annimmt oder nicht. Die meisten Uni-Didaktiker sind wie alle anderen Uni-Leuten und denken zentral an ihre Karriere und nicht an die konkrete Verbesserung der Unterrichtssituation. Das kann ich gut nachvollziehen, aber diese Denke ist „mittelmaß“. Wenn man ehrgezig ist, will man wirklich was bewirken und verändern.

  43. mosworld sagt:

    @jean-pol zu 17.05: Insofern läuft Aktionsforschung schon nach dem Muster
    a) in seinem eigenen Unterricht innovieren,
    b) die Innovation einem größeren Adressatenkreis zur Prüfung und testen anbieten
    c) die Ergebnisse auswerten und theoretisch aufarbeiten.

    So erreicht man Ergebnisse, aber ich bin mir nicht derer Gültigkeit sicher. Es ist kein Beweis oder nah an einem Beweis. Ich selbst setze ja gerne LdL ein für Unterricht oder für die Planung meiner eLearning Werkzeuge. Ich nutze LdL aber nicht weil ich, weiß dass es gut ist, sondern weil ich glaube dass es gut ist. Um den Einsatz von LdL zu begründen zitiere ich Paper z.B. von Dir ( Jean-Pol Martin) oder Christian Spannagel. Dieses versetzt meinen Leser wiederum in die Lage vertrauen in meine Arbeit zu gewinnen. An keiner stelle ist aber ein echter Beweis. Daher denke ich kommt auch in der Pädagogik, dass die Stellung einer Wissenschaftlerin so wichtig ist und jemand der „Prof“ ist ernst genommen wird und jemand neues mit weniger Erfahrung nicht. Es geht viel um Glaubwürdigkeit, da harte Fakten fehlen.
    Je nachdem wie man seine Forschung (Aktionsforschung) Beschreibt, kann man diese schön darstellen. Jemand der begabter ist in Sprache und etwas weniger Skrupel hat kommt wohl eher an Glaubwürdigkeit mit weichen Fakten.
    Ich würde eine Klasse unterrichten und Probleme entdecken und theoretisch untermauern, skeptisch betrachten. Ich weiß das ist der Weg der so gegangen wird und anders scheint es schwer zu sein Ergebnisse zu produzieren. Aber wir dachten auch lange das die Erde flach ist und die Sonne, die Erdanziehung usw….

  44. Margret Ruep sagt:

    Aktionsforschung ist kein buzzword, sondern ein ernstzunehmender Forschungsansatz. Und mit ihm werden gerade diejenigen Dinge verfolgt, die du hier vehement forderst: nämlich Innovationen. Wenn es also darum geht, konstruktiv zu Ergebnissen zu kommen, dann wähle diesen Ansatz.

    Das genau ist die Methode, die als Motor für stetige Verbesserung im Sinne eines lernenden Systems gelten kann.
    Die Lernende Organisation geht vom Dialog aus (als Grundprinzip) und meint damit das gemeinsame Denken, also nicht „ja, aber…“, sondern „ja, und…“.
    Das ist sehr anstrengend. In wissenschaftlichen DIskursen geht es um das „ja, aber…“, das vor allem eines zum Ziel hat: Ich bin besser als Du. Es geht um Rufe und Berufungen, um Verhandlungen, um Publikationen, bei der aus einer „Sau 376 Würste“ gemacht werden (das Wort stammt nicht von mir, sondern von einem Betroffenen). Das ergibt eine sehr spezifische „Déformation Professionelle“.
    Wenn die Konkurrenz so sehr gelebt werden muss, kann es gar keinen Dialog geben. Dessen Grundvoraussetzung ist Wahrhaftigkeit. Letztere wird zwar proklamiert, wird aber nicht gelegt, da es vor allem um Interessen geht.

    Wenn ich wirklich Fortschritte bei meinen SchülerInnen erzielen möchte und ihnen – symbolisch gesprochen – zu Flügeln verhelfen möchte, mit denen sie sich immer besser in dieser Welt orientieren können, dann muss es mein ureigenstes Interesse sein, stetig daran zu arbeiten, ihre Lernmöglichkeiten zu verbessern. Das geht nur über die Aktionsforschung – oder? (Habe ich auch von Jean-Pol gelernt, besser, ich habe das im Rahmen meines Forschungsprojekts der Diss. entdeckt und bin dann auf Jean-Pol gestoßen – bloßer Zufall?).

    Heute habe ich ein älteres Buch zur Hand genommen, auf das ich vor Jahren durch meinen Sohn gestoßen bin – Antonovski: Salutogenesemodell.
    Das hat mich vor Jahren schon beschäftigt. Jetzt bin ich dabei, die Grundidee dieses Konzepts mit dem Modell der Lernenden Organisation zusammenzuführen. Die Salutogenese orientiert sich an den Gelingensfaktoren für physische und psychische Gesundheit – im Gegensatz zur Orientierung an Krankheiten (Pathogenese). Dito tut das die Lernende Organisation. Wenn man beides übereinanderlegt, kommt man zu vergleichbaren Ergebnissen. Beides ist, so finde ich, Grundbedingung für Freiheit und der Fähigkeit, selbstwirksam zu agieren.
    Man könnte auch die Grundprinzipien von LdL hinzufügen…usw…
    Antonovski verwendet die Metapher des Seiltänzers, der tanzend – egal was drumherum geschieht – die Balance hält.
    Oder des Schwimmers, der, egal an welcher Stelle im Fluß er sich befindet, zu schwimmen in der Lage ist.
    Es gibt auch denjenigen (ich nenne ihn den Pessimisten, der nirgendwo klar kommt oder sich sogar selbst ständig bestraft), der „freiwillig“ in den Fluss springt, dann aber das Schwimmenlernen verweigert. Das wäre eine schlechte Voraussetzung für eine globalisierte Welt, wo, wie Peter Veil gesagt hat, „Lernen als Lebensform“ angesagt ist. Dafür hatte er die Metapher des „Wildwassers“, in dem wir uns bewegen (müssen). Also lernen, die Eskimorolle und Ähnliches zu beherrschen..
    Man könnte auch sagen: Immer wieder neu wie Phönix aus der Asche steigen – zwangsläufig wird man immer wieder ins Feuer geraten. Ein gutes Netzwerk hilft doch auch immer wieder, finde ich.

    Freundliche Grüße
    Margret Ruep

  45. @mo
    Ich gehe kasuistisch vor und stelle fest: wenn LdL in meinem Unterricht funktioniert (also ich mit LdL in meinem Unterricht nachweislich bessere Ergebnisse erziele als mit einer anderen Methode), dann habe ich nachgewiesen, dass in meinem speziellen Fall LdL sich optimierend auswirkt. Wenn 400 Leute dasselbe behaupten (habe ich in meiner Habilschrift nachgewiesen), dann ist belegt, dass bei 400 Lehrern LdL optimierende Wirkungen erzielt. Auch wenn es 4000 oder 40000 Leute wären, dann könnte ich nicht behaupten, dass LdL eine bessere Methode ist als eine andere. Insofern spielt hier die intersubjektive Prüfbarkeit eine wichtige Rolle. Als Pädagoge arbeite ich nicht mit naturwissenschaftlichen Methode sondern mit einem Mix.

    @margret
    Ein gutes Netzwerk hilft sehr. Diesbezüglich wäre es bestimmt interessant für dich, den neuesten Beitrag von Christian in diesem Blog zu lesen: „Keine Lobhudelei“. Hoffentlich revidiert er seine Meinung.

  46. mosworld sagt:

    @jean-pol weißt Du wieviel Leute in die Kirche gehen und sagen dass Ihr leben dadurch besser ist?
    Die Frage ist wie sind die 400 Leute dazu gekommen LdL zu unterrichten? Waren es zufällige? Wie kamen Sie auf diese Idee? Wo und wie sind sie drauf gestoßen?
    Meine Annahme ist, dass diese Personen eine gewisse Gemeinsamkeit hatten. Die Frage ist, ob es 400 speziell Fälle sind oder besser ein gewisses Muster zwischen diesen besteht. Dann ist LdL der Kern, aber es gehört mehr dazu.
    Die Frage ist, ob es Methoden gibt um zu zeigen, dass LdL funktioniert indem man die Untersuchung anders macht.
    Soziologie und Marktforschung haben ihre Methoden auch verändert und treffen gute Aussagen die „sicher“ sind.
    Für mich ist die Frage, wann kann man sagen, dass LdL eine bessere Methode ist als eine andere. Sicher kann man das irgendwie beantworten.(Ich nehme hier LdL als Beispiel für die Pädagogik. Ich will an dieser Stelle keine Diskussion über LdL führen, es geht mir grade um die Methodik und Forschung und Pädagogik als Wissenschaft.)

  47. @mo
    Aus meiner Sicht verlangt jeder Untersuchungsgegenstand und jede Forschungshypothese ein eigenes Forschungsdesign. Bei Unterrichtsmethoden kann man nie wissenschaftlich nachweisen, dass eine Methode besser ist als eine andere. Damit muss man sich abfinden. Das kann man nur intersubjektiv regeln. Man muss zahlreiche unterschiedliche Aspekte bei der Anwendung der Methode im Unterricht dokumentieren und der Fachgemeinschaft zur Reflexion und Diskussion anbieten, bis die community der Meinung ist, dass die Methode tatsächlich Vorteile gegenüber anderen in spezifischen Situationen aufweist.
    Und – auch ich nehme LdL nur als Beispiel – es hat sich gezeigt, dass viele Menschen aus dem Bildungsbereich LdL als diskussionswürdige und anwendungswürdige Methode bewertet haben. Damit wäre für mich der Fall erledigt.
    Und wenn man den Falsifikationismus Poppersche Prägung heranziehen will, so haben wir zumindest die Hypothese „Schüler können nicht selbst ihre Mitschüler unterrichten“ falsifiziert!:-))

  48. mosworld sagt:

    @jean-pol „Bei Unterrichtsmethoden kann man nie wissenschaftlich nachweisen, dass eine Methode besser ist als eine andere. Damit muss man sich abfinden.“
    Genau das ist was mich stört. Ich höre am häufigsten von PädagogenInnen und Bildungsforschenden „das geht nicht“.
    Damit krönt sich die Pädagogik zur Königsdisziplin die unlösbare Probleme hat, die man nicht angehen kann.
    Wir senden kleine Roboter zum Mars die uns Bilder zurück zur Erde senden, wenn die anderen Disziplinen in Ihre Dogmen leben würden und alles als „das geht nicht“ abstempeln würden wäre sicher die Welt jetzt anders. Wo bleibt der Forschergeist? Wo bleibt die Herausforderung?

  49. mosworld sagt:

    @Margret Ich finde Aktionsforschung als Inkrementelles-Verfahren seinen Unterricht besser zu gestallten sehr gut. Ich denke in Organisationen wird es funktionieren. Aktionsforschung als operatives Werkzeug für QM in Bildung und Organisation sehe ich als Erflogskonzept an. Ich habe momentan nur Probleme damit als Werkzeug für wissenschaftliches Arbeiten, welches verallgemeinerbare Ergebnisse liefert.

  50. cspannagel sagt:

    @Mo Mit Aktionsforschung will man nicht (!) allgemeingültige Gesetzmäßgikeiten finden. Wer Aktionsforschung betreibt, geht explizit davon aus, dass er diese Frage mit dieser Methode gar nicht beantworten kann. Er will seine (!) konkrete (!) Situation verbessern. Wenn du allgemeingültige Ursache-Wirkungs-Prinzipien aufdecken möchtest, dass musst du zum Experiment greifen – mit allen Vor- und Nachteilen, die das wiederum hat.

    Aktionsforschung kann also gar nicht zu dem Ergebnis kommen „Methode A ist besser als Methode B“ (wobei die Aussage in dieser Allgemeinheit sowieso unmöglich ist, weil es immer von konkreten Situationen abhängt, nämlich Lernzielen, Schülervoraussetzungen, Lehrperson, …). Du kannst nur zu folgenden Ergebnisse kommen: „Ich habe das Problem X. Wenn man Problem X im Lichte der Theorien A, B und C betrachtet, dann erscheint es logisch, wenn man mal Methode M verwendet, weil Methode M die theoretischen Aspekte P, Q und R vermutlich besonders gut umsetzt und damit das Problem X gelöst werden könnte. Dann führt man Methode M durch. Anschließend beschreibt man, welche Rückmeldung/Erfahrungen/Feedback/… man bekommen hat, zu welchen Verbesserungen es geführt hat, ob die eigene Vermutung bestätigt wurde usw. In der Regel klappts nicht, und dann muss man andere Theorien heranziehen, neue Aspekte fokussieren, andere Methoden wählen, usw… In einem iterativen Prozess von Planung, Aktion und Reflexion kommt man dann schrittweise zu Verbesserungen.

    Was hat man davon? Keine allgemeingültigen Aussagen. Wollte man ja auch nicht. Man hat zunächst mal seine Situation verbessert – und das ist erst mal das Wichtigste. Dann kann man den Prozess, die Erfahrungen, die Theorien, die Begründungen, … aufschreiben und anderen geben. Die anderen können sich daran orientieren, es auch mal ausprobieren, eigene Erfahrungen sammeln usw.

    Die Gefahr bei Aktionsforschung ist, dass man einen subjektiven, verzerrten Blick auf seine Erfolge hat. Teilt man diese Erfahrungen mit anderen, dann besteht aber die Möglichkeit, dass die anderen beim „Abkupfern“ zu anderen Ergebnissen kommen. Dann muss man versuchen zu überlegen, woran das liegt usw. usw. usw. Ein langer, harter, anstrengender und schwieriger Prozess. Aber: Er arbeitet am konkreten, realitätsnahen, relevanten Problem.

    @Margret Ruep Die lernende Organisation ist dafür ein perfektes Beispiel: Wenn ich in meiner Organisation per Aktionforschung eine Verbesserung erzielen kann – wer würde behaupten, dass das dann für alle Organisationen gilt? Vermutlich niemand, denn Organisationen sind komplexe Systeme, in denen ganz viele Faktoren wirken. Ein Mitarbeiter kann aber die Erfahrungen in eine andere Organisation mitnehmen, dort berichten, und diese Information fließt in die Handlungspläne dort ein, indem sie integriert oder begründet abgelehnt wird.

    Die Alternative wäre: Wir führen ein Experiment durch mit ganz vielen Organisationen, in denen wir den Einfluss der Variable X_1 auf die Variable Y untersuchen. Vielleicht bekommen wir dadurch heraus, dass X_1 einen signifikanten Einfluss auf Y hat. Wir können jetzt X_1 in der eigenen Organisation entsprechend beachten: als Eingangsgröße in den eigenen Aktionsforschungsprozess. Dabei sollten wir aber mit bedenken, dass es noch X_2, X_3 …. X_1000000 gibt (wenn man z.B. mal die Persönlichkeitsmerkmale des Chefs, der Abteilungsleiter, … mit einbezieht). Das Ergebnis des Experiments bzgl. X_1 hat also einen gewissen Wert. Aber einen begrenzten.

    Es ist daher in der Lehr-Lernforschung sicher wichtig, Experimente durchzuführen. Aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben. Das Wesentliche für einen wissenschaftlich arbeitenden Didaktiker ist doch die konkrete Lehr-Lernsituation. Und hier gilt es forschend zu handeln (und nicht einfach nur zu handeln!).

  51. cspannagel sagt:

    @mosworld „Ich habe momentan nur Probleme damit als Werkzeug für wissenschaftliches Arbeiten, welches verallgemeinerbare Ergebnisse liefert.“ Da hast du ja zu recht. Aktionsforschung liefert das ja gar nicht, und es behauptet ja auch keiner.

  52. cspannagel sagt:

    @mosworld „Genau das ist was mich stört. Ich höre am häufigsten von PädagogenInnen und Bildungsforschenden „das geht nicht“.“

    Die Aussagen bezieht sich in der Regel nicht darauf, dass man nicht wissenschaftlich forschen kann, sondern darauf, dass eine Methode bedingungslos einer anderen überlegen ist. Eine Methode ist immer nur besser in Interaktion mit zig anderen Variablen. Und das machts komplex.

  53. mosworld sagt:

    @chrisp wieder einmal was gelernt. Ich bin von Experiment vs. Aktionsforschung . So kann man sagen, dass beide nicht vergleichbar sind. Kann man nicht Aktionsforschung in einem experimentellen Rahmen durchführen. z.B. ist die Iterative Software Entwicklung auch selbst Gegenstand der Forschung, was ja sehr der Aktionsforschung ähnlich ist.

    Die Organisationspsychologen kommen auch in Organisationen zu Ergebnissen. Sie wählen manchmal nicht typische Methoden um ihre Thesen zu verifizieren. Sei machen es auch oft in einer Organisation, vielleicht auch in zwei. Ich sehe dort halt bei den Arbeiten viel besser die Randbedingungen beschrieben. Diese Randbedingungen scheinen auch bei der Aktionsforschung eine Rolle zuspielen. In der Organisationspsychologie werden diese Parameter im Zentrum der Arbeit behandelt, so mit kann mein einfacher schauen in wie weit die Ergebnisse vergleichbar sind für andere Organisationen.

    Bei der Aktionsforschung kommt es mir vor (ganz banal behauptet), dass es heißt in meiner Klasse, in meinem Seminar habe ich xy gemacht und dann die Methode beschreiben usw. Die ganzen Randbedingungen werden da oft nicht genannt. Verhältnis der Geschlechter, wie stark waren diese, wie waren die Vorkenntnisse, wer hat den Unterricht gemacht, wieso dieser Unterricht usw. es gibt zahlreiche interessante Informationen die oft fehlen. Hier einen Leitfaden zu geben, was man beschreiben sollte wäre sinnvoll.

  54. „Die Gefahr bei Aktionsforschung ist, dass man einen subjektiven, verzerrten Blick auf seine Erfolge hat. Teilt man diese Erfahrungen mit anderen, dann besteht aber die Möglichkeit, dass die anderen beim „Abkupfern“ zu anderen Ergebnissen kommen. Dann muss man versuchen zu überlegen, woran das liegt usw. usw. usw. Ein langer, harter, anstrengender und schwieriger Prozess. Aber: Er arbeitet am konkreten, realitätsnahen, relevanten Problem.“
    – Wenn ich nun die ganze Scheissdiskussion über Lobhudelei beiseite lasse und einfach meine Meinung mitteilen, bzw. über meine Erfahrung berichten darf: exakt dieser Punkt ist sehr wichtig und macht den Wert von Aktionsforschung aus! Und mir persönlich ist es egal, wenn „Wissenschaftler“ über die Ergebnisse die Nase rümpfen. Wenn ein paar Kollegen in der Schule von meinen Erfahrungen und Reflexionen profitieren, dann habe ich meinen Job als Didaktiker gemacht, lieber Mo.
    Und:
    http://jeanpol.wordpress.com/2010/05/19/wissenschaft-als-organisation-kollektiver-reflexion/

  55. @mo
    „es gibt zahlreiche interessante Informationen die oft fehlen. Hier einen Leitfaden zu geben, was man beschreiben sollte wäre sinnvoll.“
    – Ich kann dir helfen (1994 publiziert, quantitativ und qualitativ pi, pa, po; das hat niemand damals interessiert, schon gar nicht meine Kollegen „Wissenschaftler“. Interessiert waren die Praktiker durch meine konkreten Auftritte in den Schulen):
    http://books.google.de/books?id=gGyy6TaFAIYC&printsec=frontcover&dq=Vorschlag+eines+anthropologisch+begr%C3%BCndeten+Curriculums+f%C3%BCr+den+Fremdsprachenunterricht&source=bl&ots=y6CHIpNWdb&sig=8ummN3sVr4e3pfpy6-N-IURBc3g&hl=de&ei=uafzS4SRItqf-AbGvYX1DQ&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CBYQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false

  56. cspannagel sagt:

    Eine gute Übersicht über Aktionsforschung gibt auch:
    Hinchey, P. H. (2008). Action Research Primer. New York: Peter Lang Publishing.

  57. Margret Ruep sagt:

    Das Beispiel des engl. Astrophysikers Sir Eddington zur Wissenschaft heute, verwendet von Hans-Peter Dürr (Träger des altern. Nobelpreises und Physiker aus Stuttgart), sagt m. E. einiges aus über Wissenschaft und auch ihre Begrenzung:

    „Ein Ichthyologe erforscht das Leben im Meer durch Fischfang. Nach vielen Fischzügen und sorgfältigen Überprüfungen seiner reichen Beute, einer Vielzahl von Fischen, entdeckt er zwei Regelmäßigkeiten: 1. Alle Fische sind größer als zwei Zoll und 2. Alle Fische haben Kiemen. Er nennt diese Regelmäßigkeiten Grundgesetze, weil sie sich ohne Ausnahme bei jedem Fang bestätigten. Ein Metaphysiker, dem er seine große Entdeckung freudig verkündet, erklärt ihm, dass seine Aussage über die Kiemen gute Chancen für ein Grundgesetz haben könnte, aber dass dies zunächst, wegen der zeitlich begrenzten Testreihe, nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gilt. Die erste Regelmäßigkeit sei aber gar kein Grundgesetz, da diese Aussage durch die 2-Zoll Maschenweite seines Netzes unmittelbar bedingt sei. Der Ichthyologe lässt aber diesen Einwand nicht gelten mit der Feststellung: „In der Ichthyologie gilt: Was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, ist kein Fisch!“

    Hans-Peter Dürr, Kernpysiker (Alternativer Nobelpreis), sagt:
    „Der Westen ist geprägt von einem fragmentierenden Denken und von der Reduktion der Wirklichkeit auf das objektiv Feststellbare („mechanistisch-atomistisches“ Weltbild)
    Die Physik lehrt uns heute, dass dies nicht (mehr) stimmt. Alles hängt mit allem in einem ganzheitlichen Beziehungsgefüge so zusammen, dass man nurmehr von einer „reinen Beziehungsstruktur ohne materiellen Träger“ (= Information) sprechen kann.
    Wir denken und handeln aber immer noch so, als wir es mit linearen Kompliziertheiten zu tun hätten, die wir als Komplexität bezeichnen. Stattdessen ist Komplexität von einer gänzlich anderen Qualität.“

    Das beschäftigt mich u. a. und lässt mich fragen, wie wir die Dinge, die zu tun sind, möglichst gut machen können.
    Als Handlungskonzept ist für mich die Aktionsforschung immer noch das beste. Ich arbeite gerade nicht mit rein subjektiver Theorie, sondern betrachte Erkenntnisse aus der Wissenschaft (nicht nur derjenigen aus Aktionsforschungsprojekten) und sehe zu, dass ich meine Realität erkenne, ihre möglichen Defizite aufdecke – auch meine eigenen – und daran arbeite, sie zu verbessern.

    Ein Vortrag von Mittelstraß kürzlich hat die These in den Raum gestellt, dass die technisch-wiss. Welt („Leonardo-Welt“ unbegrenzt sei und jede Freiheit zulasse. Die Metapher von Eddington lässt zumindest die Frage zu, ob nicht auch hier Begrenzungen vorliegen, die wir immer einbeziehen müssen (auch bei jedem Experiment, bei dem, um im Bild zu bleiben, einzelne Fische, die nicht zur Methode und zum Instrument passen, durchs Netz fallen – also gibt es das Phänomen gar nicht erst?

  58. @Margret
    Ich denke, diese Diskussion über die „Organisation kollektiver Reflexion“ müsste dich interessieren. Es geht darum, wie man eine Gruppe über längere Zeiträume beim Nachdenken „anführt“ und beisammen hält:
    http://jeanpol.wordpress.com/2010/05/22/wie-man-kollektive-reflexion-organisiert-am-beispiel-philosophie/

  59. cspannagel sagt:

    @Margret Ruep „Als Handlungskonzept ist für mich die Aktionsforschung immer noch das beste.“ Das sehe ich genauso. Ich würde dabei aber auch die Betonung auf „Handlungskonzept“ legen. Als Forschungsmethode ist sie ebenfalls ein prima Konzept, hier würde ich aber auch den anderen Methoden eine nicht geringzuschätzende Bedeutung einräumen. Multiperspektivisch (hinsichtlich der Methoden) kommen wir in der Forschung vermutlich am weitesten.

  60. […] auf die Schule übertragbar sind. (Zur Übertragbarkeit experimenteller Forschung siehe auch folgenden Beitrag.) Nun aber genug des Vorworts. Hier kommt der Beitrag von Helen und Kathrin zum Thema […]

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