Feedback-Runde als aktives Plenum

Veröffentlicht: Sonntag, Juli 11, 2010 in Hochschuldidaktik, Learning, Methods, Teaching

Jede Lerngruppe ist anders. Das gilt auch für die Studierenden in Hochschul-Lehrveranstaltungen. Von Semester zu Semester ändern sich die Wahrnehmungen von Studierenden, was die Inhalte und die Methodik von Seminaren und Vorlesungen anbelangt. Mal ist beispielweise eine Lerngruppe der Methode des aktiven Plenums aufgeschlossen, mal nicht. Darüber hinaus probiert man als Dozent auch mal etwas Neues aus, man führt neue Rahmenbedingungen ein oder man verwendet eine Methode, die einem (zunächst) sinnvoll erscheint.

Wichtig ist daher, dass man sich Feedback von den Studierenden frühzeitig einholt und adäquat reagiert. Eine solche Reaktion kann beispielsweise darin bestehen, methodische Vorschläge von Studierenden aufzunehmen – oder nicht. Im letzteren Fall sollte man dann aber auch die Kritik der Studierenden eingehen und begründen, weshalb man trotzdem so und so verfährt und nicht anders. Im Großen und Ganzen sind solche Feedback-Schleifen wichtig, um Frust frühzeitig zu vermeiden, um voneinander zu lernen, und um die Lehrveranstaltungen didaktisch und methodisch zu verbessern.

Die hochschulweiten Evaluationen, die vom Gesetz her vorgeschrieben sind, dienen dafür nur bedingt. Zum einen sind die Fragebogen, die eingesetzt werden, oft nicht derart aussagekräftig, dass sich methodische Konsequenzen daraus ableiten lassen. Zum anderen finden die offiziellen Befragungen oft zu spät statt, und dann ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.

Früher habe ich nach ca. dem ersten Drittel der Veranstaltung von den Studierenden Feedback-Zettel ausfüllen lassen. Diese Zettel bestanden aus zwei Spalten. Eine Spalte war mit einem lachenden Smilie überschrieben, eine mit einem weinenden. Die Studierenden waren aufgefordert, positive und negative Elemente der Lehrveranstaltung zu beschreiben, immer im Sinne konstruktiver Kritik – bei negativer Kritik war ein Verbesserungsvorschlag hinzuzufügen. Vorteil dieser Methode ist, dass man ehrliches Feedback erhält, weil die Befragung anonym stattfindet. Insbesondere bei großen Lehrveranstaltungen führt dies allerdings zu einem erheblichen Auswertungsaufwand. Ich saß oft Abende da und habe die Feedback-Zettel gelesen, Exemplare eingescannt und das Fazit in der nächsten Veranstaltung anhand der eingescannten Zettel gemeinsam mit den Studierenden gezogen. Nachteilhaft ist ebenso, dass man bei mancher Kritik den Eindruck hat, dass eine Diskussion unter Studenten sinnvoll wäre, sodass bestimmte Kritikpunkte unter den Studierenden selbst geklärt und gegebenenfalls relativiert werden.

Eine andere Methode, die ich einmal ausprobiert habe, war eine offene Diskussion zur Verbesserung der Lehrveranstaltung. Während hier die Möglichkeit zum direkt Austausch besteht, hatte ich dabei allerdings den Eindruck, dass sich manch Studierender scheut, offen Kritik zu äußern. Schließlich stand ich als Dozent vorne und habe die Kritikpunkte aufgenommen, und ich prüfe sie ja auch irgendwann. Da kann man noch so sehr versichern, dass man auch für negative Kritik offen ist, die Scheu besteht trotzdem.

Seit einiger Zeit verwende ich eine Methode, die Jean-Pol Martin in der Schule eingesetzt hat. Zu Beginn der Feedback-Phase (ca. 20 Minuten vor Ende einer Sitzung) zeichne ich die Tabelle mit einem lachenden und weinenden Smilie an die Tafel. Danach fordere ich drei Studierende auf, nach vorne zu kommen: Ein Studierender schreibt die positiven Punkte auf, einer die negativen, und ein dritter ruft die Meldungen aus dem Plenum auf und moderiert die Diskussion. Ich selbst verlasse für 10 Minuten den Raum und warte vor der Tür. Nachdem die Studierenden gemeinsam ihre Punkte an der Tafel festgehalten haben, werde ich wieder in den Raum geholt. Ich lese mir die Punkte durch und frage nach. Dabei berichten mir die Studierenden von der vorherigen Diskussion und führen die Argumente an, die genannt wurden. Bei Bedarf fotografiere ich dann noch das Tafelbild, um das Feedback festzuhalten.

Diese Methode, bei der es sich letztlich um ein aktives Plenum handelt (diesmal aber ohne Dozent im Raum), vereinigt alle Vorteile und vermeidet alle Nachteile, die oben genannt wurden:

  • Die Methode ist zeitsparend und vermeidet „Auswertungsabende“.
  • Die Studierenden können gleich über bestimmte Punkte diskutieren und aushandeln, welche davon wie an die Tafel geschrieben werden.
  • In der anschließenden Diskussion mit mir weiß ich als Dozent nicht, von wem genau welche Punkte geäußert wurden; die Beiträge sind für mich als Dozent anonym.

Die Rückmeldungen von Studierenden zeigen mir, dass diese Methode für sehr gut befunden wird.

In der Hauptschule habe ich diese Methode noch nicht eingesetzt. Irgendwie scheue ich mich davor, Unterricht in der gleichen Weise von Schülern diskutieren zu lassen wie Vorlesungen von Studierenden. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich zu konstruktiver Kritik führen würde. Vielleicht sollte ich mich das aber einfach mal trauen und mich überraschen lassen.

Was meint ihr dazu? Welche Feedback-Methoden verwendet ihr?

Kommentare
  1. Florian sagt:

    Hallo Christian,

    das klingt im Bezug auf die Hauptschule eher zögerlich und ich weiss nicht warum. Warum glaubst Du, dass die Schüler damit nicht umgehen können? Ingesamt hängt das sicherlich sehr stark von der Altersstufe der Schüler und den Erfahrungen mit solchen Methoden ab. Ich kann mir aufgrund meiner eigenen Erfahrungen mit Jugendlichen vorstellen, dass so was auch eskaliert, oder nur „Quatsch“ dabei rauskommt.
    Ist es denkbar, dass der Klassensprecher als gewählte Autorität die Rolle des Moderators übernimmt und somit der Prozess als Ganzes „seriöser“ wird?

    Florian

  2. Lisa Rosa sagt:

    Ich würde das in der Hauptschulklasse einfach mal ausprobieren und sehen, was passiert. Oft ist man positiv überrascht, wenn man zuvor eher negative Annahmen hatte. Die Frage, wie ernst es die SuS nehmen mit dem Feedback, hat sicher auch damit zu tun, wie sehr sie es als ernsthaftes Angebot zur Partizipation erleben. Wenn sie es nicht gewohnt sind, gefragt zu werden, werden sie zunächst ungläubig und misstrauisch sein. (zu Recht). Die Frage ist auch, ob sie davon überzeugt sein können, dass das, was sie sagen auch eine Wirkung haben wird.

    Ich mache in meinem Projektseminaren eine Vorabfrage (mit der Versendung eines Fragebogens), wo die TeilnehmerInnen schon vorher ihre Erwartungen und Wünsche, aber ebenso ihre Erfahrungen mit dem Thema schreiben. Ich fasse das zusammen, berücksichtige es natürlich in meiner Vorbereitung und spiegele den TN ihre Erfahrungen und Erwartungen in der ersten Sitzung.

    Feedback am Ende gibt es bei mir in Form eines standardisierten Fragebogens – der lässt sich anonym machen und schnell auswerten. Außerdem eine mündliche Feedbackrunde – Methode je nach TN-Anzahl.
    Zwischendrin zu prüfen, ob sich alle wohlfühlen, oder etwas verändert werden muss, – so wie Du es machst – finde ich sehr gut. Deine Methode (für große und kleine Gruppen mit dem stummen Inpuls +/- finde ich sehr gut für semesterlange Seminare. Ich habe Tages- und Wochenendseminare. Da lohnt sich so eine aufwändige Prozedur nicht. Wenn die TN nicht wie erwartet begeistert arbeiten, dann frage ich sowieso bald: Wo drückt der Schuh? Und dann kann man es schnell klären und verändern.
    Meine Vorteile: ich muss nicht bestimmten „Stoff“ vermitteln, sondern kann ganz teilnehmerorientiert arbeiten; ich brauche zum Glück niemanden zu bewerten. Das fördert selbstbestimmte Lernprozesse ungemein.🙂

  3. jean-pol martin sagt:

    Nie habe ich erlebt, dass Klassen die Zeit, die ich ihnen zur Unterrichtreflexion gewaehrt hatte (ich wartete vor der Tür bis ich wieder hereingeholt wurde) missbraucht haetten. Im Gegenteil, auch die unruhigsten Siebtklaessler waren konstruktiv und das Klima verbesserte sich im Anschluss deutlich!

  4. Zum Feed-Back in der Siebten Klasse der entsprechende Link:
    http://www.ldl.de/reflex/schule7.htm

  5. Ingrid Piltz sagt:

    Hallo, jean-pol martin,

    darf man als Lehrkraft eine Klasse mit Schülerinnen und Schülern unter 18 Jahren einfach so eine Zeitlang alleine lassen? Gibt es nicht eine Aufsichtspflicht?

    Ihre Klassen scheinen unter Ihrem Einfluss alle sehr diszipliniert zu sein. Welche rechtlichen Konsequenzen hätte es, wenn dennoch während Ihrer Abwesenheit beispielsweise ein Unfall passiert, den Sie möglicherweise bei Anwesenheit hätten verhindern können?

    Grüße,
    Ingrid Piltz

  6. L. Humbert sagt:

    Sehr geehrte Kollegin(?) Piltz,
    wenn Sie Schülerinnen und Schüler kein Vertrauen entgegenbringen, werden Sie keine selbstbestimmten Lernprozesse einleiten können, ja Sie werden mit Ihren Schülerinnen und Schüler niemals den Klassenraum verlassen, wenn Sie immer primär alle rechtlichen Bestimmungen glauben beachten zu müssen.

    Klar, es gibt eine Aufsichtspflicht. Selbstverantwortung kann nicht ohne Freiräume herausgebildet werden — Sie bleiben in der rechtlichen Verantwortung und daraus entlässt Sie niemand.

    Just my 2¢
    Ludger Humbert

  7. cspannagel sagt:

    @Florian Ich habe (noch) keine rationale Erklärung dafür, warum ich es nicht versuche – es ist mehr Bauchgefühl. Aber vielleicht sollte ich es mal probieren – eure Kommentare ermutigen mich dazu.

    @Lisa Da hast du vermutlich recht, dass sich diese Methode für semesterlange Lehrveranstaltungen eignet und weniger für kurze Seminare – man muss mind. 20 Minuten für die ganze Prozedur einrechnen.

    @Jean-Pol Vielen Dank für den Link!

    @Frau Piltz Ich würde L. Humbert zustimmen: Man sollte sich auch aus den vorgegebenen Bahnen einmal befreien dürfen. Das zeigt den Schülerinnen und Schülern, dass man Ihnen Vertrauen entgegen bringt (natürlich nicht nur hier, aber solche Feedback-Runden können – so vermute ich – einen starken Eindruck hinterlassen). Darüber hinaus wartet man ja auch vor der Tür. Sollte im Klassenzimmer Chaos ausbrechen, bekommt man das vermutlich mit.

  8. Ingrid Piltz sagt:

    Hallo,

    ich habe nicht gesagt, dass man diese Feedback-Methode nicht durchführen sollte. Wenn es gut läuft, tragen die genannten positiven Faktoren mit Sicherheit zu einem guten Lernklima bei.

    Ich bin jedoch der Meinung, dass man vor der Entscheidung für eine Methode verschiedene mögliche Szenarien durchdenken sollte. Und dazu gehört, finde ich, dass man sich als Lehrkraft auch einmal die rechtliche Seite durch den Kopf gehen lässt und sich die Risiken und Konsequenzen bewusst macht, falls es schiefgeht.

    Nach diesen rechtlichen Konsequenzen hatte ich gefragt, weil ich im Hinterkopf hatte: Pädagogische Hochschule, Lehrerausbildung … die Vermittlung der rechtlichen Fragen gehört doch auch dazu?

    Es wäre schön, hierüber einige Informationen zu bekommen.

    Grüße,
    Ingrid Piltz

    P.S. Herr Humbert, ich glaube, ich bin keine Kollegin. Ich bin seit vielen Jahren ausschließlich in der Erwachsenenbildung tätig.

  9. cspannagel sagt:

    Liebe Frau Piltz,

    ich gebe Ihnen recht: Wenn man schon gegen Regeln verstößt, dann sollte man die Regeln auch kennen.

    Zur rechtlichen Ausbildung: Die findet (systematisch) nicht in der ersten Ausbildungsphase an der PH statt, sondern in der zweiten Ausbildungsphase an den Seminaren („Schulrecht“). Selbstverständlich werden aber auch rechtliche Aspekte an der PH vereinzelt diskutiert.

    Viele Grüße,

    Christian Spannagel

  10. Ingrid Piltz sagt:

    Hallo, Herr Spannagel,

    danke für Ihre Antwort.

    Grüße,
    Ingrid Piltz

  11. […] die Aufnahme ins BK II geklärt, anschließend als Abschluss eine Feedbackrunde durchgeführt. Diesmal nicht als Fragebogen, sondern im Plenum. Interessante Ergebnisse, recht positiv, aber das geht auch genau so an die Klasse zurück: Es war […]

  12. @Ingrid Pilz
    Sorry, ich war seit längerer Zeit nicht mehr hier und habe keine Nachrichten über neue Kommentare erhalten.
    Was die Aufsichtspflicht betrifft, so habe ich sie tatsächlich ingesamt locker wahrgenommen, vor allem in Situationen, die wirklich keine Gefahr bergen. Die Wahrscheinlichkeit, dass während ich vor der Klassenzimmertür warte sich im Klassenzimmer Kinder verletzen ist sehr gering und ich nehme sie aus pädagogischen Gründen in Kauf. Mein Motto war „no risk, no fun“ und meine Schüler und ich haben viel fun gehabt. Aber ich hatte wohl Glück, insbesondere auf Klassenreisen…

  13. Ich komme hier spät dazu…aber ich werde die Methode, die ich bei Christian am Freitag für eine andere Übung im Einsatz erlebt habe, nächste Woche bei einem E-Teaching Workshop an einer Uni (mit Dozenten als Teilnehmern) ausprobieren und bin schon gespannt. Danke!

  14. PS. ich habe meistens offenes Feedback gemacht, außerdem verwende ich anonymes Feedback via meinprof.de — insgesamt finde ich das Problem Feedback an sich auch diskussionswürdig, weil nämlich der Prozess natürlich lange vor dem Feedback beginnt und lange nachher (wenn überhaupt) aufhört…kontinuierliches Feedback ist eigentlich ideal; gleichzeitig muss es auch „Prozessruhe“ geben, sonst wird man als Dozent zu einer Reiz-Reaktionsmaschine…

  15. cspannagel sagt:

    @Marcus Berichte dann mal über deine Erfahrungen damit!🙂

  16. cspannagel sagt:

    @Marcus Vorteil der hier beschriebenen Methode: Sie ist relativ effizient, weil die Gruppe sich auf ein Feedback einigt (man erhält also nicht 100 Einzelmeinungen, sondern eine Gesamtmeinung) und man direkt rückfragen und Verbesserungen gemeinsam besprechen kann. Und die Studierenden trauen sich kritische Punkte eher anzusprechen, weil man selbst nicht im Raum ist.

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