Die Henne-Ei-Frage

Veröffentlicht: Montag, Oktober 4, 2010 in Maputo

Ein wesentlicher Inhalt meines Seminars hier in Maputo ist die Frage, wie man Computer sinnvoll zum Mathematiklernen einsetzen kann, und welche Einstellung zum Lernen und Lehren damit einhergeht (Konstruktionismus, operatives Prinzip, exploratives Lernen, … – mehr dazu demächst auf diesem Sender).

Dabei stellt sich einem natürlich die Frage: Ist das überhaupt sinnvoll, einen Kurs über den Computereinsatz im Mathematikunterricht in Mosambik zu machen? Viele Schulen haben keine Computer, und die Ressourcenlage ist überhaupt schlecht. Ein Kollege hat mir berichtet, dass mitunter 60-100 Schüler in einem Klassenzimmer sitzen, und drei Schüler teilen sich einen Tisch, an dem eigentlich nur zwei Platz haben. An die Förderung von Eigenaktivität, den Einsatz von Methoden wie Gruppenarbeit und die Nutzung von Computern im Unterricht ist dabei nur schwerlich zu denken. Was also soll das?

Im Folgenden seien einmal ein paar Argumente aufgeführt, warum das trotzdem sinnvoll ist:

Concepts first: Prof. Cherinda, mein Kollege und sehr netter Ansprechpartner hier vor Ort, hat es auf den Punkt gebracht: Mosambik kann mit der Ausbildung von Lehrkräften zum Einsatz von Computern nicht warten, bis die Computer da sind. Denn: Wenn sie da sind, dann sollte auch bereits geschultes Personal vor Ort sein. Das klingt auf dem Hintergrund der  Situation in Deutschland mehr als logisch. Bei uns ist es nämlich genau anders herum: Die Computer gibt’s (mehr oder weniger), aber sie werden von vielen Lehrern kaum eingesetzt, weil die entsprechenden Kompetenzen nicht vorhanden oder die didaktischen Konzepte nicht bekannt sind. Prof. Cherinda hat es mit einer Analogie sehr schön veranschaulicht:  Wenn du Auto fahren willst, dann machst du auch zuerst den Führerschein und kaufst dir dann ein Auto (und nicht umgekehrt). Somit ist für mich in diesem Zusammenhang die Henne-Ei-Frage geklärt: In erster Linie müssen die Lehrer ausgebildet sein.

Visions are  necessary: Es geht nicht darum, die Dinge direkt einsetzen zu können, sondern auch darum zu wissen, was prinzipiell möglich ist. Das ist etwas, was mir auch in der Diskussion in Deutschland öfter auf den Senkel geht: Als Einwand gegen neue Konzepte wird oft vorgebracht, dass das so alles gar nicht machbar oder praktikabel ist. Darum geht’s meiner Ansicht nach aber auch gar nicht. Man muss klar unterscheiden zwischen dem, was man im Alltag tut, und dem, was man für wünschenswert hält. Man kann sich auch in kleinen Schritten seinen Visionen nähern, und manchmal ist es auch einfach wichtig zu wissen, dass man es eigentlich lieber anders machen würde.

Cultural dependence: Als externer Dozent kann ich mich nicht komplett aus meinem kulturellen Kontext lösen. Ich kann nicht antizipieren, welche Bedürfnisse hier vor Ort vorhanden sind – das muss ich alles erst noch kennenlernen. Das heißt, ich kann eigentlich nicht mehr machen, als aus meinem Kontext heraus die Veranstaltung zu  gestalten. Wenn dann Differenzen auftreten, werden wir in der Gruppe darüber diskutieren. DAS ist gerade das Wertvolle an dieser Kooperation:  Zwei unterschiedliche Kulturen lernen sich gegenseitig kennen und profitieren voneinander. Letztlich sollen nicht nur die Studierenden etwas lernen, sondern auch ich. Und die Zukunft (also bei meinen nächsten Seminaren hier) kann ich diese Erfahrungen nutzen, um die Inhalte und Methoden des Kurses weiterzuentwickeln.

Was meint ihr dazu?

Kommentare
  1. Lisa Rosa sagt:

    Tolle Sache machst Du da! Ich finde es sehr interessant zu hören, dass anderswo Medienverständnis entsteht, wo noch keine Hardware und kein OLPC vorhanden ist, wohingegen bei uns z.T. die Hardware und der Zugang zum Internet längst da ist, aber die Lehrer & Lehrenden nur sehr sporadisch damit arbeiten (lassen), weil sie sich nicht selbst um ihre Medienkompetenzerweiterung kümmern und lieber machen, was sie schon immer gemacht haben. Kürzlich hatte ich doch tatsächlich wieder ein Seminar, in dem Folien „aufgelegt“ wurden (auf den OHP), in 11punkt – Schrift, und die Lehrende fand es nicht beschämend, dass man sie nicht lesen konnte, sondern las sie dann vor und empfand diesen Akt als zusätzlichen Service.
    Ich bin sehr gespannt auf weitere Erfahrungen! Ähnliches hörte ich auch aus Mexiko und Bolivien, wo die Lehrenden und Lehramtsstudenten sehr begierig sind, mit Computer und Internet zu arbeiten.

  2. Florentina Sauerbach sagt:

    Computereinsatz im Mathematikunterricht in Mosambik – die Schüler der Privatschulen werden in jedem Fall davon profitieren, daher ist es schon sinnvoll – für den Großteil der Schülerschaft kann man es unter „Notwendigkeit von Visionen“ verbuchen, denn die gut ausgebildeten Lehrer unterrichten in der Regel an Privatschulen (die zahlen besser und haben u.U. auch eher Strom, bzw. einen Generator, um die notwendige Technologie überhaupt zu betreiben).
    Wenn Tische zur Verfügung stehen an denen 3 Kinder sitzen können, dann ist es schon ein Fortschritt – oftmals werden die Tische aus den Klassenräumen geräumt, damit mehr Platz ist und die Kinder sitzen auf dem Fußboden. Ich weiß nicht wie hoch aktuell die Analphabetenrate ist – aber vor ein paar Jahren lag sie noch bei über 50%.
    Aber es stimmt schon – irgendwo muss man anfangen, auch wenn es im ersten Moment „unwirklich“ erscheint, denn dieses „Wissen was möglich ist“, schafft die Visionäre im Land, die nötig sind, in die nächste Runde zu gehen!
    Also viel Erfolg auch bei den weiteren Seminaren!

  3. sdinkel sagt:

    Ich wünsch dir auch viel Erfolg in Mosambik! Wird sicher sehr spannend.

  4. Oliver Tacke sagt:

    zu concepts first:
    Ich bemühe auch mal den Führerscheinvergleich. Gibt es denn genügend Autos für den praktischen Fahrunterricht? Oder blieben das bloß theoretische Trockenübungen?

    zu visions are necessary:
    Wer Visionen hat, sollte zumindest die Realität nicht aus den Augen verlieren.

    zu cultural dependence:
    Geert Hofstede bezeichnet Kultur als die „kollektive Programmierung des Geistes“ einer Menge von Personen, die lässt sich nicht so einfach ändern. So ein Austausch kann helfen, sich der Unterschiede bewusst zu werden und interkulturelle Kompetenz aufzubauen. Ich meine mich aber auch an eine Studie von Andrea Graf zu erinnern, die Auslandsentsendungen von Mitarbeitern zum Thema hatte. Dabei kam heraus, dass ohne entsprechende Vorbereitung das Gegenteil passieren kann, nämlich dass die Entsendeten bloß keine weiteren interkulturellen Erfahrungen machen wollen (Kulturschock).

  5. cspannagel sagt:

    @Lisa Uns gehts im Schnitt einfach zu gut. Es gibt keine Motivation für Veränderung und Verbesserung. Dann kann man sich ganz bequem auf dem ausruhen, was man hat. Beschämend ist das.

    „sondern las sie dann vor und empfand diesen Akt als zusätzlichen Service.“ – Immerhin hat sie denselben Text gesprochen wie der, der auf den Folien stand. Dann kann man wenigstens noch die Augen zumachen und einfach zuhören. Viel schlimmer ist ja, wenn die Leute einen Text auflegen und die ganze Zeit irgendwas anderes quasseln. Eins von beidem verpasst man dann nämlich mit Sicherheit.🙂

    @Florentina Kommst du aus Mosambik? Es würde mich freuen, wenn du weiterhin kommentieren würdest!

    @Oliver Es werden keine Trockenübungen sein. Die Computerausstattung an der Hochschule ist gut.

    „Wer Visionen hat, sollte zumindest die Realität nicht aus den Augen verlieren.“ – Richtig. Beides braucht man.

    „nämlich dass die Entsendeten bloß keine weiteren interkulturellen Erfahrungen machen wollen“ – Das kann ich mir vorstellen – allerdings nicht bei Mosambik. Hier will man immer wieder hin. (zumindest gehts mir so)

  6. Oliver Tacke sagt:

    @Christian
    Also nicht nur Theorie pauken, sondern auch Fahrstunden. Dann klingt das doch nach was. Hoffentlich gibt es danach auch ab und an fahrbare Untersätze, damit man nicht aus der Übung kommt.

  7. cspannagel sagt:

    „sondern auch Fahrstunden“ – sogar überwiegend Fahrstunden. :))

  8. Florentina Sauerbach sagt:

    @Christian
    nein, ich komme nicht aus Mosambik, habe aber eine Zeit in Südafrika gelebt und habe dort u.a. am Aufbau einer Schule in Soweto mitgearbeitet – das, was du vorfindest in M ist vergleichbar, streckenweise wahrscheinlich noch mehr „Kulturschockbefördernder“😉
    Ich kenne die Nachbarländer, weil wir sie bereist haben und durch die Erzählungen derer, die dort bereits aktiv Aufbauarbeit geleistet haben. M ist aber wirklich ein faszinierendes Land und wir waren oft dort – das Gefälle arm-reich ist dort allerdings noch extremer als in SA.
    Und zum Vergleich Fahrstunden: wenn ich an Strecke Johannesburg – Xhai Xhai, die über Maputo führt, denke, dann muss ich grinsen – wenn du deinen Studenten so das „Fahren“ beibringst, dann machen sie später alles und nichts möglich🙂

  9. Marc Krüger sagt:

    Hi!

    zu „Visions are necessary“: Das ist etwas, was ich im Ausland auch schon oft beobachtet habe. Besonders Zweit-, aber auch Drittweltländer gehen wesentlich aufgeschlossener, visionärer und Ideen-reicher mit neuen Technologien, aber auch Ideen um. Diese Länder sehen grundsätzlich erstmal die Chancen, die sich mit neuen Technologien auftun.

    In Deutschland hingegen muss erst mal eine Grundsatzdebatte geführt werden, bevor angefangen wird, Ideen zu verwirklichen. Der Ursprung dieses Habitus ist mir jedoch nicht transparent: Sind wir einfach satt von den vielen Innovationen der vergangenen Jahre? Glauben wir, dass wir es nicht nötig haben? Geht es uns einfach zu gut? Oder liegt es letzten endlich im Wesen des Deutschen, dass er alles kritisch hinterfragen muss?

    Wir sollten uns die Erfahrungen von Christian als Vorbild nehmen!

    Marc Krüger

  10. Lisa Rosa sagt:

    Es ist schwierig zu benennen, warum bei uns so wenig Innovationsbereitschaft (mit der entsprechenden Risikobereitschaft) vorhanden ist. Ich glaube aber nicht, dass es daran liegt, dass es „uns“ „zu gut“ geht. Denn es geht dem Land in Wirklichkeit gar nicht gut. 20 % funktionale Analphabeten in den Metropolen, viel zu wenig Abiturienten, von Hochschulabsolventen ganz zu schweigen … hm, fragt „die Wirtschaft“, die schlägt schon seit Jahren Alarm!
    Unser Problem ist, dass unsere Gesellschaft eine Reihe notwendiger Modernisierungen verpasst hat und dafür gerne ersatzweise träumt, wer „wir“ mal früher gewesen waren (Humboldt, Goethe usw). Von Jahr zu Jahr wird es schwieriger, diese Modernisierung nachzuholen; umso höher werden die Kosten sein, wenn es dann doch nicht mehr zu vermeiden ist. Aber diesen Zeitpunkt, an dem es nicht mehr zu vermeiden ist und die Kosten dafür bezahlt bzw. erlitten werden müssen, das verschieben v.a. die Entscheider in der Politik gerne auf spätere Figuren, die dann für die Kosten den Kopf hinhalten müssen.

  11. apanat sagt:

    Ich zweifle, dass Computer die notwendige Modernisierung für Pädagogik sind.
    Das aktive Plenum und Lernen durch Lehren, mehr noch Einübung in exploratives Verhalten scheinen mir dringlicher.
    Da Christian nicht gelobt werden will, höre ich hier mal auf.

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