Grundlegende Entwicklungsprobleme des mosambikanischen Bildungswesens

Veröffentlicht: Montag, Dezember 6, 2010 in Gastbeitrag, Maputo

Eines der anregendsten Gespräche hatte ich in Maputo mit Prof. Hans Saar. Hans war früher an der PH Leipzig tätig und ist vor einigen Jahren nach Mosambik ausgewandert. Heute ist er Professor für Pädagogik an der Universidade Pedagogica. In unserem Gespräch ging es unter anderem um die Primarlehrerausbildung und den Grundschulunterricht in Mosambik. Man kann sich kaum vorstellen, unter welchen Bedingungen Lehrerinnen und Lehrer in den Grundschulen arbeiten. Oft lehren sie in drei Schichten: Morgens unterrichten sie 70 Schüler, mittags kommen die nächsten 70, und abends nochmal 70 andere. Und das alles für wirklich wenig Geld! Es freut mich sehr, dass sich Hans bereit erklärt hat, einen Gastbeitrag über die grundlegenden Entwicklungsprobleme des Bildungswesens in Mosambik zu schreiben. Bitte schön:

Das Bildungswesen in Mosambik hat in den zurückliegenden Jahren mit den verstärkten Anstrengungen der Regierung und der Internationalen Gebergemeinschaft eine vor allem in quantitativer Hinsicht durchaus anerkennenswerte Entwicklung genommen. Ausdruck dessen ist die Politik der Expansion der Bildung in allen Provinzen des Landes, sind konkret der weitere Ausbau des Schulnetzes, die Verbesserung der materiell-technischen Basis der Schulen (auf noch immer niedrigem Niveau), der verbesserte Zugang zur Schule für die Kinder und insbesondere der Mädchen, die schnellere Bereitstellung von Lehrern für die Primarschule durch das Ausbildungsmodell 10 plus 1 etc.. Eingangsprofil zum Studium ist damit zum ersten Mal die 10. Klasse,was positiv zu bewerten ist, da es bisher nur Modelle mit der Eingangsvoraussetzung der 4.-8. Klasse gab. Leider wurde gleichzeitig die Ausbildungszeit auf ein Jahr reduziert, was wiederum die Qualität der Ausbildung beeinträchtigt.
Ein weiteres Problem der mosambikanischen Schule ist die mangelhafte Vorbereitung und Durchführung des sogenannten halbautomatischen Übergangs (eine Politik zur Reduzierung der hohen Sitzenbleiberrate, insbesondere in den ersten Grundschuljahren), welcher unter pädagogischen Aspekten durchaus vertretbar ist und einen wertvollen Beitrag zur Ausbildung der Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens aller Kinder leisten kann. Da der mosambikanische Primarschullehrer sich jedoch als Autorität versteht, wurde ihm damit das Machtmonopol der Zensur teilweise genommen, was für ihn unverständlich war und letztlich zu einer Art indirekten Arbeitsverweigerung führen konnte. Nicht das beabsichtigte Ziel, den Kindern mehr Selbstvertrauen zu geben und Kompetenzen ohne das „Schwert der Zensur“ zu entwickeln, wurde erreicht, sondern eine Degradierung von Qualität, so dass wieder mehr Schüler in Grundschulklassen ohne entsprechende Kenntnisse und Könnensqualitäten angetroffen werden.
Einerseits lassen sich im mosambikanischen Bildungswesen durchaus positive quantitative Entwicklungen feststellen, die jedoch unzureichend qualitativ unterlegt sind. Darin besteht u.E. das grundlegende Problem des mosambikanischen Bildungswesens.
Einer durchaus erfreulichen Entwicklung insbesondere unter quantitativem Aspekt stehen also neue große Herausforderungen gegenüber, wie das folgende Beispiel verdeutlicht. Mosambik verfügt in der Regel über insgesamt genügend ausgebildete Lehrer, wobei dies noch nichts über die Qualität der Ausbildung aussagt, sodass es kaum noch zur vertraglichen Bindung nichtqualifizierter Lehrer kommt. Es gibt bereits die Erscheinung, dass es Wartelisten zur Einstellung für den Lehrerberuf gibt. In den nächsten Jahren müssen qualitative Fragen weitaus stärker in strategische Überlegungen und konkretes Denken in allen Bereichen des Bildungssystems zum Tragen kommen.
Die Sicherung einer besseren und auf die mosambikanische Grundschule bezogenen Lehrerausbildung stellt eine der grundlegenden Herausforderungen dar. Der Weg dahin erfordert ein Umdenken aller Entscheidungsträger im Bildungssektor und für die Pädagogische Universität Maputo, die längst nicht mehr lediglich in Maputo zu Hause ist, sondern in fast allen Provinzen des Landes mit Delegationen vertreten ist, sodass man berechtigterweise von einer Landesuniversität sprechen kann.
Ohne die Schaffung neuer Wissenschafts- und Lehrdisziplinen, die einen engen Bezug zur Grundschule haben, wie die Grundschulpädagogik und –didaktik sowie die spezifischen Didaktiken der in der Grundschule vertretenen Fächer wird es kaum eine grundlegende Verbesserung in der Primarschullehrerausbildung und eine dringend erforderliche Verbesserung der Qualität der mosambikanischen Grundschule geben. Diese Entwicklung ist ansatzweise eingeleitet, und das zu erreichende Ergebnis sollten unter anderem Dozenten an den Primarschullehrer ausbildenden Einrichtungen sein, die wesentlich besser als bisher Lehrerstudenten auf ihre Tätigkeit an der Grundschule vorbereiten, die nicht im Allgemeinen verbleiben, sondern der Spezifik des mosambikanischen Grundschulkindes und einer adäquaten Pädagogik/Didaktik verbunden sind.
Unter anderem mit der Vertiefung der Hochschulkooperation zu deutschen Universitäten und der beabsichtigten Gründung eines Zentrums zur Entwicklung der Grundschule und zur Durchführung von Studien in der Provinz Gaza unternimmt die Pädagogische Universität Anstrengungen sich intensiver qualitativen Fragen der mosambikanischen Grundschule und der Primarschullehrerbildung zuzuwenden.

Kommentare
  1. Florentina Sauerbach sagt:

    Herzlichen Dank für diesen informativen Artikel und weiterhin viel Erfolg!

  2. Danke für diesen interessanten Beitrag, der unser noch sehr rudimentäres Wissen über das Bildungssystem in Mozambik und generell in ganz Afrika erweitert!

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