Geburtenzahlen in Schwetzingen

Veröffentlicht: Samstag, Februar 5, 2011 in Statistik

Es macht immer wieder Spaß, sich mit Zeitungsartikeln näher zu beschäftigen, in denen mit Statistiken jongliert wird und in denen diese auch fleißig interpretiert werden. Heute bin ich bei morgenweb.de auf den Artikel Geburtsort Schwetzingen klingt gut gestoßen. Dort steht drin (wenn man es mal auf die wesentlichen Aussagen beschränkt):

  • Bundesweit gibt es von 2009 auf 2010 einen Geburtenrückgang von 0,1%.
  • In Schwetzingen sind die Geburtenzahlen: 468 (2007), 493 (2008), 489 (2009), 472 (2010)

In dem Artikel steht weiter: „Wie Chefarzt Dr. Kay Goerke gegenüber unserer Zeitung betonte, bewege sich die Zahl der Geburten in einem statistischen Mittel.“

Es stimmt natürlich schon, dass im Jahr 2010 4 Kinder mehr geboren wurden als im Jahr 2007 und dies nicht dem gesamtdeutschen Trend entspricht. Fraglich ist jedoch, ob dies nicht auf einer „zufällig“ höheren Geburtenzahl im Jahr 2008 beruht, denn seit dem ist der Trend offensichtlich ebenso rückgängig. Und: In Schwetzingen gibt es einen Rückgang der Geburtenzahl von 2009 auf 2010 um 17 Kinder, was einer Abnahme von 3,5% entspricht. (Man rechnet (489-472)/489.)

Das konstante Niveau der Geburtenzahlen beruhe aber vermutlich auf folgender Tatsache:

„Der Vorteil der Abteilung gegenüber den großen umliegenden Geburtskliniken, wie beispielsweise den Universitätskliniken in Mannheim und Heidelberg, ist sicherlich die sehr individuelle Betreuung der Schwangeren, Gebärenden und Entbundenen, die dank guter personeller und apparativer Ausstattung auf höchstem medizinischen Niveau stattfindet“, kommentiert Chefarzt Dr. Kay Goerke die eigenen Zahlen.

Ich würde eher dazu tendieren, die Schwankungen in Schwetzingen nicht derart ernst zu nehmen, denn die Gesamtzahl der Geburten ist natürlich wesentlich geringer als in Gesamtdeutschland, und Schwankungen von ein paar Kindern fallen hier ziemlich stark ins Gewicht. Insofern halte ich es für bedenklich, die Trends in Deutschland und Schwetzingen miteinander zu vergleichen. Man stelle sich einmal ein Krankenhaus in einer Kleinstadt vor, in dem in einem Jahr 5 Kinder geboren werden und im nächsten 6 – das wäre ja eine Zunahme um 20%! Welch ein Gegensatz zum gesamtdeutschen Trend! Der Grund könnte aber auch einfach sein, dass in Hintertupfingen jemand mal vergessen hat, die Pille zu nehmen.

Kommentare
  1. Oliver Tacke sagt:

    Für so etwas kennst du doch sicher die entsprechende Seite in den Mitteilungen der DMV… Da gab es auch mal eine schöne Diskussion um den Begriff „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Oder wirf mal einen Blick in „Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit“.

  2. ixsi sagt:

    Danke für die Daten und die Quelle! Jetzt habe ich eine Diskussionsgrundlage für die Mathestunde in zwei Wochen zum Thema „Wahl eines genügend großen Stichprobenumfangs“.🙂

  3. […] This post was mentioned on Twitter by Sigi Jakob and Torsten Larbig, chrisp. chrisp said: Mal wieder ein Beispiel für Statistikjonglage in Zeitungen: Geburtenzahlen in Schwetzingen http://bit.ly/fQRmX0 #gebloggt […]

  4. […] doch zum interpretieren und jonglieren ein, wie es Christian Spannagel, immer mal wieder auf seinem Blog, wie beispielsweise in seinem Artikel „Geburtenzahlen in Schwetzingen“ […]

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