Über Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Authentizität

Veröffentlicht: Samstag, Februar 26, 2011 in Tugend

Ein viel verwendetes Wort im Web 2.0 ist Authentizität. Wir sind hier alle ganz authentisch. Klingt albern, ist aber was dran. Wer Twitter in seinen Alltag integriert und „als Person“ twittert, kann sich auf Dauer nicht erfolgreich verstellen. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass die Gesamtheit der Mitteilungen inkonsistent wird, und dass das irgendjemand bemerkt und dann zum Thema macht. Außerdem macht Verstellen keinen Spaß. (Ich merke, die Argumentation wird gerade sehr subjektiv. Macht aber nix.)

Jean-Pol hat auch gerade den Weg der Tugend für sich entdeckt. Sein Fazit in dem Bereich lauter: „Man kann auf Dauer nur dann Spaß haben, wenn man tugendhaft ist.“ Auch da ist was dran. Ich habe im letzten Jahr gelernt, dass prinzipielle Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber und auch gegenüber anderen das Leben enorm entspannend macht und man aus einer viel größeren Gelassenheit heraus agieren kann. Dabei meine ich nun nicht nur, dass man nicht absichtlich lügen sollte, sondern auch die folgenden Aspekte:

  • Problem 1: Man baut den Schein auf  und muss ihn aufrecht erhalten. In der Wissenschaft ist diese Methode an vielen Stellen subtil vorhanden. „Ich habe ganz wichtige Forschungsprojekte.“, „Ich habe ganz wichtige Forschungsergebnisse herausbekommen.“, usw. Insbesondere letzteres ist oft fragwürdig: Es ist gängige Praxis, nur Ergebnisse vorzustellen, in denen tatsächlich auch jede Menge signifikante Unterschiede gefunden wurden. Diejenigen, in denen kein einziger signifikanter Unterschied gefunden wurde, werden nicht präsentiert. Neulich, auf einer Tagung, hat eine Session-Moderatorin (ich glaube, Professorin) einen Doktoranden nach seinem mutigen Vortrag gefragt, wie er denn in seiner Dissertation damit umgeht, dass er keine Signifikanzen gefunden hat. Eine sehr seltsame Frage, wie ich finde. Diese Frage lässt nämlich vermuten, wie diese Professorin ihre eigenen Doktoranden berät. In der Wissenschaft sind eben alle ganz wichtig, und zwar unter anderem deshalb, weil sie ganz wichtige Ergebnisse herausgefunden haben. Und außerdem, weil sie alle ganz klug sind, sie sind ja schließlich Professoren, und das sind ja vermutlich die intelligentesten Personen hier auf der Erde. (Mein Eindruck manch eines Professors, der über eine Tagung „gockelt“.) Und: Dieses Verhalten wird von den Nachwuchswissenschaftlern kopiert. Lernen am Modell eben. Bandura durch die Hintertür. Und, nur um mal ein anderes Feld anzureißen: Welche Gedanken erzählt man seinem (Ehe-)Partner lieber nicht?
  • Problem 2: Man macht sich selbst etwas vor. Das ist noch schwieriger zu akzeptieren als Problem 1, und letztlich ist es auch eine Verschärfung. Es ist das internalisierte Scheinverhalten, vermischt mit Wunschdenken („So wäre ich gerne, so würde ich gerne sein, und eigentlich kann ich ja schon mal so tun, als sei ich so.“) Dies wird beispielsweise dadurch unterstützt, dass man sich im Web mit denjenigen Personen vernetzt, die dieselbe Meinung haben wir man selbst. Man sucht sich positive Verstärker, damit man sein Bild von sich gefahrlos weiter aufrecht erhalten kann. Dieses Problem führte vor einiger Zeit mal bei mir zu einem Abbruch bestimmter Netzaktivitäten (und es ist für mich interessant, jetzt nochmal den Artikel von damals zu lesen; eine z.T. übertriebene Reaktion, wie ich jetzt finde.)

Die Lösung dieser Probleme ist eigentlich „ganz einfach“: Man sagt, was man denkt, und man sagt, wie es ist. Fertig. Man stellt die Wahrheit nicht selektiv oder derart verzerrt dar, dass man nicht aneckt. In der Wissenschaft bedeutet dies: Wenn ich keinen einzigen signifikanten Unterschied gefunden habe, dann habe ich keinen gefunden. Fertig. Da, das sind meine Ergebnisse. Durch dieses Verhalten wird man zum Beispiel für andere (ebenso Lernen am Modlel). Und vielleicht ändert sich dann (über einen langen Zeitraum) eine Scheinkultur in eine Seinkultur. Letztlich ist das aber auch wurscht. Das Ganze ohne Idealismusanspruch – Es geht mir „nur“ um eine Grundhaltung, die einen selbst glücklich macht.

Eine passende politische Reaktion in den letzten Tagen wäre in diesem Sinne die folgende gewesen: „Ich habe Mist gebaut, ich habe ein Plagiat angefertigt. Natürlich hab ich das absichtlich gemacht, und es war dumm. Es tut mir leid, es war ein Fehler. Ich bereue es. Ich würde aber trotzdem gerne im Amt bleiben, einfach weil ich zurzeit der einzige bin, der diesen Job super machen kann. Also: Ich werde euch in nächster Zeit zeigen, dass ich es besser kann.“ In der Politik ist es allerdings so, dass Authentizität nicht relevant ist. Aber Spaß hat man dort sooo vermutlich auch keinen.

 

Kommentare
  1. Da du mich freundlicherweise erwähnst (wofür ich mich bedanke, das freut mich natürlich): die Tugend habe ich als Glücksstrategie bereits 1968 für mich entdeckt. Das war nach vielen Jahren Tricksereien ein Paradigmenwechsel und ich habe versucht, das bis heute durchzuziehen. Kurzfristig lohnt sich Tugend vielleicht nicht, aber langfristig schon. Hier die Passage aus meiner Biographie, wo ich beschreiben, wie ich vom Laster zur Tugend übergewechselt bin (2.6.4: „Vom Saulus zum Paulus“): http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Jeanpol/Buch#Vom_Saulus_zum_Paulus

  2. cspannagel sagt:

    Sehr guter Kommentar von @mindlounge über twitter: „im Tun zeigt es sich: Schein oder Sein“: http://twitter.com/#!/mindlounge/statuses/41462058155376640

    Nur – viele Menschen beobachtet man nicht im direkten Tun, sodass der Schein lange aufrecht erhalten werden kann….

  3. Natürlich beobachten wir viele Menschen nicht im direkten Tun – aber ein „Gefühl“ davon zu haben, was da vor sich geht ist möglich. UND meist schauen wir auch lieber weg…
    Fazit:
    Wenn wir statt wegzuschauen (was eine Kraft kostet), hinschauen (was eine gleiche Kraft kostet), dann sehen wir auch mehr!
    „Die unerträgliche Leichtigkeit des Scheins.“ –

  4. Maik Riecken sagt:

    Ich blende im Web eine ganze Reihe von Dingen aus, die meine Person zusätzlich zu dem nach außen Sichtbaren ausmachen.

    Ich frage mich, ob das unauthentisch oder antiexhibitionistisch ist.

    Der dazu notwendige Filter ist jetzt statisch verankert, zieht kaum Energie ab und nun schon eine ganze Weile aktiviert.

    Gruß,

    Maik

  5. Einer meiner früheren Chefs (als jobbender Student) hat mir folgenden Spruch beigebracht, den ich heute noch gerne zitiere: ‚Chef, ich hab Scheisse gebaut.‘

    Wenn etwas schief gelauten ist, wollte er keine Erklärungen. Die bringen ex post eh nichts mehr. Ausreden erschweren eher den Blick auf den eigentlichen Fehler. Im Sport sagt man daher auch: ‚Trainer, das war nichts. Ich weiß. Aber ich werde es erneut versuchen und besser machen.‘

  6. […] sich positive Verstärker, damit man sein Bild von sich gefahrlos weiter aufrecht erhalten kann. ein Artikel über Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Authentizität von Christian Spannagel Februar 26th, 2011 in Fundstücke, Gedanken, Leben | tags: Ehrlichkeit, Internet, Lüge, […]

  7. Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass bei gut dotiertem und stabilen Posten, beispielsweise als Dozent oder Professor, der Weg der Tugend leichter zu gehen ist als auf einer befristeten Projektstelle. Tugend ist oft ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann.

  8. apanat sagt:

    @jeanpol: Das wäre eine Diskussion darüber wert, was Tugend ist.
    Ich denke nicht, dass materiell Unabhängige leichter tugendhaft sein können als Abhängige. Vielmehr scheint es mir eher so, dass für gleiches Verhalten je nach Position unterschiedlich viel Tugend erforderlich ist. Vielleicht ist das aber eine reine Definitionssache.
    Allerdings wären wir uns vermutlich darin einig, dass wir eine Gesellschaft anstreben sollten, in der nicht grundsätzlich Untugend belohnt und Tugend bestraft wird.

    Dafür dass Guttenberg dafür gesorgt hat, dass diese Regel wenigstens in seinem Fall einmal nicht angewendet wurde, bin ich dankbar. Insofern bin ich sogar ihm dankbar.

  9. Martin sagt:

    Mich hat besonders die Frage „Was erzähle ich meinem (Ehe)Partner?“ ins Grübeln gebracht. Aktuelles Fazit: Alles. Vielleicht nicht immer sofort, denn ich will es erst selbst einmal durchdenken. Oder es soll eben eine Überraschung werden. Aber selbst dann kommt zu einer Zeit der Punkt zu sagen: „Ich habe über wasauchimmer nachgedacht, was meinst du?“ oder eben die Frage „Machen wir dies und jenes?“ anstatt es einfach zu tun. Was zu einem konfliktfreien Zusammensein führt, anstatt dass irgendwann der große Knall à la „Du tust ja eh was du willst und erzählst ja nie was“ kommt. Aber es scheint viele Leute zu geben, die ja durchaus andere Strategien verfolgen…

  10. @apanat Zur Abhängigkeit: als ich mich habilitierte, wurde ich natürlich wie jeder andere von meinen mentoren tendenziell gedemütigt (wobei auch hier zu diskutieren wäre: was der eine als demütigung empfindet, merkt der andere nicht einmal). Tugendhaft wäre gewesen, bei der ersten demütigung auf die habilitation zu verzichten. Tat ich aber nicht.
    „Dafür dass Guttenberg dafür gesorgt hat, dass diese Regel wenigstens in seinem Fall einmal nicht angewendet wurde, bin ich dankbar. Insofern bin ich sogar ihm dankbar.“
    – Verstehe ich gut. Allerdings ist das verhalten der „wissenschaftler“ noch viel widerlicher als das von Guttenberg. Wer hatte die aufgabe, die qualität wissenschaftlicher arbeiten zu sichern? Guttenberg oder die beiden profs, die ihn promoviert haben? Und wenn denen nichts an der dissertation aufgefallen ist, was sind das für inkompetente pfeifen? Und jetzt behaupten sie, dass sie einem betrüger aufgesessen sind. An scheinheiligkeit nicht zu übertreffen!
    @Martin
    Wenn du fremd gehst (kann mal passieren) erzählst du es dann deinem (ehe)partner? Und wenn ja, ist das sinnvoll?

  11. cspannagel sagt:

    @Maik Dinge ausblenden ist völlig ok. Du bist ja nicht verpflichtet, dich in deinen sozialen Netzwerken zu exhibitionieren. Aber: Bei dem, was du sagst, bist du aufrichtig. Das ist das wichtige.

    @Alexander Ja, hinschauen ist wichtig. Das hätten sich die Gutachter von Guttenberg mal zu Herzen nehmen sollen. Oft kann man Dinge aber tatsächlich nicht mehr nachvollziehen. Wenn man hinguckt, sieht man nix mehr, weil vorher als weggeräumt wurde.

    @apanat Es geht (nicht) nur um die finanzielle Unabhängigkeit, sondern um die Verankerung im System. Als Projektmitarbeiter bist du z.B. den Projektzielen verpflichtet. Außerdem musst du das machen, was der Prof. sagt. Selbstverständlich sagt der nicht: „Stell dich in deinem Vortrag vorne hin und lüge.“, sondern die Mechanismen sind viel subtiler. Irgendwann nimmst du die „Gepflogenheiten“ der Wissenschaftscommunity an – und verteidigst sie auch noch! Es ist schwer, durch die „Gehirnwäsche“ der Promotion unbeschadet durchzulaufen. Ich würde mir wünschen, dass Betreuer viel mehr das selbstständige Denken der Doktoranden fördern würden als sie in die Standards der Community einzuführen.

    @Martin Erzählst du wirklich alles? Auch sowas wie „Ich würde gerne mal mit XYZ vögeln?“ Wie lautet die Antwort auf „Denkst du ab und zu mal drüber nach, mit anderen zu schlafen?“ Ich denke, durch eine Beziehung bzw. Partnerschaft werden Strukturen geschaffen, in denen man nicht authentisch sein kann (außer vielleicht in besonderen Ausnahmefällen). Es werden bestimmte Standards erwartet, und Gedanken, die nicht diesen Standards entsprechen, werden verheimlicht.

  12. Crossyard sagt:

    Ich bin erleichtert, dass nicht nur mich die Frage der Professorin beim „Tag des wissenschaftlichen Nachwuchses“ nachhaltig beschäftigt hat. Meine Gedanken und Schlussfolgerungen dazu habe ich hier gebloggt:
    http://crossyard.wordpress.com/2011/01/13/signifikanz-relevanz/ Allerdings nicht mit dem Bezug auf Authentizität… wobei ich den Ansatz auch gedankenanregend finde.

    VG,
    Crossyard

  13. Hmm…. Vor „einiger“ Zeit, geprägt durch die Generation(en) von ca. 1890 bis 1920, erschienen mir lernen, verstehen, kämpfen (für den Standpunkt, eine Wahrheit, ein Prinzip) als selbstverständlich.
    So lernte ich von Kindheit über Jugend bis – mehr oder weniger – Heute. Was die praktische Welt anging bedeutete dies erstmal einen „richtigen“ Beruf. Einen Handwerksberuf, der während und nach einem Weltkrieg oder einer großen Katastrophe auch gebraucht wird.
    Was meine natürliche Begabung und Interessen anging bedeutete es Naturwissenschaft und Militärwissenschaften und dort vor allem alles was mit Physik und Elektronik zu tun hatte.

    An einem gewissen Punkt bemerkt man, das es immer weniger Menschen gibt, die einem noch befriedigende Antworten geben können und man endet auf der Suche nach Erkenntnis in Forschungszentren.
    Neben der Schule und später neben der Lehre im Handwerk klapperte ich also über Jahre alle möglichen dieser Zentren ab und bemerkte einen bedenklichen Wandel.

    Wo anfangs häufig noch die leidenschaftlichen „Freaks“ völlig übernächtigt in hochreinen Labors saßen, in einer eigenen Welt lebend und eher verständnislos für das Streben nach „sozialem Status“ – ganz wie man es sich so vorstellt – schlichen sich immer mehr möchtegern Akademiker ein.
    Mit Diesen traten ein seltsames Konkurrenzdenken und eine nie dagewesene Publikationswut zu tage.
    „Verdammt, Gruppe A hat eben einen Artikel in Nature veröffentlicht, wir müssen auch irgendwas schreiben.“
    Als Entschuldigung hält dann oft die Komplexität der aktuellen Forschung her. Man könne ja nicht etwas Sinnvolles in 2-3 Jahren hervorbringen…
    Stimmt. Kann man nicht. Darum werkelte man ja auch schonmal bis zu 10 Jahre an seiner Dissertation und mit etwas Pech das selbe Spiel nochmal für die Habilitationsschrift.
    Der Dr. brachte auch nicht sonderlich viel Ansehen oder Geld. Der Titel ist absolutes Minimum für viele Positionen.
    Es war eine Sache die man halt so macht, weil es sich so ergibt. Irgendwann.

    Egal, dachte ich mir, ist halt so und wird schon gehen.
    Ging aber nicht. Grund dafür war einer der „guten alten Werte“ meiner Großeltern: Sei immer ehrlich, verbieg dich nicht und Spring nicht von der Brücke nur weil alle Anderen gerade springen, etc. pp.
    Mit dem verstaubten Denken in meinem Schädel und einer guten Portion Selbstbewusstsein und abgrundtiefer Boshaftigkeit ausgestattet trat ich also schön Jedem auf die Füße, der meinem Wertegefüge nicht gerecht wurde.
    Drei Jahre im kloster haben zweifellos auch dazu beigetragen, etwaige (Selbst)Zweifel an meinem moralischen Standpunkt zu minimieren und rigoros von Allen bedingungslose Härte gegen sich und ihre Fehlbarkeiten zu erwarten.

    Grundlagenforschung ist ein wenig wie Kunst indem sie in erster Linie etwas schafft, das niemandem beim Überleben hilft. Es wird geschaffen in einer Art Verehrung für die unvorstellbare komplexität der Natur und der Schönheit die sie hervorbringt. Es wird nicht geschaffen um Produktiv zu sein. Die Gewissheit in x Monaten ist das Ergebnis da gibt es nicht. Zumindest nicht in der Physik.

    Für mich war dann klar: im Handwerk schaffe ich etwas von Wert – im veränderten akademischen Betrieb entwerte ich mich selbst und beleidige was die Natur mir gab.
    Die Allgemeinheit sieht die Dinge natürlich ganz anders.
    Dort haben Dinge um so mehr Wert, je nutzloser sie sind.
    Dementsprechend verdient ein Handwerker auch kaum genug um eine Familie zu ernähren und wird nicht sonderlich geachtet, obwohl jeder braucht, was er produziert.

    Wie dem auch sei, die Tradition, die Aggression und der Bildungsschwerpunkt trieben mich zum Militär.
    Keine Publikationen die irgendein Zivilist jemals sehen würde, keine Konkurrenz, wir produzierten Sicherheit indem wir die ehem. Rep. Jugoslawien, den Irak oder Afghanistan fast von der Landkarte bombten… Na ja…

    Auch wenn Philanthropie nicht gerade zu meinen Vorzügen gehört stellten die Diskrepanzen zu den Verfassungen der Agitatoren den Sinn meiner Arbeit in Frage. Die scheinheilige Argumentation der Politik tat das Übrige.
    Wenn man etwas tut, sollte man es auch wahrheitsgemäß begründen.

    Irgendwo liegt das Problem in der Erziehung. Im Elternhaus und in der Schule und bei der Politik, wenn es die Erwachsenen betrifft.
    Unpopuläre Meinungen vertreten wird nicht gefördert, es wird nichtmal toleriert. Meinung bilden und vertreten wird an Schulen nicht gelehrt. Die Leute werden viel mehr aufs bevorstehende Studium vorbereitet als darauf, Verantwortungüber die Welt zu übernehmen. Am Ende, nach 12 oder 13 Klassen, können die Wenigsten dann auch nur für sich selbst Verantwortlich handeln.

    Wenn ich nicht definieren kann was ich bin, was mich ausmacht, muss ich eben als undefinierte austauschbare Kreatur mein Dasein fristen. Mich nach dem Wind drehen, weil ich nie gelernt habe zu stehen, der Herde folgen, weil ich nie lernte zu kämpfen und immer wieder aufs Neue kleine Annehmlichkeiten suchen um die Existenz zu ertragen.

    Denn im Grunde fühle ich ja, was ich entwickeln sollte – als Mensch – und es fühlt sich schlecht an ein Leben lang zu fliehen. Von einer Party zur nächsten, von einer Beförderung zur nächsten, von einem Wohnort zum nächsten.
    Entwicklung ist natürlich in erster Linie schmerzhaft und so sucht man das Gröbste zu vermeiden. Entwicklung geht allerdings auch besser, wenn man mit der natürlichen Entwicklung Schritt hält und nicht alles 30, 40 Jahre vor sich her schiebt um dann langwierige Therapien machen zu müssen, weil man zusammenbricht unter der Last der aufgeschobenen „reellen“ Arbeit an sich selbst.

    Authentische Menschen finden sich oft in Krisengebieten.
    Hier finden wir sie in Altenheimen. Aber leider viel häufiger schon auf Friedhöfen.

    Gewiss sollte keiner unmenschliches Elend erfahren müssen, nur um stark genug zu werden. Es reicht völlig den Menschen nicht von Geburt an zu versauen, damit aus Ihm eine ehrliche, aufrichtige und authentische Person wird.

    Womit dann auch wieder die Politik am Zuge wäre…
    Jedem Alles recht machen geht eben nicht auf Dauer und global-verantwortungsvolles Handeln könnte Einschnitte für manche, vom wohlstand verwöhnte, Regionen bedeuten.

    Das die Massen keinen Politiker wählen, der ihre momentane Situation verschlechtert um ein abstraktes, langfristiges, höheres Ziel zu erreichen, ist klar. Dazu bedarf es einer Vernunft die stärker als die Bequemlichkeit ist.
    Also lässt man den Karren vor die Wand fahren, wie immer;
    aus den Trümmern entsteht dann vielleicht etwas Besseres.

    Und im Kleinen, auf familiärer Ebene, ist es nicht viel anders. Die Kinder/jugendlichen wollen in der Regel etwas anderes als ihre Eltern. Sie bedienen sich bei dem Wissen, das ihnen am leichtesten zugänglich ist und landen, weil sie selten tiefgründig durchdenken wohin die Wahl sie am Ende führt, bei einer Einstellung, die am häufig vertreten wird und welche zugleich unterschiedlich genug vom Gedankengut der Eltern ist, um als identitätsstiftend betracht werden zu können. Wenn die Schule dazu ein paar Brocken Deutsch und Mathematik und ein paar Vokabeln hinwirft… Bedeutungslos.
    Das stressige Umfeld und die Leistungsorientierung machen es auch nicht besser. usw. usf.

    Ich reg mich schon wieder auf. Werde erstmal eine Rauchen gehen…🙂

  14. m.g. sagt:

    Lieber Christian,
    das Wort Authentizität selbst ist zur Lüge geworden. Es ist eine dieser „gehypten“ Bezeichnungen. Eine Eigenschaft, die eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird übermäßig betont. Dadurch wird ihr unterschwellig ein Wert zugewiesen, den sie eigentlich so nicht ausfüllt.
    Sicherlich kommt ein gewisser Herr Bohlen sehr authentisch rüber. In diesem Fall gilt aber: Besser wäre es, er würde gar nicht rüber kommen, als authentisch.
    Authentizität ist ein notwendige Bedingung für einen guten Charakter jedoch nicht hinreichend. Mit dem Hype tun wir aber so als wenn Authentizität bereits ein (aus mathematischer Sicht) Kriterium für guten Charakter wäre.
    Ob Herr Bohlen twittert, weiß ich nicht. Wenn er es tun würde, wäre wohl auch nicht viel geholfen.
    Ich zumindest würde wahrscheinlich meine Authentizität verlieren, wenn ich doch noch zu twittern anfangen würde.
    Grüße
    Micha

  15. Lieber Christian,

    ich hab‘ dir ja schon geschrieben, dass ich deine Einschätzung zu Guttenberg nicht teile. Das (Guttenberg, nicht du) hat mich inzwischen sogar so wütend gemacht, dass ich mal wieder einen blog-Eintrag geschrieben habe: http://blog.kortenkamps.net/archives/159-Meine-Stellungnahme-zu-Guttenberg.html

    Ehrlichkeit wäre richtig gewesen, ja – und dann aber bitte auch der Rauswurf.

    Gruß,

    Ulli

  16. cspannagel sagt:

    @Zarathustra_X … WOW… Was für ein Kommentar! Du reißt unendlich viele Dinge an. Ich möchte es so, wie du es geschrieben hast, einfach stehen und wirken lassen.

    @m.g. Ich weiß, dass der Begriff Authentizität doof geworden ist, weil er zum Buzzword geworden ist. Ich mag ihn aber trotzdem noch. Zumindest das, was er bezeichnet. Ich kanns aber auch gerne durch „Aufrichtigkeit“ ersetzen – der Begriff ist nich so abgenutzt und drückt für mich in etwa das gleiche aus.

    Kommt Bohlen wirklich authentisch rüber? Ist das nicht Show?

    @Ulli Ja, ok. Selbstverständlich gehört er seines Amtes enthoben. Ich bezog mich mehr auf seine Reaktion. Aufrichtig zu Grunde gehen wäre immer noch besser als unaufrichtig…

  17. ekirlu sagt:

    Ich gehöre zu den „hörenden“ Menschen. Damit meine ich, dass ich höre, was der andere sich wünscht. Welche Art Mitteilung er hören möchte oder zumindest, wie ich ihn ansprechen muss und was ihn stört. So kann es passieren, dass ich ein Lied höre, dass mir sehr gefällt, aber dabei mit meiner Oma im Auto sitze. Ich spüre (höre), dass ihr der Bass zu stark oder der Text zu krass und kann es nicht genißen und mache das Radio aus oder verstelle den Sender.

    Auf diese Art und Weise verpacke ich auch meine Nachrichten, je nachdem an wen sie gehen unterschiedlich. Ich beherrsche alle Spielformen der Kommunkation, bewege mich sicher zwischen Professoren und Pennern, meiner Familie und Studenten, Kindern und Alten.

    Das Netz gibt mir die Freiheit alles so zu verpacken, wie es mir gefällt, da ich alle erreiche und es sowieso keinem Recht machen kann.

    Im Alltag stelle ich mein „Horend-Sein“ Stück für Stück ab. Aber es ist nicht leicht für mich und ich erlebe immer wieder „Rückschläge“.

    Ich habe es anerzogen bekommen, wie ich mich wo zu verhalten habe und werde es nur ganz schwer wieder los.

    Bei alle dem bin ich nicht unehrlich – nur teile ich eben nicht immer alles mit…

  18. Christian, du formulierst als Ziel: „Man stellt die Wahrheit nicht selektiv oder derart verzerrt dar, dass man nicht aneckt.“ Vor allem der Nebensatz erscheint mich wichtig, also die Intention, nicht „anzuecken“. Das halte ich in der Wissenschaft für ganz schlecht. Allerdings nehmen wir Wirklichkeit wohl immer in gewisser Weise verzerrt wahr, Wahrheit nehmen wir schon gar nicht wahr, sondern wir basteln sie uns zusammen, so wie wir uns auch Normen geben, an denen wir uns dann halten wollen oder sollen. Aber ich verstehe, wa du meinst, ich störe mich jetzt grad nur etwas pingelig an der Formulierung😉

    Ein letztes Mal zu Guttenberg: Ja, ich ärgere mich auch, ich ärgere mich aber auch über die Betreuer/Gutachter – was ist das für eine Schlamperei? Ich ärgere mich zudem über viele Politiker, die plötzlich tun, als wären sie Heilige. Und ich ärgere mich darüber, dass das Amt wahrscheinlich wieder in andere CSU-Hände kommt, die ich da lieber nicht sehen würde … deswegen frage ich mich mich jetzt seit zwei Wochen: Wie kann man nur so doof sein? Meine Vermutung ist, dass Guttenberg andere für sich hat arbeiten lassen, und die haben leider schlecht gearbeitet. Ob ersteres schlimmer ist als Plagiat oder eben umgekehrt – beides ist ein großer Mist und führt jetzt vielleicht dazu, dass auch Sachentscheidungen in der Politik leiden.

    Gabi

  19. Oliver Tacke sagt:

    Um noch einen alternativen Begriff für Authentizität in den Raum zu werfen: Habermas spricht in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Wahrhaftigkeit, der Übereinstimmung von Identität und Sprache. Klingt allerdings in meinen Ohren noch ein wenig abgehobener und wäre vielleicht nur für Habermas authentisch/aufrichtig/wahrhaftig.

  20. Malte sagt:

    Das wäre wirklich schön, wenn der Mensch generell mehr Spaß hätte, wenn er sich tugendhaft verhält. Leider kann ich das nicht ganz glauben. Der Mensch ist von Natur aus böse, meint Hobbes. Ich meine, der Mensch ist von Natur aus ohne Gut und Böse und daher kann er an beidem Gefallen finden. Es ist ein ewiges Entscheiden und nicht selten fühlt sich die „böse“ Entscheidung einfach gut an.

  21. m.g. sagt:

    Christian, stellen wir uns doch die Frage, warum die Bezeichnung Authentizität zum Buzzword geworden ist. In letzter Zeit boomt die „Buzzwordtisierung“ geradezu: Nachhaltigkeit, Kompetenz, Gender … . In vielen Fällen handelt es sich um dieselbe Problematik: Eine Relationsbezeichnung wird vom „Ballast“ der Relativität „befreit“ und zu einer mehr oder weniger politisch geprägten Kategorie hochstilisiert. Authentizität wird zur Wahrhaftigkeit an sich. Dadurch, dass man den Relationsbegriff von seinem Relationszusammenhang „befreit“, blendet man das authentische Arschloch zunächst aus. Authentizität an sich ist einfach gut. Nach einer Weile diesbezüglichen Gebrauchs der ehemaligen Relationsbezeichnung wird derjenige zum Problemfall, der sich mit dieser verkürzten Idee der Authentizität nicht anfreunden möchte. Das authentische Arschloch ist demgegenüber das geringere Übel, es ist ja schließlich authentisch und weil wir die Authentizität nun von ihrer Relativität befreit haben, ist das gemeine Arschloch, das zu seiner Arschlochhaftigkeit steht, doch gar nicht so übel.
    Natürlich liegt es Dir fern, einen derartigen Authentizitätsbegriff zu verwendet.
    Sprache ist jedoch mächtig und bereits die falsche Verwendung von Bezeichnungen ist Lüge. Wir als Hochschullehrer sollten das wissen und respektvoll mit Sprache umgehen.
    „Auch Actimel hat sich als Methode bewährt.“ Zu welchem Zweck wird nicht gesagt. Jeden Tag hämmern Salven derartigen Verschweigens und Verhüllens auf uns ein. Langsam aber unausweichlich wird eine junge Generation auf diese Art und Weise mürbe gemacht und verdummt. Eine der letzten derartiger Kreationen wurde zum Unwort des Jahres: Alternativlos. Ein Totschlagargument!

    Ganz böse wird es dann, wenn wir uns die neuen Kategorien, die deratig wertvoll für menschliches Leben sein sollen praktisch nebenbei durch den Gebrauch von Technik aneignen können. Zwitschere nur fleißig und du wirst zwangsweise authentisch oder besser noch ein Authentizist. Schade, dass die neue Technik zu spät für viele kommt, sie werden es wohl nicht mehr schaffen, Authentizisten zu werden. Die anderen haben Facebook und twittern sich im virtuellen Freundeskreis derart die Wahrheiten um die Ohren, dass sie die reale Welt kaum noch wahrnehmen können und zum digitalen Autisten werden. (Jetzt habe ich das Wortspiel Authentizist/Autist doch noch hinbekommen.)

    Ich schließe den Bogen und verhelfe der Authentizität wieder zu ihrer Relativität. Schön wäre es, wenn wir entsprechend unserer Menschenwürde auch Mensch sein dürften. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Im wesentlichen sind wir jedoch ökonomische Faktoren. Es ist eine Mär, dass die Ökonomie darauf abzielt, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. a priori geht es um Profit und um nichts anderes. Alles andere „rechnet sich nicht“. Nur der ökonomische Mensch ist ein guter Mensch. Um das zu vertuschen, gaukeln wir ihm vor, dass er authentisch sein könnte, wenn er nur wollte.
    Ich schätze letzte Woche auf der Tagung in Freiburg waren wieder viel authentische Forscher unterwegs.

    Grüße
    Micha,
    PS. Das Rauchen habe ich mir abgwöhnt. Bleibt nur das Abspielen einer Slayer-CD um wieder runter zu kommen.

  22. cspannagel sagt:

    Danke für eure Kommentare – wirklich ein anregendes Thema…

    @Malte Das „Böse“ führt – und da bin ich einer Meinung mit Jean-Pol – nur kurzfristig zu Spaß. Längerfristiges Glück bedarf der Tugend. (uiuiui)

    @m.g. Vielen Dank für deinen äußerst kritischen Kommentar. So mag ich es.🙂 Denkst du denn, dass durch die buzzwordartige Verwendung eines Wortes das Konzept dahinter nichts mehr bedeutet? Ich finde das Konzept Authentizität (in dem Sinne, dass man sich nicht mit Absicht verstellt) immer noch gut, auch wenn ich selbst das Wort nicht mehr hören kann. Und ich finde es tatsächlich auch kontextlos gut, genauso wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Empathie.

    Selbstverständlich bleibt ein authentisches Arschloch ein Arschloch. Aber mir ist ein authentisches Arschloch immer noch lieber als ein Arschloch, das sich verstellt. Da weiß man wenigstens, woran man ist. (Was nicht bedeuten soll, dass ich authentische Arschlöcher mag! Im Gegenteil. Aber: Ich mag sie halt lieber als unauthentische.) Und natürlich würde Guttenberg als weniger großer Trottel da stehen, wenn er so reagiert hätte, wie ich es oben beschrieben habe. Ich habe aber doch mit keinem Wort gesagt, dass Authentizität schlechtes Verhalten rechtfertigt? Ich habe doch nur gesagt – mal rein mathematisch🙂 – dass gilt:
    istGut (Authentizität)
    Ich habe nicht gesagt:
    Für alle x gilt: istAuthentisch(x) => istGut(x)
    :-)))

    Ich habe also den Begriff nicht falsch verwendet. Ich habe auch nicht gesagt, dass nur der authentisch sein kann, der twittert. (Natürlich ist die Implikation anders herum auch nicht wahr, logo).

    Den gedanklichen Sprung zur Ökononie hin hab ich noch nicht nachvollziehen können …. kannst du nochmal anders erklären?

  23. […] ist zu einem allgemeinen Anlass für ein weiterführendes Nachdenken über die Authentizität der Wissenschaft geworden. Und diese ist eben nicht nur eine Frage von schwarzen und weißen […]

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