Im Landtag

Veröffentlicht: Mittwoch, März 2, 2011 in Bildung
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Heute war ich mit einem Kollegen vom Seminar im Landtag. Neben einem Gespräch, das wir dort mit zwei MdL geführt haben, durften wir auch an der Landtagssitzung als Zuschauer teilnehmen. Mann, war das interessant! Ich war völlig überrascht, wie unruhig es dort zu geht.  Das ist ja ein ständiges Gewusel, während vorne einer spricht. In einer Vorlesung würde ich ein solches Verhalten nicht akzeptieren. Und ständig wird reingerufen, aber auch total witzig teilweise. Beispielsituation: Der Präsident ruft jemanden auf. „Ich rufe den Abgeordneten der CDU Herrn Müller auf.“ – SPD-Abgeordneter ruft rein: „Herrn Müller oder Herrn Dr. Müller?“ – Anderer SPD-Abgeordneter ruft rein: „Herr Dr. Müller…. noch!“ Schallendes Gelächter. Oder, der Präsident ruft den Staatssekretär Mutig auf. Abgeordneter ruft rein: „Mutig, mutig!“ – Gelächter. [Die Namen sind frei erfunden.]

Zufällig gab es auch eine Diskussion zu einer Gesetzesvorlage der SPD zur Schulreform (die natürlich letztlich abgelehnt wurde). Es ging um die Fragen des Schulsystems, der unterschiedlichen Schulformen, Diversität usw. Was mich dabei völlig verblüfft hat, war, wie oft die Wissenschaft als Argument herangezogen wurde. Die CDU belegte ihre Aussagen mit einer Studie von Baumert, während die SPD mit einer Studie des Neurobiologen Hüther konterte. PISA, Iglu und sonstige Studien – sie alle wurden als Argumente genannt. So löblich die Tatsache ist, dass Forschung herangezogen wird, so ein flaues Bauchgefühl hab ich dabei aber auch bekommen. Ich selbst würde mich in wissenschaftlichen Argumentationen selten auf eine einzige Studie stützen. Und wenn es dann sogar um Diskussionen über das Schulsystem mit potenziellen realen, flächendeckenden, weitreichenden Konsequenzen geht…. mein lieber Mann. Und wenn die eine Partei dann ne Studie eines Bildungswissenschaftlers ranzieht, die andere die eines Neurobiologen, da dreht sich mir der Magen um. Gut ist allerdings daran wieder gewesen, dass es bei den Statements ja um überhaupt nix ging. Die Entscheidung war ohnehin schon längst gefallen (nämlich die der regierenden Fraktionen), insofern ging es ohnehin „nur“ um die nochmalige Darstellung der einzelnen Positionen.

Insgesamt war das heute aber ein sehr lehrreiches Stück. So funktioniert also Politik…

Kommentare
  1. apanat sagt:

    Die Politik funktioniert außerhalb des Landtags.
    Aber das ist ein zu weites Feld.
    Nur so viel: Wenn ein SPD-Antrag abgelehnt wird, heißt das nur, dass er von der SPD ist.
    Kurz darauf können dieselben Punkte in einem CDU-Antrag auftauchen und werden dann genehmigt.
    Prinzip: Dem Gegenr möglichst die Erfolgsgefühle nehmen.

  2. Es scheint allerdings, dass das Lager-Denken und das Eindreschen auf den politischen Gegner etwas zurückgeht. Durch die Verbreitung des Internets wird das Publikum immer kritischer und schätzt die aus früherer Zeit eingeschliffenen Verhaltensweisen, die doch sehr primitiv sind, nicht mehr.

  3. Kai Nehm sagt:

    @jean-pol diese Entwicklung wäre wirklich wünschenswert.

    Die Debattenkultur mit Redezeiten, etc. hatte sicher einmal ihre Sinn, läuft aber nicht mehr konform zu der heutigen Kommunikationskultur.
    Deutschland hat es da noch schwerer als angelsächsische Länder, in denen Politiker wesentlich offener zu Ihren Fehlern und Aussagen stehen. vgl. http://usaerklaert.wordpress.com/2008/09/27/das-nicht-autorisieren-von-interviews/

  4. Lutz Becker sagt:

    Sehr schöner Beitrag! Da haben wir in Berlin ähnliche Erlebnisse gehabt:

    http://blog.karlshochschule.de/2011/01/25/berlin-als-expedition/

  5. Gibro sagt:

    Der Landtag ist nur der bürokratische Raum der Politik. Die Entscheidungen werden dort nicht getroffen.

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