Spaßige, kreative und kommunikative Spontan-Gelegenheiten

Veröffentlicht: Dienstag, April 19, 2011 in Spaß, Spiel

Neulich habe ich die Wand vor meiner Bürotür neu gestaltet: Ich habe ein magnetisches Tafel-Memo-Spiel, das ich im Unterricht verwendet habe, daran angebracht. (Danke an die netten Tutorinnen der Mathematikdidaktischen Werkstatt, die bei der Produktion des Spiels geholfen haben!) Die Aufforderung „Spielt doch mal!“ lädt dazu ein, das Spiel auch zu verwenden, beispielsweise wenn man auf die Sprechstunde wartet oder wenn man einfach daran vorbei geht. Ich habe mir auch überlegt, dass ich bestimmte Fragen von Studierenden nur dann beantworte, wenn Sie ein Match gegen mich gewinnen.🙂

Spielt doch mal!

Seit dem das Spiel dort hängt, wird es immer wieder verwendet, und die Menschen haben Spaß damit. Manche hängen die Karten auch einfach zu einem geometrischen Muster um, ohne zu wissen, was der eigentliche Zweck des Spiels ist. Aber das ist auch vollkommen egal – jeder kann kreativ mit dieser „Situation“ umgehen. Locker erinnert mich das an die Hole-in-the-Wall-Experiments von Sugata Mitra: Er hat Computer in indischen Slums installiert und beobachtet, wie die Kinder dort dadurch angeregt werden und sich selbst Dinge beibringen (Vielleicht sollte ich auch einmal vor meiner Bürotür filmen? :-)):

Dann ist mir neulich beim Laufen durch Würzburg etwas (entfernt) ähnliches aufgefallen: Dort steht auf einem Platz nicht nur eine kleine Bank (wie eben Bänke in Städten rumstehen), sondern es sind gleich zwei Bänke mit einem Tisch. Einfach so, mitten auf einem kleinen Platz. Welch eine Einladung! Man könnte sich beispielsweise dort hinsetzen und gemeinsam Pizza essen oder ein Gesellschaftsspiel spielen.

Weshalb gibt es in unserer Welt so wenige Kreativanregungen, Spaßeinladungen, Kommunikationsgelegenheiten? Hätten wir nicht alle mehr Spaß, wenn man draußen beim Warten auf den Bus einfach mit jemandem, der auch wartet, irgendetwas spielen könnte, was dort einfach so „ist“? Stattdessen findet man in deutschen Einfahrten folgende Hinweise:

Spielverderber

Viel Spaß beim Füße still halten und ruhig sitzen bleiben.

Kommentare
  1. Say sagt:

    Game based learning mal anders?

    Und ja – in dem Kontext der „frühen Jahre“ gilt es, die Eltern ermutigen eine „explorationsfreudige Umgebung“ zu gestalten.
    Wenn wir dazu zum Einen die Eltern als Protagonisten ermutigen können – sie Einladen keine Angst vor „Fehlern“ und „Fehlentscheidungen“ zu haben, sondern zu probieren, so kann zum Anderen auch der Transfer in die Lebenswelten (bis in unsere Arbeit in der Lehre) gelingen.

    HA! – ein sehr insprierender Artikel. Nun würde ich gern sammeln WAS WO WIE können sich niedrigschellig solche Ideen eruieren und implementieren lassen? Der Transfer sollte den hier lesenden, kreativen Köpfen doch super gelingen.
    🙂

    Liebe Grüße

    Say

  2. cspannagel sagt:

    @Say Genau deiner Meinung: Habt ihr lieben Blog-Leserinnen und -Leser Beispiele für solche „Spontan-Gelegenheiten“? Oder Ideen?

  3. Skippy sagt:

    „Weshalb gibt es in unserer Welt so wenige Kreativanregungen, Spaßeinladungen, Kommunikationsgelegenheiten?“ Ich denke, ein ganz wichtiger Punkt erklärt sich durch das Bild darunter fast von selbst: es ist eine Frage unserer – in diesem Fall wirklich typisch deutschen! – Einstellung. „Fußball spielen verboten“, „Spielen grundsätzlich verboten“. Wer Spaß haben will, ist selbstverständlich gleich als Hedonist zu klassifizieren (eine zutiefst unerwünschte Einstellung!!!). Und: wenn dir jemand auf der Straße entgegenkommt, schau bloß stur auf den Boden und sprich ihn ja nicht an!!!
    Grundlage für Spaß und Spiel ist zunächst einmal ein gesundes Kommunikationsvermögen, und dazu muss ich erstmal kommunizieren WOLLEN – ein schneller Selbstversuch an diversen Straßenbahn-Haltestellen gestern hat für mich ergeben, dass in 9 von 10 Fällen mit konsternierten Blicken und Panik-Reaktionen zu rechnen ist („Was spricht die mich jetzt an? Was will die? Warum grinst die so, ist die verrückt? Lieber schnell die Nase ins Handy stecken…“).
    Warum ich sage, „typisch deutsch“? Bin ich normalerweise kein großer Freund von Klischees, habe ich hier wirkliche Vergleichswerte. Vier Jahre in Australien haben mich eine völlig andere Einstellung entdecken lassen – zwar hat dort auch niemand unverzüglich sein Monopoly ausgepackt, wenn er einen potentiellen „Spielpartner“ entdeckt hat, aber es hat nie – NIE! – den Fall gegeben, dass Menschen, Fremde oder Freunde, nicht miteinander gesprochen hätten, nicht JEDEN gegrüßt hätten, der in der Stadt an ihnen vorbeigelaufen ist, nicht SOFORT ein Gespräch mit anderen Wartenden begonnen hätten, und das mit völlig natürlicher, selbstverständlicher Offenheit. Mag am schönen Wetter dort liegen oder ganz einfach Mentalitätsfrage sein, aber es ist definitiv etwas, das wir uns „abgucken“ und in unseren Alltag mit einbringen könnten – es kostet nur ein bisschen Mut, sich oben genannten konsternierten Blicken auszusetzen😉
    Orte wie die von Dir beschriebene „Sitzgelegenheit“ lassen schon mal hoffen, und wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird solche Plätze auch in anderen Städten entdecken – selbst Ludwigshafen verfügt über Innenhöfe mit Schachbrettern und Parks mit Boule-Bahnen, und zu sehen, dass diese auch genutzt werden, bringt uns auf einen guten Weg.
    Ach ja…und erntet man in 9 von 10 Fällen panisches Abwenden und vielleicht auch das eine oder andere Zeichen gegen den bösen Blick, so macht das EINE Gespräch, das aus einer solchen Situation entsteht – und sei es nur ein bisschen Small Talk übers Wetter (oder, in meinem Fall gestern, eine heiße Diskussion zum Thema „Federkernmatratzen“) – all die negativen Reaktionen wett🙂

  4. cspannagel sagt:

    @Skippy Das interessiert mich jetzt aber!🙂 Wie genau hast du die Leute an der Bushaltestelle angesprochen? Und wie kamt ihr auf Federkernmatratzen??🙂

  5. Skippy sagt:

    Naja…ich habe mich erst mit offenem, freundlichen Lächeln an die potentiellen „Opfer“ herangepirscht und dann irgendetwas kommentiert, das mir in dem Moment ins Auge gesprungen ist – „Schöne Blumen, die Sie da haben, so fröhliche Farben!“…“Na, Sie haben aber auch schwer zu schleppen…“ etc. Grundsätzlich eignen sich aber auch typische SmallTalk-Themen („Unglaublich, wie schnell es wieder heiß geworden ist…“) und alles, was mit öffentlichem Nahverkehr zu tun hat („Was denn, die Linie 7 kommt schon WIEDER nicht?!“).
    Die Diskussion „Federkernmatratze/Futon/Wasserbett“ hat sich mit einer netten Dame ergeben, die gerade vom „Dänischen Bettenlager“ kam und ihre Beute – riesig, sperrig, aber wenigstens irgendwie zusammengerollt – per Straßenbahn nach Hause bringen wollte😉

  6. Super Artikel – vielen Dank!

    Es gibt sicherlich eine riesige Masse an Orten, an denen wir mehr Spielen sollten. Ich kenne das aus der Arbeit mit Unternehmen: Wenn man Orte zum Spielen schafft, schafft man letzte Orte kreativer Freiheit. Hier können Menschen neugierig sein und Dinge ausprobieren. In einem Unternehmen habe ich erlebt, wie das Spiel „Mafia Wars“ dafür sorgte, dass die einzelnen Teams auch bei der „seriösen“ Arbeit viel besser kooperierten.

    Ich habe begonnen, die Organisation meines Haushalts (Aufräumen, Kochen, Putzen, Wäsche waschen, etc,) mit dem Spiel Chore Wars (www.chorewars.com/) zu planen und durchzuspielen. Die Idee habe ich aus dem Buch „Reality is broken“ von Jane McGonigal – nebenbei ein wirklich lesenswertes Werk:-)

    Aber selbst wenn man in einer Institution oder einem Unternehmen nicht Computerspiele spielen möchte oder darf, können Computerspiele immer noch sehr gut als Basis für neue Managementmodelle dienen. So kann man z.B. von Computerspielen sehr viel für das Innovationsmanagement lernen. Ebenso die Bereiche wie Kundenmanagement, Marketing und Personalmanagement lassen sich durch die Implementierung von Modellen aus den Computerspielen verbessern…

    Beste Grüße

    Christoph Deeg

  7. cspannagel sagt:

    @Christoph Chorewars ist ja witzig!🙂

    Ach ja, hier noch ein Foto des Tischs in Würzburg nachgeschoben:
    Tisch in Würzburg

  8. Oliver Tacke sagt:

    Du kennst doch mein „Vorzimmer“ in der Uni – da kommt mir wieder die Idee mit dem Bällebad…😉

  9. Alke sagt:

    Spiele: drück mal einem Kindergartenkind ein Iphone oder ein Ipad in die Hand!🙂 Da wird sogar das Notizbuch zum Spiel🙂

  10. cspannagel sagt:

    @Oliver Jaaaaa…. Bällebad!😀

    @Alke Kann ich mir vorstellen. Aber mal fernab von Technologiezeugs: Ich finde, „haptische“ Spielgelegenheiten, so mit Gegenständen und so, haben einen besonderen (anderen) Reiz.

  11. martina sagt:

    Irgendwas in diese Richtung sollte man sich auch für Wartezimmer bei Ärzten einfallen lassen. Bei Spiel und Kommunikation fiele dann nicht nur das Warten leichter, sondern auch allfällige Leiden würden leichter ertragen, bezw. kurz vergessen werden😉

  12. cspannagel sagt:

    @martina Genau!!

    Übrigens, Zwischefazit zu meinem Spiel an der Wand: Es wird oft von irgendwelchen Menschen frequentiert und alle haben ein Lächeln auf den Lippen.😀

  13. […] Über spaßige, kreative und kommunikative Spontan-Gelegenheiten […]

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