Datenschutzethik – eine pädagogische Aufgabe

Veröffentlicht: Mittwoch, Mai 18, 2011 in Datenschutz, Gastbeitrag

Das Web 2.0 funktioniert nur deswegen, weil Menschen ihre Daten preisgeben. Social Bookmarking beispielsweise wäre nicht denkbar, wenn Menschen nicht allen mitteilen würden, welche Seiten sie besucht haben. Web-2.0-Nutzer müssen Grenzen für sich ziehen: Welche Daten gebe ich noch preis, welche nicht mehr? Und: Welche Daten gebe ich von anderen preis? Boris Kraut ist ein Student an der PH Karlsruhe, der sich intensiv um Datenschutz Gedanken macht und dabei weniger von der rechtlichen, sondern mehr von der ethischen und pädagogischen Seite ausgeht. Ich finde es schön, dass er sich bereit erklärt hat, hier einen Gastbeitrag zu schreiben. Bühne frei für Boris!

Gesetze werden uns nicht retten

Die meisten werden schon mal Erfahrungen mit juristischen Texten gemacht haben: Das Schreiben vom Anwalt, der einem erst erklären muss, dass man gerade vor Gericht gewonnen hat, seitenlange Belehrungen beim Antritt einer Stelle oder sich fest auf Paragraphen stützende Begründungen, warum ein „Fehlverhalten“ nun so oder so zu sanktionieren sei.

Das Problem dabei ist nicht, dass man in der Juristerei wie in jeder Wissenschaft eine eigene Fachsprache hat, nein, das Problem liegt deutlich tiefer. Es wird der Versuch unternommen Regeln und Folgen in eine sprachliche Form zu bringen, die nur eine Interpretation zulässt. Dabei wird die Sprache mit Konstrukten überladen, die ihr jegliche Natürlichkeit nehmen.

Diese Bemühungen sind aus zweierlei Sicht nicht zielführend:

Zum einen ist Sprache, wie es Hans Magnus Enzensberger formulierte, das „einzige Medium, indem Demokratie schon immer geherrscht hat“ – und damit meine ich nicht nur die Rechtschreibung, sondern insbesondere die Interpretation und Konnotation:  Die Deutungshoheit von Worten liegt ganz allein bei uns und ist bedingt durch unseren ganz eigenen Erfahrungs- und Gedankenkreis. Bezogen auf unser Problem bedeutet das, dass es – überspitzt gesagt – Willkür oder zumindest Auslegungssache ist, wie ein Richter entscheiden wird. Nicht ohne Grund sagt der Volksmund, dass man bei einer Frage an drei Juristen mehr als fünf Antworten erhält.

Wenn nun selbst Fachleute sich nicht über die Bedeutung einig sind, dann ist es – und damit komme ich zum zweiten Punkt – nur verständlich, wenn auch der Laie, also die Allgemeinheit, damit überfordert ist. Und gerade hier wäre doch Verständnis und Klarheit so wichtig, denn die Regeln und Gesetze sind ja kein Selbstzweck, sondern sollen ein alltägliches friedliches Zusammenleben sichern. Aber wer kennt schon alle Gesetze und handelt danach? Wohl niemand.

Viel eher scheint es einen ethisch-moralischen Grundkanon zu geben, nach dessen Werten man sich verhält. Dieser Kanon mag bei jedem anders ausgeprägt sein und immer nur in der konkreten, subjektiven Situation Anwendung finden, doch glücklicherweise scheint die Vorstellung, dass es Gesetze nicht ohne Grund gibt und man sich wohl besser danach richten bzw. orientieren sollte, bei den meisten zu diesem „Koffer der Gemeinsamkeiten“ zu gehören.

Ich möchte damit nicht sagen, dass Gesetze unnötig sind oder gar den Rechtsstaat in Abrede stellen. Nein, ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir alle im alltäglichen Leben weit weniger auf Gesetze und deren Interpretation wert legen, als auf unsere – durchaus von Gesetzen beeinflusste – Vorstellungen von Ethik, Moral und Gerechtigkeit.

Gesetze werden uns nicht retten.

Datenschutzethik vs. Datenschutzrecht

Auch wenn der Datenschutz gerade in Deutschland noch einen sehr hohen Stellenwert besitzt, der sich auch in entsprechenden Gesetzen niederschlägt, so wird gerade auf mit Hinblick auf die Globalisierung und dem damit verbundenem Zuständigkeitsgerangel, welche lokalen Rechtsnormen Geltung haben, deutlich, dass hier noch viel zu tun ist.

Doch wie oben ausgeführt sind Gesetze nicht das, worauf es wirklich ankommt. Was im Alltag der Menschen zählt ist deren subjektive Einschätzung. Wenn man es also schaffen könnte, dass jeder einzelne Mensch seine ethisch-moralischen Vorstellungen um den Datenschutzaspekt erweitert, dann würde davon das gesamte Anliegen deutlich mehr profitieren als von neuen Gesetzen. Diese zusätzliche Dimension nenne ich im Gegensatz zu datenschutzrechtlichen Bestimmungen Datenschutzethik.

Würde sich dieses neue Bewusstsein durchsetzen, könnte das nicht nur Auswirkungen auf den privaten Bereich haben, sondern auch größere Unternehmen umkrempeln. Denn auch wenn man – mit guten Gründen – versuchen kann Privates und Berufliches zu trennen, so wird man doch stärker für das Thema sensibilisiert, schlägt im Zweifelsfall mal eher im Gesetzestext nach oder kommuniziert seine Bedenken.

Im Gegenzug könnte aber eine unkritische, bedenkenlose, generelle und prinzipielle Öffnung privater Daten, wie sie Vertreter der Post-Privacy-Theorien fordern, sofern sie zur ethischen Handlungsgrundlage der Menschen wird, viel verheerendere Auswirkungen haben, als wenn jemand lediglich mit der Öffnung seiner
eigenen Daten unvorsichtig ist. Dem gilt es entgegenzuwirken.

Ein weiterer positiver Aspekt der Datenschutzethik ist eine gewisse Leichtigkeit, mit der man auf potenzielle Missstände hinweisen kann. Als Nichtjurist möchte man ungern Dinge ansprechen, die man zwar nicht richtig findet, aber deren komplexe rechtliche Lage man nicht versteht. Man will – und kann – dem anderen keinen Vorwurf machen, er würde gegen das Gesetz verstoßen, wenn man selbst kein tieferes fachliches Wissen von der Materie hat. Mit der Datenschutzethik lässt sich nun aber ein gewisses Unbehagen formulieren, ohne dass sich jemand ertappt fühlen muss:

„Hier passiert etwas mit meinen Daten, das ich nicht richtig finde. Vielleicht ist es rechtlich kein Problem, aber lass uns mal darüber reden, wie wir die Situation für beide Seiten verbessern können.“

Allerdings darf eine starke Datenschutzethik nicht dazu führen, datenschutzrechtliche Bemühungen brachliegen zu lassen, denn auch hier besteht massiver Handlungsbedarf. Aber wenn wir wirklich etwas an der Situation verbessern wollen, dann muss man bei den einzelnen Menschen selbst ansetzen.

Datenschutz in der Lehrerbildung

Die logische Konsequenz ist, dass man solche datenschutzethischen Überlegungen auch in den Schulen thematisiert. Folglich müsste das dafür nötige Handwerkszeug auch während der Lehrerbildung vermittelt bzw. erlernt werden. Doch meine bisherigen Erfahrungen sowohl in der Fort- und Weiterbildung von Lehrern als auch in meinem eigenen Studium an einer Pädagogischen Hochschule sind eher negativ:

Weder Studierende noch Dozenten verhalten sich bei personenbezogenen Daten – seien es die eigenen oder fremde – besonders kritisch. Oftmals werden Klausurergebnisse in großem Kreis veröffentlicht oder werden Anwesenheitslisten mit Matrikelnummer und Klarnamen geführt. Widerstand seitens der Studenten gibt es nur vereinzelt. Warum auch? Die meisten wurden schon so weit sozialisiert, dass sie das alles ganz normal finden. Man lässt ja auch die Kommilitonen mal die eigenen Noten nachschauen, weil man nicht extra an die Uni oder PH fahren möchte, oder vertreibt sich die Pausen im Computerraum in sozialen Netzwerken.

Bei Nachfragen wird man oft verwundert angeschaut, denn die meisten würden das unliebsame Thema Datenschutz doch lieber an die Informatik-Hochburgen abschieben. Doch Datenschutz ist – wie oben erwähnt – kein primär rechtliches Problem und genau so ist es kein primär technisches Problem. Bei Datenschutz geht es um Persönlichkeit, um Menschen und deren Interaktion miteinander. Und wenn die zukünftigen Lehrer es nicht lernen, kritisch mit diesem Thema umzugehen, dann werden sie diese Verhalten auch an Generationen von Schülern weitergeben.

Das in dieser Sache Handlungsbedarf besteht, hat auch die neue grün-rote Koalition in Baden-Württemberg erkannt. In deren Koalitionsvertrag „Der Wechsel beginnt“ heißt es beispielsweise (Seite 68):

Datenschutz ist auch eine Bildungsaufgabe. Regelungen zur Vermittlung von Datenschutzbewusstsein müssen deshalb nicht nur in den Datenschutzgesetzen, sondern auch in den Lehrplänen von Bildungseinrichtungen verankert werden.

Einige Seiten später heißt es dort weiterhin (Seite 78):

Deswegen muss Medienpädagogik als Querschnittsaufgabe auch bei der anstehenden Neustrukturierung der Lehramtsausbildung – ebenso wie in den verschiedenen pädagogischen Studiengängen und Ausbildungen – durchgängig und verbindlich berücksichtigt werden. Zur Medienkompetenz gehört die Vermittlung von Datenschutz und Verbraucherschutz, insbesondere in sozialen Netzwerken.

Dass Datenschutz bzw. die -ethik also durch etwas mit Pädagogik zu tun hat erkennt man nicht nur an dem Wort „Medienpädagogik“, sondern auch, wenn man sich über die eigentliche Ziele klar wird. Es geht nicht darum, die digitalen Medien zu verteufeln, es geht auch nicht darum jemanden Vorschriften zu machen, wie er mit seinen oder fremden Daten umzugehen hat, ob er soziale Netzwerke nutzen darf oder nicht.

Es geht viel mehr darum, dass Schüler und Studenten lernen, kritisch zu hinterfragen (Wem vertraue ich? Technik? Menschen? Aus welchen Motiven wird gehandelt? Wer trägt die Kosten? Wem nutzt es?), Informationen zu sammeln und  auszuwerten und auf Grundlage dessen selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen die sie selbst betreffen, die andere betreffen, die das gemeinsame Zusammenleben  betreffen. Es geht um Mündigkeit, nichts weniger.

Mündigkeit.

Epilog

Auch wenn dieser Text keinerlei wissenschaftlichen Anspruch hat, nur die mehr oder weniger ausformulierte Meinung eines einzelnen Studenten ist, hoffe ich doch den ein oder anderen Gedanken angeregt zu haben. Ich bin natürlich über Kommentare dankbar, vielleicht kennt ja jemand einen guten Artikel oder gar Buch zu dem Thema? Denn leider scheint es da noch sehr wenig zu geben. Die meisten Schriften kommen aus Ländern, in denen der Datenschutz traditionell einen geringeren Stellenwert hat und sich daher seine ethische Betrachtung und Einschätzung auch fundamental unterscheidet. Das aus dem deutschen Raum stammende „Gewissensbisse“ behandelt generell ethische Fragen an die Informatik, verpasst aber die Gelegenheit wirklich tiefere pädagogische und auch didaktische Einblicke zu liefern.

Kommentare
  1. Oliver Tacke sagt:

    Vermutlich eher ein Nebenschauplatz und nicht ganz zum Post passend, aber hier läuft gerade eine Seminararbeit mit dem Titel „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“ – Wo ist die Grenze für Unternehmen?

    http://de.wikiversity.org/wiki/Kurs:Wissen_SoSe11/Oeffentliche_Daten_nuetzen_private_Daten_schuetzen

    Beteiligung ist herzlich willkommen!

  2. apanat sagt:

    Ein ganz wichtiger Punkt ist meiner Meinung nach, dass Lehrer, wenn sie Schüler im Internet arbeiten lassen, diese nicht unter Namen arbeiten lassen, aus denen auf ihre Person geschlossen werden kann.
    Meinerseits schreibe ich daher aus pädagogischen Gründen auch nicht mit Klarnamen, obwohl der bei mir leicht festgestellt werden kann.
    Datenschutzethik bei Facebook halte ich freilich für extrem schwer zu realisieren. M.E. widerspricht Fb so sehr dagegen, dass man dort als einzelner seine Kontakte nicht vor Missbrauch schützen kann.

  3. Es ist wirklich erschreckend, was Schüler heute alles so im Internet hinterlassen. Als Lehrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass man das Thema oft gar nicht direkt ansprechen muss. Sondern es reicht schon aus einmal nach den Schülern zu googeln oder sich in den einschlägigen Portalen anzumelden und ein bisschen Material zu sammeln. Eine kleine Bemerkung am Rande, wie z.B. ich habe gesehen, dass sie letzten Sommer in Griechenland waren… reicht dann völlig aus um die oben-ohne-Fotos aus dem Netz verschwinden zu lassen. Innerhalb kurzer Zeit überarbeitet die ganze Klasse ihre Datenbestände ohne dass man großartige Bedigten halten musste, die so und so keinen interessiert hätten.

  4. martinkurz sagt:

    Ich stimme Boris zu, dass das Thema Datenschutz in die Schulen gehört und dort ein Thema ist. Da muss gar nicht rein pädagogisch begründet werden. Ich bin Schulleitungsmitglied und behandle somit auch das Procedere von Ordnungsmaßnahmen (also die „richtigen“ Strafen) meines Schulzweiges an meiner Schule. Ganz grob waren knapp die Hälfte der letzten dutzend Fälle mit Bezug auf das Internet und Sozialen Netzwerken verwoben. Konkret geht es um Online-Mobbing (meist aber gepaart mit klassischem Mobbing im schulischen Umfeld). Hier muss eine „Datenschutzethik“, ich sage eher Medienkompetenz aufgebaut werden, ganz klar.
    Eltern und Lehrer fordern zu Recht Medienerziehung in der Schule ein. In den fachübergreifenden Bildungsstandards (in Hessen) ist dies zumindest implizit auch gefordert.

    Gestern hatten wir – mit großem Zuspruch – einen Eltern-Infoabend zum Thema „Sicher in Facebook & Co“ – über den Umgang mit sozialen Netzen. Referentin war eine erfahrene Medienpädagogin. Der Abend war sehr erfolgreich und zeigte, dass gerade die Eltern zum Teil wirklich Hilfe suchen, wie sie mit ihren pubertierenden Jugendlichen in dieser Hinsicht umgehen sollen. Negative wie positive Seiten am Beispiel von Facebook wurden aufgezeigt, es gab viele konkrete Tipps und Richtlinien, auf die man achten sollte.

    Nach einem Probedurchlauf in ausgewählten Klassen im letzten Herbst bilden wir aus dem Umfeld unserer älteren Schüler, die zum Streitschlichter bzw. Mentoren ausgebildet und tätig sind, sogenannte Internet-Scouts aus, die im nächsten Schuljahr durch alle 7. Klassen (etwa 13jährige Schüler) gehen um dort Basiswissen im Umgang mit sozialen Netzen (mit dem Schwerpunkt Facebook), zu vermitteln.
    Ich weiß, dass andere Schulen ähnliches planen bzw. entwicklen oder vielleicht sogar schon haben.

    Zum letzten Kommentar von „findeeingeschenk“: Ganz so automatisch geht es nach meinen Erfahrungen nicht. Manchmal reichen kleine Impulse, aber häufig leider auch nicht.

  5. Tom sagt:

    komisch, habe gestern dieses hier kommentiert und mir fehlten die worte ein wenig, aber hier kam guter input: http://www.medienpaedagogik-praxis.de/2011/05/17/es-geht-auch-ohne-dropbox/

    Was mich auch immer wieder „stört“ ist der Ansatz, dass es häufig und oft nur Veranstaltungen gibt, die vor Facebook und Co warnen. Wie martinkurz schon sagte, ist doch das Cybermobbing oft auch „nur“ eine Fortführung von realem Mobbing. Und sowohl bei dem einen wie dem anderen ist die Hemmschwelle der Täter recht niedrig – hatte neulich auch wieder so einen Fall von einem unverbesserlichem Schüler, der ein heimlich gedrehtes Video eine Mitschülerin eingestellt hatte.

    Nur leider endet hier doch die Veranstaltung meist.

    Auf der anderen Seite sehe ich grad aber auch, dass, nachdem ich für den Deutschunterricht eine Gruppe gegründet habe, andere Klassen, die ich unterrichte, dasselbe für sich getan haben. So tauschen sie sich jetzt dort, ja auch das, über ihre Hausaufgaben, Matheprobleme usw. aus.

    Medienerziehung und Erziehung zum Schutz der eigenen Persönlichkeit – ja, auf jeden Fall – aber doch wohl auch gepaart mit Beispielen einer positiven Nutzung der Sozialen Netzwerke. So positiv, wie das doch auch hier stattfindet.

  6. martinkurz sagt:

    Hallo Tom,

    ich habe genau die gleichen Erfahrungen mit Facebook-Gruppen in der Schule gemacht, siehe meinen Blog-Artikel dazu:
    http://widerspiegel.wordpress.com/2011/05/08/facebook-gruppen-fur-den-unterricht-opco11/

  7. name sagt:

    @Oliver: Danke fuer den Link

    @apanat: Klarname bei Kindern eght gar nicht, jap. Bei Erwachsenen haengt es ab. Jeder muss das Recht haben auch anonym oder pseudonym zu posten. In wie fern bei Erwachsenen durch den Klarnamen nicht auch eine andere „Wahrhaftigkeit“ erreicht wird, muesste man auch noch gekalert werden — oder ist man gar wahrhaftiger in der Anonymitaet?

    @findedeingeschenk: Bei SVZ geb ich dir da recht, da glaubten viele Schueler noch, dass das nur fuer sie ist und waren erschrocken, wenn auch Lehrer dort anzutreffen waren. In wie fern das bei FB oder Portalen noch zieht, weiss ich nicht. ABer die Frage die sich da doch stellt ist, ob Lehrer eine Pflicht haben dort praesent zu sein, ist FB z.B. ein virtueller Pausenhof? Ich denke nicht, insbesondere will ich eigentlich nicht meinen Schuelern hinterherschnueffeln.

    @martinkurz, Tom: „..mit Sozialen Netzwerken verwoben..“ genau! Die Probleme sind nicht neu, aber sie haben eine neue Schicht bekommen, die die Reichweite erhoeht, nicht fluechtig und gefuehlt anonymer ist. Positiv Beispiele fuer Facebook finde ich auch immer ganz wichtig. Kommunikation und auch — ob es uns gefaellt oder nicht — das Zurschaustellen seiner selbst kann auch sehr positive Elemente haben. Bei letzterem waere die Frage zu stellen, warum Menschen im Internet wohl Lob und positive Impulse erfahren, aber im echten Leben eben nicht. Hier sollte sich jeder mal ueberlegen, wie wir es mit dem Loben und „echtem Feedback“ halten, nicht nur in der Schule. Der letzte Punkt (Nutzung von FB in/fuer die Schule) halte ich fuer falsch, gar sehr gefaehrlich. Ja, das ist die Lebenswelt von Schuelern, aber Leute zu ermutigen, gerade dort aktiver zu werden, das gruselt mich. Mein Problem, dass ich damit habe sind nicht „soziale Netzwerke“, mein Problem ist die momentane Auspraegung dieser. Sie zentralisieren Kommunikation, sie kontrollieren sie. Kontrolle ueber das, was gesagt wird, wie es gesagt wird, wo es gesagt wird, fuehrt zur Abhaengigkeit, zur Unmuendigkeit.

  8. cspannagel sagt:

    Zur Klarnamenproblematik: Ich denke auch, dass jeder selbst entscheiden können muss, ob er mit richtigem Namen oder mit Pseudonym auftritt, und Kinder können die Folgen u.U. nicht abschätzen, daher muss man „konservativ“ vorgehen. Dennoch ist es aber auch eine Tatsache, dass es motivierend wirkt, wenn mein tolles Produkt im Netz auch mit meinem Namen in Verbindung gebracht wird…

  9. Maik Riecken sagt:

    „wenn mein tolles Produkt im Netz auch mit meinem Namen in Verbindung gebracht wird…“

    … und genau da kommen Lehrer und Eltern ins Spiel, indem sie Kinder ermutigen, gelungene Produkte unter Klarnamen zu publizieren, um ihre unvermeidliche digitale Spur zu pimpen. Dafür – die Bewertung – braucht es in der Regel keine PC-Kenntnisse, sondern „lediglich“ Erfahrung. Und genau darin sind auch noch so technikferne Elternhäuser ihren Kindern immer voraus. Diese Kompetenz und Form der Verantwortung hebe ich auf meinen Veranstaltungen immer heraus – es ist eben nicht so einfach, wie es sich manche machen: „Och, davon habe ich doch eh keine Ahnung und so lange nichts passiert…“ Das ist für mich eine Form von Erziehungsverweigerung.

    Maik

  10. name sagt:

    Erziehungsverweigerung ist ein gutes Stichwort. Viel zu oft wollen Eltern von mir One-Click-Lösungen, dabei ist es doch ganz klar: Kein Mensch kann ihnen die Erzeihungsverantwortung abnehmen… und erst recht kein Programm, wenn ich das mal anfügen darf.

    Ob man unbedingt mit Klarnamen seine „positiven“ Leistungen rausposaunen sollte, finde ich trotzdem fragwürdig. Reicht ein Nick nicht fuer eine aehnliche Identifikation mit dem erhaltenen Lob? Und geht es dabei ueberhaupt um das Kind oder wollen die Eltern sich ueber die Leistungen des Kindes gut darstellen?

  11. cspannagel sagt:

    Klarnamen machen deutlich, dass man persönlich für die Inhalte verantwortlich ist, und machen darüber hinaus deutlich, dass man nicht jeden Quatsch im Internet veröffentlichen sollte. Nimm z.B. mal die Impressumspflicht: Wer ein Weblog führt, muss ein Impressum haben. Alles, was ich hier schreibe, MUSS ich unter meinem Realnamen schreiben. Wer publiziert, steht dafür mit seinem Namen.

    Sollte man dies nicht auch in der Schule bereits deutlich machen, und zwar in Kontexten, in denen sowohl Lehrer als auch Eltern guten Gewissens sagen können: Das kannst du unter deinem richtigen Namen auch im Web veröffentlichen, das ist nämlich toll, was du da gemacht hast!

  12. name sagt:

    Ich versteh das Argument schon, zum Thema Wahrhaftigkeit habe ich ja auch shcon was geschrieben, nur muessen wir aufpassen, dass wir das nicht verpflichtend machen.

    Das Recht anonym zu posten wird uns nochmal vor dem strukturellen Kollaps des politischen Systems schuetzen. Wir sollten hier uns nicht von unserer deutschen Gegenwart taeuschen lassen: Anderenorts ist es gefaehrlich unter seinem Namen zu schreiben und das kann relativ schnell auch hier wieder kommen.

    Ausserdem gibt es sehr viel Zeugs im Internet, dass hier wohl niemand gern unter seinem Namen gepostet haette, das mir persoenlich aber schon sher viel Freude oder gar kreative Impulse gegeben hat.

    Noch ein Punkt ist, dass die Gesellschaft noch nicht wirklich mit dem Wissen um die Vergangenheit einer Person umgehen kann. Ich selbst habe kein Problem, wenn ich auf Dinge angesprochen werde, die ich vielleicht frueher vertreten habe, mich inzwischen aber davon distanziert habe. Der Punkt ist: Oftmals bekomme ich gar nicht erst die Gelegenheit mich zu erklären.

  13. cspannagel sagt:

    @name Ja, das sind alles berechtigte Einwände. Ich habe mich bislang auch noch nicht „getraut“, Schüler ihre Klarnamen verwenden zu lassen. Aber es ist jedes Mal ein innerer Kampf, ob ich es nicht doch machen sollte (aus oben genannten Gründen). Letztlich sollten dann aber auch die Produkte „vorzeigbar“ sein. In meinem Kontext (2 Stunden pro Woche, dieselben Schüler nur alle zwei Wochen) bin ich bislang nicht über „lockeres Experimentieren in einem Wiki“ herausgekommen.

  14. […] Gastbeitrag: Datenschutzethik – eine pädagogische Aufgabe […]

  15. […] Datenschutzethik – eine pädagogische Aufgabe: Gesetze werden die Privatsphäre nicht retten. Das Thema gehört in die Bildung. Christian Spannagel von der PH Heidelberg nimmt sich des Themas an. […]

  16. Ich fande den Beitrag sehr interessant, doch verwundert mich der Punkt, dass du explizit von Datenschutzethik sprichst, statt von Medienkompetenz. Gerade an Schulen geht es doch darum, dass man den Schülern, die Werkzeuge in die Hand gibt sich selbst eine Meinung zu bilden. Der Begriff Datenschutzethik nimmt diesen Meinungsbildungsprozess meiner Meinung vorweg. Er impliziert nämlich eine Art von Datenschutz wie man sie heute bei dem Begriff im Kopf hat. Das es gefährlich ist seine Daten im Netz preiszugeben und man deswegen sie schützen muss.
    Wie man sehen kann kommentiere ich mit Klarnamen und wer über meinen Blog geht, sieht auch das ich twittere unter meinem Klarnamen. Ich mache das weil ich im Rahmen von Medienkompetenz zu der Meinung gekommen bin, dass es für mich mehr positive Effekte hat transparent zu sein, als anonym. Das liegt auch an dem mir selbst gesetzten Anspruch, zu dem zu stehen was ich sage und wie ich handel, auch wenn es Fehler waren. Das gehört zum Leben, das machen alle durch. Deswegen muss man sich nicht schämen, wenn andere davon erfahren.
    Eben diese Entscheidung sollte in der Schule angeregt werden. Nicht gleich die Vermittlung von ethischen Werten bezüglich der eigenen und fremder Daten. Denn seien wir mal ehrlich. Jeder der das Eigentum Anderer achtet und seine Mitmenschen respektiert, wird dies auch im Netz tun. Sicher, Fehler passieren immer mal wieder. So wie ich im Netz etwas poste was ich später bereue, sage ich auch in der Realität etwas was mir danach leid tut. Das gehört dazu. Es sagt aber nicht automatisch aus, das ich ethische Grundsätze der realen Welt nicht im Web anerkenne. Daher wäre es wichtiger in der Schule beizubringen, das die Verhaltensnormen für ein friedliches soziales Miteinander, welche wir alle in irgendeiner Weise im Laufe unseres Lebens lernen, auch im Web gelten. Denn auch dort sitzen Menschen dahinter. Dafür brauch es meiner Meinung nach keine gesonderte Datenschutzethik, das ist die normale Reallife-Ethik die uns allen irgendwie zu Grunde liegt. Nur das und wie diese bereits bekannte Ethik im Web Anwendung findet ist aufgabe der Medienkompetenz.

  17. […] dieses Artikels ist folgender Blogpost. Es geht um Datenschutz und deren Nahebringung in der Schule. Er definiert auch dem Begriff der […]

  18. name sagt:

    @Jan: Mh, du hast Recht, der Begriff stammt natuerlich aus der Sichtweise eines Datenschuetzers. Wenn ich mich rechtfertigen wollte, wuerde ich sowas sagen wie (private) Daten geniessen einen besonderen Schutz. Das ist zumindest hier in DE ja so. Standardmaessig geschlossen, und erst bei aktiv werden offen. Ich finde deinen Einwand aber wirklich gut und wuerde den Begriff neu formulieren als „Datenethik“.

    Es stimmt, dass man das im Zuge von Medienbildung/Medienkompetenz vermitteln kann und sollte, aber das Problemgeht meiner Meinung nach tiefer als ein reines „(neue) Medien“-Thema. Denn wie du schon sagtest, das Problemfeld ist nicht neu., die Betrachtungsweisen von „online“ und „offline“ unterscheiden sich da eigentlich nicht. Allerdings sind wir bisher nicht kritisch mit unseren Daten (offline) umgegangen und das wird in einer Welt in der die urmenschliche Eigenschaften des „Vergessen“ und eine beschränkte Öffentlichkeit nicht mehr vorhanden sind, zum Problem.

    Zum Thema Klarname: Ich sehe wie gesagt den Punkt und ich selbst schreibe eigentlich wenig im Netz, aber wenn ich schreibe, dann meist unter meinem Namen oder meinem Nick (der aber leicht mir zugeordnet werden kann). Ich versuche mich auch im RL nicht zu verstecken. Und gerade dort merke ich, wie wenige Menschen damit klarkommen, Dass Studis aktiv Kritik an ihren Dozenten aussern ist fuer beide Seiten nicht selbstverstaendlich. Warum ich da im Netz noch vorsichtiger bin ist folgendes: Im RL bekomme ich dann meist mit, wie mein Gegenueber reagiert und habe die Moeglichkeit mich zu erklaeren. Im Netz dagegen werde ich evtl. in Schubladen einsortiert ohne Interaktionsmoeglichkeiten zu haben. Insbesondere wenn das Einsortieren dann noch maschinell erledigt wird. Bei mir selbst aendert sich gerade diese Einstellung ein wenig, von daher liegen wir nicht so weit auseinander….

    ….aber standardmaessig sollte privates weiterhin geschlossen sein. Und jeder sollte dann selbst entscheiden, wie weit er sich oeffnen moechte.

  19. name sagt:

    Noch ein kurzer Nachtrag: DatenSCHUTZethik ist wirklich nur ein Teil. Datenethik gefaellt mir wirklich besser. Es geht darum welche Daten schuetzenswert und welche veroeffentlichenswert sind und wie Bewerte ich fremde Daten. Reine DatenSCHUTZethik greift da zu kurz.

  20. Ma_t_in2 sagt:

    Ihr tappt was den Datenschutz betrifft im Dunkeln, weil das Wort ‚Ethik‘ kein Wertmaßstab ist.
    Es gibt aber einen ethischen Maßstab, der sogar im Grundgesetz verankert ist.
    ‚Die Würde des Menschen‘
    Die Frage lautet: Inwiefern wird beim Verwenden persönlicher Daten die Würde eines bestimmten Menschen beeinträchtigt.

    So kommt man dann auf Antworten z.B. Ausnutzen von Unwissen, von Willensschwäche, Beleidigung usw. Es sind also alle nötigen Gesetze längst vorhanden.
    Und … es kann nicht sein, dass man Nacktheit (Datennacktheit) verbietet, nur weil es kranke Menschen gibt.
    Insofern halte ich es für bevormundend, Schüler oder Leute dafür verantwortlich zu machen oder umerziehen zu wollen, nur weil es Leute mit krimineller Energie gibt.
    Nicht die Datennacktheit muss aberzogen werden, sondern das Ausnutzen der Daten muss geahndet werden.
    Im Mittelpunkt muss der gesunde Menschenverstand stehen.
    Genauso, wie der unwissende ‚Käufer‘ geschützt wird, so muss auch der naive Umgang mit Daten geschützt werden.
    Das wird auch so kommen, denn sonst müßte man alle bestrafen, von denen man persönliche Daten im Netz findet.
    Wenn es internationale Gesetze gibt, dann müßten sie die grenzübergreifende Fahndungsmöglichkeit ermöglichen. Das dürfte umsetzbar sein.
    Erziehung zur Medienkompetenz sollte die Leute nicht verschrecken, sondern den Blick für ihre Würde schärfen, damit sie wissen, wo jemand seine persönliche Grenze überschreitet.
    Im übrigen werde wir Menschen ja nicht nur über Daten durchschaut, sondern bereits in einem normalen Gespräch, wie z.B. einem Vorstellungsgespräch.
    Medienkompetenz anerziehen? Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn ein Schüler dem Lehrer nachweisen kann, dass die Zensur im Zusammenhang mit Veröffentlichungen im Internet stehen, dann darf man dem Lehrer Medienkompetenz absprechen und ihn sogar dafür belangen. Ein Lehrer darf nun mal nicht in die Privatheit des Schülers eindringen. Umgekehrt muss es ähnlich sein. Lehrer und Schüler sollten sich mehr mit den Begriffen Würde, Ehre und Respekt beschäftigen als über den Begriff Kompetenz. Der Mensch hat von sich aus Würde und nicht erst durch Kompetenz oder Leistung.

  21. name sagt:

    „Und … es kann nicht sein, dass man Nacktheit (Datennacktheit) verbietet, nur weil es kranke Menschen gibt.
    Insofern halte ich es für bevormundend, Schüler oder Leute dafür verantwortlich zu machen oder umerziehen zu wollen, nur weil es Leute mit krimineller Energie gibt.
    Nicht die Datennacktheit muss aberzogen werden, sondern das Ausnutzen der Daten muss geahndet werden.“

    Mh, war das ein genereller Kommentar oder auf den Text bezogen? Denn niemand will hier irgendjemadn umerziehen, niemand will an jemanden herumzerren. Es nicht um Verbote, es geht um Hinweise. Es geht darum die Schueler anzuregen, gerade beim Umgang mit Daten nachzudenken.

    Der Punkt mit „Ausnutzen“ stimmt. Es sind quasi diese beiden Elemente: Was senden wir aus und wie wird das empfangen, wie gehen also andere damit um. Der richtige Umgang mit vorhandenne Daten, mit Informationen über Personen auf der rezeptiven Seite, wird leider viel zu selten betrachtet, allerdings darf man auch die sendende Seite nicht vergessen.

    Würde des Menschen ist auch ein guter Punkt, wobei es hier meist weniger um die Verletzung der Wuerde eines Menschen geht, sondern um die Verletzung der Menschenwuerde in einem konkreten Fall.

  22. […] ich allerdings vor einiger Zeit schon hier im Blog klargemacht habe, dass ich den rechtlichen Aspekt zwar für wichtig, aber zum einen nicht für […]

  23. […] gesehener Gast in diesem Blog ist Boris Kraut, der schon zwei Gastbeiträge verfasst hat: einen zur Datenethik  und einen zu BYOD in der Schule. Hier kommt sein dritter Wurf, der sich sehr gut mit meinen […]

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