Wie belebt man ein veranstaltungsbegleitendes Forum?

Veröffentlicht: Freitag, Juli 29, 2011 in Collaboration, Cooperative Learning, E-Learning, Hochschuldidaktik

Vor einiger Zeit habe ich eine nette Mail von Jörn Pachl bekommen (Sorry, Herr Pachl, für die späte Antwort – ich musste erst mal andere Stapel abarbeiten…). Jörn Pachl ist Professor für Eisenbahnwesen mit dem Spezialgebiet der Steuerung des Bahnbetriebes und lehrt an zwei Universitäten (TU Braunschweig und TU Berlin). In seiner Mail klagt er darüber, dass man Studierende kaum dazu bewegen kann, in einem veranstaltungsbegleitenden Forum aktiv zu werden:

Foren werden fast nur als einseitiges Medium zum Verteilen von Informationen, jedoch kaum als  Diskussionsmedium genutzt. Wenn Studierende Fragen haben, kommen sie immer noch eher nach der Vorlesung zu mir oder schreiben mir gar eine persönliche E-Mail, als die Frage im Forum zu stellen. Das ist insofern bedauerlich, als dass es sich dabei oft um provokative und damit sehr diskussionswürdige Fragen handelt, die hervorragend ins Forum passen würden. Welche didaktischen Ansätze gibt es aus Ihrer Sicht, die Studierenden zur aktiven Nutzung interaktiver Medien zu motivieren?

Diese Frage beschäftigt auch mich jedes Semester von Neuem. Ich setze ebenfalls veranstaltungsbegleitende Foren ein (z.B. zur Veranstaltung Einführung in die Arithmetik). Ich habe dabei festgestellt, dass in verschiedenen Semestern ganz unterschiedliche hohe Forenaktivität stattfindet: Mal entwickeln sich viele und gute Diskussionen, mal passiert fast nix. Und ich glaube auch noch, dass das irgendwie unsystematisch ist.

Mein Eindruck ist, dass die Studierenden den inhaltlichen Austausch in solchen Online-Plattformen nicht gewöhnt sind. Man ist zwar bei Facebook und bei studi.VZ, aber man nutzt diese Plattformen überwiegend für private Kommunikation und nicht für inhaltliche Arbeit. Ich habe mir daher in den letzten Jahren Strategien und „Texte“ (d.h. Ansagen in der ersten Vorlesungsstunde) überlegt, die in Richtung einer höheren inhaltlichen Aktivität in Foren wirken sollen:

  • Perpektivwechsel: Aus Sicht eines Studierenden ist es völlig ausreichend, bei einer Frage den Professor oder den Tutor zu fragen und dann eine Antwort zu bekommen. Frage beantwortet. Punkt. Super. Aus Sicht der Dozenten ist die 1:1-Kommunikation  extrem ineffizient: Sie bekommen dieselben Fragen x-mal gestellt und müssen immer wieder dieselbe Antwort geben. Studierenden muss deutlich werden, welch großer Effizienzgewinn bezüglich der Beantwortung von Fragen und der Diskussion von Problemen in der Nutzung von Foren liegt. Dies mache ich in der ersten Sitzung deutlich: „Wenn Sie eine Frage haben und geneigt sind, diese mir, Ihrer Tutorin oder Ihrem Tutor zu stellen, dann halten Sie einen Moment inne und überlegen sich, ob die Frage und die Antwort auch die anderen Teilnehmer interessieren könnte. Wenn nein, dann stellen sie uns die Frage. Wenn aber doch, dann stellen Sie die Frage bitte im Forum. Denn: Wir beantworten sonst immer wieder dieselben Fragen mit denselben Antworten. Wenn Sie aber die Frage im Forum stellen, dann passiert das folgende: Einer stellt die Frage. Einer gibt die Antwort. Alle wissen bescheid. Ist das nicht unglaublich effizient?“
  • Fehler und Fragen als Lernchance für alle: Studierende haben oft Angst, unter ihrem richtigen Namen in ein Forum zu schreiben. (In unserem E-Learning-System Stud.IP erscheint jeder mit seinem Realnamen.) Denn: Wer will schon dumme Frage stellen? Auch gegen die Angst, Fehler zu machen, ist nur schwer anzukämpfen. Es ist aber extrem wichtig, dass man es tut, insbesondere in der Mathematik: Fragen und Fehler sind tolle Lernchancen, und – wenn es in einem Forum geschieht, dann haben alle etwas davon! Auch hier mein Text zu Beginn der Vorlesung: „Viele haben Angst, Fehler zu machen oder Fragen zu stellen, weil sie denken, dass sie dann als dumm erscheinen, und der Dozent sieht auch noch den Namen. Wissen Sie, was ich denke, wenn jemand eine Frage ins Forum schreibt? Ich denke: >Klasse, die Frau Müller! Sie scheint sehr engagiert zu sein und ist an der Beantwortung ihrer Fragen interessiert.< Wissen Sie, was ich denke, wenn jemand einen Fehler im Forum postet? Ich denke: >Oh, da hat der Herr Meier aber einen sehr interessanten Fehler gemacht! Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion um diesen Fehler entwickelt. Es ist sehr gut, dass dies jetzt hier zum Thema gemacht wird, weil es ist ein ganz typischer Fehler. Fragen und Fehler sind positive Beiträge zur Diskussion, und wenn Sie eine Frage und/oder einen Fehler posten, dann fallen Sie positiv auf – niemals negativ!< Darüber hinaus ist es wichtig, dass man in den Vorlesungen selbst auch mal Fehler präsentiert und als Dozent genau so konstruktiv mit seinen eigenen Fehlern umgeht.
  • Nicht zu früh, nicht zu spät: Als Dozent darf man sich niemals zu früh einschalten. Wenn eine Frage im Forum gestellt wird, nicht sofort antworten – so kann ja niemals eine Diskussion unter Studierenden aufkommen. Man darf aber auch nicht zu spät antworten – ansonsten fühlen sich die Studierenden „alleine gelassen.“ Mein entsprechender Text: „Ich selbst antworte nie sofort, sondern warte erst mal ab. Wenn jemand von Ihnen eine Frage stellt, dann sollten sich alle aufgefordert fühlen, zu antworten. Ich möchte, dass Sie die Fragen und Probleme miteinander besprechen und lösen. Sie dürfen mir aber vertrauen: Ich schalte mich rechtzeitig ein, wenn ein Fehler nicht entdeckt wird oder wenn niemand sonst eine Antwort hat.“ Es kam in sehr aktiven Forenzeiten aber schon vor, dass ich den Überblick verloren habe (Äh… welche Fragen sind jetzt noch offen?). Wenn dies passiert, dann sollen die Studierenden, deren Frage noch offen ist, ins Forum so etwas posten wie „Hilfe, Herr Spannagel, jetzt müssen Sie mit einsteigen!“ (Das war einmal eine Idee von Studierenden im Rahmen der GeoWiki-Nutzung.)
  • Notwendigkeit erzeugen: Wenn alles einfach ist, gibts keine Fragen. Im letzten Semester habe ich zu Beginn der Vorlesung relativ rasch angezogen, und ich hatte den Eindruck, dass die Studierenden dadurch im Forum gleich von Anfang an recht aktiv wurden. Wenn der Start gut ist, dann hält sich das Aktivitätsniveau auch länger über das Semester hinweg. Allerdings möchte man natürlich auch keine Ängste erzeugen und dadurch die Aktivität steigern – ein schmaler Grad.
  • Immer wieder erinnern: Einmal sagen hilft gar nix. Wenn Studierende mit einer Frage kommen, immer wieder auf das Forum aufmerksam machen: „Oh, das ist aber eine spannende Frage! Wissen Sie was? Ich beantworte sie jetzt nicht. Diese Frage ist ganz wichtig, und die anderen Teilnehmer sollten diese Frage unbedingt auch mitbekommen! Stellen Sie die Frage doch bitte im Forum, und ich schalte mich dann ggf. ein.“ Dieses Verhalten müssen alle an einer Veranstaltung beteiligten Dozenten zeigen, auch die Tutorinnen und Tutoren!

Trotz dieser Strategien ist der Erfolg mal so, mal so. Ich habe den Eindruck, es hängt auch von der Gruppenzusammensetzung, der Gruppengröße, der Jahreszeit und von wasweißich ab…

Welche Strategien wendet ihr an? Kennt jemand von euch Literatur dazu? (Also, Literatur, die sich explizit auf veranstaltungsbegleitende Foren in diesem Sinne bezieht, nicht generell zu Motivierung von Online-Kollaboration – die Situation ist ja eine andere wie beispielsweise in Fern-Studiengängen oder Blended-Learning-Szenarien, in denen die Online-Aktivität z.T. zentraler Bestandteil ist.) Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Wie bindet ihr das Forum in eure Lehrveranstaltungen ein? Und eine Frage an Studierende: Warum postet ihr in Foren, warum nicht?

Kommentare
  1. Marco Bakera sagt:

    Vielen Dank für die tollen und konkreten Tipps. Ich werde im nächsten Schuljahr mal das Forum ausprobieren.

    Ich vermute ferner, das insbesondere Vollzeit-Schüler das Forum nicht nutzen, weil Sie sich in der Schule eh sehen und dort Ihre Fragen untereinander klären.

    Es fällt mir schwer, S. „abzuweisen“, wenn sie mit ihrer Frage Interesse für das Thema bekunden. Ich versuche diese Fragen dann mehr auf das Plenum zu lenken.

    Für den S. findet Unterricht ohnehin vorwiegend in der Schule statt und nicht zu Hause oder in einem Forum. So ist zumindest vermutlich seine (nachvollziehbare) Wahrnehmung.

  2. murmel sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel!
    Ein wichtiges Thema auch bei mir mit genau diesen Problemen: online diskutieren nicht gewohnt und Angst, Fehler zu machen.
    Die Argumente und Erklärungen werden mir ganz sicher weiterhelfen.

    Ich habe versucht, die Schwellenangst zu mindern, indem zunächst ich online Fragen gestellt habe und Wünsche, Meinungsäußerung oder auch mal eine Abstimmung erfragt habe.
    Besucht wurde die Website dann besser, auch Rückmeldungen kamen dort.
    Effektiv genutzt wurde aber das Ganze im Laufe des Schuljahres nicht.

    Ängste vor’m Fragen konnte ich nicht wirklich abbauen, die SuS sind 16 (berufl. Gym) und sehr auf gutes Ansehen beim Lehrer bedacht. Pseudonyme halfen ein bisschen.

    Wünsche Dir einen schönen Sommer und bin jetzt erstmal weg!
    murmel

  3. Oliver Tacke sagt:

    Ein Patentrezept habe ich da ebenfalls nicht, habe ebenso schon viel, mittelviel und nahezu Null Aktivität erzeugt. Viel fange ich aber schon dadurch ab, dass ich in Seminaren die häufig gestellten Fragen vorab abfange (online beim Wiki-Seminar, offline in den Einstiegsunterlagen zum Planspiel).

    Aber falls Herr Pachl vor Ort in Braunschweig mal einen Austauschpartner braucht, weißt du ja, an wen du durchstellen kannst.

  4. Guten Tag,
    nicht speziell nur auf diese Fragestellung bezogen, aber als allgemeine Erfahrung:
    Botschaften immer und immer wieder wiederholen.
    Möglichst einfach, möglichst in gleichen Worten.
    Und auf verschiedenen Kanälen.
    „WÄR DAS NICHT WAS FÜRS FORUM?“
    „WER nicht FRAGT, bleibt DUMM!“
    Ein Schild / Plakat im Vorlesungssaal. Mündlich immer mal wieder rezitieren.
    Als Überschrift / Banner im Internet, wenn möglich als Clip auf youtube …
    :-))
    Na gut, letzteres ist übertrieben – aber das Prinzip ist klar, denke ich …
    Eines noch:
    NICHT ohnmächtig werden, wenn ein Jahr später -direkt unter dem o.a. Hinweisschild stehend- jemand fragt: „Sagen Sie …-ich habe da so etwas gehört. Also, das es da so ein Forum geben soll- in dem man sogar Fragen stellen kann?“🙂
    MfG
    BukTom Bloch

  5. cspannagel sagt:

    @Marco Wenn es um Schüler geht: Klar, hier kann man fragen auch oft direkt im Unterricht klären. Im Rahmen von Hochschulveranstaltungen, in denen Vorlesung, Übung, Tutorien und Selbstlernphasen miteinander verquickt sind und in deren Rahmen 100-300 Studierende teilnehmen, ist es aber in vielen Fällen besser und effizienter, Fragen im Forum zu stellen…

    @BukTom Ja… genau.🙂 … man wundert sich manchmal, was manche NICHT mitbekommen…🙂

  6. Klaus Steitz sagt:

    Hallo Herr Spannagel,

    vielen Dank auch nochmal auf diesem Wege für die Tipps aus persönlicher Erfahrung. Wir können die Erfahrungen bestätigen und raten den Dozenten auch stets, die Fragen im Forum zu bündeln. Wetvoll ist auch der Tipp, nicht zu früh zu antworten, um nicht Diskussionen unter den Studierenden im Keim zu ersticken. Trotzdem ist mein Eindruck, dass viele Studierende sich in universitär betreuten Plattformen nicht wohl fühlen und sich lieber über spezielle Fachbereichsforen oder private Kanäle austauschen. Daher ist es umso wichtiger, den Mehrwert der offiziellen Foren mit Dozentenbeteiligung herauszustellen.
    Übrigens haben wir auch Ihre Tipps weiterverbreitet:
    http://blog.e-learning.tu-darmstadt.de/2011/08/01/wie-kann-man-ein-forum-so-einsetzen-dass-es-von-den-studierenden-als-diskussionsplattform-genutzt-wird/

    Beste Grüße aus Darmstadt!
    Klaus Steitz

  7. cspannagel sagt:

    Lieber Herr Steitz,

    vielen Dank für das Aufgreifen des Themas auch in Ihrem E-Learning-Blog!

  8. Nadja sagt:

    Vielen Dank für die Tipps.
    Hier gibt es auch einen interessanten Artikel von Claudia Bremer http://www.bremer.cx/material/Bremer_Foren_Methoden.pdf

  9. Ich setze diese Strategien schon seit längerem ein und sie funktionieren (auch außerhalb der Mathematik) hervorragend. Insbesondere auch als Motivatoren für Dozenten und speziell Lehrbeauftragte, die z.B. durch Foren und die Aktivierung der Selbstverantwortlichkeit der Studenten viel, viel Zeit und Energie sparen können. Foren oder auch, wenn es sein muss, geschlossene Kurse für Abschlusskandidaten, Projektteams…einfach überall, wo kontinuierliche, dokumentierte Kommunikation Schlüssel ist.

  10. PS. trotzdem passiert noch was anderes bei Facebook, weswegen ich dafür bin, nicht ständig neue Foren und Plätze künstlich zu schaffen, sondern einfach dahin zu gehen, wo die Studierenden sich schon aufhalten…da greifen dann wieder die Meta-Strategien!

  11. cspannagel sagt:

    @Marcus Facebook systematisch in der Lehre einzusetzen (womöglich noch verpflichtend) halte ich für äußerst kritisch!

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