Mit Engeln reisen

Veröffentlicht: Donnerstag, September 22, 2011 in Maputo
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Fazit: Weite Reisen geben der Persönlichkeitsentwicklung einen mächtigen Schubs. Mach dir keine Sorgen, alles regelt sich irgendwie. Und: Man kann sich mit jeder Situation arrangieren. Cspannagel auf Expedition – diesmal wieder nach Mosambik.

Kurze Vorbemerkung: Ich habe hier nur selten Internetzugang. In meiner Unterkunft habe ich gar keinen, und an der Universität nur hin und wieder. Insofern sind meine Blogbeiträge leicht verzögert. Dieser hier ist eigentlich von Montag abend.🙂

Nach einem zweitägigen Trip bin ich nun endlich an meinem Ort der Bestimmung angekommen: Beira, nach Maputo die zweitgrößte Stadt in Mosambik. In Beira werde ich ab Dienstag an der Universidade Pedagógica einen Workshop zum Thema „Research and Scientific Writing in Mathematics Education“ abhalten. (Vielleicht erinnert sich noch jemand: Im letzten Jahr habe ich in Maputo einen Workshop zum Thema Mathematics Education gehalten – wir berichteten.) Der Kurs wird spannend und fordernd zugleich – dazu jedoch ein anderes Mal Näheres.

Eine Reise in ein entferntes Land ist eine persönliche Herausforderung und eine Möglichkeit, die eigene Weiterentwicklung mächtig voranzutreiben. Mir ist aufgefallen, dass es tatsächlich das erste Mal ist, dass ich alleine ins Ausland reise (letztes Jahr bin ich mit einem mosambikerfahrenen Kollegen gereist, das war wesentlich entspannter). Mit einem Rucksack voll Ungewissheiten ist das dann zunächst einmal eine große Belastung. Ich habe es in den Tagen vor der Abreise gemerkt: Ich wurde nervös und wollte gar nicht weg. Schon ein Flughafen ist für mich immer wieder ein Stressort. Ich fühle mich dort so, wie sich die Menschen fühlen müssen, die selten Bahn fahren und dann ganz aufgeregt die anderen Fahrgäste im ICE nach dem Weg zu Wagen 25 fragen. Man fragt sich dann immer, warum die sich so stressen. Naja, auf Flughäfen geht’s mir so. Wie immer die Schuhauszieh- und Schuhanziehprozedur bei der Sicherheitskontrolle (ich muss ja wirklich jedes Mal, wenn ich fliege, meine 15-Loch-Stiefel mit Stahlkappen anziehen – logo, die muss ich ja mitnehmen, aber sie sind zu schwer für den Koffer; ich muss um jedes Kilo kämpfen!) und dumme Sprüche vom Sicherheitspersonal über sich ergehen lassen (zweimal kam die Frage, wie lange ich mir die Haare wohl habe wachsen lassen).

Naja, schließlich und endlich saß ich im Flieger und war zum ersten Mal beruhigt – bis der Text vom Pilot kam: „Sie wundern sich bestimmt, warum wir noch nicht gestartet sind. Wir haben ein technisches Problem, und ich habe keine Ahnung, wie lange dessen Behebung dauern wird.“ Zwei Stunden hat sie gedauert. Das war ein Wahnsinnszufall! Das war nämlich genau die Zeit, die für mich zum Umsteigen in Johannesburg vorgesehen war. Mmmmmh, was gehen einem da die Szenarien durch den Kopf: Was, wenn ich meinen Anschlussflug verpasse? Ich erreiche meinen Kontakt (Prof. Cherinda) in Maputo gar nicht, und er wollte mich doch abholen. Was, wenn mein Gepäck nicht mit mir mitkommt? Am nächsten Tag fliege ich ja dann schon nach Beira, und wenn das nachgeliefert werden muss, hoffentlich schaffen die das so schnell… ach so, ja, ich weiß ja gar nicht, wo genau ich in dieser einen Nacht in Maputo schlafe. Äh, also, Adresse… mmh…. – Dies ist nur ein kleiner Auszug aller möglicher Fälle, die man so in 10 Stunden Flug im Kopf durchspielen kann. Die Stewardess konnte mich aber auch beruhigen, mit einer – wie sich im Nachhinein herausgestellt hat – falschen Antwort: „Ihren Anschlussflug bekommen Sie nicht mehr, aber Sie können einen der nächsten Flüge nach Maputo nehmen. Das Bodenpersonal weiß bescheid.“ Super, immerhin nach Maputo komme ich. Wie ich von dort vom Flughafen dann aber wegkomme – okay, sehen wir dann.

Es gibt Engel. Machmal. Und im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich einen persönlichen Engel in diesem Flugzeug hatte. Es war eine etwas ältere Frau, die im letzten Teil des Flugzeugs saß. Jedes Mal, wenn ich zum Klo ging, hat sie mich freundlich angelächelt – fand ich nett, aber irgendwie auch auffällig. Um ca. 9:10 Uhr habe ich das Flugzeug in Johannesburg verlassen, und ab 9 Uhr war Boarding in meiner Maschine nach Maputo, 9:45 Uhr Abflug. In solch einer Situation fragt man sich: Schaff ich das noch? Schaff ich nie im Leben! Wird erwartet, dass ich es versuche? Soll ich es versuchen? Die Stewardess hat aber explizit gesagt: „Nirgendwo hingehen, das Bodenpersonal wegen einer neuen Flugmöglichkeit fragen.“ Diese Gedanken kreisten in meinem Kopf, als ich in den Shuttlebus einsteigen wollte – der aber voll war. Toll, nächsten nehmen, sind ja nur 5 wertvolle Minuten. Als ich dann in den zweiten Bus einstieg, stand zufällig (?) Frau Engel neben mir. Wir kamen ins Gespräch, und sie erzählte mir, dass ihr Flug nach Windhuk um 9:45 Uhr geht, und das Boarding um 9:00 Uhr ist (anderer Flieger, aber zufällig (?) dieselben Zeiten). „Wird Ihr Gepäck durchgecheckt?“ fragte sie mich. „Ja, ich glaube schon.“ – „Dann müsste der Flieger eigentlich auf Sie warten. Die sind verpflichtet, jeden mitzunehmen, dessen Gepäck durchgecheckt wird.“ Im Flughafen angekommen bin ich ihr einfach hinterhergelaufen – zum Bodenpersonal. Dort haben wir uns 30 Sekunden lang brav in die Reihe gestellt („Soll ich mich anstellen? Vordrängeln?“), bis Frau Engel sagte: „Warten Sie hier, ich frage die Frau an der Sicherheitskontrolle.“ 20 Sekunden später: „Kommen Sie, wir dürfen durch und sollen uns beeilen.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Schicksal schon längst in die Hände von Frau Engel gegeben. Ich also zum Sicherheitspersonal. Sicherheitspersonal zu Frau Engel: „Is this your husband?“ – „No, just a similar case.“ – “Okay, come over here.” Sie zeigte, dass ich mich durch die Absperrung durchwurschteln soll und mich einfach ganz vorne in die Schlange zur Sicherheitskontrolle vordrängeln sollte. Tasche aufs Band. „Is this a laptop?“ – „Yes, äh…“ (irgendwie keine Zeit gehabt, den rauszuholen, muss man aber ja normalerweise, war aber scheinbar kein Problem, die Tasche lief so durch.) Dann kurz angefangen, die Schuhe aufzumachen (ihr erinnert euch, 15-Loch…). Von hinten die Stimme von Frau Engel: „Sie sagen, Sie brauchen die Schuhe nicht ausziehen.“ – „Äh, Stahlkappen…“ – „Nein, gehen Sie durch!“ Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich ohne irgendwas abzulegen durch die Sicherheitskontrolle gelaufen. Natürlich hat’s gepiepst. Ich zeige dem Sicherheitsmenschen schnell mein Ticket und meine: „I’m in a hurry!“ Der sagt nur „Run!“, ich schnapp mir meine Laptoptasche und renne los. Hinter mir hechelt Frau Engel, die ebenso durch die Sicherheitskontrolle gekommen ist. „Suchen Sie schnell Ihr Gate!“ Ich schaue auf die Anzeigetafel: „Gate A23“. Ich drehe mich um – und Frau Engel ist weg. Naja, vermutlich ist das bei Engeln so, dass man sich nicht mehr bedanken kann. Vielleicht hat sie auch einfach nur ihr Gate gefunden. Nach einem weiteren gefühlten gerannten Kilometer (A23 ist am anderen Ende des Flughafens!) bin ich in meinen Shuttlebus gestürzt. Eine Minute später fuhr er los. Danke, Frau Engel!

Mein Gepäck war nicht so flink wie ich. In Maputo war es natürlich nicht da. Der Grundoptimismus, der sich bei mir eingestellt hatte („Das wäre jetzt ja noch der Hammer, wenn das Gepäck mit im Flugzeug ist…“), verflog relativ schnell. Bei dem „Lost + Found“-Menschen konnte ich natürlich keine Adresse angeben, also habe ich ihm gesagt, ich melde mich wieder bei ihm. Mein Kollege vor Ort war auch nicht zu sehen (ich habe 30 Minuten bei der Einreisebehörde Schlange gestanden). Ah wie gut, ich hab ja noch eine alte Mosambikanische Handykarte, die lege ich mal in mein Handy ein und… geht nicht. Argh!! Der Rest in Kürze: Kollegen am Flughafen gefunden, später das Gepäck am Flughafen abgeholt. Soweit alles paletti.

Doch das Abenteuer beginnt erst: Mosambik! Wie auch letztes Jahr bin ich fasziniert und erschüttert zugleich: Ein tolles Land – aber unglaublich arm. Die nächste Herausforderung für mich sind somit die Unterkünfte. Letztes Jahr war ich in einem schönen Hotel untergebracht, dieses Jahr in Beira waren keine Hotels mehr frei, daher wohnen wir nun in einer Pension, die für mosambikanische Verhältnisse bestimmt super ist, aus europäischer Sicht aber eher so… mehr… gewöhnungsbedürftig. Man fragt sich, wie hoch die eigenen Ansprüche eigentlich mittlerweile gewachsen sind. Es geht mit viel weniger. Insofern: Erdung. Konfrontation mit anderen Lebensverhältnissen, mit anderen Lebensweisen, mit anderen Lebensinhalten. Das verändert einen. Und ich muss wieder einmal an die Antwort denken, die Otto Herz mir damals nach unserem Bildungsexpeditionsbesuch gegeben hat, als ich ihn fragte, wie man es schaffen kann, so krass anders zu denken wie er es tut. Seine Antwort war: „Expedition!“

[Update: Mittlerweile finde ich meine Unterkunft super! The change takes place…]

Kommentare
  1. anntheres sagt:

    Eine schöne Geschichte…;-)) Kann es gut nachvollziehen, denn mir ginge es genauso. Ich würde vor Nervosität vergehen – und am Ende würde wahrscheinlich dann doch alles gut sein. Geh weiterhin mit offenen Augen durch das Land und erzähl es später Deinen Studenten…

    Gruß Anntheres

  2. Lisa Rosa sagt:

    so tolle geschichte und so schön geschrieben! ich habe mitgefiebert und hatte viel zu lachen („is this your husband?“, „no, just another case“, köstlich.) Und die conclusio sitzt perfekt. danke, Christian!

  3. Florian sagt:

    Mein lieber Christian,

    herzlichen Glückwunsch zu dem bisher Erlebtem und viel Mut und vor allem Gelassenheit für alles was noch kommt. Reisen erweitert -offensichtlich auch bei Dir-den Horizont und ich als Sohn eines Lokführers bin „On the Road“, bzw. on the tracks, seit ich es mir denken kann!
    Viel Spaß mit African Time und ich hoffe Du kannst was von der Gelassenheit mit zurück bringen!

  4. Beim Lesen Deines wundervollen, so ungeheuer lebendigen Berichts habe ich plötzlich eine Zeitreise angetreten, ungefähr acht Jahre zurück…und mich vor meinem geistigen Auge auf meinem allerersten Flug nach Australien wiedergefunden. Was für Abenteuer hatte ich mir damals vorgenommen, dort zu erleben – ein entlegener Winkel des Outbacks, ein Ort, auf fast keiner Landkarte zu finden, drei Wochen in sengender Hitze, ohne jegliche Annehmlichkeiten wie Elektrizität, Klimaanlage (es hatte ca. 50°C…), sauberes Wasser oder hygienisches Spülklo…ich war mir wochenlang vorgekommen wie die weibliche Ausgabe von „Crocodile Dundee“ bei dieser Aussicht!
    Bis mich meine Leute am Flughafen absetzten und ich – mit einem Mal reichlich kleinlaut! – ganz auf mich allein gestellt war. Während des Flugs nach Singapur bekam ich solche Angst vor meiner eigenen Courage („Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!“), dass ich ernsthaft am Überlegen war, von dort aus nicht weiter nach Sydney zu fliegen, sondern sofort retour nach Frankfurt. In meiner Verzweiflung wusste ich mir keinen anderen Rat, als all diese quälenden Gedanken unverzüglich niederzuschreiben (gottseidank hatte ich mein Notizbuch „am Mann“) – so entstand mein „Australisches Tagebuch“ (http://skippyamrhein.wordpress.com/2011/03/30/australisches-tagebuch-ein-outback-abenteuer/).
    Kaum hatte ich meine Befürchtungen schwarz auf weiß, kamen sie mir auf einmal lächerlich und unbegründet vor – was sollte schon passieren, ausser, dass ich meine Grenzen austesten, neue Erfahrungen machen würde? Vielleicht war es nicht gerade das Wort „Expedition!“, das mir da durch den Kopf schoss, aber sinngemäß das selbe. Ich beschloss, all diese neuen Eindrücke von einem schriftstellerischen Standpunkt wahrzunehmen, sollten sie für mich „zuviel“ werden, und das hat mir einen völlig neuen Blickwinkel eröffnet. Ich habe nicht nur beobachtet, ich bin wirklich ganz nah hingegangen. Habe mich zum Hinsehen gezwungen, wo ich sonst lieber weggeguckt hätte. War überrascht, mit wie wenig Luxus und Komfort man auskommt, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Habe riesigen Respekt gegenüber den rauen, aber herzlichen „Bushies“ entwickelt und Dankbarkeit für alles, was ich hier für selbstverständlich halte. Um nichts in der Welt würde ich diese Erfahrungen mehr missen wollen…und wenn ich Deine Geschichte hier lese, spüre ich sofort wieder das selbe Fernweh, das mich schon damals umgetrieben hat😉

  5. ja, das Exotische, wenn’s nur nicht so anders wär‘😉 –
    aber nur so kommt man noch zu Engelerfahrungen, ich wünsch‘ dir viele davon, aus ganzem Herzen🙂

  6. Melle Noire sagt:

    Hi!

    Extrem interessant!
    Und ja, Reisen können einem
    neue Sichtweisen vermitteln.
    Dazu muß man noch nicht einmal
    unbedingt Deutschland verlassen.
    Ich selbst erlebe zB immer wieder den
    Effekt des schlichten Tapetenwechsels,
    wenn ich zu meinen Shootings fahre.
    Unterwegs fühlt man sich einfach irgendwie
    anders, man plant zwischendrin spontaner
    ( wenn mal was schiefläuft ) und reagiert
    allgemein flexibler. Und dieses Gefühl wirkt
    dann auch noch zu Hause eine Zeit lang nach.
    Und unterwegs habe auch schon so mach
    interessante Bekanntschaft gemacht. Manches
    betrachtet man hinterher aus völlig neuen
    Perspektiven, sehr spannend finde ich auch
    einfach den Austausch untereinander, wenn man
    sich mit jemandem unterhält, der einem gerade
    erst über den Weg gelaufen ist. Und manches
    relativiert sich.

    Ich glaube einfach, daß es generell wichtig ist,
    sich offen auf Neues einlassen zu können.
    Egal, wohin man fährt. Denn man weiß nie,
    wen man trifft.😉

    Dunkle Grüße!
    Melle

  7. cspannagel sagt:

    @Melle „Ich glaube einfach, daß es generell wichtig ist, sich offen auf Neues einlassen zu können.“ Das stimmt ganz sicher. Ich würde es vielleicht sogar noch ergänzen: „Man sollte das Neue permanent suchen.“ Also eine Haltung entwickeln, die in Entscheidungssituationen diejenige Alternative bevorzugt, bei der man Neuland betritt… Man sollte sich aktiv in Situationen der Unsicherheit und Ungewissheit begeben…

  8. Nadja sagt:

    Hallo,
    Mosambik ist ein wunderschönes Land auch zum Reisen. Ich war leider noch nicht da würde aber auch mal gerne hin, daher danke ich dir schon mal für den schönen Artikel und die tollen Bilder dazu. So bekommt man einen ersten Eindruck. Viele Grüße, Nadja

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