Auf der Suche nach einer Forschungsfrage

Veröffentlicht: Freitag, September 23, 2011 in Maputo
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Mein Workshop in Mosambik ist überschrieben mit dem Titel “Research and Scientific Writing in Mathematics Education”. Es nehmen daran ca. 20 Studierende teil, die jetzt damit beginnen, ihre Masterarbeit (Master of Education) zu schreiben. Am Ende des Workshops sollen nach Möglichkeit alle Studierenden ihr research proposal vorliegen haben, zumindest aber eine Forschungsfrage und erste Ideen zur Umsetzung ihres Forschungsprojekts.

Das ist eine extrem spannende und zugleich fordernde Situation für mich: 20 Studierende, die überwiegend nur Portugiesisch und kaum Englisch sprechen (grundsätzlich aber Englisch verstehen, zumindest in Grundzügen), und von denen ein Großteil noch keine Idee hat, was ihre Forschungsfrage sein könnte, soll ich dahin führen, am Ende des Workshops ein research proposal vorliegen zu haben – auf Portugiesisch natürlich. Ein Student hat es gleich zu Beginn des ersten Tages auf den Punkt gebracht: „Teacher! I have no idea for a research question. Can you help me?” – Uffz.

Ich habe damit begonnen ihnen deutlich zu machen, wie wichtig es ist, mit einer Forschungsfrage zu beginnen (und nicht etwa mit der Datenerhebung). Also: Die Forschungsfrage bedingt eine gewisse Forschungsmethode, mit der man Daten gewinnt, die man schließlich analysiert, um mit den Analyseresultaten die Frage zu beantworten. The big question ist aber: Wie kommt man zu einer Forschungsfrage, so ganz am Anfang? Insbesondere dann, wenn man noch überhaupt keine Idee hat?

Manch einer würde behaupten, man leitet sie aus Theorien ab, die man in der Literatur findet. Weit gefehlt. Theorie und Literatur kommen erst an zweiter Stelle zum Tragen. An erster Stelle steht das persönliche Interesse: Welcher Bereich interessiert mich eigentlich? In welchem Feld will ich forschen? Was könnten hier interessante Fragen sein? Ich habe die Studierenden eine Grafik erstellen lassen: Ihr Name in der Mitte, dann drei Äste, an denen „interests“, „experiences“ und „context“ steht. Da das Finden einer Forschungsfrage ein kreativer Akt ist, war Brainstorming angesagt. Sie sollten aufschreiben, welche Dinge sie in ihrem Studium besonders interessiert haben („interest“), welche Erfahrungen sie in der schulischen Praxis bereits gemacht haben („experiences“) und in welchem Kontext sie gerade tätig sind („context“) – viele sind nämlich Lehrende und können unter Umständen ihren Lehrkontext als Forschungsfeld nutzen (so war meine Hoffnung). Ein Beispiel, das ich gezeigt habe, findet ihr hier:

Ich bin überrascht, wie gut das funktioniert hat, und insbesondere deswegen froh, weil ich auf die Problematik des Forschungsfragefindens null vorbereitet war. Die Studierenden waren nämlich zunächst irritiert, dass sie das selbst entscheiden dürfen und nicht etwa der Dozent die Forschungsfrage vorgibt (oder zumindest die Zielrichtung). In diesem Sinne habe ich in diesem Jahr wieder dort fortgesetzt, womit ich im letzten Jahr in Maputo aufgehört habe: Teaching Thinking. Die Studierenden waren auf einmal in eine Situation versetzt, in der sie sich über ihre eigenen Ziele, Interessen und Vorlieben klar werden mussten, um daraus selbst und aus eigener Kraft eine Forschungsfrage zu entwickeln. (Das Ganze geschieht natürlich nicht nur auf dieser persönlichen Ebene, keine Angst – in den nächsten Tagen werden sie Literaturrecherche betreiben und ihre Forschungsfrage schärfen). Ich finde es toll zu sehen, wie die Studierenden hier in solchen Situationen aus sich herausgehen und diese Möglichkeit, selbst kreativ zu werden, wirklich schätzen.

„The most important thing in this phase of the research process is: YOU!“ Manche Dinge lassen sich auf Englisch einfach schöner sagen.

Wichtige Erfahrung: Die ersten Forschungsfragen, die formuliert werden, sind viel zu umfassend und zu breit. Zum Beispiel: „Why do girls in secondary classes have lower grades in mathematics than boys?“ oder “Which methods can be used in classes with over 100 pupils?” Ich habe die starke Vermutung, dass es normal ist, die ersten Fragen so breit zu formulieren. Das ist aber kein Problem, im Gegenteil: Die breiten Fragen haben eher „Weltverbesserungscharakter“ und sind unglaublich motivierend. Ich habe den Studierenden dabei deutlich gemacht, dass es sehr gut ist, wenn sie diese Frage verfolgen, und dass es dabei sinnvoll ist, mit einer kleineren Teilfrage zu beginnen. Weitere Teilfragen, die sich zur Beantwortung der großen Frage summieren, können sie dann nach ihrer Masterarbeit angehen, wenn sie weiterhin Forschung betreiben möchten.

Bei der Formulierung der Fragen ist bereits deutlich geworden, dass sich manche nur schwer beantworten lassen. Zu jeder Frage muss es auch eine wissenschaftliche Methode geben, mit der man die Frage beantworten kann. Daher habe ich gestern einige Forschungsmethoden und –ansätze gezeigt, die keinesfalls trennscharf und auch nicht erschöpfend sind, die sich aber aus den Forschungsfragen der Studierenden ergeben haben: Experiment, Korrelationsstudie, qualitative Studie und schließlich als Forschungsansatz noch Aktionsforschung. Insbesondere für letzteres sind die Studierenden zu gewinnen gewesen: In Mosambik gibt es unzählige konkrete Probleme an Schulen zu lösen. Für Mosambik ist es gewinnbringender, wenn Studierende Aktionsforschungsprojekte an Schulen durchführen und damit einerseits wissenschaftliche Methoden erproben, andererseits aber auch konkrete Probleme lösen helfen, als irgendeine theoretische Popelhypothese mit einem Experiment belegen. Es gibt hier genug zu tun, insofern ermutige ich sie, Aktionsforschungsprojekte durchzuführen. Die Betreuer finden das (gottseidank) auch gut. Die Studierenden hat dies zunächst überrascht: „Wie? Ich darf an meiner Schule in meiner Klasse ein Forschungsprojekt durchführen?“-  „Ja.“

Ja, und das Nachdenken über die Umsetzung des Forschungsprojekts (Welche Methode? Welche Daten wie erheben? Wann? Wo?…) hat einigen Studierenden ganz deutlich gemacht, dass sie ihre Forschungsfrage umformulieren müssen, damit sie beantwortbar wird. Und genau das war der Sinn der Übung.

Es ist wirklich aufregend, hier zu sein. Es gibt Momente, in denen denke ich: „Oh nein, welch Bedingungen, ich will nach Hause!“ Zum Beispiel dann, wenn auf allen Toiletten im ganzen Universitätsgebäude das Klopapier ausgegangen ist. Ach ja – und es auch kein Wasser gibt. Und in anderen Momenten – und das sind mehr – denke ich: „Wie großartig, dass ich hier sein darf – in  Situationen, in denen man sich unsicher fühlt, entwickelt man sich schneller weiter und kommt auf Gedanken und Ideen, die man sonst vermutlich nicht hätte.“ Teaching thinking an mir selbst, sozusagen.

Nachwort im Sinne von „Ach ja!“: Wie gesagt, nicht nur das Klopapier fehlt, sondern oft auch das Internet. Das heißt es kann sein, dass ich erst verzögert antworte. Das sollte euch aber nicht davon abhalten, gleich zu kommentieren!🙂

Kommentare
  1. lutz berger sagt:

    guten morgen nach mozambik! spannend, wie du vorgehst und hut ab!, was dein engagement betrifft: science on the run! grüsse aus der (alten) heimat.

  2. Hallo aus Berlin,

    die Mosambik sind wirklich klasse geschrieben. Freue mich immer wenn es was Neues gibt. Man bekommt einen kleinen Einblick in die Arbeitsbedingungen dort, aber für mich war auch das Konzept zum Entwickeln einer Forschungsfrage und Dein dafür gewählter didaktischer Weg sehr gewinnbringend. Hoffe es gibt noch mehr aus Mosambik zu berichten.

    Gruß Marc

  3. Die Herangehensweise zur Entwicklung einer Forschungsfrage finde ich wieder einmal sehr schön aufbereitet. Es wirkt so selbstverständlich wenn man es erst mal liest. Eigentlich ist das ja alles klar. Aber über diese vielen kleinen Schritte macht man sich eigentlich nie Gedanken.

    Was mir gefehlt hat, ist ein Beispiel für den Entwicklungsprozess einer solchen Frage. Was aus diesen allgemeinen Fragen dann im weiteren Verlauf geworden ist. Aber so weit ich das sehe steht die weitere Ausarbeitung dieser Fragen (das ’schärfen‘) ja noch an.

  4. cspannagel sagt:

    @Thomas Die Studierenden haben letzte Woche Zeit gehabt, ihre Forschungsfrage zu schärfen. Wir Dozenten sind dabei herumgelaufen und haben sie individuell beraten. Einige Studierenden haben darauf hin ihre Fragen präsentiert und im Plenum zur Diskussion gestellt. Das waren wirklich sehr anregende und intensive Diskussionen (soweit ich etwas davon verstanden habe :-)). So wurde z.B. aus „„Why do girls in secondary classes have lower grades in mathematics than boys?“ die folgende Frage: „Welche Verhaltensweisen, die hinsichtlich Gender problematisch sind, zeigen Lehrerinnen und Lehrer im Mathematikunterricht in Mosambik?“ mit dem Ziel, Unterricht aufzuzeichnen und qualitativ zu untersuchen.

  5. […] soll ich aus dem riesigen Fragenhaufen die eine herausfinden? Im Februar empfand ich den Beitrag “Auf der Suche nach einer Forschungsfrage” von Christian Spannagel als hilfreich für meine Suche. Inzwischen breitet sich die Fragewelle wie […]

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