LernZeitRäume

Veröffentlicht: Donnerstag, November 24, 2011 in LernZeitRaeume

Seit ich die LernZeitRäume betreten habe, schwelt in mir die Skepsis am System. Seit ich die LernZeitRäume kenne, wird mir immer klarer, was Otto Herz meinte, als er davon sprach, dass „Unterricht“ ein Konzept aus Preußen sei, und dass man nicht mehr von „Unterricht“ sprechen sollte. Seit ich die LernZeitRäume kenne, habe ich Lust bekommen, Schule ganz anders zu sehen und sämtliche gedankliche Mauern einzureißen, die man im Laufe seiner eigenen, langen Schulerfahrung aufgebaut hat.

LernZeitRäume ist eine freie Grund-und Realschule in Dossenheim in der Nähe von Heidelberg. Es gibt hier keine Klassen, sondern Lerngruppen – altersgemischt: die Wildkatzen (entspricht den Schuljahren 1-3), die Dingos und Robben (Schuljahre 4-6) und die Geckos und Tiger (Schuljahre 7-9). Die Schüler lernen in diesen Gruppen zum einen gemeinsam, zum anderen stark individualisiert. In einer Mathe-Gruppe, die ich besucht habe, lernen die Kinder individuell mit Selbstlernmaterialen. Während die einen sich mit Bruchrechnung beschäftigen, lösen die anderen Aufgaben zu „Rechnen mit Geld“. Wer Material braucht, holt es sich aus dem Schrank. Schüler helfen sich gegenseitig, wenn jemand mal nicht weiter kommt. Die Lehrerin kennt von jedem Schüler und jeder Schülerin den aktuellen Stand und kann individuell die nächsten Schritte und Aufgaben nennen. Wer mit Aufgaben nicht fertig wird, befasst sich damit weiter in der „Studierzeit“. Schüler beschäftigen sich darüber hinaus mit selbstgewählten Projekten. Ein Schüler sei einmal gekommen und habe damit überrascht, dass er sich mit platonischen Körpern befassen wolle – die habe er im Internet gefunden, und die haben „was mit Mathe“ zu tun. Wer einmal ein paar Stunden in den LernZeitRäumen verbringt, der spürt förmlich, dass hier gelernt wird, und man bekommt dabei auch noch das Gefühl, dass die Schüler das… wollen? Dabei auch noch Spaß haben? Gibt es sowas?

Natürlich handelt es sich dabei nicht um ein Paradies – es gibt jede Menge Probleme und Schwierigkeiten, denn die gibt es immer, wenn man mit Gruppen und ganz unterschiedlichen Menschen zu tun hat. Aber trotzdem: Die Grundatmosphäre ist eine ganz andere als an „Regelschulen“. Sie ist: Familiärer. Freundlicher. Lernförderlicher. Menschlicher. Ja genau: Sie ist menschlicher. In den Gruppenräumen gibt es Gruppentische, Sitznischen, Wohlfühlecken. Keine kasernenartigen Reihen von Tischen mit Blick nach vorne, wo man schön die Klappe halten und „dem Unterricht folgen“ muss. Die Lehrer…. pardon… die Gruppenleiter werden übrigens geduzt. Das Team ist genau so bunt wie die Schulphilosophie: Lehrer(innen), Erziehungswissenschaftler(innen), Psychologen, Wald-, Erlebnis- und Theaterpädagogen, Diplom-Sportlehrer und Honorarpädagogen.

Und besonders sympathisch finde ich an dieser Schule: Sie ist modern. Mancher reformpädagogischer Schule sagt man ja nach, dass sie auf Ideen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruht und auch dementsprechend in dieser Zeit verhaftet ist. Nicht so die LernZeitRäume: Hier wird versucht, all das miteinander zu verbinden, was für die Schüler für gut gehalten wird: Elemente der Jenaplan- und Freinetpädagogik werden mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen kombiniert. Aus genau diesem Grund ist die Schulleiterin Signe Brunner-Orawsky auf mich vor einiger Zeit zugekommen und hat mich gefragt, ob ich nicht mit Studierenden Projekte an der Schule zum Thema Computer und Internet machen möchte. Nach einem kurzen Besuch, der mich voll überzeugt hat, hatte ich gleich eine andere, darüber hinausgehende Idee: Weil ich mich ohnehin entschieden habe (ganz nach dem Vorbild von Jean-Pol Martin), regelmäßig in einer Schule tätig zu sein, um den Praxisbezug zu behalten und ein Feld für didaktische Experimente zu haben, werde ich in Zukunft in der Schule mit Computer- und Internetprojekten mitwirken. Ich finde es großartig, dass ich das darf (danke an Signe und das ganze Schulteam!), und ich freue mich ausgesprochen darauf, ein kleiner Teil dieser Schulgemeinschaft sein zu dürfen. Ich fühle mich wohl in den LernZeitRäumen.

Wie laufen Pausen in einer „Regelschule“ ab? Hektisch, oder? Haben die Lehrer wirklich „Pause“? Ich meine, können sie in der Pause richtig entspannen? Ich habe die Erfahrung gemacht: Nein, können sie nicht. In den Lernzeiträumen kommt das Team in der Pause zusammen und…  isst gemeinsam. Man setzt sich an einen Tisch, es gibt Brot, Wurst und Käse, und man plaudert in einer angenehmen, ruhigen Atmosphäre. Lisa Rosa meinte auf dem EduCamp dazu: „Es ist klar: Wenn es den Lehrern gut geht, dann geht es auch den Schülern gut.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Kommentare
  1. […] einzureißen, die man im Laufe seiner eigenen, langen Schulerfahrung aufgebaut hat” … dunkelmunkel Tags »   Adolf Sauerland, Kreationismus, Morde, Neonazis, Silentmob, von […]

  2. Das klingt sehr spannend und umfasst viele Elemente der von mir kürzlich skizzierten Idee eines neuen Bildungssystemes (http://wiklin.blogspot.com/2011/11/bildung-in-der-ict-kultur.html). Was mich interessieren würde: Wie gross ist die Klasse, äh, sind die Lerngruppen? Wie viele Schülerinnen und Schüler pro Lehrperson würde ein solches System wohl vertragen können? Resp. wäre es in Schulhäusern, die aus Spargründen viele Schülerinnen und Schüler in eine Klasse pferchen, auch realistisch?

  3. Luka Peters sagt:

    Ein sehr interessantes Konzept, vielen Dank für deinen Bericht.
    Er erinnert mich spontan auch an die Summerhill School in GB (s. Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Summerhill). Das dortige Konzept baut zwar vor allem auf der Idee auf, echte Demokratie zu leben und so zu vermitteln, aber auch dort hat man sich vom Konzept eines „Unterrichts“ abgewandt. Und obwohl die Summerhill School bereits in den 1920er Jahren als reformpädagogisches Schule gegründet wurde, ist sie nicht, wie du als Kritik vermerkst, dort „stehen geblieben“. Da gibt es aber sicher große Unterschiede bei den reformpädagogischen Einrichtungen.

  4. monika hardy sagt:

    Ich glaube, dass die gegenwärtige Krise der Bildung verlangt, dass wir die Idee des öffentlich vorgeschriebenen Lernen eher als die Methoden ihrer Durchsetzung genutzt zu überprüfen. – Ivan Illich

    vorstellen … Schule nach Wahl. wer zusammen in einem Zimmer oder Raum, pro Wahl ..

  5. tobikult sagt:

    Auf dieses Schule wäre ich auch gerne gegangen. Dann wären meine Präsenzzeiten deutlich höher gewesen🙂

  6. apanat sagt:

    Um etwas zu kritisieren:
    Zwar mag sehr wohl deine Skepsis schwellen, dennoch sagt man: meine Skepsis schwillt.

  7. apanat sagt:

    Leider musste ich freilich deinen Text von „schwelt“ in „schwellt“ verändern, um etwas kritisieren zu können.
    Neuer Versuch eines Kritikschnellschusses:
    „System“ ohne Erläuterung, welches System gemeint sei, das war die Redeweise der Nazis, wenn sie die demokratischen Strukturen der Weimarer Republik runtermachen wollten.
    Leider gefällt mir dein Artikel zu gut, als dass ich eine passendere Kritik gefunden hätte.
    Lass mich mal nachdenken …

  8. […] N. Stöcklin: Bildung im Blick auf den LeitmedienwechselCSpannagel: LernZeitRäumeSchule: LernZeitRäume […]

  9. apanat sagt:

    Wenn ich nichts weiter kritisieren kann, schnorre ich halt Links. http://apanat.wordpress.com/2011/11/26/lernen-heute-und-morgen/

  10. cspannagel sagt:

    Vielen Dank für eure Kommentare!

    @Nando Ich war noch nicht in allen Gruppen, aber ich würde schätzen, es sind nicht mehr als 15 Kinder pro Gruppe (das müsste ich aber nochmal eruieren). Insofern: Ja, ich denke, mit 30 Kindern in einer Klasse wäre das schwierig.

    @apanat Was ist denn nun? Kann bzw. darf Skepsis denn nun auch schwelen oder muss sie schwillen?🙂 Zur Systemfrage: Ich meine das System „Regelschule“, so wie man es in Deutschland vielfach (nicht nur) vorfindet: Jahrgangsweiser Unterricht, fachbezogen, 45-Min-Takt usw. usw. usw.

  11. Zunächst einmal: Ich finde das Konzept der Schule sehr überzeugend und zwar aus folgendem Grund: Ich sehe mit wie viel Bereitschaft und Lust am Lernen, mit wie viel Wollen, die Kinder im Alter von 6 sind. Sie saugen quasi alles um sie herum auf und gerade im Kindergarten lernen sie ständig voneinander. Das ist eine Ressource, die in „Regelschulen“ oft nicht genutzt wird.
    Dennoch sehe ich, dass auch diese Schule natürlich ein Auswahlverfahren hat: Da müssen die Eltern besonders engagiert sein, jeder muss sich intellektuell mit dem pädagogischen Konzept auseinandergesetzt haben usw. Deswegen mutmaße ich, dass im Vorhinein eine soziale Auslese stattfindet, so dass das Ganze in diesem Sinne „verlogen“ ist (das ist jetzt zu hart ausgedrückt, aber vielleicht auch nicht). Was ist denn mit sozial benachteiligten Kindern, von denen die Eltern nicht engagiert sind, vielleicht auch keine Zeit haben, weil sie schuften ohne Ende…..
    Deswegen meine Frage: Kann so eine Schule nur funktionieren, wenn man aussiebt?
    Ich will außerdem daran erinnern, dass Summerhill, was ja in einem Kommentar erwähnt wurde (und meines Erachten vom Konzept her ganz anders war) in den Augen des Begründers Neill gescheitert ist: Neill glaubte eine Schule geschaffen zu haben, in der alle eine Platz finden können. Das „Schülerparlament“ hat aber einen „schwierigen“ Schüler von der Schule verwiesen, was Neill desillusioniert hat.

  12. cspannagel sagt:

    @Andrea „Kann so eine Schule nur funktionieren, wenn man aussiebt?“ Das ist eine schwierige (aber nachvollziehbare) Frage. Ich kann sie nicht ohne Weiteres beantworten. Es ist alleine schon schwer zu beurteilen, ob diejenigen Kinder, die von „pädagogisch engagierten Eltern“ kommen, die „pflegeleichteren“ Kinder sind. Ich bin mir da nicht sicher…

  13. herrlarbig sagt:

    Ich lese so etwas gerne. Und so, wie du das beschreibst, lieber Christian, noch viel lieber. Und doch sind auch die Regelschulen im Rahmen ihrer Möglichkeiten heute kreativer und innovativer beim Ausreizen dessen, was möglich ist, als es in deinem Beitrag als Hintergrund für mich mitklingt.

    Wir unterrichten seit eineinhalb Jahren in der Regel nicht mehr in 45Minuten-Stunden. Ursprünglich suchten wir nach einer Lösung für durch Baumaßnahmen notwendig gewordenes Pendeln an einen zweiten Standort. Diese Lösung wurde weitgehend von Schülern, Lehrern und Eltern gut geheißen – und wir erlauben uns, wo es nötig, gewünscht oder unumgänglich ist, von der Regel abzuweichen.

    Das führt dazu, damit das Konzept auch für dreistündig unterrichtete Fächer funktioniert, dass unsere Stundenpläne auf zwei Wochenrhythmen hin angelegt sind.

    Konkret: Wir unterrichten in Doppelstunden zu 85 Minuten. Die Pausenzeiten am Vormittag haben wir auf 30 Minuten verlängert, sodass gerade die jüngeren Schüler genügend Bewegungszeiten bekommen, was aber auch dazu führt, dass die Lehrenden Zeit für Pause haben, aber auch für kurzen Beratungen finden, für die man sonst so oft verzweifelt einen Termin sucht. Schulweit haben wir parallel Klassenlehrer und Tutorenstunden, anschließend fest im Stundenplan eine Konferenzstunde, welche nicht jede Woche jeden Kollegen trifft, die aber die Suche nach Terminen weitgehend überflüssig gemacht hat.

    Soweit es aufsichtsrechtlich möglich ist, haben Schüler die Möglichkeit in Arbeitsphasen eine Bibliothek zu nutzen.

    Und trotzdem sind wir eine ganz klassische Regelschule, ein Gymnasium sogar, habe Dreißigerklassen, einen breiten Wahlunterrichtbereich, unterstützen erfolgreich Leistungssportler, vor allem im Bereich Rudern, unterstützen mit Schülern und Eltern soziale Projekte etc.

    Es heißt nicht, dass wir sonderlich innovativen Unterricht machen würden, in den Klassenräumen Gruppentische stünden etc. Ja, ich unterrichte auch frontal und wir finden es im Kollegium gar nicht so schlecht, diese Art des Unterrichts zu pflegen und andere Formen nicht auszuschließen.

    Trotzdem lese ich gerne, was du schreibst, finde das spannend. Und gleichzeitig frage ich mich, was passierte, würde ein solches Konzept die Regel, würden LernZeitRäume Regelschule. Dann würde dieses Konzept sicher in die Kritik geraten. So zwingt ein solches Konzept zum Beispiel Schüler auch in eine Lernvorstellung, die für bestimmte Schüler günstig ist, für andere nicht so günstig. Es zwingt aber auch die Lehrer zu gemeinsamem Essen. Was aber tue ich, wenn ich die Pause über Ruhe will, einfach mal um den Block laufen und genießen, dass jetzt mal zehn Minuten niemand was von mir wollen soll?

  14. cspannagel sagt:

    @herrlarbig Ich wollte keinesfalls Schwarz-Weiß-Malerei betreiben. Selbstverständlich gibt es – wie so oft – nicht nur ein „entweder – oder“, sondern mehr ein „ein bisschen hiervon und etwas mehr davon“.

    Dennoch: Schule, wie ich sie in den LernZeitRäumen erlebe, hat für mich wesentlich weniger Zwang als Schule, wie ich sie von anderen Orten her kenne. Und eine Schule, in der so krass individualisiert wird wie hier, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit mehr Schülern gerecht als eine, in der Individualisierung nicht so gut möglich ist (aufgrund der Rahmenbedingungen). Und bzgl. des Essens liegt vermutlich ein Missverständnis vor: Niemand wird gezwungen daran teilzunehmen. Keiner muss sich dazusetzen – es hat mehr den Charakter einer Einladung. Es ist ein ungezwungenes Beisammensein, auch begleitet von einem Kommen und Gehen verschiedener Personen…

  15. @herrlarbig „Und doch sind auch die Regelschulen im Rahmen ihrer Möglichkeiten heute kreativer und innovativer beim Ausreizen dessen, was möglich ist“

    Es wäre schön, wenn sich diese Kreativität nicht nur auf einige wenige Regelschulen erstreckte. Viele Schulen nutzen das Potential zur Veränderung gar nicht oder nur in geringem Umfang. NRW gibt, wie ich aus eigener Arbeit weiß, Schulen wirklich einen sehr großen Freiraum. Doch es scheint vielen Schulen an der notwendigen Energie, Vorstellungskraft und häufig auch Bereitschaft zu fehlen, vom bisherigen Weg abzuweichen.

  16. @Andrea so ein individualisiertes System kann auch an einer Regelschule funktionieren mit Eltern, die sich die Schule nicht aussuchen und Klassen jenseits der 15 ( Obwohl ich mir immernoch eine Doppelbesetzung wünsche…). Wir haben unserer Schule ( lustigerweise nur ca. 30km entfernt vom Lernzeitraum im Odenwald) wahrscheinlich in der Struktur etwas anders organisiert, aber das Grundverständnis scheint mir recht ähnlich zu sein. Jedes Kind hat das Recht als Individuum mit seinen Stärken und Schwächen anerkannt zu werden. Schule muss Lern und Lebensraum für alle Beteiligten sein. Wir Erwachsenen verstehen uns als Lernbegleiter…

  17. @Matthias: Da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt: Ich habe mich nicht darauf bezogen, dass die Eltern die aussuchen, sondern dass es bei den Lernzeiträumen so ist, dass sich die Schule die Eltern und insbesondere die Kinder aussucht – ja sogar, dass die Kinder eine 6 monatige Probezeit durchlaufen. Und das macht mich dann hellhörig, ob denn hier das Konzept nur funktioniert, wenn man sich die Kinder passend zum Konzept sucht. Sollte Schule nicht für alle Kinder gleichermaßen funktionieren? Kehren wir wieder zu Neill und Summerhill zurück, so war der Wunsch von Neill, dass er eine Schule für alle gründen wollte und dabei hat er an demokratische Strukturen geglaubt…..

    Zusätzlich muss ich sagen, dass ich in Berlin-Kreuzberg wohne und meine Tochter demnächst eingeschult wird. Da erlebt man dann wie Auswahlverfahren von Schulen funktionieren, wie sozial aussortiert wird auch und gerade von Schulen mit einem pädagogisch elaborierten Konzept und und und….

  18. Signe sagt:

    Teil 1: Es ist gut, dass es Plattformen wie diese gibt, in denen überhaupt über die verschiedenen Betrachtungsmöglichkeiten von Schule diskutiert wird. Ich bin sozusagen völliger Anfänger, habe noch nie irgendwo im Internet diskutiert, weil ich das gern von Angesicht zu Angesicht tue. In diesem Fall mag ich ein paar meiner Gedanken aber dennoch mit diesem Medium kundtun, weil ich vieles des Geäußerten kenne und vor 7 Jahren als leidenschaftliche Pädagogin über dieses Projekt mit der Öffentlichkeit ins Gespäch ging.
    Als ich dies tat, war ich von der Idee fasziniert, auch hier, wo ich lebe, einen Weg für Bildung anzubieten, den es in dieser Akzentuierung in und um Heidelberg noch nicht gibt. Über all die Dinge, die eine solche Idee mit sich bringt, weil sie eine Unternehmensidee ist, hatte ich nicht nachgedacht und stieg voller Enthusiasmus ganz naiv ein. Ich begeisterte eine für mich erstaunlich große Zahl von Menschen von meinen Gedanken, die immer nur Anstöße waren-Gedankensplitter, wenn man so will. Ich machte nie ein Geheimnis daraus, dass nichts davon schon als zuende gedacht betrachtet werden darf. Ich sprach immer davon, dass es keine Gelingensgarantie im Sinne-das wird dann ein verwertbarer Abschluss sein-gibt. Stets war mein Anliegen, dazu einzuladen, sich auf etwas einzulassen, dass mit pädagogischer Leidenschaft für Kinder gefüllt sein soll und sich immer wieder aus dem Blick auf sie und mit ihnen speist.
    Ich tue das bis heute. Ich rede gern über das Gelingende in unserer Schule, berichte immer wieder mit derselben Leidenschaft von den Dingen, die oft unerwartet eintreten: Schritte, die Kinder tun, zu denen wir sie ermutigen, an die aber auch wir Pädagogen im Vorhinein nicht immer in vollem Umfang glauben. Dinge, die wir dennoch anstoßen, in der Hoffnung, einen Impuls zu setzen, der etwas Unmögliches möglich macht-den Glauben des Kindes an sich selbst befördern, es mit Mut auszustatten, jenes zu versuchen, das nicht machbar scheint.
    Dass es in diesen Berichten meist um jene Kinder geht, die in anderen Schulen gescheitert sind, erwähne ich nicht, denn sie sind nun, wenn ich berichte, Kinder unsrer Schule.
    Jene Kinder, die den Weg im schulischen System bei uns beginnen, überraschen uns ebenfalls, aber manchmal tun sie dies mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass wir es fast als normal empfinden und weniger darüber sprechen als mit jenen, die ohne Vertrauen in sich selbst zu uns kommen.
    Die ohne Vertrauen kommen, sind für eine Jenaplanschule, die wir als Basiskonzept sein möchten, inzwischen recht viele. Dies ist insofern bedeutsam, als wir zum grundlegenden Lernkonzept das selbständige und selbstorganisierte Lernen erklärt haben.

  19. Signe sagt:

    Teil 2
    … nun als Anfänger weiß man auch nicht sofort, dass Kommentare endlich sein müssen. Werde also versuchen, mich kürzer zu fassen.
    Wenn also Kinder zu uns kommen, die bisher gelernt haben, immer das zu tun, was ihnen ein Lehrer sagt, dann sind die meisten damit überfordert, auf die Frage: Was möchtest du jetzt tun? Was willst du im Rahmen des angebotenen Themas lernen? eine Antwort zu geben, die aus ihnen selbst entspringt. Das also lernen wir viele Monate gemeinsam: Was will ich, was kann ich, wohin will ich gehen. Sich selbst zu vertrauen, eine eigene Meinung und Haltung zum Tun zu entwickeln, ist Kindern nicht mehr immanent, wenn sie aus der öffentlichen Schule zu uns kommen.
    Damit will ich die Gedankensplitter zur pädagogischen Arbeit unterbrechen, vielleicht einmal dazu weiterschreiben, wenn Bedarf ist.
    Etliche der Kommentare beziehen sich auf strukturelle und unternehmerische Fragen, die im Zusammenhang mit einer Schule in freier Trägerschaft aber mindestens genauso bedeutsam sind. Das ist der andere Teil meines Projektes, in den ich hineinwachsen musste. Ich hätte ihn an einen Manager abgeben können, wenn sich da jemand im Laufe der Schulgeschichte gefunden hätte. Ein bisschen pädagogische Ahnung wäre von Vorteil gewesen. Es fand sich bis heute niemand, und ich habe ernsthaft gesucht! Aber es ist schwierig, einen Geschäftsführer oder so etwas ähnliches zu finden, wenn man den größten Teil der Arbeit im Ehrenamt machen soll.
    Es gibt vieles, dass man wissen sollte, wenn man ein Unternehmen gründet. Auch die Trägerschaft als e.V. erlöst einen nicht davon, unternehmerisch zu denken. Denn unsere Gesellschaft hat ein Element, ohne das auch eine Schule in freier Trägerschaft nicht auskommt: das Geld als Grundlage.
    Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, nach den Gesetzen funktionieren, die sich diese Gesellschaft gegeben hat: ein paar Ausschnitte: Bezahle, oder dir wird gekündigt werden (8 Wochen hast du im Gewerbemietrecht Zeit), bezahle oder dir laufen die Pädagogen weg (die müssen nämlich auch überleben können), verpasse keine Antragsfrist, sonst bekommst du nicht mal die Gelder, die dir überhaupt zustehen (die Zuschüsse im Land BW werden nach 3 überstandenden Jahren erstmals ausgezahlt und decken max. 65% der Kosten), sei möglichst keine Frau, wenn du mit Institutionen, die dir Geld geben sollen, in Verhandlung gehst, denn du wirst zunächst einmal nicht ernst genommen…
    Das ist provokativ, aber es ist ein Ausschnitt dessen, was du erlebst, wenn du es dennoch wagst.
    Probezeiten, Kündigungsklauseln, Verpflichtungen in Verträge hineinzuschreiben, haben wir durch unser tägliches Leben gelernt. Machst du es nicht, werden sich Menschen zu dir gesellen, die genau diese Schwachstelle auszunutzen wissen. Wir haben jede Menge Lehrgeld gezahlt, weil wir daran glaubten, dass sich nur die Guten zu uns gesellen.
    Wir lesen aus, das stimmt, aber nicht, wie in einigen Kommentaren geschrieben. Wir haben trotz aller unternehmerischer Rahmen eine moralische Verpflichtung, der wir in kritischer Selbstbetrachtung treu zu bleiben bemüht sind: Wir nehmen Kinder aus Familien auf, die weniger Geld haben, als wir zum Schulerhalt brauchen, wir haben Kinder aus Hartz IV-Familien, Kinder, für die das Jugendamt aufkommt, Kinder, die im öffentlichen System krank geworden sind und mit denen sich andere Schulen nicht zu arbeiten getrauen. Natürlich müssen wir die Zahl beschränken. Es ist wichtig, dass die Pädagogik gelingt, die wir tun. Denn, wenn nicht, dann kommt niemand mehr und dann müssen wir auch jene wegschicken, die bei uns einen Lern- und Lebensort gefunden haben, der ihnen Halt gibt.
    Und das wollen wir nicht. Wir fühlen uns jenen verpflichtet, die da sind. Wir erhoffen uns dafür Unterstützung, wir fordern dafür eine angemessene Entlohnung, wir fühlen uns diesbezüglich benachtieiligt. Ein Land, dass uns diese Arbeit machen lässt, sollte uns wenigstens so entlohnen wie seine öffentlichen Schulen. Das tut es nicht. Und dabei tun wir noch jede Menge mehr, das uns einfach wichtig ist: individuelle Gespräche, Beratung in Erziehungsfragen, Konfliktmanagement weit über schulische Fragen hinaus, jede Menge Zeit zur Verfügung stellen für Fragen, die an anderen Orten nicht einmal gestellt werden dürfen.
    Was ist Gerechtigkeit- diese Frage lässt sich im Vergleich freie Schulen-öffentliche Schulen wohl kaum beantworten.
    Mir ist wichtig, dass bei der Diskussion über freie Schulen sehr genau hingeschaut wird, auf welcher Basis unsere Arbeit erfolgt, und das ist eben nicht nur die strukturelle Vergleichsfrage.

  20. Nicola sagt:

    Vielen Dank @Dunkelmunkel für deinen Eindruck von dieser Schule und vielen Dank an Signe für die weiteren Insights aus den LernZeitRäumen. Abgesehen von den pädagogischen Innovationen, die Ihr da umsetzt, finde ich es wichtig und gut, dass du auch die politischen und unternehmerischen Aspekte so klar herausstellst. Da haben Freie Schulen im ganzen Land ja mit zu kämpfen…. Wenn sie sich zusammen tun, dann wird es leichter mit den Behörden zu verhandeln…

    Für alle, die noch weiteres Interesse an ähnlichen Schulportraits haben, hier gibt’s noch Lesefutter: http://www.freie-alternativschulen.de/cms/jml/index.php?option=com_content&task=view&id=1531&Itemid=109

  21. Ich kenne diesen Typ Schule als Jenaplanschule — oder jetzt: Thüringer Gemeinschaftsschule. Und dort geht die Schule und das gemeinsame Lernen bis zum Abitur — wenn man möchte. Die Meinungen zu der Schule sind sehr unterschiedlich. Aber insgesamt ist es die Schule auf die der größte Andrang herrscht. Die Kinder von Freunden waren auf der Schule und das Lernumfeld ist dort genau so, wie Du es auch in Deinem Blog-Beitrag schreibst. Ein Video dazu findet man übrigens auch: http://www.youtube.com/watch?v=iO3homj5bQg

  22. cspannagel sagt:

    Danke, @Signe, für die umfassenden Hintergründe zu eurer Schule – ich denke, jetzt ist vieles noch klarer geworden. @Nicola und @Thomas: Euch danke für die weiteren Hinweise!

  23. Martin sagt:

    Nachdem sich Signe als Schulleiterin schon gemeldet hat, möchte ich als Vater zweier Schüler, der seit der Gründung dabei ist, noch etwas zum Punkt „Eine Schule, die für alle Schüler funktioniert“ (@Andrea Hoffkamp) ergänzen.

    Meine Tochter ist in den freien Strukturen leistungsfähig und glücklich. Mein Sohn übrigens auch. Deshalb sind wir als Eltern ganz überzeugt vom pädagogischen Konzept der LernZeitRäume.
    Eine Freundin meiner Tochter ist sehr glücklich in einer Schule mit festen Lerneinheiten, festen Klassenverbänden und – ganz trivial – einer festen Sitzordnung. Das entspricht ihr deutlich besser als das Konzept an unserer Schule. Sie ist DORT leistungsfähig und glücklich.
    Ich denke deshalb, es sollte Schulen verschiedener pädagogischer Konzepte in erreichbarer Nähe geben, so dass jedes Kind die Schule findet, die für es funktioniert.
    Außerdem ist meine Erfahrung, dass es nicht nur ganz verschiedene Kinder sondern vor allem ganz verschiedene Eltern gibt. Es ist beinahe wichtiger, dass die Schule zu den Eltern passt als dass sie zu den Schülern passt. Wenn es mal Konflikte über das pädagogische Konzept gibt, dann werden die eher durch die Sorgen der Eltern als durch die Leistungen der Kinder initiiert.

  24. […] Dass ich es nicht mag, bedeutet ja nicht, dass ich es anderen Menschen verwehren sollte. In den LernZeitRäumen gibt es einige Kinder, die das Schreiben mit 10 Fingern gerne lernen möchten. Also hab ich mich […]

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