Jede(r) ist Wissenschaftler(in)!

Veröffentlicht: Donnerstag, Dezember 29, 2011 in OeffentlicherWissenschaftler

Eine Diskussion im Blog von Kristina Lucius hat mich wieder einmal ins Nachdenken über öffentliche Wissenschaft gebracht. Kristina steht ganz am Anfang ihres Forschungsprozesses und bringt diesen gleich durch ihr Weblog in die Öffentlichkeit – ein Paradebeispiel für öffentliche Wissenschaft von Anfang an. Das Paradoxe: Kristina hält sich noch gar nicht für eine Wissenschaftlerin. Sie schreibt: „bedauerlicherweise bin ich noch nicht im geringsten eine Wissenschaftlerin“. Mit dieser Einstellung kommen auch Studierende oft zu mir, wenn Sie sich für das Schreiben einer wissenschaftlichen Hausarbeit interessieren: Sie denken, man müsse erst eine Art formale Wissenschaftlerausbildung durchlaufen haben, um Wissenschaftler zu sein.

Ich denke hingegen: Na klar sind all diese Menschen Wissenschaftler. Sie wissen es nur nicht, weil es ihnen noch niemand gesagt hat, und weil die Berufswissenschaftler (die nenn ich jetzt mal so in Abgrenzung) ein recht hohes Ansehen genießen und man meint, man müsse erst durch Bachelor, Master und Promotion durch, um sich „Wissenschaftler nennen zu dürfen“. (Ich verwende in diesem Artikel übrigens „Wissenschaftler“ synonym mit „Forscher“, man möge das eine durch das andere nach Belieben ersetzen.)

Betrachten wir mal folgenden Vergleich: Familie Müller ist bei Familie Mayer zum Essen eingeladen. Auf dem Weg dahin unterhalten sich Frau und Herr Müller über die Mayers. Frau Müller sagt, Herr Mayer sei ein miserabler Koch (Bei Mayers kocht immer ER, weil SIE denkt, er sei der bessere Koch): Beim letzten Mal ist ihm nämlich die Entenbrust sowas von in die Hose gegangen… Herr Müller hingegen findet, Herr Mayer ist ein fantastischer Koch – und selbst fantastischen Köchen darf mal etwas misslingen. Viel kritischer hingegen ist Herr Mayer mit sich selbst. Er denkt, er müsse noch viel mehr lernen, um ein richtig guter Koch zu sein. Nun ja…. alle vier Personen in dieser Situation denken, Herr Mayer ist ein Koch – entweder ein besserer oder ein schlechterer. Aber Koch. Keiner wundert sich, weshalb alle sagen, Herr Mayer sei ein Koch, wo er doch eigentlich als Sachbearbeiter bei einer Versicherung arbeitet. Das liegt vermutlich daran, dass keiner der vier beteiligten Personen mit „Herr Mayer ist Koch“ meint, er sei ein Berufskoch. Trotzdem ist der doch Koch – genauso wie jeder andere Mensch, der kocht. So in etwa würde ich mir wünschen, dass man über andere Menschen sagt: „Hey, die Lisa, die ist eine super Wissenschaftlerin!“, obwohl sie als Bankkauffrau arbeitet und berufsmäßig mit Wissenschaft nix am Hut hat. Natürlich kann jemand ein guter oder ein schlechter Wissenschaftler sein (ähnlich wie beim Kochen), wobei die Maßstäbe hier vermutlich ähnlich subjektiv sind wie beim Verzehr der Entenbrust.

Was macht nun aber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus? Sie haben sich folgende Haltungen, Denk- und Arbeitsweisen zu eigen gemacht:

  • Sie sind neugierig und wissbegierig.
  • Sie stellen Fragen.
  • Sie wissen, welche Fragen man beantworten kann (und wie) und welche nicht.
  • Sie stellen Vermutungen auf und überprüfen sie.
  • Sie sind skeptisch gegenüber Glaube und Aberglaube.
  • Sie sind kritisch und selbstkritisch.
  • Sie wenden wissenschaftliche Methoden an, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Hierzu zählen die Beobachtung, die Befragung, das Experiment (um mal ein paar empirische Methoden zu nennen).
  • Sie bemühen sich herauszufinden, was man dazu schon weiß, z.B. in Literatur und im Internet.
  • Sie setzen ihre Erkenntnisse (samt Gewinnungsprozess) der Kritik anderer aus.

Natürlich muss man hier vieles lernen. Vieles verlernt man aber auch. Neugierig sein, Fragen stellen, Experimentieren… das alles machen Kinder schon verdammt früh, bis, naja, bis es in der Schule eher um das Geben von Antworten als um das Stellen von Fragen geht. Die Schule selbst fördert den Forschertrieb von Kindern insgesamt betrachtet nicht stark genug. Und auch später: Wann ist man als Schüler schon in eigene Forschungsprojekte involviert? Vielleicht mal bei „Jugend forscht“ oder sowas. Toll.

Forschendes Lernen – oder noch besser: Forschen – sollten wir viel mehr und vor allem expliziter in der Schule und in der Hochschullehre umsetzen. Wir sollten Schülerinnen und Schülern, Studentinnen und Studenten klar machen, dass sie ganz selbstverständlich Wissenschaftler sind, weil alle Menschen neugierig sind, weil alle Menschen Fragen stellen, weil alle Menschen nach Antworten suchen. Die Methoden muss man lernen – in der Schule, in der Hochschule. Das macht man dann aber nicht, um Wissenschaftler zu werden, sondern um ein besserer Wissenschaftler zu werden. Ich denke, hier liegt der Knackpunkt. (Nebenbemerkung: Wobei ein Wissenschaftler, der die Methoden beherrscht, nicht automatisch ein guter Wissenschaftler ist. Vielen Berufswissenschaftlern fehlt nämlich dafür mitunter die Neugier oder die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen. Dies ist aber lediglich eine gewagte Vermutung.)

Öffentliche Wissenschaft ist vielleicht ein Feld, in dem genau diese Haltung auch in die Öffentlichkeit getragen werden kann: Berufswissenschaftler tauschen sich mit Nichtberufswissenschaftlern über Fragen, über mögliche Antworten, über Erkenntnisprozesse aus, und sie führen gemeinsam Projekte durch. Ein schönes Beispiel hierfür ist eben der Blog von Kristina Lucius, auf dessen Fortführung ich gespannt bin.

 

 

Kommentare
  1. flosa11 sagt:

    … das bedeutet (zumindest wenn ich mir deine Liste anschauen) zugleich aber auch, dass schon Kinder bis zu einem gewissen Grad Wissenschaftler sind und das wir nicht alles neu erlernen müssen, sonder vieles erstmal wieder aktivieren müssen, was uns über die Jahre in Schule und Hochschule verloren gegangen ist, um das wissenschaftliche Handwerkszeug überhaupt sinnvoll nutzen zu können…

  2. Ich versuche, nicht zu weit auszuholen…
    1. zur schaffung glückbringender strukturen
    wer selbst glücklich werden will oder (z.B. als lehrer) die verantwortung dafür trägt, dass die glückschancen anderer menschen vermehrt werden, MUSS sich genau informieren über unsere grundbedürfnisse. diese sind auf der ganzen welt für alle menschen dieselben (universalismus). einen überblick erhält man z.B. hier: http://jeanpol.wordpress.com/theorie-menschenbild-in-3-folien-und-drei-filmchen/
    Wenn man sich genau mit den grundbedürfnissen beschäftigt hat, muss man sich und anderen eine lebenswelt schaffen, in der die genannten bedürfnisse befriedigt werden. man muss also „glückbringende strukturen“ schaffen.
    2. zur schaffung forschungsinduzierender strukturen
    die erfahrung (und dies führt bis zu aristoteles zurück) zeigt, dass intellektuelle beschäftigung hohe glückschancen bietet (informationsverarbeitung als grundbedürfnis). forschung und erkundung von neuen feldern sind intellektuelle beschäftigung par exzellence. Will man glücklich sein, so ist es günstig, wenn man neue felder betritt und „erforscht“. Will man andere menschen glücklich machen, so ist es günstig, wenn man sie in forschungsinduzierende felder hinführt. das ist die arbeit des professors: seinen studenten spannende forschungsfelder anzubieten und sie BEI BEDARF mit entsprechenden instrumenten (methode) auszustatten. BEI BEDARF bedeutet: a posteriori. die traditionelle wissenschaft macht es anders: sie tötet allzu oft die große freude und neugierde der studenten von beginn an, indem sie sofort (also a priori) das methodische rüstzeug, eintrichtert, obwohl das bedürfnis nach sauberen forschungsinstrumenten noch gar nicht da sein kann, weil der student seinen forschungsgegenstand noch gar nicht zu gesicht bekommen hat!
    3. die arbeit des profs
    Der prof soll forschungsinduzierende felder erspähen und seinen studenten anbieten. er soll die forschungsbezogene reflexion, die allein durch die begegnung mit dem forschungsfeld bei den studenten entstanden ist organisieren und koordinieren und die entstehenden emergenzen (innovationen) identifizieren. er soll auch permanente konzeptualisierung (modellbildung) anregen und anleiten.

  3. nachtrag (wichtig, glaube ich):
    der prof soll forschungsfelder mit starken appellativen charakter seinen studenten anbieten und beobachten, was im rahmen der kollektiven reflexion emergiert. Was emergiert weiß er aber nicht im voraus!!! Er muss also dafür sorgen, dass geforscht und reflektiert wird, aber ohne a priori zu wissen, was herauskommen soll…

  4. Oliver Tacke sagt:

    Hier scheinen Studierende das schon selbst in die Hand zu nehmen, da sie nur vorgefertigte Antworten erhalten, die ihre Fragen nicht beantworten können: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,803953-2,00.html

  5. […] meinen letzten Blogbeitrag hat unter anderen Jean-Pol Martin sehr ausführlich geantwortet. Ein Auszug: Das ist die Arbeit des Professors: seinen Studenten spannende Forschungsfelder […]

  6. Meine Definition (leider selbst erlebt) von Wissenschaft ist, man mache eine Publikation und dort muss man ganz viele andere wissenschaftliche Arbeiten korrekt zitieren und man sollte auch ganz viele Fußnoten haben. Allerdings sollte man bei Publikationen auch darauf achten, dass man neues berichtet. Wissenschaftlich arbeiten ist relativ leicht, der Vortrag bzw. die Publikation viel schwieriger. Der Web 2.0 Begriff für die neue Publikation ist dann das Blog geworden und schon kommt man allein durch Klicks um den Peer Review Prozess herum😉

    Guten Rutsch und nördliche Grüße
    Andreas

  7. cspannagel sagt:

    @Andreas Vielleicht verstehe ich dich falsch, aber: Gerade durch Blogs kommt man ja nicht ums Peer Review herum, im Gegenteil: Der Artikel steht allen zur Kritik offen (und nicht nur zwei, drei Reviewern)…

  8. Da hast Du mich etwas missverstanden. Natürlich (Hoffentlich?) ist der öffentliche transparente Peer Review im Blog qualitativ besser. Ich meinte meinem kleinem ironischem Kommentar eher, dass man dank dem Blog nicht mehr an wissenschaftlichen Peer Reviews teilnehmen muss, z.B. bei Kongressen, da man durch die Aufmerksamkeit im Blog schon eine anerkannte (wissenschaftliche?) Wahrnehmung gewonnen hat. Mit Glück wird man sogar durch die Aufmerksamkeit dann als Keynote Sprecher eingeladen und damit hat man den wissenschaftlichen Peer Review Prozess umgangen. Qualität setzt sich dann durch, aber hier ist es die Aufmerksamkeit. man könnte das quasi mit der Einschaltquote im TV vergleichen und jetzt würde die Diskussion wieder in eine andere Richtung verlaufen😉

    Gruss aus dem Norden
    Andreas

  9. Chris sagt:

    Wenn auch etwas verspätet, noch meine Ergänzungen:
    Betrachtet man nur die Auflistung der Eigenschaften oben, die ein Wissenschaftler mitbringen muss, dann habe ich (mit Ausnahme der letzten Punkte) vor meinen Augen das Bild eines Vorschulkindes.
    Vorschulkind deshalb, weil es uns in der Schule abgewöhnt wird, wie Du ja auch schon schreibst. Dazu noch ein wunderbares Zitat:
    „Was ist ein Wissenschaftler? Jemand, der nie aufgehört hat, Kind zu sein“

  10. cspannagel sagt:

    @Chris Ein schönes Zitat! Weißt du, von wem das stammt? Das würde mich sehr interessieren… Google hat mir hier nicht weitergeholfen…

  11. Oliver Tacke sagt:

    „Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten, im Geist des Experten nur wenige.“ Suzuki Shunryū

  12. cspannagel sagt:

    Auch ein schönes Zitat!🙂

  13. Chris sagt:

    Das ist Zitat ist meine Übersetzung von Neil deGrasse Tyson aus diesem Interview

    Und symbolisiert sehr gut die Philosophie, die ich in meinen Seminaren beim Haus der kleinen Forscher rüberbringen möchte…

  14. […] wir durch unser Projekt netzforschen.de aufzugreifen versuchen: Jeder Mensch ist in seinem Alltag ein Wissenschaftler bzw. eine Wissenschaftlerin. So wie wir neugierig unsere Welt erleben, stellen wir uns Fragen über […]

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