7 Todsünden eines Wissenschaftlers

Veröffentlicht: Mittwoch, Februar 29, 2012 in OeffentlicherWissenschaftler

Nächste Woche Freitag darf ich auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Didaktik der Mathemtik einen Hauptvortrag zum Thema Die sieben Todsünden eines Wissenschaftlers halten. Die Todsünden hatten es mir ja auch schon mal in einem anderen Kontext angetan, und das Thema lässt ich wunderbar auf alle Lebensbereiche – natürlich auch auf die Wissenschaft -ausweiten.🙂

Aus dem Abstract:

Dies ist ein nicht ganz ernsthafter, aber doch ernst zu nehmender Vortrag über die Sünde in Wissenschaft, insbesondere aber über die ganz eigenen „sündigen“ Erfahrungen des Vortragenden. Der Mensch ist ja bekanntermaßen ein lasterhaftes Wesen, und Mathematikdidaktikerinnen und Mathematikdidaktiker sind davon nicht ausgenommen. Bereits als Nachwuchswissenschaftler(in) wird man gerne schleichend von einer beliebigen Auswahl der sieben Todsünden heimgesucht: Hochmut, Geiz, Neid, Wollust, Völlerei, Zorn und/oder Faulheit. Was aber ist mit Wissensdurst, Neugier und Spaß am Forschen und Lehren?

In dem Vortrag wird neben ein paar kritischen Anmerkungen am (mathematikdidaktischen) Wissenschaftsbetrieb im Allgemeinen und ein paar persönlichen Reflexionen im Speziellen eine Vielzahl an flow-induzierenden Forschungs- und Lehrmöglichkeiten dargeboten: So werden prozessorientierte öffentliche Wissenschaft, Science-Blogs, Youtube-Vorlesungen und der flipped classroom thematisiert. Außerdem erfahren sie, was das alles mit Neuronen, Spermatozoiden und Haifischbecken zu tun hat. Letztlich darf Ihnen auch das Fazit schon verraten werden: Lassen Sie uns (noch mehr) Spaß am Forschen und Lehren haben und vermitteln!

Zur Vorbereitung würden mich eure Assoziationen interessieren: Was fällt euch jeweils zum Thema „Wissenschaft und Habgier“, „Wissenschaft und Hochmut“, „Wissenschaft und Faulheit“, … ein? Brainstormt mal mit mir gemeinsam und tragt eure Ideen in meine Wikiseite zum Vortrag ein!🙂

 

Kommentare
  1. Mir fallen da ein paar Sachen ein, aber liegt es am Sünder oder an Sodom und Gomorrha? Du schreibst: „Man hält Forschungsergebnisse, Ideen, Materialien, … so lange zurück, bis sie ‚vollwertig veröffentlicht sind'“. Richtig, ABER hochgerankte Journals bringen Reputation, bringen Forschungsprojekte, bringen Rufe, bringen Geld, bringen einen Job, der vielleicht sogar mal unbefristet ist *träum* Sind es die Sünden des Wissenschaftlers oder der Hochschulpolitik?

    Die meiner Meinung nach interessantere Frage: Wird man als Revoluzzer (OpenScientist?) zum Märtyrer? (aber die folgt quasi daraus)

  2. cspannagel sagt:

    @Anja Du hast völlig recht: Das System befördert die entsprechenden „sündigen“ Haltungen. Beispiel: Man veröffentlich eine Unmenge (darunter oftmals dasselbe in anderem Gewand), weil das System danach verlangt, dass man viele Veröffentlichungen hat. Beispiel 2: Drittmittel gibts oftmals nur, wenn man „Trendforschung“ betreibt. Also betreibt man Trendforschung…

    Was soll man aber nun als einzelner Wissenschaftler machen? Soll man sagen: „Das System ist so, also spiel ich mit?“ Letztlich muss jeder für sich entscheiden, ob er gegen seine eigenen Überzeugungen handeln will (insofern er noch nicht die Werte des Systems internalisiert hat). Daher gefällt mir der Zusammenhang zu „Sünden“ auch so gut: Es ist eine Frage der Moral. Das Aberwitzige dabei ist: Gerade diejenigen, die es sich leisten könnten (Professoren mit Lebensverbeamtung), spielen das Spiel oft in der Perfektion, obwohl sie gar keinen wirklichen Grund haben, systemkonform handeln zu müssen…

    Deinen Kommentar nehm ich übrigens als eine der letzten Folien, um genau diesen Punkt aufzugreifen – danke!

  3. Oliver Tacke sagt:

    @Anja, Christian
    Wie dieses Argument aufgefasst wird, hängt sicher vom Typ Mensch ab. Steht für ihn das System oben (das System regiert die Ideen) oder die Idee (die Idee konstituiert über Menschen das System). Das geht so in Richtung Aristoteles vs. Platon. Der Mensch hängt dann irgendwo in der Mitte (zwischen den Stühlen).

    Und um in der Philosophie zu bleiben, nur ein von ein bisschen weiter östlich als die beiden Herren, wie wäre es mit: „Der Weg ist das Ziel.“ Vereinfacht gesagt: Ob das angestrebte Ziel erreicht wird, ist ungewiss. Aber es wird stetig verfolgt – und der Weg sollte schon so beschaffen sein wie das Ziel selbst.

  4. m.g. sagt:

    Lieber Christian,
    als Atheist durch und durch hab ich es nicht so mit biblischen Dingen. Für Dein Thema fehlt nach meinem Erachten jedoch etwas: die Lüge. Eine besondere Form der Lüge ist das Verschweigen bzw. Sachverhalte nicht zu thematisieren.

    Seit Jahren ist zu beobachten, dass die Studierfähigkeit unserer Studierenden geringer wird. Das Abi wird mehr und mehr zur Farce. Jeder weiß es, keiner traut sich das auszusprechen und wirklich zu thematisieren. Aus Sicht der Bildungspolitik sind derartige Diskussionen ja auch nicht gewollt.

    Unsere Studierenden verstehen die Mathematik nicht? Ist ja nicht so schlimm, wir brauchen ja sowieso mehr Didaktik, also machen wir doch einfach mehr Mathematik-Didaktik. Die versteht man natürlich auch ohne Mathematik.

    Da passen dann auch „neue“ Konzepte, wie etwa Flip-Flop-Vorlesungen und WIKI-Wiki-Äh-Lörning. Auch dürften natürlich demnächst endlich die Learning-Management-Systeme noch ihre wahnsinnigen Potenzen ausspielen.

    Passt doch alles wunderbar: Hausmeisterdienst heißt heute Facility-Mangement. Da freut sich der Rohrbruch.
    Natürlich kann ein Manager einen Rohrbruch auch besser tot schweigen als ein einfacher Hausmeister. Irgendwann haben wir ihn dann vielleicht vergessen. Unsere Kinder werden nie erfahren, dass da eigentlich ein Rohr gebrochen ist, sie werden einfach damit leben und sich dran gewöhnen.
    Gelogen haben wir natürlich nicht. Wir haben nur im Dienst von bahnbrechenden Ideen die ein oder andere unwichtige Sache nicht so stark in den Focus der Diskussion gelegt.

    Lasst uns auf dem Wege des fröhlichen Weltverbesserns weitere Erfolge erringen.

    Mit einem freudigen Video-Go
    und einem innovativen Learn-App-Klick,

    Micha

  5. Anja Lorenz sagt:

    @christian ich weiß, nur ist es aus Deiner Position heraus leichter zu sagen, dass man ja nicht mitspielen muss. Dabei lebst Du aus dieser relativ sicheren Position heraus den OpenScience-Gedanke ganz vorbildlich (Bienchen ins Muttheft), im Gegensatz zu den von Dir schon erwähnte Profs, die das trotz Ihrer Position nicht tun. Das kann man übrigens in vielen Hochschulbereichen beobachten, zB. bei der Befristung: Das ist bei Mittelbauvereinigungen nur selten ein Thema, was nicht verwunderlich ist, hat man doch den Eindruck, dass vor allem unbefristete Mittelbauer das Zeit für ein Engagement in diesen Gremien haben.

    @micha Der Einwand ist richtig, nur macht es sicher Christians Thema kaputt, da die Lüge nicht zu den Todsünden gehört (für uns nicht-Bibelfeste gibt es die Wikipedia😉 ).

    Ich finde das Thema nach wie vor gut und es ist auch wichtig, sowas immer wieder zu thematisieren, um sich nich selbst bei „Todsünden“ zu ertappen. Ein logischer nächster Schritt wäre es dann vielleicht auch, eine Art „Wie baue ich eine Arche“ (working title) anzuschließen, in dem man nach Wegen sucht, außerhalb der Todsünden dennoch in der Wissenschaft überleben zu können oder sogar erfolgreich zu sein.

  6. Mit dem knackigen Titel hoffte ich zuerst, das Wiki würde sich schnell füllen. Nach den bisherigen Einträgen würde ich diesen Wunsch am liebsten wieder verwünschen!

    @m.g. Das ist doch ein altes Thema, dass die ältere Generation meint, die jüngere würde „immer dümmer“. Wer sich aber auch für die vorherige Ausbildungs- oder Schulphase interessiert, der kann sehr schnell feststellen, dass das nicht stimmt.
    Insofern wäre es eine Todsünde, beim Blick über den Tellerrand (vorausgesetzt, es gibt ihn überhaupt), nur in den Himmel zu schauen.
    Wenn ich irgend einen Glauben hätte, müßte ich jetzt wohl mit Grüßen aus der Hölle unterschreiben.

  7. cspannagel sagt:

    @m.g. Dein Aspekt würde durchaus zur Todsünde „Wollust/Ausschweifung“ passen… man beschäftigt sich nicht mit den wirklichen Problemen, sondern mit „Luxusproblemen“…

    @Anja In der Qualifikationsphase kann man es sich zurzeit sicher nicht erlauben, „gegen das System“ zu arbeiten. Deshalb – wie Jean-Pol mal richtig erwähnt hat – haben die Professoren auch die Pflicht, aus ihrer sicheren Position heraus systemische Probleme anzusprechen und zu hinterfragen. Doch auch in der Qualifikationsphase ist bereits wichtig, einen „wissenschaftsmoralischen“ Blick auf das zu bekommen, was man da tut. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass man später, wenn man Prof. ist, alles einfach wieder nur kopiert…

    @Kristina Ich finde, das Wiki hat sich schon ordentlich gefüllt. Es ist auf jeden Fall so ausreichend, dass ich Screenshots damit in den Vortrag nehmen kann und zeigen kann, was andere zu dem Thema jeweils denken. Das hilft enorm, weil ich eure Formulierungen zitieren kann (ich nehme „eure Stimmen mit“) und dadurch unter anderem auch demonstrieren kann, was wir unter open science, community, sharing, … verstehen…

  8. apanat sagt:

    @m.g. Könnte es nicht ein Fehler sein, wenn man Mathematikstudenten nur nach dem Kriterium “ verstehen die Mathematik“ beurteilt? Vgl. dazu Spitzer (http://www.schattauer.de/de/magazine/uebersicht/zeitschriften-a-z/nervenheilkunde/issue/special/manuscript/17357.html) (hier in Minihäppchen dargeboten: http://fontanefan.blogspot.com/2012/03/so-einfach-ist-es-nicht-aber.html).
    @christian: Sollte man bei Hochmut vielleicht aufnehmen: „Ich beurteile alle Auszubildenden nur (!) nach meinen Fachkriterien“, ohne zu berücksichtigen, dass andere Fähigkeiten für sie und ihre Klientel wichtiger sein könnten?
    [Spitzer: „Das Systematische an der Ausbildung von Mathematiklehrern besteht also darin, dass während ihrer Ausbildung aktive Selektion gegen Menschen mit sozialem Einfühlungsvermögen betrieben wird. Das ist etwa so sinnvoll wie das Abfassen der Lehrmaterialien sowie Abhalten der schriftlichen Prüfungen bei der Ausbildung zum Verkehrspiloten in Blindenschrift.“]

  9. m.g. sagt:

    @apanat
    Mathematik verstehen (zumindest auf einem gewissen Niveau, das hinreichend bezüglich mathematischer Elemente von Allgemeinbildung angesehen werden kann) ist eine notwendige Bedingung für einen Mathematiklehrer. Notwendig muss noch lange nicht hinreichend sein. Es könnte zwar sein, dass die Notwendigkeit eines grundlegenden Mathematikverständnisses sogar hinreichend für einen guten Mathematikunterricht ist. Dem ist aber nicht so. Dessen bin ich mir bewußt.
    Es bleibt aber bei der Notwendigkeit. Auf die Beachtung einer notwendigen Bedingung zu pochen bedeutet nicht, andere Bedingungen nicht zu berücksichtigen. Würde ich nur die anderen Bedingungen als relevant bezüglich des Berufsziels Mathematiklehrer ansehen und eine objektiv notwendige Bedingung als nicht relevant abtun, würde ich meinen Beruf nicht verstehen.

    Herr Spitzer ist nun aber offenbar gerade der Meinung, dass man notwendige Bedingungen ignorieren darf und vielleicht sogar muss. Wieviel Selbstverliebtheit und Eitelkeit ist wohl dahinter zu vermuten, wenn sich jemand, der noch nie eine Mathematikstunde gegeben hat, anmaßt darüber zu urteilen, welchen „Todsünden“ in der Ausbildung von Mathematiklehrern gefrönt wird.

    Ganz nebenbei: Es geht nicht um Riemannsche Mannigfaltigkeiten und was weiß ich noch in unserer Mathematiklehrerausbildung. In der Geometrieausbildung zum Beispiel versuchen wir den Studierenden den Geometriestoff der Klassenstufen 5 bis 9 (Dreieckskongruenzsätze, Satz des Thales etc.) näher zu bringen. Das Ganze natürlich auf einer gewissen wissenschaftlichen Ebene, die ein klein wenig über der Abstraktionsebene des Schulunterrichts liegt. Grundlage hierfür bildet ein Buch, das für den Geometrieunterricht der High School in den USA geschrieben wurde (Moise, Downs: „Geometry“, noch mal: nicht US College, High School). Die Abstaktionsstufe, die wir für unsere Studierenden anstreben, entspricht der obersten Stufe des van Hiele Modells für das geometrische Verständnis, das für gewisse Teile der Geometrie etwa auch für Abiturienten anzustreben ist. Probleme haben unsere Studierenden insbesondere mit der Fähigkeit, sich exakt und hinreichend virtuos der deutschen Sprache zu bedienen und dabei auch noch Kausalitäten zu beachten. Etwa 50% der Studierenden waren in der letzten Klausur nicht in der Lage, den Begriff Dreieck wirklich exakt zu definieren. Nein, es handelte sich diesbezüglich nicht um eine Transferleistung. Wer möchte sein eigenes Kind in die Hände eines Mathematiklehrers geben, der bezüglich des Begriffs Mittelsenkrechte irgendwas wie „Mittelsenkrechte ist, wo wenn es in der Mitte senkrecht ist.“ daherstammelt?

    Es gibt wohl kein entwickeltes Land auf dieser Welt, in dem von der Allgemeinheit der Mathematik eine derartig geringe gesellschaftliche und persönliche Bedeutung beigemessen wird, wie im westlichen Teil der Bundesrepublik Deutschland. Wer Mathematik mag und vielleicht sogar kann, ist ein Freak und Außenseiter. Da verwundert es auch nicht, wenn Stammtischparolen wie die von Herrn Prof. Spitzer gefeiert werden.

    Ansonsten habe ich noch nie gehört, dass man sich beschwert hätte, dass Gesangsstudenten auch danach beurteilt werden, ob sie singen können.

    Lasst doch endlich das Gutmenschengequatsche und stellt euch der Realität!

  10. apanat sagt:

    Ich glaube, wir sind uns einig darüber,

    1. dass Manfred Spitzer das von ihm angeschnittene Problem nicht wirklich angemessen behandelt.

    2. dass ein Mathematiklehrer so viel von Mathematik verstehen sollte, dass er sich ein Gebiet der Mathematik, das er in seinem Studium nicht kennen gelernt hat, auf dem Anspruchsniveau eines Abiturienten erarbeiten kann,

    3.dass nicht alle Mathematikerlehrer jede richtige originelle Lösung einer Aufgabe als richtig erkennen können werden, wenn der Lösungsweg nicht sehr gut dokumentiert ist, – unabhängig, wie hoch man die Ansprüche für ihr Examen ansetzt.

    Punkt 2 ist zwar an sich eine notwendige Bedingung, doch kann sie von LiVs (Referendaren), auch wenn sie ein sehr gutes Universitätsexamen abgelegt haben, in dem beim Anfangsunterricht notwendigen Tempo nicht immer ohne kollegiale Hilfe erfüllt werden. (Ich kenne sehr erfolgreiche Mathematiklehrer, die diese Erfahrung vor dreißig Jahren gemacht haben und sehr erfolgreiche Mathematikstudenten, die vor drei Jahren dassellbe erlebt haben. Offenbar hat sich in dieser Hinsicht nichts Grundsätzliches geändert.)

    Punkt 3 ist zwar eine notwendige Voraussetzung für eine angemessene Bewertung von Klausuren, ist aber ohnehin nicht sicherzustellen, unabhängig davon, wie hoch die Prüfungsanforderungen sind.

    Ich werde mich hüten, Mindestanforderungen an Mathematikstudenten zu formulieren. Dazu bin ich in keiner Weise qualifiziert.
    Es wird aber auch von den dafür Zuständigen gewiss nicht mit der notwendigen Trennschärfe bundeseinheitlich bestimmt werden können, welche mathematischen Qualifikationen notwendige Voraussetzungen für erfolgreichen Mathematikunterricht sind. (Bei einem Treffen von Mathematiklehrern wurde, nachdem sie die Beurteilungskriterien gemeinsam festgelegt hatten, ein und dieselbe Arbeit anhand dieser Kriterien von den einen Lehrern mit gut (10-12 Punkte) und von anderen mit mangelhaft (1-3 Punkte) bewertet.)

    Natürlich braucht man bei der wissenschaftlichen Behandlung der mittelalterlichen Geschichte gute Lateikenntnisse, dennoch gab es schon vor vierzig Jahren einen erfolgreichen Ordinarius für mittelalterliche Geschichte, der für die Goldbulle von Rimini eine Musterübersetzung vorgelegt hat, in der er den zentralen ablativus absolutus nicht erkannt hat.

    Nicht alles lässt sich mit der Exaktheit festlegen, die ein Mathematiker sich wünscht.

  11. Wollust können wir einigermaßen ausschließen, oder?

    ;o)

  12. m.g. sagt:

    @apanat
    Was willst Du uns sagen? Leistungsbewertungen sind nicht immer einfach und können durchaus subjektiv gefärbt sein? Ja, wissen wir. Betrifft nicht nur die Mathematik. Meine Mutter ist Deutschlehrerin …. .(Aufsatzbewertung)

    Eine Aufgabe, deren Lösung einen derartigen Interpretationsspielraum der Bewertung zulässt, wie die von Dir angesprochene, taugt zur Leistungsbewertung nicht.

    Ich habe mittlerweile Studierende, die das Unterrichtspraktikum im Fach Mathematik abbrechen müssen, weil sie nicht in der Lage sind, den Schulstoff bis Klasse 10 (Werkrealschule) so zu verstehen, dass sie ihn auch unterrichten können.

    Ich mühe mich ab, dass unsere Studierenden in der Lage sind, Beweise zu führen, die in den 80-er Jahren die Schüler meiner 7. Klasse selbständig geführt haben.

    Vor diesem Hintergrund ist die Diskussion, ob wir denn zu sehr nach fachlichen Kriterien beurteilen einfach nur albern.

    Aber wahrscheinlich liegt alles nur daran, dass wir immer nur die Mathematik im Kopf haben und nicht berücksichtigen, dass jemand gut singen kann. Ebenso versäumen wir es, hinreichend zu würdigen, dass sich Studierende ganz alleine bei Facebook anmelden können und damit ausgewiesene WEB2.0 Experten sind.

    Noch mal aus Deinem Beitrag vom 6. März:
    “Ich beurteile alle Auszubildenden nur (!) nach meinen Fachkriterien”, ohne zu berücksichtigen, dass andere Fähigkeiten für sie und ihre Klientel wichtiger sein könnten?

    Was ist wichtiger als fachliche Kompetenz?
    Nebenbei verweise ich auf Coactiv.

  13. @m.g. „Was ist wichtiger als fachliche Kompetenz?“
    Genau: erst mal nichts!
    Ich komme aus dem sprachlichen Bereich (Gymnasiallehrer) und habe mit Mathe nichts am Hut – aber ich sehe einen eindeutigen Zusammenhang zwischen rein fachwissenschaftlicher Kompetenz und der Lehrfähigkeit an der Schule. Dies gilt umso mehr in der gymnasialen Oberstufe.
    Wer als Französischlehrer keinen geraden französischen Satz herausbekommt, kann noch so sozial kompetent sein…

  14. m.g. sagt:

    @horazhaselhuhn
    Danke für den Kommentar. Manchmal glaubt man, im falschen Film zu sein.
    Natürlich brauche ich als Lehrer noch mehr als die fachwissenschaftliche Kompetenz. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber mittlerweile ist es ja üblich, wegen der Anerkennung weiterer Kompetenzen, die Bedeutung der fachwissenschaftlichen Kompetenz herunterzuspielen. In der weiteren Konsequenz negiert man dann völlig, dass es überhaupt einer fachwissenschaftlichen Kompetenz bedarf. Wozu auch? Wir brauchen ja auch keine Lehrer mehr. Die müssen ganz schnell durch Lernbegleiter ersetzt werden. Lernbegleiter müssen natürlich auch nicht mehr der deutschen Rechtschreibung kundig sein. Letzteres beherrscht ja die Sekretärin der Schule ganz gut.

  15. Lisa Rosa sagt:

    Ach hier läuft die eigentliche Diskussion. Die Todsünden haben Verwirrung gestiftet. Du sagst, es wäre eine Frage der Moral, ob man sich nach den Systemregeln verhält oder so wie Du? Nein, das glaube ich nicht. Es ist keine moralische Frage. Und es wäre gut, sie von der Moral zu entlasten, wenn wir Interesse daran haben, dass sich immer mehr Wissenschaftler zu Öffentlichen Wissenschaftlern wandeln. Das nicht nur und nicht in erster Linie eine strategische Frage – aber auch. Wenn wir den Leuten sagen, sie verhalten sich unmoralisch, obwohl sie sich an alle Regeln halten, dann erreichen wir zurecht nichts, sondern kriegen auch zurecht auf die Nase.
    Aber ganz sicher ist es eine Frage des Habitus (das ist etwas ganz anderes als Moral!). Und Haltungsänderungen sind nicht per normativem Appell zu kriegen. Meine Haltung ändere ich, wenn auch ich etwas davon habe (nicht eine irgendwo behauptete Instanz, die mir den Buckel runterrutschen kann.) Also finde heraus, warum es für jeden einzelnen Wissenschaftler gut ist, seine Haltung zu ändern, und zwar OBWOHL er damit gegen die herrschenden Systemregeln verstößt. Und dann gibt gutes Beispiel (das tust Du unentwegt, und ich bin begeistert.) Und dann gib Hilfen und Ideen, wie man den Widerspruch zwischen altem System / neuer Haltung lösen kann. Denn im Endeffekt ist der für die meisten nicht auszuhaltende Widerspruch erst dann gelöst, wenn die Systemregeln geändert sind, m.a.W. der System change vollzogen.

  16. cspannagel sagt:

    @Lisa Okay, Habitus. Ich hatte „moralisch“ ohnehin in Anführungzeichen gesetzt…Die 7 Todsünden sind ja eigentlich auch keine Sünden, sondern schlechte Charaktereigenschaften. Und die werden von Wissenschaftssystem eher begünstigt und wirken sich vice versa auch negativ auf das System aus.

    In dem Vortrag habe ich versucht zu zeigen, warum man seine Haltung ändern sollte. Der Widerspruch lässt ich meines Wissens nicht wirklich lösen. Wer die „neue“ Haltung einnimmt, wird zwangsläufig im alten System benachteiligt sein (weniger Drittmittel, weniger Doktoranden, weniger „echte“ Publikationen). Oder, mmh… man muss sich neue Quellen zur Befriedigung suchen: Gelungene Interaktionen, praxisrelevante Erkenntnisse, letztlich auch Spaß an der Revolte.

  17. Lisa Rosa sagt:

    Christian, „schlechte Charaktereigenschaften“ gehn doch genausowenig als Kategorie wie die „Sünden“. Denn danach haben wir alle einen schlechten Charakter mit Eigenschaften. Und warum dann ausgerechnet diese Eigenschaften? Es geht eher um systembezogene / kontextbezogene Verhaltensweisen. Da kann doch ein Wissenschaftler im Privatleben ungeheuer großzügig sein, im universitären Zusammenhang aber darauf achten, dass seine Arbeiten nicht vor dem Publikationstermin weiterbenutzt werden. Würdest du jetzt jeden, der nicht alles, was er tut, CC-0 lizensiert, für geizig erklären, mit schlechtem Charakter? Das ist Alltagskonzept. Und was die moderne Psychologie und Soziologie dazu sagt, möchte ich gar nicht debattieren hier.
    Auch dass die vom System produzierten „schlechten Charaktereigenschaften“ seiner Mitglieder dem System selbst schaden, ist doch gar nicht sicher. Viel wahrscheinlicher ist doch anzunehmen, dass sie ihm nutzen (sonst hätte das System sie doch nicht ausgebildet). Die Frage wäre dann eher, ob dieses System noch den gesellschaftlichen Funktionen, die es erfüllen soll, dient. Das ist aber eine andere Frage

  18. cspannagel sagt:

    @Lisa Die Anknüpfung an die 7 Todsünden war eher als witziger Aufhänger gedacht (auch um Neugierde auf den Vortrag zu wecken). Ich hatte eigentlich nicht geplant, das Ganze akademisch-begrifflich auseinanderzudividieren.😉

  19. Was mich noch interessiert: Hast du innerhalb dieser Sünden-Geschichte eigentlich nicht irgendwie Druck von „Uni-Kollegen“ bekommen, die eventuell gar nicht so gut drauf zu sprechen sind, dass ihre/deine/unsere Sünden so zu Sprache kommen? In aller Öffentlichkeit und dann noch dokumentiert im Wiki?

  20. cspannagel sagt:

    @tommdidomm Es wurde durchaus im Vorfeld kritisch nachgefragt.🙂 Aber niemals in Form von „Druck“. Insofern: Nein, war alles im grünen Bereich. Letztlich hab ich sogar überwiegend positive Rückmeldung bekommen, in dem Sinne „Das sagt sowieso jeder, nur niemand laut.“ … Der Vortrag wurde übrigens aufgezeichnet, ich werde ihn so bald wie möglich online stellen.

  21. cspannagel sagt:

    Der Textbeitrag zum Vortrag steht nun auch online zur Verfügung.

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